DIE NATURWISSENSCHAFTEN
18. Jahrgang 28. November 1930 Heft 47/48/49
91. VERSAMMLUNG
DER
GESELLSCHAFT
DEUTSCHER NATURFORSCHER UND ARZTE
ZU KONIGSBERG I. PR.
VOM 7.BIS ZUM 11. SEPTEMBER 1930
*
VORTRAGE DER ALLGEMEINEN SITZUNGEN UND
DER SITZUNGEN DER HAUPTGRUPPEN
ANHANG: AUTOREFERATE DER VORTRAGE IN
DEN KOMBINIERTEN SITZUNGEN UND IN DEN
NATURWISSENSCHAFTLICHEN ABTEILUNGEN
Inhalt:
Allge meine Sitzungen
Naturerkennen und Logik. Von D. HILBERT, Göttingen 959
Die Entwicklung und der heutige Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der
Elemente. Zum hundertjährigen Jubiläum von LOTHAR MEYERS Geburtstag. Von
F. PANETH, Königsberg i. Pr 964
Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft. Von Apotr v. Batockı, Bledau 976
Die körperlichen und geistigen Jugendentwicklungsweisen einheimischer Vögel. Von
OÖ. HEINROTH, Berlin 983
Ub Psychoanal ys« Von OswaLp BuMKE, München 985
Kre ils Volkskrankheit. \ OTTO RICHARD TEUTSCHLAENDER, Heidelberg 994
Sitzung der Naturwissenschaftlichen Hauptgruppe
Geochemiscl Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Element Von V. M
GOLDSCHMIDT, (Göttinger 999
D Alter der Erde. Von Orro Haun, Berlin-Dahlen 013
Die I itung der Silikatsynthese für die Geochemie. Von WILHELM EITEL, Berlin-Dahlem 1019
Sitzung de Medizinischen Hau} gruppe
H Bilirubin und Porphyrin« Von Hans FISCHER, Miu el 1026
Morphologie der Porphyrin« Von M. Borst, Miinchen 038
\ti ) Pathogenese nd experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektior Vo
I Popre, Rostoc 04
B bakterien-Infekti« Klinil 1d Therapie der Erkrankungen des Menscheı Von
WILHELM STEPP, Breslau 1047
kombinierten Sitzungen und in den naturwissenschaft
Autoreferate der Vorträge in den
chen Abteilungen!
Abteilungen erscheinen als
medizinischen
der Vorträge
1930, Heft
den
18
Autoreferate
ischen Wochenschrift
zur Klis
Naturerkennen und Logik.
Von D. HILBERT, Göttingen.
Die Erkenntnis von Natur und Leben ist unsere
vornehmste Aufgabe. Alles menschliche Streben
und Wollen miindet dahin, und immer steigender
Erfolg ist uns dabei zuteil geworden. Wir haben
in den letzten Jahrzehnten iiber die Natur reichere
und tiefere Erkenntnis gewonnen als friiher in
ebenso vielen Jahrhunderten. Wir wollen heute
diese giinstige Lage benutzen, um unserem Thema
entsprechend ein altes philosophisches Problem zu
behandeln, nämlich die vielumstrittene Frage nach
dem Anteil, den Denken einerseits und die
Erfahrung andererseits an unserer Erkenntnis
Diese alte Frage ist berechtigt, denn sie
beantworten, heißt im Grunde feststellen, welcher-
ırt unsere naturwissenschaftliche Erkenntnis über-
das
haben
haupt ist und in welchem Sinne all das Wissen, das
vir in dem naturwissenschaftlichen Betriebe sam-
meln, Wahrheit ist
Ohne den alten
Philosophen und Forschern können wir heute auf
ine richtig«
Vermessenheit gegenüber
sicherer rechnen
der erste ist
Lösung dieser Frage
als jene aus zwei Gründen das
chon erwähnte rasche Tempo, in dem sich unsere
Wissenschaften heute entwickeln.
Die bedeutsamen Entdeckungen der älteren
Zeit, von COPERNICUS, KEPLER, GALILEI, NEW-
ON bis MAXWELL verteilen sich in größeren Ab-
tanden auf fast vier Jahrhunderte. Die neuere
Zeit beginnt mit der Entdeckung der HERTZschen
Wellen. Nun folgt Schlag auf Schlag: RONTGEN
ntdeckt seine Strahlen, CuRIE die Radioaktivitat,
PLANCK stellt die Quantentheorie auf. Und in
ıeuester Zeit überstürzen sich die Entdeckungen
neuer Erscheinurgen und überraschender Zusam-
menhänge, so daß die Fülle der Gesichter fast be-
nruhigend wirkt: RUTHERFORDs Theorie der
Radioaktivität, EINSTEINS hr-Gesetz, Bours Er-
larung der Spektren, MosELEYs Numerierung
ler Elemente, EınstEins Relativitätstheorie, Ru-
HERFORDS Zerfällung des Stickstoffs, Bours Auf-
iu der Elemente,
So erlebten wir allein in der Physik eine un-
nterbrochene Reihe von Entdeckungen, und was
für Entdeckungen! An Gewaltigkeit steht keine
ızige derselben den Errungenschaften der älteren
Zeit nach, und überdies sind sie zeitlich enger zu-
mmengedrängt und doch innerlich ebenso viel-
staltig wie jene. Und darin zeigen sich beständig
Theorie und Praxis, Denken und Erfahrung aufs
nigste verschlungen. Bald eilt die Theorie, bald
s Experiment immer
stätigend, ergänzend und anregend.
Astons Isotopentheorie
sich gegenseitig
Ähnliches
voraus,
gilt von der Chemie, der Astronomie und den
biologischen Disziplinen.
Wir haben also den älteren Philosophen gegen-
über den Vorteil, eine große Anzahl solcher Ent-
deckungen miterlebt und die dadurch bewirkten
Neueinstellungen während ihrer Entstehung ken-
nengelernt zu haben. Dabei waren unter den Neu-
entdeckungen viele solche, die alte, festgewurzelte
Auffassungen und Vorstellungen abänderten oder
ganz beseitigten. Denken wir beispielsweise nur an
den neuen Zeitbegriff der Relativitätstheorie oderan
die Zerfällung der chemischen Elemente und wie da-
durch Vorurteile beseitigt worden sind, an denen zu
rühren früher überhaupt niemand eingefallen wäre.
Aber noch ein zweiter Umstand kommt heute
der Lösung jenes alten philosophischen Problems
zugute. Nicht bloß die Technik des Experimen-
und die Kunst, theoretisch-physikalische
Gebäude zu errichten, ist heute auf einer nie bisher
erreichten Höhe angelangt, sondern auch das
Gegenstück, nämlich die logische Wissenschaft, ist
wesentlich fortgeschritten. Es gibt heute eine
allgemeine Methode für die theoretische Behand-
lung naturwissenschaftlicher Fragen, die auf alle
Fälle die Präzisierung der Problemstellung er-
leichtert und die Lösung des Problems vorbereiten
hilft, nämlich die axiomatische Methode.
Was für eine Bewandtnis hat es nun mit dieser
vielgenannten Axiomatik? Nun, die
beruht auf der Tatsache, daß meist
auch in umfassenden Wissensgebieten wenige
Sätze Axiome genannt ausreichen, um dann
rein logisch das ganze Gebäude der Theorie auf-
zubauen. Aber mit dieser Bemerkung ist ihre
Bedeutung nicht erschöpft. Beispiele können uns
am ehesten die axiomatische Methode erläutern.
Das älteste und bekannteste Beispiel der axio-
matischen Methode ist EuKLips Geometrie. Ich
möchte aber lieber ganz kurz die axiomatische
Methode an einem sehr drastischen Beispiele aus
der modernen Biologie verdeutlichen.
Drosophila ist eine kleine Fliege, aber groß
ist unser Interesse für sie; sie ist der Gegenstand
der ausgedehntesten, der sorgfältigsten und er-
folgreichsten Züchtungsversuche gewesen. Diese
gewöhnlich grau, rotäugig, fleckenlos,
rundflügelig, langflügelig.
tierens
heute so
Grundidee
Fliege ist
Es kommen aber auch
Fliegen mit abweichenden Sondermerkmalen vor:
statt grau sind sie gelb, statt rotaugig sind sie
weißäugig usw. Gewöhnlich sind diese fünf
Sondermerkmale gekoppelt, d. h. wenn eine
2%
/
960 HILBERT:
Fliege gelb ist, dann ist sie auch weißäugig und
fleckig, spaltfliigelig und klumpflügelig. Und
wenn sie klumpflügelig ist, dann ist sie auch gelb
und weißäugig usw. Von dieser gewöhnlich statt-
habenden Koppelung kommen nun aber bei ge-
eigneten Kreuzungen unter den Nachkommen an
Zahl geringere Abweichungen vor, und zwar
prozentuell in bestimmter konstanter Weise. Auf
die Zahlen, die man dadurch experimentell findet,
stimmen die linearen Eukripischen Axiome der
Kongruenz und die Axiome über den geometri-
schen Begriff ‚zwischen‘, und so kommen als
Anwendung der linearen Kongruenzaxiome, d. h.
der elementaren geometrischen Sätze über das Ab-
tragen von Strecken, die Gesetze der Vererbung
heraus; so einfach und genau — und zugleich so
wunderbar, wie wohl keine noch so kühne Phan-
tasie sie sich ersonnen hätte.
Ein weiteres Beispiel der axiomatischen Methode
auf ganz anderem Gebiet ist folgendes:
In unseren theoretischen Wissenschaften sind
wir an die Anwendung formaler Denkprozesse und
abstrakter Methoden gewöhnt. Die axiomatische
Methode gehört der Logik an. Bei dem Worte
Logik denkt man in weiten Kreisen an eine sehr
langweilige und schwierige Sache. Heute ist die
logische Wissenschaft leicht verständlich und sehr
interessant geworden. Z. B. hat man eingesehen,
daß schon im täglichen Leben Methoden und Be-
griffsbildungen gebraucht werden, die ein hohes
Maß von Abstraktion erfordern und nur durch
unbewußte Anwendung der axiomatischen Metho-
den verständlich sind. Z. B. der allgemeine Prozeß
der Negation und insbesondere der Begriff ,,Un-
endlich“. Was den Begriff ‚Unendlich‘ betrifft,
so müssen wir uns klarmachen, daß ‚Unendlich‘
keine anschauliche Bedeutung und ohne nähere
Untersuchung überhaupt keinen Sinn hat. Denn
es gibt überall nur endliche Dinge. Es gibt keine
unendliche Geschwindigkeit und keine unendlich
rasch sich fortpflanzende Kraft oder Wirkung.
Zudem ist die Wirkung selbst diskreter Natur
und existiert nur quantenhaft. Es gibt überhaupt
nichts Kontinuierliches, was unendlich oft ge-
teilt werden könnte. Sogar das Licht hat atomi-
stische Struktur, ebenso wie die Wirkungsgröße.
Selbst der Weltraum ist, wie ich sicher glaube,
nur von endlicher Ausdehnung, und einst werden
uns die Astronomen sagen können, wieviel Kilo-
meter der Weltenraum lang, hoch und breit ist.
Wenn auch in der Wirklichkeit Fälle von sehr
großen Zahlen oft vorkommen, z. B. die Entfer-
nungen der Sterne in Kilometern oder die Anzahl
der wesentlich verschiedenen möglichen Schach-
spiele, so ist doch die Endlosigkeit oder die Un-
endlichkeit, weil sie eben die Negation eines über-
all herrschenden Zustandes ist, eine ungeheuerliche
Abstraktion ausführbar nur durch die bewußte
oder unbewußte Anwendung der axiomatischen
Methode. Diese Auffassung vom Unendlichen, die
ich durch eingehende Untersuchungen begründet
habe, löst eine Reihe von prinzipiellen Fragen, ins-
Naturerkennen und Logik.
Die Natur-
wissenschaften
besondere werden dadurch die Kantschen Anti-
nomien über den Raum und über die unbegrenzten
Teilungsmöglichkeiten gegenstandslos und also die
dabei auftretenden Schwierigkeiten gelöst.
Wenn wir uns nun unserem Problem selber, wie
Natur und Denken zusammenhängen, zuwenden,
so wollen wir hier drei Hauptgesichtspunkte zur
Sprache bringen. Der erste knüpft an das soeben
besprochene Problem der Unendlichkeit an. Wir
sahen: das Unendliche ist nirgends realisiert; es
ist weder in der Natur vorhanden noch als Grund-
lage in unserem Denken ohne besondere Vorkeh-
rungen zulässig. Hierin schon erblicke ich einen
wichtigen Parallelismus von Natur und Denken,
eine grundlegende Übereinstimmung zwischen Er-
fahrung und Theorie.
Noch einen anderen Parallelismus nehmen wir
wahr: unser Denken geht auf Einheit aus und
sucht Einheit zu bilden; wir beobachten die Ein-
heit des Stoffes in der Materie, und wir kon-
statieren überall die Einheit der Naturgesetze
Dabei kommt uns die Natur in Wirklichkeit bei
unserer Forschung sehr entgegen, als wäre sie be-
reit, ihre Geheimnisse gern zu enthüllen. Die
dünne Verteilung der Masse im Himmelsraum er-
möglichte die Entdeckung und genauere Bestäti-
gung des NEwronschen Gesetzes. MICHELSON
konnte trotz der großen Lichtgeschwindigkeit noch
die Ungültigkeit des Additionsgesetzes der Ge-
schwindigkeiten mit Sicherheit feststellen, weil
unsere Erde noch gerade rasch genug dazu ihren
Rundlauf um die Sonne macht. Der Merkur tut
uns gerade den Gefallen, die Perihelbewegung aus-
zuführen, so daß wir die EınstEinsche Theorie
daran prüfen können. Und der Fixsternstrahl
läuft gerade noch so an der Sonne vorüber, daß
seine Ablenkung beobachtet wird.
Aber noch auffallender ist eine Erscheinung, die
wir in anderem Sinne als LEIBNIz die prästabilierte
Harmonie nennen, die geradezu eine Verkörperung
und Realisation mathematischer Gedanken ist.
Die älteren Beispiele dafür sind die Kegelschnitte,
die man studierte, lange bevor man ahnte, daß
unsere Planeten oder gar die Elektronen sich in
solchen Bahnen bewegten. Aber das großartigste
und wunderbarste Beispiel für die prästabilierte
Harmonie ist die berühmte Eınsteinsche Rela-
tivitätstheorie. Hier werden allein durch die all-
gemeine Forderung der Invarianz in Verbindung
mit dem Prinzip der größten Einfachheit die Dif-
ferentialgleichungen für die Gravitationspotentiale
mathematisch eindeutig aufgestellt; und diese Auf-
stellung wäre unmöglich gewesen ohne die tief-
gehenden und schwierigen mathematischen Unter
suchungen von RIEMANN, die lange vorher da
waren. In neuester Zeit häufen sich die Fälle,
daß gerade die wichtigsten im Mittelpunkt des
Interesses der Mathematik stehenden mathema-
tischen Theorien zugleich die in der Physik be-
nötigten sind. Ich hatte die Theorie der unendlich
vielen Variablen aus rein mathematischem Inter-
Heft 47/48/49.
28. 11. 1930
esse entwickelt und dabei sogar die Bezeichnungen
Spektralanalyse angewandt, ohne ahnen zu können,
daß diese einmal später in dem wirklichen Spek-
trum der Physik realisiert werden würden.
Wir können diese Übereinstimmung zwischen
Natur und Denken, zwischen Experiment und
Theorie nur verstehen, wenn wir das formale
Element und den damit zusammenhängenden
Mechanismus auf beiden Seiten der Natur und
unseres Verstandes berücksichtigen. Der mathe-
matische Prozeß der Elimination liefert, wie es
scheint, die Ruhepunkte und Stationen, auf denen
ebenso die Körper in der realen Welt wie die Ge-
danken in der Geisteswelt verweilen und sich da-
durch der Kontrolle und der Vergleichung darbieten.
Indes auch diese prästabilierte Harmonie er-
schöpft noch nicht die Beziehungen zwischen
Natur und Denken und enthüllt noch nicht die
tiefsten Geheimnisse unseres Problems. Um zu
diesem zu kommen, fassen wir einmal den gesamten
physikalisch-astronomischen Wissenskomplex ins
Auge. Wir bemerken dann in der heutigen Wissen-
schaft einen Gesichtspunkt, der weit über die
älteren Fragestellungen und Ziele unserer Wissen-
schaft hinausgeht: es ist der Umstand, daß die
heutige Wissenschaft nicht bloß im Sinne der
klassischen Mechanik aus Daten der Gegenwart
die künftigen Bewegungen und zu erwartenden
Erscheinungen vorauszubestimmen lehrt, sondern
sie zeigt auch, daß gerade die gegenwärtigen tat-
sächlichen Zustände der Materie auf der Erde
und im Weltall nicht zufällig oder willkürlich sind,
sondern aus den physikalischen Gesetzen folgen.
Die wichtigsten Belege dafür sind die Bour-
schen Atommodelle, der Aufbau der Sternenwelt
und schließlich die ganze Entwicklungsgeschichte
des organischen Lebens. Die Verfolgung dieser
Methoden müßte, so erscheint es, dann wirklich
zu einem System von Naturgesetzen führen, das
auf die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit paßt,
und dann bedürfte es tatsächlich nur des Denkens,
d. h. der begrifflichen Deduktion, um alles physi-
kalische Wissen zu gewinnen; alsdann hätte HEGEL
recht mit der Behauptung, alles Naturgeschehen
Aber diese
Denn wie ist es mit
aus Begriffen deduzieren zu können.
Folgerung ist unzutreffend
der Herkunft der Weltgesetze? Wie gewinnen wir
Und wer lehrt uns, daß sie auf die Wirk-
Die Antwort lautet, daß uns dies
Erfahrung ermöglicht Im
Gegensatz zu HEGEL erkennen wir, daß die Welt-
sind
solche ?
lichkeit passen ?
ausschließlich die
gesetze auf keine andere Weise zu gewinnen
als aus der Erfahrung. Mögen bei der Konstruktion
des Fachwerkes der physikalischen Begriffe man-
nigfache spekulative Gesichtspunkte mitwirken:
Ob die aufgestellten Gesetze und das aus ihnen
aufgebaute von Begriffen
stimmt, das zu entscheiden ist allein die Erfahrung
imstande. Bisweilen hatte eine Idee ihren ersten
Ursprung im reinen Denken, wie z. B. die Ide«
ler Atomistik bei DEMoKRIT, während die Existenz
ler Atome erst zwei Jahrtausende später durch die
logische Fachwerk
HILBERT: Naturerkennen und Logik. 961
Experimentalphysik bewiesen worden ist. Bis-
weilen geht die Erfahrung voran und zwingt dem
Geiste den spekulativen Gesichtspunkt auf. So
danken wir es dem kräftigen Anstoß des MICHEL-
sonschen Experimentes, daß das festgewurzelte
Vorurteil der absoluten Zeit aus dem Wege geräumt
und schließlich der Gedanke der allgemeinen
Relativität von EINSTEIN gefaßt werden konnte.
Wer trotzdem leugnen will, daß die Welt-
gesetze aus der Erfahrung stammen, muß be-
haupten, daß es außer der Deduktion und außer
der Erfahrung noch eine dritte Erkenntnis-
quelle gibt.
Es haben in der Tat Philosophen und KANT
ist der klassische Vertreter dieses Standpunktes
behauptet, daß wir außer der Logik und der Er-
fahrung noch a priori gewisse Erkenntnisse iiber
die Wirklichkeit haben. Nun gebe ich zu, daB
zum Aufbau der theoretischen Fachwerke
apriorische Einsichten nötig sind und
daß stets dem Zustandekommen unserer Erkennt-
nisse solche zugrunde liegen. Ich glaube, daß auch
die mathematische Erkenntnis letzten Endes auf
einer Art solcher anschaulicher Einsicht beruht.
Und daß wir sogar zum Aufbau der Zahlentheorie
eine anschauliche Einstellung a priori
nötig haben. Damit behält also der allgemeinste
Giundgedanke der Kantschen Erkenntnistheorie
Bedeutung: nämlich das philosophische
Problem, jene anschauliche Einstellung a priori
festzustellen und damit die Bedingung der Mög-
lichkeit jeder begrifflichen Erkenntnis und zu-
gleich jeder Erfahrung zu untersuchen. Ich meine,
daß dies im wesentlichen in meinen Untersuchun-
gen über die Prinzipien der Mathematik geschehen
ist. Das Apriori ist dabei nichts mehr und nichts
weniger als eine Grundeinstellung oder der Aus-
druck für unerläßliche Vorbedingungen
des Denkens und Erfahrens. Aber die Grenze einer-
zwischen dem, was wir a priori besitzen,
und andererseits dem, wozu Erfahrung nötig ist,
müssen wir anders ziehen als Kant; Kanrt hat die
schon
gewisse
gewisse
seine
gewisse
seits
Rolle und den Umfang des Apriorischen weit
überschätzt.
Zur Zeit Kants konnte man denken, daß die
Raum- und Zeitvorstellungen, die man hatte,
ebenso allgemein und unmittelbar auf die Wirk-
lichkeit anwendbar sind wie z. B. unsere Vor-
stellungen von Anzahl, Reihenfolge und Größe,
die wir in den mathematischen und physikalischen
Theorien beständig in der uns geläufigen Weise
verwenden. Dann würde in der Tat die Lehre
von Raum und Zeit, insbesondere also die Geo-
metrie etwas sein, das ebenso wie die Arithmetik
aller Naturerkenntnis Aber dieser
Standpunkt Kants wurde bereits ehe die Ent-
wicklung der Physik dazu zwang, insbesondere
von RIEMANN und HELMHOLTZ verlassen — mit
vorausgeht
vollem Recht; denn Geometrie ist nichts anderes
als derjenige Teil des gesamten physikalischen
Begriffsfachwerkes, der die möglichen Lagen-
beziehungen der starren Körper gegeneinander in
962 HıLBert: Naturerkennen und Logik.
der Welt der wirklichen Dinge abbildet. Daß es
beweglichestarre Körper überhauptgibt und welches
die Lagebeziehungen sind, ist lediglich Erfahrungs-
sache. Der Satz, daß die Winkelsumme im Dreieck
zwei Rechte beträgt und das Parallelaxiom gilt,
ist eben, wie schon Gauss erkannte, lediglich durch
das Experiment festzustellen oder zu widerlegen.
Würden sich z. B. die sämtlichen durch die Kon-
gruenzsätze ausgedrückten Tatsachen in Über-
einstimmung mit der Erfahrung erweisen, fiele
dagegen die Winkelsumme in einem aus starren
Stäben konstruierten kleiner als ein
Rechter aus, so würde niemand darauf verfallen,
daß das Parallelenaxiom in dem Raume der wirk-
lichen Körper gültig sei
Bei der Aufnahme in den apriorischen Bestand
ist die Vorsicht am Platze;
viele der früher als apriorisch geltenden Erkennt-
Dreiecke
äußerste sind doch
nisse heute sogar als unzutreffend erkannt worden.
Das schlagendste Beispiel dafür ist die Vorstellung
von der absoluten Gegenwart Eine absolute
nicht,
Kindheit an daran gewöhnt sind, sie anzunehmen,
da es sich eben im täglichen Leben nur um kurze
Gegenwart gibt es sosehr wir auch von
Entfernungen und langsame Bewegungen handelt.
Wäre dies anders, so würde niemand darauf ge-
kommen sein, die absolute Zeit einzuführen. So
so tiefe Denker wie NEwWTon und
KANT gar nicht einmal darauf gekommen, an der
Absolutheit der Zeit zu zweifeln. Der vorsichtige
NEWTON formulierte Forderung
die absolute wahre Zeit fließt
und ihrer Natur gleichförmig
Beziehung auf irgendeinen Gegenstand
Newton hat damit ehrlich jeden Rückzug oder
aber sind sogaı
diese sogar so
kraß wie möglich:
an sich vermöge
und ohne
Kompromiß abgeschnitten, und Kant, der kri-
tische Philosoph, erwies sich hier so gar nicht
kritisch, indem er ohne weiteres NEWTON ak-
befreite uns definitiv
das wird immer eine deı
zeptierte Erst EINSTEIN
von diesem Vorurteil
gewaltigsten Taten des menschlichen Geistes
bleiben und die allzu weitgehende Apriori-
Theorie konnte schlagender als durch diesen Fort-
gang der physikalischen Wissenschaft nicht ad ab-
surdum geführt werden. Die Annahme der ab-
soluten Zeit hat
Addition der
setzung
nämlich u. a. den Satz von der
Zusammen-
Geschwindigkeiten zur Folge
iibrigens an sich ein Satz, der scheinbar an Evidenz
und populärer Verständlichkeit kaum überboten
werden und doch ergab sich aus den
Experimenten auf den Ge-
Astronomie und der Elek-
Weise, daß dieser
Geschwindigkeiten
tatsächlich ein
komplizierteres Gesetz für die Zusammensetzung
Geschwindigkeiten Wir können
in der neueren Zeit ist die von GAuss und HELM-
Geschwindigkeiten bei
Zweier
konnte
verschiedenartigsten
bieten der Optik, deı
trizitätslehre in
Satz von deı
nicht
zwingender
Addition deı
richtig ist;
es gilt anderes
zweieı sagen:
HOLTZ vertretene Anschauung über die empirische
Natur der Geometrie zu einem sicheren Ergebnis
der Wissenschaft heute für
geworden Sie muß
Die Natur-
wissenschaften
alle philosophischen Spekulationen, die Raum und
Zeit betreffen, als fester Anhaltspunkt dienen.
Denn die EınstEinsche Gravitationstheorie macht
es offenkundig: die Geometrie ist nichts als ein
Zweig der Physik; die geometrischen Wahrheiten
sind in keiner einzigen Hinsicht prinzipiell anders
gestellt oder anders geartet als die physikalischen.
So sind z. B. der pythagoreische Lehrsatz und das
Newtonsche Anziehungsgesetz miteinander we-
sensverwandt, insofern sie von demselben physi-
kalischen Grundbegriff, dem des Potentials, be-
herrscht werden. Aber noch mehr ist für jeden
Kenner der Eınsteinschen Gravitationstheorie
sicher: diese beiden Gesetze, so verschiedenartig
und bisher scheinbar durch Fernen getrennt, das
eine ein schon im Altertum bekannter, seitdem
auf der Schule überall gelehrter Satz der elemen-
taren Geometrie, das andere ein Gesetz über die
Wirkung der Massen aufeinander, sind nicht bloß
von demselben Charakter, sondern nur Teile
ein und desselben allgemeinen Gesetzes.
Es konnte kaum drastischer die prinzipielle
Gleichartigkeit der geometrischen und der physi-
kalischen Tatsachen zutage treten. Freilich beim
üblichen Aufbau und bei unseren ge-
wöhnlichen täglichen und von Kinderzeiten her
geläufigen Erfahrungen gehen die geometrischen
und kinematischen Sätze den dynamischen voraus,
und dieser Umstand erklärt es, wenn man vergaß,
daß es überhaupt Erfahrungen sind. Wir sehen
also: In der Kantschen Apriori-Theorie sind
noch anthropomorphe Schlacken enthalten, von
denen sie befreit werden muß und nach deren
Entfernung nur diejenige apriorische Einstellung
übrigbleibt, die rein mathematischen
Erkenntnis zugrunde liegt: es ist im wesentlichen
die von mir in verschiedenen Abhandlungen!
charakterisierte finite Einstellung
Das Instrument, welches die Vermittelung be-
wirkt zwischen Theorie und Praxis, zwischen
Denken und Beobachten, ist die Mathematik; sie
baut die verbindende Brücke und gestaltet sie
immer tragfähiger. Daher kommt es, daß unsere
ganze gegenwärtige Kultur, soweit sie auf der
Durchdringung und Dienstbarmachung
der Natur beruht, ihre Grundlage in der Mathe-
matik findet. Schon GAaLILEı sagt: Die Natur
kann nur der verstehen, der ihre Sprache und die
Zeichen kennengelernt hat, in der sie zu uns redet;
diese Sprache aber ist die Mathematik, und ihre
Zeichen sind die mathematischen Figuren. Kant
tat den Ausspruch: „Ich behaupte, daß in jeder
besonderen Naturwissenschaft nur so viel eigent-
liche Wissenschaft angetroffen werden kann, als
darin Mathematik enthalten ist.‘ In der Tat
Wir beherrschen nicht eher eine naturwissenschaft-
liche Theorie, als bis wir ihren mathematischen
Kern herausgeschält und völlig enthüllt haben
Ohne Mathematik ist die heutige Astronomie und
1 Vgl. Über das Ann. 95
mathem
logischen
auch der
geistigen
Unendliche. Mathem
Die Grundlagen der Mathematik, Abh. a. d.
Hamburgischen Universität 6.
Sem. d
Heft 47/48/49.
28. 11. 1930
Physik unmöglich; diese Wissenschaften lösen sich
in ihren theoretischen Teilen geradezu in Mathe-
matik auf. Diese und die zahlreichen weiteren An-
wendungen sind es, denen die Mathematik ihr An-
sehen verdankt, soweit sie solches im weiteren
Publikum genießt.
Trotzdem haben es die Mathematiker abgelehnt,
die Anwendungen als Wertmesser für die Mathe-
matik gelten zu lassen. Der Fürst der Mathematiker,
Gauss, der gewiß zugleich ein angewandter Mathe-
matiker par excellence war, der ganze Wissenschaf-
ten, wie Fehlertheorie, Geodäsie neu schuf, um darin
die Mathematik die Führerrolle spielen zu lassen,
der, als die Astronomen den neu entdeckten Pla-
neten Ceres — einen besonders wichtigen und inter-
essanten Planeten verloren hatten und nicht
wiederfinden konnten, eine neue mathematische
Theorie ersann, auf Grund deren er den Standort
der Ceres richtig voraussagte, der den Telegraphen
und vieles andere Praktische erfand, war doch
derselben Meinung. Die reine Zahlentheorie ist
dasjenige Gebiet der Mathematik, das bisher
noch nie Anwendung gefunden hat. Aber gerade
die Zahlentheorie ist es, die von Gauss die Königin
der Mathematik genannt und von ihm und fast
allen großen Mathematikern verherrlicht wird.
Gauss spricht von dem zauberischen Reiz, der die
Zahlentheorie zur Lieblingswissenschaft der ersten
Mathematiker gemacht habe, ihres unerschöpf-
lichen Reichtums nicht zu gedenken, woran sie
alle anderen Teile der Mathematik so weit über-
trifft. Gauss schildert, wie ihn schon in früher
Jugend die Reize der zahlentheoretischen Unter-
suchungen so umstrickten, daß er sie nicht mehr
lassen konnte. Er preist FERMAT, EULER, La-
GRANGE und LEGENDRE als Männer von un-
vergleichlichem Ruhme, weil sie den Zugang zu
dem Heiligtum dieser göttlichen Wissenschaft
erschlossen und gezeigt haben, von wie großen
Reichtümern es erfüllt ist. Und ganz ähnlich
begeistert sprechen sich die Mathematiker vor
GAuss und die nach Gauss, wie LEJEUNE DI-
RICHLET, KUMMER, HERMITE, KRONECKER und
MINKOWSKI, aus KRONECKER vergleicht die
Zahlentheoretiker den Lotophagen, die, wenn sie
einmal von dieser Kost etwas zu sich genommen
haben, nie mehr davon lassen können.
Auch Poıncarf£, der glänzendste Mathematiker
seiner Generation, der wesentlich zugleich Physiker
und Astronom war, ist derselben Ansicht. Poın-
CARE wendet sich einmal mit auffallender Schärfe
gegen Torstor, der erklärt hatte, daß die Forde-
rung ,,die Wissenschaft der Wissenschaft wegen“
töricht sei. ‚Sollen wir uns‘, so hatte TorLsTtoı
gesagt, ,,bei der Wahl unserer Beschäftigung durch
die Laune unserer Wißbegierde leiten lassen?
Wäre es nicht besser, nach der Nützlichkeit die
Entscheidung zu treffen, d. h. nach unseren prak-
HILBERT: Naturerkennen und Logik. 963
tischen und moralischen Bedürfnissen?‘ Eigen-
artig, daß es gerade Torstoı ist, den wir Mathe-
matiker da als einen platten Realisten und eng-
herzigen Utilitarier ablehnen müssen. PoIncAr&
führt gegen Torstor aus, daß, wenn man nach
dem Rezept Totstots verfahren hätte, eine Wis-
senschaft überhaupt niemals entstanden wäre.
Man braucht nur die Augen zu öffnen, so schließt
PoINncAR£, um zu sehen, wie z. B. die Errungen-
schaften der Industrie nie das Licht der Welt
erblickt hätten, wenn diese Praktiker allein
existiert hätten und wenn diese Errungenschaften
nicht von uninteressierten Toren gefördert worden
wären, die nie an die praktische Ausnützung ge-
dacht haben. Der gleichen Meinung sind wir alle.
Auch unser großer Königsberger Mathematiker
Jacosı dachte so, JAcoBI, dessen Name neben
Gauss steht und noch heute von jedem Studieren-
den unserer Fächer mit Ehrfurcht genannt wird.
Als der berühmte FoURIER einmal gesagt hatte,
der Hauptzweck der Mathematik liege in der Er-
klärung der Naturerscheinungen, ist es JACOBI,
der ihn mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seines
Temperaments abkanzelt. Ein Philosoph, wie
FOURIER doch sei, hatte wissen sollen, so ruft
Jacosi, daß die Ehre des menschlichen Geistes
der einzige Zweck aller Wissenschaft ist und daß
unter diesem Gesichtspunkt ein Problem der
reinen Zahlentheorie ebensoviel wert ist als eines,
das den Anwendungen dient.
Wer die Wahrheit der großzügigen Denkweise
und Weltanschauung, die aus diesen Worten
Jacogıs hervorleuchtet, empfindet, der verfällt
nicht rückschrittlicher und unfruchtbarer Zweifel-
sucht; der wird nicht denen glauben, die heute
mit philosophischer Miene und überlegenem Tone
den Kulturuntergang prophezeien und sich in dem
Ignorabimus gefallen. Für den Mathematiker
gibt es kein Ignorabimus, und meiner Meinung
nach auch für die Naturwissenschaft überhaupt
nicht. Einst sagte der Philosoph ComMTE — in
der Absicht, ein gewiß unlösbares Problem zu
nennen , daß es der Wissenschaft nie gelingen
würde, das Geheimnis der chemischen Zusammen-
setzung der Himmelskörper zu ergründen. Wenige
Jahre später wurde durch die Spektralanalyse
von KIRCHHOFF und BUNSEN dieses Problem ge-
löst, und heute können wir sagen, daß wir die
entferntesten Sterne als wichtigste physikalische
und chemische Laboratorien in Anspruch nehmen,
wie wir solche auf der Erde gar nicht finden. Der
wahre Grund, warum es CoMTE nicht gelang, ‘ein
unlösbares Problem zu finden, besteht meiner
Meinung nach darin, daß es ein unlösbares Problem
überhaupt nicht gibt. Statt des törichten Ignora-
bimus heiße im Gegenteil unsere Losung:
Wir müssen wissen,
Wir werden wissen.
964 PANETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente.
Die Natu
wissenschaften
Die Entwicklung und der heutige Stand unserer Kenntnisse über das natürliche
System der Elemente.
(Zum hundertjährigen Jubiläum von Lothar Meyers Geburtstag.)
Von F. PAneErH, Königsberg.
Vor hundert Jahren, am 19. August 1830, wurde
LOTHAR MEYER geboren. Der Name dieses deut-
schen Chemikers ist neben dem des Russen MENDE-
LEJEFF für alle Zeiten mit der Entdeckung des
natürlichen Systems der chemischen Elemente ver-
knüpft, und die Gesellschaft Deutscher Natur-
forscher und Ärzte hat darum beschlossen, bei der
heurigen Tagung eine Stunde der Erinnerung dem
Leben dieses Mannes und der Geschichte seiner
Entdeckung zu widmen. Zu einem solchen Rück-
blick ist der gegenwärtige Zeitpunkt, abgesehen von
dem besonderen Anlaß des Jubiläums, deswegen
wohl geeignet, weil die stürmische Umformung
unserer Vorstellungen über das natürliche System,
die die letzten Jahre gebracht haben, heute zu
einem gewissen Abschluß gekommen ist
Was versteht man unter dem natürlichen
System der chemischen Elemente? Wir kennen
gegenwärtig 89 verschiedene chemische Elemente;
diese müssen zum Zweck der Übersicht geordnet
werden, und zwar möglichst frei von Willkür, mög-
lichst „natürlich“. Vor sechzig Jahren gelang es
Verbindungsgew | |
Spezifisches Gew
75 + Ne ee eee ee eee eee ee ESS SS SESS SSS SSS SS SSeS!
65 4 En EEE ER EEE ER ER
er
so NSS SS SS SS SS SS SSS SS Sees U
er)
[77,1 HHH U U EEE HH 3+ +4
my
$ mi fer!
Fig. ı \tomvolumina
LOTHAR MEYER und MENDELEJEFF, eine An-
ordnung zu finden, die in so hohem Grade natur-
gemäß war, daß alle weiteren Forschungen sie nur
in Einzelheiten verbessern konnten, und die wir
gerade auf Grund neuester Kenntnisse geneigt sind,
als endgültig anzusehen. MEYER und MENDELE-
JEFF erkannten nämlich, daß es am besten ist, die
Atomgewichte, oder, wie wir aus noch zu be-
sprechenden Gründen heute lieber sagen, die Ver-
bindungsgewichte der Elemente der Gruppierung
zugrunde zu legen; wenn man die Elemente nach
der Größe ihrer Verbindungsgewichte in eine Reihe
ordnet, so läßt das so entstehende ‚‚natürliche
System“ erkennen, welche Elemente ähnliche Eigen-
schaften haben. Wie überzeugend eine in dieser
Weise durchgeführte rein mechanische Anordnung
nach der Größe der Verbindungsgewichte die ver-
wandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Ele
menten zutage treten läßt, das kann man auch heute
noch am schönsten nach der von LOTHAR MEYER
in seiner grundlegenden Arbeit vom Jahre 1870
angewendeten Darstellungsform zeigen (s. Fig. 1)
012 m 16 70 20 22 2026280 2 MH E39 00 V2 VY YE V8 0 32 SU SC IB 60 62 60 06.68 70727976 78 80 82 BY'06 8B 90 Ii
He Be C 0 NeMGSt\5 A lah lr fe Mi inGeSe tr Sr Zr MoRu fd ldSn Te X bale Wd SnbGdby fr Vo lif Was Pi igo Po LmRalh U
Ahr F NGAP aK St V Mrlolu Ga Aas br fb Wb Ma hh fg he 56 J C3 la fh - Gullo ola Ot ia fe J Aull Bi - - Ac fa
und Röntgenspektren
28. Ir. 1930
Auf der Abszisse sind hier die chemischen Ele-
mente in der Reihenfolge der Verbindungsgewichte
aufgetragen, und auf der Ordinate die sog. Atom-
volumina, d. h. der Raum, den die Atome der
einzelnen Elemente beanspruchen. Man erkennt,
daß das Atomvolumen mit einer gewissen Regel-
mäßigkeit steigt und fällt, daß es eine Art perio-
discher Funktion des Verbindungsgewichtes ist.
Wer mit den chemischen Eigenschaften der Ele-
mente vertraut ist, sieht auch sofort, daß stets
Elemente mit ähnlichen chemischen Eigenschaften
auf den einander entsprechenden Stellen der
Kurve stehen; z. B. sind die Wendepunkte der
Kurve durch die einander in jeder Beziehung ähn-
lichen Alkalimetalle Lithium, Natrium, Kalium,
Rubidium und Cäsium besetzt. Daraus folgt, daß,
wenn nicht das Atomvolumen, sondern irgendeine
andere zahlenmäßig gut faßbare Eigenschaft der
chemischen Elemente Ordinate aufgetragen
wird, stets ähnliche periodische Kurven erhalten
werden ; immer zerfällt die Reihe der 89 chemischen
Elemente in Abschnitte derselben Länge. Wenn
man daher die zueinander gehörenden Elemente
in übersichtliche Gruppen zusammenfassen will,
ist es am zweckmäßigsten, die durch die Wende-
punkte der Kurve angezeigten Perioden als Zeilen-
lange einer tabellarischen Darstellung zu wählen.
Immer wenn in der Kurve eine neue Periode be-
ginnt, schreiben wir in der Tabelle eine neue Zeile.
Man erhält so folgende Tabelle ı:
als
Heft py PANETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente.
965
Elemente oft auch in der folgenden, sog. ,,kurz-
periodigen‘ Form geschrieben (Tabelle 2 nächste
Seite).
In jedem Lehrbuch der Chemie findet sich
seit Dezennien eine solche Tabelle; ich darf daher
vielleicht voraussetzen, daß sie allen Ärzten aus
der Vorbereitungszeit auf das Physikum, und auch
den meisten der anwesenden Naturforscher bekannt
ist. Früher wurde wohl meist die ‚‚kurzperiodige‘‘
Tabelle im Unterricht verwendet, heute ist zur
Besprechung theoretischer Zusammenhänge in der
Regel die ‚langperiodige‘‘ Form vorzuziehen.
Nach der eben gegebenen Darstellung könnte es
scheinen, als ob die Zusammenfassung der chemi-
schen Elemente zum natürlichen System so nahe-
liegend ist, daß man kaum versteht, wieso sie einst
als so bedeutende wissenschaftliche Leistung be-
wertet worden ist. Die wesentlichen Gründe,
warum um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die
Erkennung dieser Zusammenhänge viel schwieriger
als heute war, lagen darin, daß erstens eine größere
Anzahl von Elementen noch unbekannt und daher
viele leere Stellen im System vorhanden waren,
und daß zweitens auch von manchen der bekannten
Elemente die Verbindungsgewichte falsch be-
stimmt waren. Dadurch waren die Zusammen-
hänge so gestört und verdunkelt, daß nur ein be-
sonders tief dringender Blick sie zu erkennen ver-
mochte. Wieso war es aber gerade LOTHAR MEYER
und MENDELEJEFF beschieden, unabhängig von-
Tabelle 1. Langperiodige Form des natürlichen Systems der Elemente.
Gruppe
Periode PI
I 2 4 6 7 5 9 10 II 12 13 14 15 10 17 is
I 1H 2 He
1,0078 4,002
lI 3 Li | 4 Be B 6( IN so 9F |1oNe
6,940 9,02 10,82 12.000 14.008 16.0000 19,00 20,18
Ul ııNa 12Mg 13 Al 14 Si ı5 I 16S 17Cl «Ar
22,997 24,32 26,97 28,06 31,02) 32,06 |35,457 39,94
IV 19 K | 20Ca | 21 Sc 24 Cr 25Mn y 27Co' 28Ni | 29Cu 30Zn 31 Ga! 32Ge | 33 As 35Br 36 Kr
39,104 40,07 45,10 52,01 54,93 55,84 | 58,94 | 58,69 63,57 \65,38 69,72 72,60 | 74,96 79,916 82,9
v 37Rb| 38Sr | 39Y 42Mo 43Ma|44Ru/45Rh | 46Pd| 47Ag '48Cd | 49 In | 50oSn | 5ı Sb 53] 5s4X
85,45 | 87,63 | 88,93 96,0 - 101,7 | 102,9 | 106,7 107,880 112,41 114,8 118,70 121,76 126,93 130,2
VI 55 Cs | 56 Ba |57—91| 72 Hf | 73 Ta 74W | 75 Re! 760s| 77Ir | 78 Pt | 79Au | 80Hg 8ı TI| 82 Pb | 83 Bi 85 — | 86Em
132,81 137,36) 8. Erd.‘ 178,6 181,5 184,0 | 186,3 190.9 | 193,1 195,23| 197,2 200,61 204,39 207,21 209,00 _ 222
: 87 —|88Ra| 89Ac| 90Th | 91 Pa’ 92U
Vu 225,97; — (232,12| - 238,14
1 Seltene Erden.
VI 57 La 58 Ce 59 Pr 60 Nd 61 62 Sm 63 Eu 64 Gd 65 Tb 66 Dy 67H 68 Er 69Tu 70 71 Cp
57—71 158,90 140,13 140,92 144,27 150,43 152,0 157,3 159,2 162,46 163,5 167,64 169,4 173,5 175,0
In dieser Tabelle sind nun selbstverstandlich die
Alkalimetalle Lithium bis Cäsium in eine
rechte Gruppe zusammengefaßt, und ebenso stehen
Ele-
senk-
wuch sonst überall die zusammengehörigen
mente senkrecht untereinander,
Wenn man nicht, wie wir es getan haben, die
\tomvolumina, sondern die Zahlen für die Wertig-
keit der chemischen Elemente Ordinate auf-
trägt, findet man dieselben Perioden, außerdem
aber läßt jede der langen Perioden eine Unter-
Für chemische
als
teilung in zwei kürzere erkennen.
hat auch Darstellung gewisse Vor-
und darum wird das natürliche System der
Zwecke diese
teile
einander und so gut wie gleichzeitig, diese große
Entdeckung zu machen? ist interessant, die
Wege der beiden Forscher zu verfolgen, und dies
Es
wird uns gleichzeitig auch gewisse Unterschiede
in ihrer Auffassung erkennen lassen.
LOTHAR MEYER, geboren in Varel an der Jade
Großherzogtum Oldenburg, erwarb erst den
ehe er sich der Chemie
im
medizinischen Doktorgrad,
widmete. Entscheidend für seine Hinwendung zur
Chemie, speziell zu den Problemen der physika-
lischen Chemie, war sein Aufenthalt in BUNSENs
Laboratorium in Heidelberg in den Jahren 1854 bis
1856. Aus dieser Zeit stammt ein Bild von LOTHAR
Die Natur-
966 PanetH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. ]
wissenschaften
Tabelle 2. Kurzperiodige Form des natiirlichen Systems der Elemente.
Peri- Gruppe I Gruppe II Gruppe III Gruppe IV Gruppe V Gruppe VI Gruppe VII Gruppe VIII
ode a b a b a b a b a b a b a b a b
: 1H 2 He
I 1,0078 4,002
ll 3 Li 4 Be 5B 6C 7N 80 oF 10 Ne
6,940 9,02 10,82 12,000 14,008 16,0000 19,00 20,18
Wl 11Na 12 Mg 13 Al 14 Si 15P 16S 17 Cl 18 Ar
22,997 24,32 26,97 28,06 31,02 32,06 35,457 39,94
19K 20 Ca 21 Sc 23V 24Cr 25 Mn 26Fe 27Co 28Ni
IN 39.104 10.07 15,10 51,95 52.01 54.93 55.84 58.94 58.69
29 Cu 30 Zn 31 Ga 32 Ge 33 As 34 Se 35 Br 36 Kr
63,5 65,38 69,72 72,60 74,96 79,2 79,916 82,9
37 Rt 8 Sr 39 Y 40 Zr 41 Nb 42 Mo 43 Ma 44 Ru 45 Rh 46 Pd
\ 85,45 87,63 88.93 91,22 93,5 96,0 101,7 102,9 106,7
47 Ag 48 Cd 49 In 50 Sn 51 Sb 52 Te 53] 54 X
107,880 112,41 114,8 118,70 121,76 27.5 126,93 30,2
55 ( 56 Ba 57 bis 71 72 Hi 73 Ta 74 W 75 Re 760s 77Ir 78 Pt
vi 132,81 36 Seltene Erden! | 178,6 181,5 184,0 186,3 190,9 193,1 195,23
» Au 80 Hg 81 TI 82 Pb 83 Bi 84 Po 85 86 Em
197,2 200,61 204,39 207,21 209,00 210 _- 222
was 88 Ra JA 0 Th Pa — | U
. 225,9 32,12 238,13
! Seltene Erden:
VI 57 La Ce » Pr 60 Nd 61 62 Sm 63 Eu 64 Gd 65 Tb 66 Dy 67 Ho 68 Er 69 Tu 70 Yb 71 Cp
7—-71| 138,90 140,13 140,92 144,27 150,43 52,0 157,3 159,2 162,46 163,5 167,64 169,4 173,5 175,0
MEYER inmitten befreundeter Studiengenossen, die war von WELTZIEN, Wurtz und KEKULE ein-
erößtenteils auch dem Bunsenschen Laboratorium
angehörten (s. Fig. 2 auf Taf.1). Daßsich damals dort
die talentvollsten der jüngeren Chemiker zusammen-
fanden, die ungewöhnlich große Zahl der
Namen aus diesem Freundeskreis, die später einen
guten Klang in der chemischen Welt erlangt haben.
Wir sehen auf dem Bilde, außer LOTHAR MEYER,
Chemikern BEILSTEIN,
zeigt
ROSCOE,
an bekannten
LANDOLT, CARIUS, KEKULE (damals Privatdozent
in Heidelberg) und PEBAL!
Nach den Heidelberger Studienjahren ging
LOTHAR MEYER für drei Semester hierher nach
Königsberg, um die Vorlesungen über theoretische
Physik bei FRANZ NEUMANN zu hören. Vorliebe
und Verständnis für Fragen der theoretischen
Physik ist ihm sein ganzes Leben hindurch ge-
manchen seiner wissenschaft-
vielen Abschnitten
Lehrbuches ‚Moderne Theorien
Chemie“ ihren ganz Wert
Neben den planmäßigen Studien war aber auch
blieben und verleiht
Arbeiten und seines
der
lichen
berühmten
besonderen
ein mehr zufälliges Ereignis von bedeutendem
Einfluß auf LoTHAR MEYERS wissenschaftliche
Entwicklung, ein Ereignis, das ich deswegen be-
unterstreichen möchte, da auch im
Leben MENDELEJEFFs eine entscheidene Rolle
gespielt hat: der Chemikerkongreß in Karlsruhe
Jahre Dieser internationale Kongreß
1 Ich verdanke Bild und die Mehrzahl der
folgenden der Freundlichkeit des Sohnes von LOTHAR
MEYER, des Herrn Sanitätsrats WALDEMAR LOTHAR
MEYER in Dresden, den wir die Freude haben, heute
unter den Festgästen begrüßen zu dürfen. Nächst ihm
bin ich auch dem langjährigen Schüler und Freunde
LOTHAR MEYERS, Geheimrat CARL SEUBERTin Hanno-
ver, der Monaten seinen 80. Geburtstag
feiert, für Überlassung biographischen Materials zu auf-
richtigem Dank verpflichtet
sonders es
ım 18060
dieses
in wenigen
berufen worden, um der heillosen Verwirrung in
der Festsetzung der ‚Atomgewichte‘‘ der Elemente
ein Ende zu machen. Wohl selten sind auf einer
Chemikerversammlung so viele der glänzend-
sten Namen aus allen europäischen Ländern ver-
treten gewesen; unter den jüngsten Teilnehmern
war LOTHAR MEYER und auch MENDELEJEFF,
der damals gerade in Deutschland weilte, da nun
er bei BUNSEN in Heidelberg studierte. Es ist sehr
interessant, daß in den autobiographischen Auf-
zeichnungen beider Männer und
Vortragenden gedacht wird, dessen Auftreten auf
dem Kongreß ihnen einen besonders starken Ein
druck hinterlassen hat, nämlich Italieners
CANNIZZARO. CANNIZZARO war in jener Zeit der
einzige Chemiker, der zur Festsetzung der Atom-
gewichte ein willkürfreies Verfahren zur Anwendung
brachte, und zwar die konsequente Anwendung
der AvoGaproschen Theorie auf die chemischen
Moleküle. Gegenüber den Autoritäten des Kon
gresses, z. B. dem präsidierenden Dumas, welcher
kein Harm darin sah, in der organischen Chemie
eines desselben
des
andere Atomgewichte zu benutzen als in der
anorganischen, hatte CANNIzZARO keinen durch
schlagenden Erfolg; sogar KeKkuLf lehnte zu-
nächst die physikalischen Methoden zur Bestim-
mung der chemischen Moleküle ab. In den
Köpfen von LoTHAR MEYER und MENDELEJEFI
fielen aber CANNIZZAROs Anregungen auf frucht-
barsten Boden. In der Sicherheit, mit der si
beide nun, seinen Weisungen folgend, die ein-
deutigen Atomgewichte — nicht bloß die wech-
zu bestimmen ver-
Überlegenheit
selnden Aquivalentgewichte
standen, war nicht zuletzt die
ihres Systems der Elemente gegenüber den früheren
tastenden Versuchen eines DÖBEREINER und
PETTENKOFER begründet. (DE CHANCOURTOIS
NATURWISSENSCHAFTEN. 18. Jahrg. ro
verge!
Nationalékonom! Roscot LOTHAR MEYER
RIUS, KEKULI v. PEBAI
OTHAR MEYER und MENDELEJEFF in Manchester im Jahre 1887
chts: WisLicEnus, LOTHAR MEYER, ATKINSON, (JUINCKE. Untere Reihe: MENDELEJEFF,
Frau LOTHAR MEYER geb. VOLKMANN, ROSCOE,
Heft 47/48/49-] PanetH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 967
28. II. 1930
hatte sich allerdings beim Entwerfen seiner Vis
Tellurique auch schon von CANNIZZAROs Atom-
gewichten leiten lassen, aber seine Gedanken
durch allzu phantastische Spekulationen dis-
kreditiert; bei NEWLANDS dagegen ist es nur
durch die besondere Ungunst der Verhältnisse
zu erklären, daß er mit seinem durch Anwendung
der richtigen Atomgewichte gefundenen ‚Gesetz
der Oktaven‘ gar keinen direkten Einfluß auf die
Entwicklung der Chemie gewann.)
Schon vier Jahre nach dem Karlsruher Kongreß
konnte LOTHAR MEYER in der ersten Auflage seines
bereits erwähnten Lehrbuches ,,Moderne Theorien
der Chemie‘‘ in einem der ‚Natur der Atome‘
gewidmeter Kapitel acht Gruppen von Elementen
durch die Regelmäßigkeit ihrer Atomgewichts-
differenzen als zueinander gehörig nachweisen;
dieselben Gruppen finden sich auch heute noch
in jeder Tabelle des natürlichen Systems. 1868
stellte LOTHAR MEYER für eine Neuauflage der
‚„Modernen Theorien‘‘ eine noch wesentlich voll-
ständigere, schon 52 Elemente umfassende Tabelle
zusammen, in der wir die wesentlichen Züge der
später so bekannt gewordenen Darstellung des
natürlichen Systems vorgebildet sehen; ehe aber
diese Tabelle, die sich nur handschriftlich er-
halten hat, publiziert wurde, erschien im Jahre
1869 in Rußland die große und entscheidende
Arbeit von MENDELEJEFF ‚Über die Beziehungen
zwischen den Eigenschaften der Elemente und
ihren Atomgewichten‘. Mit dieser Arbeit wurde
LOTHAR MEYER durch ein Referat in deutscher
Sprache bekannt; dies veranlaßte ihn, im Jahre
1870 in Liebigs Annalen eine Abhandlung über
„Die Natur der chemischen Elemente als Funktion
ihrer Atomgewichte‘‘ erscheinen zu lassen, in der
zum erstenmal die Kurve der Atomvolumina mit-
geteilt wird, die ich zu Beginn dieses Vortrages
projiziert habe. Im folgenden Jahr erschien,
ebenfalls in Liebigs Annalen, MENDELEJEFFs Arbeit
in erweiterter Form unter dem Titel, ‚Die periodi-
sche Gesetzmäßigkeit der chemischen Elemente“
und wurde dadurch erst in ihrem vollen Umfang
und mit ihrem unerschöpflichen Ideenreichtum den
deutschen Chemikern bekannt.
Es ist nicht verwunderlich, daß bei diesem par-
allelen Vorrücken der beiden Forscher sehr verschie-
lene Ansichten darüber geäußert worden sind, wem
las Hauptverdienst an der Entwicklung des natür-
lichen Systems gebührt. Fest steht jedenfalls,
daß sie unabhängig voneinander den Weg ge-
funden haben. Genau so wie wir bei LOTHAR
MEYER, ausgehend von dem Karlsruher Kongreß,
ine ununterbrochene Gedankenreihe aufzeigen
konnten, haben sich auch die Ideen des vier Jahre
jüngeren MENDELEJEFF von dem gleichen Zeit-
punkt an folgerichtig entwickelt. Und ebenso wie
ei MEYER war auch bei ihm die Abfassung eines
Buches der äußere Anlaß, der diese Ideen zur
vollen Reife brachte. MENDELEJEFF selber be-
ichtet, daß er beim Entwerfen seiner ‚Grundlagen
ler Chemie“, die für Generationen russischer Che-
miker das wichtigste Lehrbuch bildeten und auch
heute noch ungemein lesenswert sind, die Not-
wendigkeit empfand, eine von der Willkür des
Schreibenden möglichst unabhängige Gruppierung
zu benutzen. Als Fundament dafür boten sich
ihm die Atomgewichte dar, und auf sie gestützt
fand er die ‚periodische Gesetzmäßigkeit‘‘ der
Elemente.
Daß die chemische Welt, statt sich darüber zu
streiten, wer größer sei, sich lieber nach GOETHES
Wort freuen solle, ,,zwei solche Kerle zu besitzen‘,
brachte sehr schön die Royal Society in London
dadurch zum Ausdruck, daß sie im Jahre 1882
LOTHAR MEYER und MENDELEJEFF gemeinsam
die Goldene Davy-Medaille verlieh. (Es sei er-
wähnt, daß nachträglich 1887 auch noch
NEWLANDS dieselbe Ehrung zuteil wurde.)
Es dürfte Sie interessieren, Bilder LOTHAR
MEYERs kennenzulernen, die ihn in der Lebens-
periode zeigen, in der er die Gedanken des natür-
lichen Systems entwickelte. Sie sehen ihn hier
(Fig. 3) als Privatdozent in Breslau im Jahre 1865
und auf dem folgenden Bilde (Fig. 4) im Jahre 1868
beim Antritt der chemischen Professur an der
Technischen Hochschule Karlsruhe, die er nach
einer nur zweijährigen Tätigkeit an der Forstaka-
demie Eberswalde übernahm. Das persön-
liche Verhältnis zwischen MEYER und MENDELE-
JEFF war in späteren Jahren durchaus freund-
schaftlich; eine hübsche Erinnerung daran bietet
folgendes Bild (Fig. 5), welches während der
Tagung der British Association in Manchester im
Jahre 1887 entstanden ist. Außer LOTHAR MEYER
und seiner Frau und MENDELEJEFF sind darauf
ROSCOE, WISLICENUS, ATKINSON und QUINCKE zu
sehen MENDELEJEFF sandte im Anschluß an
dieses harmonische Beisammensein LOTHAR MEYER
seine in England angefertigte Photographie, deren
Reproduktion ich Ihnen gleichfalls hier vorführe
(Fig. 6).
LOTHAR MEYER hatte Karlsruhe schon im
Jahre 1876 verlassen, um den Lehrstuhl der Chemie
an der Universität Tübingen zu übernehmen.
(Einen gleichen Ruf hierher nach Königsberg hatte
er einige Jahre früher abgelehnt.) In Tübingen
sind ihm noch lange Jahre fruchtbarsten Wirkens
als Forscher und Lehrer beschieden gewesen, und
dort ist er im Jahre 1895 in voller Arbeitskraft
plötzlich verschieden. Sein Aussehen gegen Ende
seines Lebens (1887) zeigt Ihnen besser als das
Gruppenbild folgendes Porträt (Fig. 7).
Wenn auch MEYER und MENDELEJEFF schließ-
lich zur selben Anordnung der Elemente kommen
mußten — es gibt ja nur ein ‚natürliches‘ System —,
so spiegelte sich dennoch dieses Schema in beiden
Köpfen in recht verschiedener Weise. Es scheint
mir lohnend, diesem Unterschied in der Auffassung
des natiirlichen Systems, der sich bei seinen beiden
Entdeckern zeigte, einmal etwas näher nachzu-
gehen
Für MENDELEJEFF stand die Systematik im
Vordergrund des Interesses, die regelmäßige Ab-
068 PanetH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. [ Die Natur-
ss wissenschaften
wandlung der chemischen Eigenschaften beim
Übergang von jedem Element zu seinen Reihen-
und Gruppennachbarn. Die Eigenschaften der
Elemente sah er dabei mit ganz ungewöhnlicher
Deutlichkeit vor sich. Wohl für jeden Chemiker,
der über genügende Laboratoriumserfahrung ver-
fügt, stellen die wichtigeren chemischen Elemente
vertraute Individuen dar, deren Gesamtcharakter
sich aus zahllosen einzelnen Zügen in ähnlicher
Weise zusammensetzt wie etwa der eines guten
Freundes. Dieses Gefühl für den ganz bestimmten
individuellen Charakter der chemischen Elemente
besaß nun MENDELEJEFF in einer außerordent-
lichen Stärke. Seine „Grundlagen der Chemie‘
lassen auf jeder Seite erkennen, wie tief er sich in
die Elemente ‚‚hineingedacht‘‘ hatte (um seinen
eigenen Ausdruck zu gebrauchen). Mit der ganzen
Lebhaftigkeit seines Geistes und Temperaments
empfand er die schöne von ihm entdeckte chemische
Regelmäßigkeit im natürlichen System; er war von
der unverbrüchlichen Geltung dieser Regelmäßig-
keit überzeugt und pflegte daher auch von einem
periodischen ‚Gesetz‘ zu sprechen, das keinerlei
\usnahme dulde, wie etwa eine grammatikalische
‚Regel‘. Zu einer Zeit, als LOTHAR MEYER noch
davor warnte, Atomgewichte, die sich nicht in das
natürliche System einfügen wollten, bloß aus diesem
Grunde zu korrigieren, nahm MENDELEJEFF bereits
eine Reihe solcher Änderungen vor, und in den
meisten Fällen hat die spätere experimentelle
Untersuchung ihm recht gegeben. Und mehr als
das: wo in dem System eine Lücke war, dort
postulierte er nicht nur das Vorhandensein eines
noch unentdeckten Elementes Ähnliches hatten
schon J. B. RıICHtTEr und DÖBEREINER versucht
sondern er wagte es sogar, die Eigenschaften dieser
fehlenden Elemente und ihrer Verbindungen in
allen Einzelheiten unter zahlenmäßiger Angabe
ihrer Konstanten zu prophezeien. LOTHAR MEYER
selber hat später erklärt: ‚Ich gestehe bereitwillig
zu, daß mir die Kühnheit zu so weitgehenden Ver-
mutungen fehlte, wie sie Herr MENDELEJEFF mit
Zuversicht aussprach.‘‘ Wie wunderbar sicher
MENDELEJEFF bei diesen Voraussagen aus seinem
„periodischen Gesetz‘ zu schließen verstand, er-
kannte die chemische Fachwelt, als im Laufe der
nächsten Jahre nicht weniger als drei der voraus-
gesagten Elemente (1875 das Gallium, 1879 das
Scandium und 1886 das Germanium) entdeckt
wurden und ihre Eigenschaften in verblüffendster
Weise genau so gefunden wurden, wie MENDELEJEFI
sie schon im Jahre 1871 im Geist erschaut hatte.
Man hat diese Auffindung theoretisch voraus
gesagter Elemente sehr oft mit der Entdeckung des
Planeten Neptun auf Grund astronomischer Rech-
nungen verglichen, aber die Dinge liegen doch recht
verschieden. Im Fall des Neptun waren ablenkende
Wirkungen erkennbar, als deren Ursache ein un-
bekannter Planet nach Masse, Bahn und Position
berechnet werden konnte. In unserem Fall da-
gegen sprach keine einzige experimentelle Be-
obachtung für das Vorhandensein der neuen Ele
mente, nur das Schema wies noch Lücken auf.
Diesen Unterschied zu beachten, ist wichtig, denn
wenn auch in der Folgezeit noch eine Reihe weiterer
Lücken des Systems sich durch die Entdeckung der
Elemente Polonium, Radium, Emanation, Akti-
nium, Protaktinium, Hafnium, Masurium und
Rhenium geschlossen hat — eine recht stattliche
Reihe, verglichen mit den nur zwei astronomischen
Beispielen der Planeten Neptun und Pluto! —, so
können wir daraus doch nicht den Schluß ziehen,
daß auch noch die letzten drei fehlenden chemi-
schen Elemente existieren müssen und von einem
glücklichen Entdecker gefunden werden können;
denn keinerlei Wirkung geht von fehlenden Ele-
menten wie von fehlenden Planeten aus, nur
Plätze sind für sie im natürlichen System reserviert,
falls sie je aufgefunden werden sollten. (Wenn man
demnach eine Analogie aus der Astronomie heran-
ziehen will, so scheint mir die Auffindung der
Asteroiden in dem unerwartet großen Zwischen-
raum zwischen Mars und Jupiter viel besser dem
von der Chemie angewendeten Verfahren bei der
Voraussage fehlender Elemente zu entsprechen.)
Es ist begreiflich, daß nichts so sehr zur all-
gemeinen Anerkennung des natürlichen Systems
beigetragen hat wie die Bestätigung der MENDE-
LEJEFFschen Prophezeiungen durch die Auffindung
der neuen Elemente. Und ebenso begreiflich ist es,
daß MENDELEJEFF persönlich überzeugt war, daß
es nur weiterer experimenteller Forschungen be-
dürfe, um die letzten Unstimmigkeiten, die der
Anerkennung der von ihm behaupteten ausnahms-
losen Geltung des periodischen Gesetzes im Wege
standen, zu beseitigen. Solcher Unstimmigkeiten
gab es mehrere: Die seltenen Erden ließen keine
deutliche Periodizität erkennen, sondern fügten sich
dem allgemeinen Schema nur in sehr verwaschener
und undeutlicher Weise ein; und noch schlimmer,
die Verbindungsgewichte gewisser Elementpaare
schienen vertauscht: Jod mußte auf Grund seines
chemischen Verhaltens nach dem Tellur ein
geordnet werden, obwohl sein Verbindungsgewicht
das kleinere war, und derselbe Fall kehrte bei
Nickel und Kobalt und bei Kalium und Argon wie-
der. Überhaupt zeigten die Verbindungsgewichte
die doch die Basis aller Betrachtungen bildeten,
ein recht unregelmäßiges Ansteigen, das allerdings
nur in den drei erwähnten Fällen zu offenen Wider-
sprüchen mit dem System führte.
Mit dem Nachweis ausnahmsloser Gültigkeit
seines periodischen Gesetzes hätte MENDELEJEFI
aber die Aufgabe dieses Schemas im wesentlichen
als erfüllt angesehen. Er hat es stets auf das
schärfste abgelehnt, aus dem natürlichen Systen
weitergehende Schlüsse auf die innere Verwandt
schaft der Elemente untereinander zu ziehen. Hieı
sehen wir einen interessanten Gegensatz zwischeı
seiner Einstellung und der LOTHAR MEYERS, und
wir werden nicht zögern, LOTHAR MEYER ir
dieser Frage den tieferen Blick zuzuschreiben.
Bei LOTHAR MEYER steht im Anfang aller seiner
Atomgewichtsbetrachtungen die Uberlegung: Sind
Heft 47/48 >) PANETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 969
28. II. 1930
die Atome einfach oder zusammengesetzt? Unter
den Griinden, die fiir ihre Zusammengesetztheit
aus „Atomen höherer Ordnung‘ sprechen, zählt
er schon in der ersten Auflage seiner ,,Modernen
Theorien‘‘ die damals bekannten Zahlenbezie-
hungen zwischen den Verbindungsgewichten auf,
und die ,,Existenz von 6c oder noch mehr grund-
verschiedenen Urmaterien‘‘ scheint ihm über-
haupt „an sich wenig wahrscheinlich“. Dem-
gegenüber ist es sehr überraschend, zu sehen, mit
welcher Heftigkeit sich MENDELEJEFF an ver-
schiedenen Stellen seiner Schriften gegen alle
derartigen Spekulationen wendet, in denen er
eine verderbliche Hinneigung zu der bei den
griechischen Philosophen üblichen und von ihm
als reine Phantasterei betrachteten Annahme
einer Urmaterie sieht. MENDELEJEFF zeigt hier,
daß jeder die Fehler seiner eigenen Vorzüge zu
tragen hat; gerade die abnorme Vorstellungskraft,
mit der er jedes einzelne chemische Element als
ein mit festen unwandelbaren Zügen ausgestatte-
tes Individuum vor sich sah, hinderte ihn offenbar,
den Gedanken eines Aufbaues aller Elemente aus
gleichen gemeinsamen Bausteinen vorurteilslos
zu betrachten; ging er doch gelegentlich sogar so
weit, die chemischen Elemente mit den Axiomen
der Geometrie zu vergleichen. Uns Heutigen
scheint der schon von LOTHAR MEYER und manchen
anderen Chemikern der damaligen Zeit vertretene
Gedanke, daß die Zahlenregelmäßigkeiten keine
andere Deutung zulassen, als Aufbau aller Atome
aus gemeinsamen Bestandteilen, so überzeugend,
daß mehr als ein Historiker der Chemie, der
MENDELEJEFFS eigene Äußerungen zu dieser
Frage übersehen hat, ihn geradezu als Kronzeugen
für den Glauben an die Einheitlichkeit der Materie
zitiert. So z. B. erklärt der um das Verständnis
chemiegeschichtlicher Fragen ungemein verdiente
französische Erkenntnistheoretiker EMILE MEYER-
SON es für einen absurden Gedanken, daß jemand
nach Zahlenbeziehungen zwischen den Elementen
suchen könne, ohne vorher von der Existenz einer
Urmaterie überzeugt zu sein!. Gerade das aber war
das Vorgehen MENDELEJEFFs! Wir sehen hier
an einem besonders klaren Fall, daß die Entwick-
lung der Gedanken in den Köpfen der einzelnen
Forscher nicht nach einfachen logischen, sondern
nach sehr verworrenen psychologischen Gesetzen
erfolgt.
Das Verbot MENDELEJEFFs konnte aber nicht
verhindern, daß das natürliche System sich im
Laufe der Zeit immer mehr in der von ihm für
abwegig gehaltenen Richtung auswirkte. Denn
wenn wir die Schicksale des Systems bis zum
heutigen Tage in groben Zügen betrachten,
können wir zwei Abschnitte unterscheiden. In
len ersten Dezennien nach der Aufstellung des
Systems konzentrierte sich die wissenschaftliche
Arbeit tatsächlich fast ausschließlich auf die von
MENDELEJEFF als wichtig betrachteten Fragen,
1 EMILE MEYERSON, De l’explication dans les
ciences. (Payot, Paris 1921.) Tome I, p. 304
wie die Bestimmung unsicherer Elementkonstanten,
die Einreihung noch wenig erforschter Elemente
auf Grund neuer Experimentalarbeiten, oder die
immer erneuerten Versuche, die Stellung der sel-
tenen Erden im System durch ein verfeinertes
Studium ihrer geringen Unterschiede festzulegen
- ein Bestreben, das übrigens genau so erfolglos
blieb wie alle Anstrengungen, die vorher erwähnte
Anomalie bei den drei Elementpaaren durch den
Nachweis von Fehlern in der Bestimmung ihrer
Verbindungsgewichte zu beseitigen. Prinzipielle
Fragen, wie etwa die nach der Urmaterie, nach den
Griinden fiir die Lange der Perioden oder fiir
die Unregelmäßigkeiten in den Verbindungs-
gewichten, wurden damals von ernst zu nehmenden
Chemikern fast nie behandelt. Wie berechtigt
diese Zurückhaltung war, zeigte sich in dem
zweiten, etwa die Zeit seit 1900 umfassenden
Forschungsabschnitt, während dessen dank den
Fortschritten, die auf anderen Gebieten der
Naturwissenschaften erzielt worden waren, die
Lösungen dieser Grundfragen des Systems den
Chemikern wie reife Früchte in den Schoß fielen.
Wir können uns eines wehmütigen Bedauerns
nicht erwehren, daß LOTHAR MEYER diesen zweiten
Abschnitt nicht mehr erlebt hat, in dem es gelang,
Probleme zu lösen, die seinen theoretisch-physika-
lisch eingestellten Geist stets beschäftigt haben,
wenn auch seine streng kritische Veranlagung
ihn davor bewahrt hat, sich wie so viele Dilettanten
in fruchtlosen Bemühungen um Fragen zu er-
schöpfen, für die die Zeit noch nicht gekommen war.
Ganz kurz nur kann ich die Entwicklung
schildern, die unsere Vorstellungen über das
natürliche System in dieser letzten Forschungs-
periode genommen haben. Die meisten Auf-
klärungen haben wir der Physik zu danken, der
experimentellen sowohl wie der theoretischen.
Die Erkenntnis, daß aus allen chemischen Ele-
menten dieselben kleinsten Teilchen negativer
Elektrizität, die sog. Elektronen, frei gemacht
werden können, war der erste experimentelle
Hinweis auf einen gemeinsamen Urbestandteil
aller Stoffe; wenige Jahre später lehrte dann die
Radioaktivität in den Alphateilchen materielle
Bausteine kennen, die ebenso wie die Elektronen
aus sehr verschiedenen chemischen Elementen
erhalten werden konnten und die nichts anderes
waren als positiv geladene Heliumatome; und
schließlich gelang es durch die sog. ‚künstliche
Atomzertrümmerung‘ auch noch, positive Wasser-
stoffatome aus einer großen Reihe verschiedener
Elemente in Freiheit zu setzen. Durch diese
Forschungen ist also der experimentelle Beweis
dafür erbracht, daß zum mindesten eine beträcht-
liche Zahl von chemischen Elementen dieselben
Bausteine enthält.
Da die positiven Heliumteilchen ihrerseits
wahrscheinlich aus Wasserstoffteilchen und Elek-
tronen bestehen, nimmt man als primäre Bausteine
der chemischen Elemente heute nur die Elektronen
und die positiven Wasserstoffatome, die sog.
970
Protonen, an. Protonen und Elektronen sind offen-
bar imstande, durch verschiedene Zahl und
Gruppierung die Gesamtheit der chemischen
Elemente zu bilden. Unsere Kenntnisse iiber den
Aufbau der Elemente waren sehr gering und
unsicher, wenn sie sich nur auf die oben erwähnten
experimentellen Befunde stützen müßten. In-
dessen hat sich auch die theoretische Physik
etwa seit dem Jahre 1910 mit immer steigendem
Erfolge mit dem Problem des Atombaues be-
schäftigt und in engster Fühlung mit Experimental-
arbeiten die uns interessierenden Fragen einer
prinzipiellen Klärung zugeführt. Namentlich durch
die Deutung des ungeheuren in Spektralbeobach-
tungen niedergelegten Materials ist es gelungen,
über die Verteilung der Elektronen in den Atomen
Näheres zu erfahren, während über die positiven
Teile des Atoms besonders die Versuche mit radio-
aktiven Substanzen Aufklärung gebracht haben.
Zusammengefaßt sind die Ergebnisse in der sog.
RUTHERFORD-Bourschen Atomtheorie. Nach dieser
Theorie müssen wir in dem Atom jedes Elementes
streng unterscheiden: einen elek-
geladenen Teil, den sog. Kern,
welcher nur verschwindend kleinen Teil
des Atominnern erfüllt, und die um ihn herum
angeordneten negativ geladenen Elektronen, deren
Entfernung vom Kern die Größe des Atoms be-
stimmt Die Zahl der Elektronen ist
ebenso groß wie die positive Ladung des Kerns,
Atom nach außen neutral erscheint.
Wir hier natürlich nicht die Leistungs-
fähigkeit dieses Atommodells in den verschiedenen
Zweigen der Physik, namentlich in der Spektro-
Lichtes und der Rd6ntgenstrahlen,
in der Lehre von den Wechselwirkungen zwischen
Elektrizität und Licht, oder in dem großen Gebiet
der Radioaktivität betrachten. Wir müssen uns
darauf beschränken, kurz anzudeuten, was dieses
Atommodell für die Theorie des natürlichen
Systems zu leisten vermag; dabei wird es beson-
ders lehrreich sein, zu sehen, wie die so lange Zeit
hindurch störenden Ausnahmen nunmehr
befriedigende Erklärung finden
Wenn wir uns auf den Boden der RUTHERFORD-
Bourschen Atomtheorie stellen, hängen die Eigen-
schaften eines Elementes nicht in erster Linie vom
Gewicht des Atoms ab, sondern von der Größe der
positiven Ladung des Atomkerns, durch die die
Zahl und Anordnung auch der umgebenden
negativen Elektronen festgelegt sind. Diese Größe
bezeichnet man als die ‚„Kernladungszahl‘‘ des
betreffenden Elementes, oder als „Atom-
nummer“, oder auch als seine ,,Ordnungszahl", da
sie für die Ordnung der Elemente maßgebend ist;
denn im Rahmen der RUTHERFORD-BOoHRschen
Theorie ist die einzig sinngemäße Gruppierung der
Elemente die, daß sie nach der Größe ihrer Kern-
ladungszahl in eine Reihe gebracht werden. Da
sich diese Kernladungszahl von einem Element im
System zum nächst höheren immer
zwei Regionen
trisch positiv
einen
negativen
so daß das
können
skopic des
eine
seine
natürlichen
um die Einheit der positiven Ladung, also stets um
PaNnETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente.
Die Natur-
wissenschaften
den gleichen Betrag ändert, war zu erwarten, daß
eine Anordnung der Elemente in regelmäßigen Ab-
ständen der früher üblichen nach den unregel-
mäßigen der Verbindungsgewichte vorzuziehen
sein müßte. Den experimentellen Beweis, daß es
sich tatsächlich so verhält, erbrachte im Jahr 1913
MoseLey. Er fand, daß eine der zahlenmäßig am
schärfsten faßbaren Eigenschaften der Elemente,
nämlich die charakteristische Röntgenstrahlung,
die sie unter der Einwirkung von Kathoden-
strahlen aussenden, sich vollkommen regelmäßig
mit der Ordnungszahl des Elementes ändert. Am
besten kann man dies graphisch zeigen; wenn man
die Elemente in regelmäßigen Abständen auf
der Abszisse aufträgt und die Quadratwurzel aus
der Frequenz der charakteristischen Röntgen-
linien auf der Ordinate, so erhält man ganz
gleichförmig verlaufende Linien, die man in
erster Näherung als Gerade betrachten kann.
Ich führe Ihnen nochmals die als erste proji-
zierte Zeichnung (Fig. ı) vor und bitte Sie nun
zu beachten, daß darin außer der schon be-
sprochenen Atomvolumenkurve von LOTHAR
MEYER auch diese MosELEyschen Geraden ein-
gezeichnet sind. Wären die Elemente auf der
Abszisse nicht in regelmäßigen Abständen auf-
getragen, sondern nach den schwankenden Diffe-
renzen der Verbindungsgewichte, so würde sofort
die Gleichförmigkeit der MosELEvschen Geraden
einer ganz unregelmäßigen Kurve weichen. (Die
LOTHAR MEYER-Kurve, die keinem so strengen
mathematischen Gesetz gehorcht, sieht bei dieser
modernen Darstellung fast genau so aus wie bei der
historischen, bei der die Elemente nach den Zahlen-
werten ihrer Verbindungsgewichte aufgetragen
waren.) In der gleichen Arbeit konnte MosELEY
auch bereits zeigen, daß die Anomalien Tellur- Jod,
Argon-Kalium, Kobalt-Nickel verschwinden, sowie
wir die Elemente nach ihren Kernladungszahlen
ordnen; denn das Jod z. B., welches aus chemischen
Gründen im natürlichen System hinter dem Tellur
stehen muß, hat auch tatsächlich eine um eine Ein-
heit höhere Kernladung, obwohl sein Verbindungs-
gewicht niedriger als das des Tellurs ist.
Wir müssen daher seit MOSELEY als natürliches
System der Elemente die Anordnung nach den
Atomnummern oder Ordnungszahlen, nicht mehr
wie zu MEYERS und MENDELEJEFFs Zeiten, nach
den Verbindungsgewichten, als die richtige be-
trachten. Die- Ordnungszahlen lassen sich, als
die Größe der positiven Ladung des Atomkerns,
durch verschiedene Methoden bestimmen, und so
kann über die Stellung eines Elementes innerhalb
des natürlichen Systems und über die noch vor-
handenen Lücken kein Zweifel mehr sein. Wie in
diesem Sinne alle heute bekannten Elemente be-
stimmten Zahlen der Zahlenreihe zuzuordnen sind,
läßt folgende Tabelle 3 erkennen.
Diese Tabelle stellt das natürliche System der
Elemente nach dem heutigen Stande der Wissen
schaft dar, und wir dürfen wohl behaupten, daß
die Anordnung endgültig ist. Um die chemischen
50
Ib
in
d,
Heft 47/48/49.] PaNETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 971
28. 11. 1930
Tabelle 3. Zuordnung der chemischen Elemente zu den
Ordnungszahlen 1— 92.
F Fy
a E| 282 |#: 3
E Element 2 235 83 Element ®
& | »*& TE a
1 Wasserstoff | H 1,008 | 47 | Silber Ag
2 Helium He 4,00 48 | Cadmium Cd
3 «©Lithium Li 6,94 49 | Indium In
4 Beryllium Be 9,02 so | Zinn Sn
s Bor B 10,82 sı Antimon Sb
6 Kohlenstoff | C 12,00 52 Tellur Te
7 Stickstoff N 14,008 s3 Jod J
8 Sauerstoff oO 16,000 s4 Xenon x
9 Fluor F 19,00 55 | Cäsium Cs
ı0o Neon Ne 20,2 s6 Barium Ba
ıı Natrium Na 23,00 57 | Lanthan La
ı2 Magnesium Mg 24,32 58 Cer Ce
13. Aluminivm Al 26,97 sg Praseodym Pr
14 Silicium Si 28,06 60 Neodym Nd
15 Phosphor P 31,04 61
16 Schwefel Ss 32,07 62 Samarium Sm
17 Chior Cl 35,46 63 | Europium Eu
18 Argon Ar 39,88 64 Gadolinium Gd
ı9 Kalium K 39,10 65 Terbium Tb
20 Calcium Ca 40,07 66 Dysprosium Dy
2x Scandium Sc 45,10 67 Holmium Ho
22 Titan Ti 48,1 68 Erbium Er
23 Vanadium V 51,0 69 Thulium Tu
24 Chrom Cr 52,01 70 Ytterbium Yb
25 Mangan Mn 54,93 71 Cassiopeium Cp 175,0
26 Eisen Fe 55,84 72 Hafnium Hf 178,6
27 | Kobalt Co 58,97 73 Tantal Ta 181,5
28 || Nickel Ni 58,68 74 Wolfram W 184,0
29 | Kupfer Cu 63,57 75 Rhenium Re 186,3
30 | Zink Zu 65,37 76 Osmium Os 190,9
31 | Gallium Ga 69,72 7 Iridium Ir 193,1
32 Germanium Ge 72,60 „8 Platin Pt 195,2
33 As 74,96 79 Gold Au 197,2
4 Se 79 5 Quecksilber Hg 2 6
35 Br 79,92 81 Thalliur: rl 204,4
36 ton Kr 82,9 82 Blei Pb 207,2
37 | Rubidium Rb 85 83 Wisn Bi ),0
38 Strontium Sr 87.6 84 Poloni I
39 || Yttrium Y 89,0 5
4 Zirkonium Zr 1,2 (i Emanation Em
41 Niobium Nb 93,5 57
42 | Molybdän Mo 96,1 88 | Radiun Ra 2
43 Masurium Ma » | Actinium Ac
44 Ruthenium Ru | 101,7 90 | Thoriun Th I
4 Rhodium Rh | 102,9 91 Protactinium Pa
46 || Palladium Pd | 106,7 92 | Uran U 238,2
Gesetzmäßigkeiten hervortreten zu lassen, kann
diese Reihe der Elemente in der eingangs er-
wähnten Weise in lange oder kurze Perioden unter-
teilt und so in Tabellenform gebracht werden, oder
man kann, wie das Beispiel der Kurven der Atom-
volumina und R6ntgenfrequenzen zeigt, ebene
Diagramme zur Darstellung wählen oder schließ-
lich auch, wie es gelegentlich geschehen ist, räum-
liche Spiralen und andere kompliziertere Mittel der
Veranschaulichung benützen. Wie immer aber
auch, dem speziellen Zweck und dem persönlichen
Geschmack entsprechend, die Form der Darstellung
gewählt werden mag, die Reihenfolge der Elemente
ist ein für allemal durch die Zuordnung zu den in
der Tabelle ersichtlichen Zahlen gegeben. In dieser
Tabelle liegt das von aller Willkür freie endgültige
natürliche System beschlossen
Bei dieser Gelegenheit möchte ich betonen, daß
lie Einordnung der chemischen Elemente in die
einzelnen Felder einer Tabelle, die naturgemäß in
rleichen Abständen aufeinanderfolgen, ohne daß
dies ausgesprochen wurde, doch stets schon gleich-
jedeutend war mit der Ersetzung der unregel-
1ABig verteilten und gebrochenen Zahlen der Ver-
indungsgewichte durch die ganzzahligen Ord-
nungszahlen. Dies ist der tiefere Grund, warum
die tabellenmäßige Darstellung des natürlichen
Systems stets einen Vorzug vor der Wiedergabe in
Kurvenform voraus hatte. Die Tabellen bieten
auch den bequemsten Weg, um-über den chemi-
schen Charakter noch fehlender Elemente Näheres
zu erfahren, da hier die Gruppenzugehörigkeit am
klarsten in die Erscheinung tritt. So können wir
an der Hand der früher gezeigten Tabelle des lang-
periodigen oder kurzperiodigen Systems — in die
die Ordnungszahlen der Elemente bereits eingetragen
sind — sofort erkennen, daß das Element 61 eine
seltene Erde, 85 ein Halogen und 87 ein Alkali-
metall sein müßte. Daß es aber durchaus fraglich
ist, ob diese Elemente existieren, darauf habe ich
schon hingewiesen.
Aus dieser kurzen Schilderung werden Sie
bereits erkannt haben, daß seit der Aufstellung
des natürlichen Systems kaum irgendeine Ent-
deckung so viel zur Vertiefung unserer Kenntnisse
beigetragen hat wie die fundamentale Arbeit MosE-
LEYS; und da aus der Reihe der großen Forscher,
die nach LoTHAR MEYER und MENDELEJEFF
Grundlegendes zum Verständnis des natürlichen
Systems beigetragen haben, MoseELEy als einziger
nicht mehr am Leben ist, seien ein paar bio-
graphische Daten über ihn mitgeteilt. MosELEY
wurde als Sproß einer englischen Gelehrtenfamilie
im Jahre 1887 geboren. Seine große Entdeckung
machte er, sechsundzwanzigjährig, im Labora-
torium von RUTHERFORD in Manchester. Kurz
nach Kriegsbeginn rückte er ein und fiel schon im
August 1915, vor Erreichung des achtundzwanzig-
sten Lebensjahres, bei einem der englischen An-
griffe auf die Dardanellen ein durch nichts zu
ersetzender Verlust für die wissenschaftliche Welt.
Er starb vor der Ausbreitung seines Ruhmes; nur
einem kleinen Kreis seiner Lehrer und Kollegen
war damals schon seine überragende experi-
mentelle und theoretische Begabung bekannt ge-
worden. Das einzige Bild, das von ihm existiert, ist
eine gelegentliche Aufnahme im Laboratorium;
trotz ihrer technischen Fehler gibt sie für alle, die
\losELEY kannten, sein Wesen gut wieder (s. Fig. 8
auf Tafel I, Rückseite)
Wenn wir heute die Kernladung der Atome und
nicht mehr das Verbindungsgewicht als Grund-
lage des natürlichen Systems ansehen, so erhebt
sich selbstverständlich die Frage, wieso seinerzeit
doch auch auf Grund der Verbindungsgewichte eine
bis auf wenige Ausnahmen richtige Reihenfolge
der chemischen Elemente erhalten werden konnte.
Die Antwort ist die, daß im allgemeinen mit steigen-
der Kernladung auch das Verbindungsgewicht
ansteigt. Der Kern der Atome besteht aber nicht
nur aus positiven Protonen, sondern enthält immer
auch gleichsam als Kitt, um den positiven Teil-
chen das Zusammenhalten zu ermöglichen
eine geringere Anzahl negativer Elektronen. Der
Überschuß der Protonen über die Elektronen ergibt
die positive Kernladung, zu der, wie früher er-
wähnt, im neutralen Atom eine entsprechende
972 PANETH
Zahl auBen befindlicher Elektronen gehért. Jedes
Proton hat die Masse 1; das Gewicht eines Atoms
ist daher wenn wir von dem viel geringeren Ge-
wicht der Elektronen und dem spater noch kurz zu
erwähnenden ‚Packungseffekt‘‘ absehen gleich
der Zahl der Protonen. Bezeichnen wir diese Zahl
mit P und die Zahl der im Kern befindlichen Elek-
tronen mit E, so ist die Kernladung Z gegeben
durch die Gleichung
Z r E.
Wenn wir in der Reihe der Elemente um einen
Platz weitergehen, steigt jedesmal Z um den Wert ı
an. Im allgemeinen steigt gleichzeitig auch P. Wir
sehen aber aus der Gleichung, daß kein eindeutiger
Zusammenhang zwischen Z und P besteht. Die-
selbe Kernladung Z kann auf verschiedene Weise
erreicht werden, denn jedesmal, wenn wir sowohl
ein P wie ein E zufügen, bleibt die Kernladung Z
unverändert, und doch ist das Atomgewicht um
das Gewicht eines Protons schwerer geworden
Wir erkennen aus dieser theoretischen Betrachtung,
daß es denkbar ist, daß Atome existieren, die
verschiedenes Gewicht besitzen und dennoch zum
gleichen chemischen Element gehören, da sie das-
selbe Z haben. Solche Atome gibt es tatsächlich;
zuerst hat man bei radioaktiven Stoffen die Be-
obachtung gemacht, daß sic verschiedenes Ge-
wicht (und auch verschiedene radioaktive Eigen-
schaften) haben können und trotzdem chemisch
dasselbe Element mit genau denselben quali-
tativen Reaktionen sind. Man nennt solche Stoffe
Isotope, weil sie an dieselbe Stelle des natürlichen
Systems gehören. Fast gleichzeitig wurde auch auf
dem Gebiet der inaktiven Elemente festgestellt, daß
ein und dasselbe Element aus Atomen verschiede-
nen Gewichtes bestehen kann. Hier waren es die
Untersuchungen von J. J. THomson und Aston
über die Ablenkbarkeit von Kanalstrahlen deren
Entdecker GOLDSTEIN vor wenigen Tagen hier in
Königsberg seinen achtzigsten Geburtstag ge-
feiert hat welche den Beweis erbrachten, daß
weitaus die Mehrzahl der chemischen Elemente
nicht so einfach aufgebaut ist, wie es seinerzeit
DALTON bei der Begründung der chemischen Atom-
theorie angenommen hatte. Darron hatte den
Satz aufgestellt: ,,Jedes Element besteht aus
einer ganz bestimmten Art von Atomen.‘‘ Die Zahl
der Atomsorten mußte demnach gleich der der
chemischen Elemente sein. Heute wissen wir, daß
es viel mehr Atom- als Elementarten gibt; denn
die meisten Elemente sind keine sog. ,,Rein-
elemente‘, sondern ‚Mischelemente‘‘, d. h. sie
bestehen aus mehr als einer Atomart. Das Ver-
bindungsgewicht eines Mischelements ist durch die
Gewichte und durch das Mischungsverhältnis
seiner verschiedenen Atomarten bestimmt. Dies
ist der Grund, warum wir heute die durch chemi-
sche Methoden bestimmbaren Gewichtsverhält-
nisse, nach denen die Elemente miteinander in
Reaktion treten, nicht mehr als Atomgewichte
bezeichnen, sondern als Verbindungsgewichte.
Das Element Chlor z. B. hat das durch chemische
Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente.
Die Natur-
wissenschaften
Analysen festgestellte Verbindungsgewicht 35,457.
Seine Atomgewichte sind nicht durch chemische,
sondern nur durch physikalische Methoden zu er-
kennen, es sind die ganzzahligen Gewichte 35 und 37.
Folgende Tabelle 4 zeigt Ihnen an einem Teil
der chemischen Elemente, wie außerordentlich
mannigfaltig ihre atomistische Zusammensetzung
ist; die in der Tabelle eingeklammerten Isotope
wurden erst neuerdings durch ein ganz besonders
empfindliches Verfahren, nämlich durch spektro-
skopische Beobachtungen, nachgewiesen und sind
Tabelle 4. Die Atomarten der chemischen Elemente.
Ord- Verbin-
nungs- Element dungs- Atomgewichte
zahl gewicht
I Wasserstoff | 1,0078 1,0078
2 Helium | 4,002 4
3 Lithium 6,940 6, 7
4 Beryllium 9,02 9
> Bor 10,82 10 It
6 Kohlenstoff 12,000 12, (13
7 Stickstoff 14,008 14
8 Sauerstoff 16,0000 16, (17), (18
9 Fluor 19,00 19
10 Neon 20,18 20 21 22
II Natrium 22,997 23
12 Magnesium 24,32 2 25, 20
13 Aluminium 26,97
14 Silicium 28,06 29, 30
15 Phosphor 31,02
16 Schwefel 32,06 32, 33 34
17 Chlor 35,457 35, 37
18 Argon 39,94 36, 40
19 Kalium 39,104 39, 41
20 Calcium 40,07 40, tt
21 Scandium 45,10 45
22 Titan 47,90 48
23 Vanadium 50,95 51
2 Chrom 52.01 52
25 Mangan 54,93 55
26 Eisen 55,84 54, 5¢
27 Kobalt 58,94 59
28 Nickel 58,69 58, 60
29 Kupfer 63,57 63, 65
30 Zink 65,38 64 65, 66, 67, 68, 69,
70
RI Gallium 2 69, 71
2 Germaniun 79, 71 72, 7 74 75
70, 77
33 Arsen 74,96 75
34 Selen 79,2 74 76, 77 75 80 82
35 Brom 79,916 79, 8ı
36 Krypton 82,9 78, so 82 83 84 R¢
37 Rubidium 85. 87
38 Strontium 86, 88
39 Yttrium 89
40 Zirkonium 90, 92 94
47 Silber 107, 109
48 Cadmium 110, III, 112, 113, 114, 116
49 Indium 115
50 Zinn 112, 114 115, 116, 117, 118,
119, 120, 121, 122, 124
sı Antimon 121,76 121, 12
52 Tellur 126, 128, 130
53 Jod 127
54 Xenon . 130,2 124, 126, 128, 129, 130, 131
132, 134, 136
55 Cäsium 132,81 133
56 Barium 137,36 138
57 Lanthan 138,90 139
58 Cerium 140,13 140, 142
59 Praseodym 140,92 141
60 Neodym 144,27 142, 144, 146
80 Quecksilber 200,61 196, 198 199, 200, 201, 202,
204
82 Blei 207,21 206, 207, 208, 210, 212, 214
83 Wismut 209,00 209, 210, 212, 214
84 Polonium 210, 212, 214, 216, 218
86 Emanation 222 220, 222
88 Radium 226,0 224, 226, 228
89 Actinium 228
90 Thorium 232,1 228, 230, 234
91 Protactiniun 234
92 Uran 238,2 234, 238
14
Heft 47/48/49.] PaNETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 973
28. Ir. 1930
nur in verschwindend geringem Prozentsatz vor-
handen. Wir sehen, daB z. B. das Element Sauer-
stoff neben den altbekannten Atomen vom Ge-
wicht 16 auch Isotope 17 und 18 in minimaler
Menge enthält. Wir erkennen ferner aus der
Tabelle, daß öfters das Element mit niedrigerer
Ordnungszahl unter der Reihe seiner isotopen
Atome auch solche hat, welche schwerer sind als
ein Isotop des höheren Elements. Ein solcher Fall
liegt z. B. beim Chlor und Argon vor; das Chloratom
37 ist schwerer als das Argonatom 36, aber das
Verbindungsgewicht des Chlors, welches sich
aus der Mischung der Atome 35 und 37 ergibt, ist
doch noch geringer als das des Argons, welches aus
Atomen 35 und 4o sich zusammensetzt. Es
ist aber klar, daß wir uns bei dem offenkundigen
Fehlen einfacher Regeln in der Verteilung der
isotopen Atome nicht wundern können, wenn ge-
legentlich die Verbindungsgewichte nicht in der-
selben Reihenfolge ansteigen wie die Ordnungs-
zahlen; beim Argon z. B. ist das schwerere Isotop 40
in wesentlich größerer Menge vertreten als das
leichtere 36, beim Kalium dagegen das leichtere 39
in größerer Menge als das schwerere 41. Die
Folge ist, daß das Argon, das Element mit der
niedrigeren Ordnungszahl, trotzdem das höhere
Verbindungsgewicht hat. Hier in der Isotopie der
Atome liegt also die Erklärung für die historischen
drei Anomalien des natürlichen Systems. Wir ver-
stehen heute nicht nur die Unmöglichkeit, sie
durch immer erneute Bestimmung der Ver-
bindungsgewichte aus der Welt zu schaffen,
sondern erkennen auch die Aussichtslosigkeit aller
Bemühungen, eine Deutung für sie zu finden, ehe
auf ganz anderen Gebieten der Wissenschaft grund-
legende Fortschritte gemacht waren.
Aber noch ein höheres Ziel ist ebenfalls durch
die moderne Atomtheorie erreicht worden, nämlich
die Erklärung der periodischen Wiederkehr der
chemischen Eigenschaften beim Aufsteigen in der
Reihe der Elemente. Auf der Grundlage des
RUTHERFORD-BoHRschen Atommodells mußte an-
genommen werden, daß die chemischen Eigen-
schaften von den Elektronen abhängen, welche am
weitesten außen den positiven Kern umgeben;
Wiederkehr ähnlicher chemischer Eigenschaften
muß also durch Wiederkehr einer ähnlichen An-
ordnung der äußersten Elektronen gedeutet werden.
Dieser Gedanke ist, anknüpfend an weiter zurück-
liegende Ideengänge J. J. THOMSONs, in den
letzten Jahren von der theoretischen Physik mit
größtem Erfolg aufgenommen und durchgearbeitet
worden. Ich muß es mir versagen, hier näher
darauf einzugehen; eine exakte Darstellung ist
nur mit mathematisch-physikalischem Rüstzeug
zu:geben, und auch ein Versuch, bloß die Leit-
linien herauszuarbeiten, würde mehr Zeit er-
fordern, als mir noch zur Verfügung steht. So
bitte ich Sie, sich mit dem Hinweis zu begnügen,
daß aus allgemeinen physikalischen Prinzipien
- nicht etwa aus ad hoc gemachten Hypothesen —
bewiesen werden kann, warum zuerst in den
Nw. 1930
kurzen Perioden nach acht Elementen und dann
in den langen nach 18 Elementen ähnliche chemi-
sche Eigenschaften wiederkehren. Die Verschie-
denheit in der Länge der Perioden ist heute erklärt.
Und auch hier zeigt sich die Leistungsfähigkeit
der Theorie in besonders hohem Maße darin, daß
sie auch den die Chemiker bei der Gruppierung der
Elemente seit jeher störenden Ausnahmefall der
seltenen Erden zu deuten vermag. Es ist BoHR
gelungen zu zeigen, daß gerade dort, wo in der
Reihe der Elemente die seltenen Erden beginnen,
mit steigender Ordnungszahl keine Änderung in
der Zahl und Anordnung der äußersten Elektronen
zu erwarten ist, sondern daß hier die neu hinzu-
kommenden Elektronen in tiefere Schichten der
Elektronenhülle eintreten. Daraus erklärt es sich,
warum die seltenen Erden in den chemischen
Reaktionen einander so außerordentlich ähnlich
sind und warum an dieser Stelle des natürlichen
Systems die normale Periodizität zusammenbricht.
In diesem für die chemische Systematik seit jeher
schwierigsten Gebiete konnte die Boursche Theorie
sogar nicht nur die bekannten auffälligen Tatsachen
erklären, sondern auch der chemischen Forschung
eine sehr wichtige Anregung geben. BoHr schloß
aus seiner Theorie, daß das damals noch unent-
deckte Element von der Ordnungszahl 72 keine
seltene Erde sein könne, sondern in seinem Bau
dem Zirkon ähnlich sein müsse. Bis dahin hatte
man nach dem Element 72 fast stets unter den
seltenen Erden gefahndet; nun wurden Zirkon-
mineralien analysiert. In kürzester Zeit konnten
die im Bourschen Institut arbeitenden Herren
HEVESY und Coster feststellen, daß tatsächlich
das bisher von den Chemikern stets vergeblich ge-
suchte Element in sämtlichen Zirkonmineralien
bis zu mehreren Prozent enthalten ist. Das neue
chemische Element erhielt zu Ehren der Stadt
seiner Entdeckung, Kopenhagen, den Namen
Hafnium.
Aufs nächste verwandt mit diesen theoretischen
Untersuchungen sind auch die Bemühungen der
Physiker, eine Erklärung für die Erscheinung
der chemischen Valenz zu geben. Auch hier sind
bereits sehr bedeutende Erfolge erzielt worden,
die sich vor allem an die Namen Kosseı, G. N.
Lewis, Lonpon und HEITLER knüpfen; aber hier
gilt vielleicht in noch höherem Maße, daß nur mit
einer guten Kenntnis der Methoden der heutigen
theoretischen Physik die den Chemikern so ge-
läufige Tatsache zu verstehen ist, warum ein
Atom eines Elementes sich nur mit einer ganz
bestimmten Zahl von Atomen eines anderen
Elementes zu einem Molekül vereinigt. Der Che-
miker alter Schule mag es bedauern, daß auf
seinem ureigensten Gebiet Fremdlinge nun ganz
neue Methoden der Forschung eingesetzt haben,
wird aber diesen Prozeß nicht aufhalten können.
Er mag einen Trost darin finden, daß erstens
die Chemie als Technik von der Wandlung
dieser Dinge kaum berührt wird, und daß
zweitens nur auf diesem Wege es möglich war,
73
974
die theoretisch so unbefriedigende Sonderstellung
der chemischen Valenz als einer Kraft sui ge-
neris zu beseitigen und die chemischen Reak-
tionen einzuordnen in das allgemeine physi-
kalische Naturgeschehen. Kein Chemiker wird
sich der Erkenntnis verschließen, daß die hier kurz
skizzierte Entwicklung unserer Vorstellungen vom
natürlichen System nicht nur einzelne Kompli-
kationen, sondern in weit höherem Maße Klarheit
und großartige Vereinfachung gebracht hat. Wenn
heute so oft über die durch die gesteigerte Aktivität
auf den Einzelgebieten immer mehr zunehmende
Trennung und Spezialisierung der Wissenschaften
geklagt wird, so ist besonders die moderne Atom-
theorie, in der sich die Gesamtheit der anorgani-
schen Naturwissenschaften begegnet, ein
reiches Beispiel dafür, daß gerade der selbständige
Fortschritt der einzelnen Wissenschaften es ist,
der sie auf einer höheren Ebene wieder zur Einheit
des naturwissenschaftlichen Weltbildes zusammen-
führt.
Sie werden nun verstehen, warum ich eingangs
sagen konnte, daß in der Entwicklung unserer
Kenntnisse vom natürlichen System heute ein
gewisser Abschluß erreicht ist. Wir kennen nicht
nur die endgültige Reihenfolge, in der die chemi-
schen Elemente zu gruppieren sind, sondern wissen
auch, daß die Kernladungszahl der tiefere Grund
ist, warum sie gerade in dieser Reihe geordnet
werden müssen, und wir wenigstens im
Prinzip den Weg vor uns, wie sich aus dieser
einen Zahl der ganze Bau des Atoms und sein
physikalisch-chemisches Verhalten ableiten läßt.
Wir werden an den berühmten, seiner Zeit voraus-
Satz von DE CHANCOURTOIS erinnert:
„Die Eigenschaften der Stoffe sind die Eigen-
schaften der Zahlen.‘ Doch möchte ich nicht
versäumen, am Schlusse meines heutigen Vor-
trages darauf hinzuweisen, daß neben diesen
Forschungen, durch die die Kenntnis der chemi-
schen Elemente eine weitgehende Abrundung
erfahren hat, sich eine neue Gedankenrichtung
bemerkbar macht, die ihren Ursprung gerade
wieder natürlichen System aus nimmt und
die bisher fast nur Probleme präzisiert hat und
noch keine Lösungen zu geben vermag. Es zeigt
sich hier in der Chemie eine analoge Erscheinung,
wie wir sie in anderen Naturwissenschaften
beobachten können: Zuerst wird die Systematik
ausgearbeitet, mit dem Nebeneinander der genau
-
sCili-
sehen
eilenden
vom
auch
studierten Typen ist die Forschung dann aber nicht
zufrieden, sondern stellt die weitere bedeutungs-
volle Frage nach der Entwicklung dieser Typen.
Entwicklung‘ dieser Gedanke war bekannt-
lich eines der groBen Leitmotive der Naturwissen-
schaften in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr-
hunderts. Hatte man sich früher begnügt, z. B.
in der Botanik oder Zoologie eine möglichst voll-
ständige Systematik der Arten aufzustellen, so trat
nun die neue Frage auf: Bestehen diese Arten seit
jeher, oder sind sie auseinander oder aus gewissen
Urtypen
entstanden? Der ganze Unterschied
PAnETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. [
Die Natur-
wissenschaften
zwischen der Geisteswelt eines LINNE oder CUVIER
und der eines LAMARCK, GOETHE, DARWIN oder
WALLACE tritt vor unser Auge. Und schon zu
Darwıns Zeit, als der Kampf nicht nur um seine
spezielle Lehre, sondern auch um die Grundfrage
einer Entstehung der Arten noch unentschieden
war, wurde der Versuch gemacht, den Gedanken
der Entwicklung auf die gesamten Wissenschaften,
die anorganischen sowohl wie die biologischen,
auszudehnen. Dieser Versuch stammte von dem
englischen Philosophen HERBERT SPENCER und
mußte scheitern aus denselben Gründen, aus denen
Jahrzehnte früher die Systeme der deutschen
Naturphilosophie zusammengebrochen sind. Das
Fachwort ‚Evolution‘ und das Programm einer
allgemeinen Entwicklungslehre ist aber von SPEN-
cers Werk übriggeblieben.
Es ist nun nicht zu verkennen, daß die Chemie
heute auf dem Wege ist, denselben Schritt zu
tun wie friiher die biologischen Wissenschaften,
nämlich von der Systematik zur Entwicklungs-
geschichte. Dabei will ich keineswegs sagen, daß
sich die Chemie hier etwa eines Leitgedankens
der Biologie bedient; im Gegenteil, der Gedanke
einer Entwicklung nämlich soweit er sich über
das Erscheinungsgebiet des direkt beobachtbaren
Wachsens der Organismen emporhebt zur An-
nahme eines allmählichen Entstehens anscheinend
unveränderlicher Dinge ist zuerst in der an
organischen Naturwissenschaft zu Hause gewesen.
Die Kosmogonien primitiver Völker waren die
älteste Form des Entwicklungsgedankens, und
auch die erste wissenschaftliche Fassung einer
Weltentwicklungslehre, die wir Kant verdanken,
erschien ein Jahrhundert vor Darwıns „Ent-
stehung der Arten‘. Aber auch in unserem speziel-
len Gebiet, der Chemie, ist die Vorstellung einer
Entstehung der Elemente jahrhundertelang durch-
aus heimisch gewesen, und Reste davon finden Sie
noch heute literarisch konserviert. ‚Der Gott,
der Eisen wachsen ließ‘, der ist keine poetische
Lizenz, sondern ein Uhberbleibsel der Volks-
meinung; im Harz kennt man heute den
Segensspruch: ‚Es blühe die Tanne, es wachse das
Erz.‘‘ Und wenn wir auch noch aus der klassischen
Literatur einen Beweis nennen wollen: „Wo das
Eisen wächst in der Berge Schacht, da entspringen“
nach Schiller „der Erde Gebieter.‘“
Die Beobachtungen der Bergleute, die zu
dem Glauben an ein Wachsen der Erze führten,
deuten wir heute allerdings anders. Die Elemente
entstanden nicht neu, sondern wurden nur aus
ihren chemischen Verbindungen oder aus Lösungen
in Freiheit gesetzt; und doch müssen wir zunächst
feststellen, daß die Annahme einer Entstehung
der Elemente auseinander sofort sinnvoll er-
scheint, sowie wir von einer gemeinsamen Materie
aller Elemente zu sprechen berechtigt sind. Der
Begriff Urstoff hatte schon bei den griechischen
Naturphilosophen einen Doppelsinn; er bezeichnete
den Stoff, aus dem alle Körper bestehen und aus
dem sie im Laufe der Zeiten entstanden sind.
noch
d
n
n
er
N-
1e
Heft 47/48/49.] PaNETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 975
28. 11. 1930
Können wir heute wieder in beiden Bedeutungen
von einem Urstoff reden?
Nach unserer heutigen Anschauung bestehen
alle Atome aus Protonen und Elektronen. Wir
sind demnach zweifellos zur Urstofflehre in ihrem
ersten Sinn zurückgekehrt mit der nicht sehr
wesentlichen Änderung, daß wir vorläufig nicht
einen, sondern zwei Urstoffe, oder um LOTHAR
MEYERS Worte zu wiederholen, zwei Arten von
„Atomen höherer Ordnung‘‘ annehmen müssen.
Die von MENDELEJEFF als Utopie bekämpfte uralte
Anschauung ist damit fest begründete natur-
wissenschaftliche Theorie geworden. Es ist äußerst
merkwürdig, daß der Urstoffgedanke, der im
Altertum und Mittelalter und auch noch zu BoyLes
Zeit in der Chemie durchaus herrschend war und
erst beim Beginn der sog. wissenschaftlichen Che-
mie durch die LAvortsterRsche Elementenlehre ver-
dunkelt wurde, damit wieder völlig zum Leben
erweckt ist, und es wäre einer eigenen Unter-
suchung wert, zu zeigen, wie überraschend stark das
Bedürfnis der Chemiker nach Annahme eines
solchen Urstoffes auch zu jenen Zeiten war, als
keinerlei experimentelle Tatsachen zu seinen
Gunsten angeführt werden konnten. Es wäre hier
zu untersuchen, wieweit allgemeine Denkgesetze,
etwa das seit den griechischen Atomistikern herr-
schende Bestreben der Zurückführung aller Quali-
täten auf Quantitäten, hier eine Rolle gespielt, oder
ob es sich um die bewußte oder unbewußte An-
wendung eines Forschungsprinzips von der Art
des KEPpLErRschen ‚Natura simplicitatem amat“
gehandelt hat wobei die der Natur zugeschrie-
bene Vorliebe wohl auch aus dem Einheitsbedürf-
nis des menschlichen Geistes entsprungen sein
dürfte; doch wollen wir auf diese mehr in das
Gebiet der Philosophie als der Naturwissenschaften
gehörige Frage, die sich nahe mit dem von Ge-
heimrat HILBERT heute behandelten Thema be-
rührt, nicht eingehen. Wir wollen nur betrachten,
ob wir den modernen Urstoff auch bereits in der
zweiten Bedeutung als Stoff, aus dem die Dinge
entstanden sind auffassen dürfen, mit anderen
Worten, ob Tatsachen für eine Entwicklung der
Elemente sprechen.
Hier müssen wir nun sofort bekennen, daß wir
nicht einmal über die Richtung, in der die Ent-
wicklung der Elemente vor sich gegangen sein
dürfte, etwas Sicheres aussagen können. In anderen
Wissenschaften, in denen der Evolutionsgedanke
im einzelnen auch noch manchen Schwierigkeiten
begegnet, ist wenigstens die Richtung der Ent-
wicklung nicht zweifelhaft (wenn wir von Aus-
nahmen wie etwa der in der Anthropologie unter
biblischem Einfluß entstandenen Vorstellung ab-
sehen, daß primitive Menschenrassen nicht auf
einer tieferen Stufe der Entwicklung stehenge-
blieben, sondern sündhafterweise so tief herab-
gesunken sind). Wenn man früher es immer als
selbstverständlich angesehen hatte, daß die Ent-
wicklung der Materie ebenso wie die der Organis-
men vom Einfachen zum Komplizierteren gehen
müsse — ich denke an die Spekulationen nicht
nur eines Philosophen wie SPENCER, sondern auch an
die von Chemikern wie LOCKYER oder CROOKES —,
so hat die erste tatsächliche Beobachtung einer
Neubildung von Elementen uns genau das Gegen-
teil gezeigt. Bei den radioaktiven Stoffen können
wir bekanntlich eine Verwandlung der chemischen
Elemente beobachten. Hierbei gehen die schwer-
sten Atome, also die mit dem kompliziertesten
Aufbau, in einfachere über; die letzten Elemente
des natürlichen Systems, Uran und Thor, zerfallen
unter Bildung von verschiedenen Zwischenproduk-
ten und verwandeln sich schließlich in Blei und
Helium. Hier liegt also eine Elemententstehung
vor, die wir genau kennen, viel genauer als etwa
ein Zoologe die Entstehung einer neuen Art kennt,
und diese Elemententstehung ist nicht Evolution,
sondern Devolution, ist nicht Aufbau, sondern
Abbau. Man hat gelegentlich die Annahme ge-
macht, daß alle Elemente in schwächeren Massen
radioaktiv seien, daß also ganz allgemein in der
Welt ein Abbau von Materie vor sich gehe. Hierfür
fehlt jeder Beweis. Im Gegenteil, bei den leichteren
Elementen ist es gelungen, allerdings bisher nur
unter Benutzung der konzentrierten Energie zer-
fallender radioaktiver Stoffe, in minimalsten Men-
gen auch einen Aufbau herbeizuführen; wenn man
Stickstoff vom Atomgewicht 14 mit Alpha-Strahlen
beschießt, wird zwar aus dem Stickstoff Wasser-
stoff abgespalten, gleichzeitig tritt aber allem An-
schein nach das schwerere Alpha-Teilchen in den
Atomkern ein. Das Resultat ist das Sauerstoff-
Isotop vom Gewicht 17, welches wir auf der früher
gezeigten Tabelle 4 gesehen haben, hier also liegt
Aufbau eines komplizierteren Atoms vor.
Schon die natürliche Radioaktivität ist aber
ein sehr selten zu beobachtender Vorgang, und die
erwähnte atomaufbauende Wirkung spielt sich
auf unserer Erde in noch unvergleichlich viel
geringerem Maße ab. Wir möchten aber gern
etwas über die Entstehung der großen Zahl stabiler
Elemente wissen. Hier ist natürlich eine direkte
Beobachtung ausgeschlossen, aber wir befinden
uns trotzdem in keiner schlimmeren Lage als
etwa die Astronomen, deren Leben auch viel zu
kurz ist, um die Entwicklung der Sterne jemals
beobachten zu können und die trotzdem wohl-
fundierte Theorien über das Vergehen und Er-
löschen der Sterne aufstellen konnten. Keine
Wissenschaft teilt mehr den naiven ‚Rosen-
glauben‘, daß Gärtner unsterblich sind aus dem
in dem bekannten KELLERschen Gedicht an-
geführten Grunde, ‚solange die Rose zu denken
vermag, ist niemals ein Gärtner gestorben‘. Eine
aufmerksame Beobachtung kann auch dem kurz-
lebigen Wesen ein Nebeneinander verschiedener
Stufen des länger Lebenden enthüllen: es gibt alte
und junge Gärtner und Gärtnerskinder. So gibt es
auch nebeneinander alte und junge Sterne und
Sternnebel, und auf dieses Nebeneinander von
Sternen verschiedener Temperatur und Größe
gründeten die Astronomen ihre Theorien über das
7.
976
Nacheinander in der Sternentwicklung. Ein
analoges Verfahren wird voraussichtlich auch
einmal die Chemiker zu einer Lehre von der Ent-
wicklung der stabilen Elemente führen. Es sind
bereits gewisse hoffnungsvolle Ansätze vorhanden.
Ich habe früher erwähnt, daß das Gewicht eines
Atoms sich einfach aus der Zahl seiner Protonen
ergibt; doch haben die wunderbar genauen Mes-
sungen Astons in den letzten Jahren gezeigt, daß
diese Berechnung nicht exakt richtig ist; manche
Elemente haben bei ihrer Bildung einen relativ
größeren, andere nur einen unmeßbar geringen
Verlust an Masse erlitten. Die theoretische Physik
deutet diesen „Packungs-Effekt‘‘ genannten
Verlust an Masse als die Folge einer Aussendung
von Energie bei der Bildung des betreffenden Atoms.
Je genauer diese äußerst geringen Massenunter-
schiede zwischen den Atomen bekannt sein werden,
um so eher können wir hoffen, hieraus etwas über
die Art ihrer Bildung zu erfahren. Ja vielleicht
kommt uns bei diesem Bestreben auch noch von
einer ganz anderen Seite her Hilfe. Die Massen-
verluste sind klein, die ihnen äquivalenten Energie-
mengen aber nach einer bekannten Formel von
EINSTEIN außerordentlich groß. Diese Energie
wird vermutlich in der Form von äußerst harter
Strahlung frei. Seit den Forschungen von Hess,
KOHLHÖRSTER, MILLIKAN, HOFMANN und STEINKE
um nur die wichtigsten Arbeiter auf diesem
Gebiet zu nennen ist es bekannt, daß eine solche
äußerst harte Strahlung aus dem Weltenraum zu
uns kommt. Man schließt daraus, daß die Bildung
der Elemente nicht nur der Vergangenheit angehört,
sondern in den Sternen auch heute noch vor sich
geht, und Elementbildung hat vielleicht
für uns alle nicht nur eine theoretische, sondern
auch eine außerordentlich große praktische Be-
deutung. Schon lange war es ein Rätsel, wieso die
Sterne durch Jahr-Billionen beständig Energie aus-
zustrahlen vermögen, ohne sich zu erschöpfen. Es
diese
v. Batrockı: Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft.
Die Natur-
wissenschaften
ist nicht unwahrscheinlich, daß diese ‚unbekannte
Energie‘, die in astrophysikalischen Werken vor-
läufig — wie ein „unbekannter Gott‘ — unter
diesem Namen geführt wird, ebenso wie die kos-
mische Strahlung ihre Quelle in der Neubildung
von chemischen Elementen im Innern der Sonne
und der anderen Fixsterne hat. Vielleicht ent-
stehen dort die auf der Erde völlig stabilen Ele-
mente, vielleicht zunächst nur die radioaktiven
Stoffe, welche dann zerfallen, vielleicht aber geht
dort auch die Reihe der Elemente noch über die
Kernladung 92, über das schwerste irdische Ele-
ment Uran, hinaus. Hierüber wissen wir bis zum
heutigen Tage gar nichts Sicheres, da die zwei
einzigen Wege, die zur chemischen Analyse des
Weltalls bisher vorliegen, hier versagen: Meteorite,
die man früher öfters als Proben von Fixstern-
material angesehen hat, stammen wahrscheinlich
nur aus einem zertrümmerten Planeten, und die
Spektralanalyse, die bis zu den fernsten Sternen
reicht, enthüllt uns doch nur die Oberfläche und
nicht das Innere dieser Gestirne. Von welcher Art
immer aber auch die Elemente sein mögen, die in
den Sternen sich bilden, falls wirklich durch ihr
Entstehen und ihren Zerfall die Strahlung der
Sterne durch die Äonen aufrechterhalten wird,
so müssen wir daraus den Schluß ziehen, daß die
Temperatur der Sonne und damit auch alles Leben
auf unserer Erde von diesen noch völlig geheimnis-
vollen Prozessen der Elementverwandlung ab-
hängt.
Sie sehen, trotz aller Erfolge in der Erklärung
des natürlichen Systems, gibt es auch in der
Frage der Elemente noch manche Dinge auf der
Erde und besonders im Himmel, von denen unsere
Schulweisheit eben erst anfängt zu träumen. Eine
der vielen Fragen, deren Lösung erst die Zukunft
bringen wird, ist die nach Entstehungsart, Ent-
stehungsort und Entstehungszeit unserer chemi-
schen Elemente.
Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft.
Von Apoır v. Batock!, Bledau.
Ihr Vorstand hat mir die ehrenvolle Aufgabe
gestellt, Ihnen in Ergänzung der tiefgründigen
fachwissenschaftlichen Arbeiten dieser Tagung
kurze Ausführungen zu machen über die Bedeutung
der Landwirtschaft im Rahmen der gesamten Volks-
wirtschaft. Unsere vom Reich abgeschnittene und
von schwerster wirtschaftlicher Not bedrückte
Ostmark ist das deutsche Agrargebiet katexochen,
wo Wirtschaft, Wohlstand, Kultur und Volkskraft
weit mehr als anderswo vom Gedeihen der Land-
wirtschaft abhängig sind. Wenn die von allen
Ostpreußen mit herzlichem Dank begrüßte Ver-
legung Ihrer diesjährigen Tagung den Sinn hat,
Naturforschern und Arzten aus ganz Groß-Deutsch-
land durch persönliche Fühlungnahme die deutsche
Aufgabe unserer Ostmark und die Gefährdung
ihrer Erfüllung durch unsere Abschnürungsnot
näherzubringen, so gehört die Behandlung eines
agrar -politischen Problems sinngemäß in den
Tagungsrahmen.
Entsprechend dem Charakter Ihrer Arbeiten
möchte ich von der Erörterung aktueller, mehr in
das Gebiet der Politik fallender Fragen, insbeson-
dere der akuten. Wirtschaftsnot der Ostmark und
ihrer Abhilfe, absehen und das Problem mehr von
allgemeinen Gesichtspunkten aus behandeln.
Der alte Römer sagt: Nulla ars melior, nulla
homine libero dignior agricultura. Tatsächlich ist
die Landwirtschaft auch heute noch trotz des
technisch wissenschaftlichen Einschlags eine Kunst,
ihre erfolgreiche Ausführung ist eine Frage des
Könnens. Das Können, das sich beim Landwirt
wie beim sonstigen schaffenden Menschen auf
Wollen, Wissen, gefühlsmäßiges Erfassen gründet,
ist vergleichbar dem ähnlich gegründeten Können
des Arztes. Das Wissen war bis vor kaum 60 Jahren
Heft 47/48/49
28. 11. 1930
auch bei den führenden Landwirten wesentlich
empirisch. Von den Vorfahren her gesammelte,
vielfach in Bauernregeln zusammengefaBte Er-
kenntnisse von Tieren, Bodenfriichten, Wettcr
usw. bildeten die Grundlage, die wie immer in
solchen Fallen falsches oder doch nicht mehr
richtiges Traditionsgut mit noch vollwertigem
vermischte. Es war damit nicht viel anders wie
mit der ärztlichen Kunst in den auch noch nicht
so sehr weit zuriickliegenden Zeiten, wo in deren
Gebiet die exakt wissenschaftliche Forschung erst
in schr bescheidenem Umfange wirksam war und
Empirie und Tradition herrschten. Ein Arzt,
THAER, und ein Naturforscher, LiEBIG, haben die
Anfänge wissenschaftlicher Forschung, positiven
exakt ermittelten Wissens in die Kunst der deut-
schen Landwirtschaft eingeführt, die in der Folge
in vieler Hinsicht dann führend innerhalb der
Landwirtschaft der Welt geworden ist. Wie auf
allen anderen Gebieten, sind die Fortschritte
exakter wissenschaftlicher Erkenntnis auch auf
dem der Landwirtschaft vor allem in den letzten
Jahrzehnten, gewaltig gewesen; weit Gewaltigeres
bleibt aber sicherlich noch zu erreichen, bis in
dieser Hinsicht die Landwirtschaft der Industrie
ebenbürtig wird.
Das Durchdringen wissenschaftlicher Erkennt-
nisse in die Praxis wird bei der Landwirtschaft im
allgemeinen und der deutschen im besonderen
dadurch viel mehr wie in anderen Erwerbszweigen
erschwert, daß Millionen einzelner Familien, fern
vom Verkehr, in einsamen Gehöften oder Dörfern
wohnend, weit überwiegend auf einfachste Bildung
durch ein- oder zweiklassige Landvolksschulen be-
schränkt, zur Ausübung der landwirtschaftlichen
Kunst berufen sind. Nur ein Viertel des landwirt-
schaftlich genutzten Bodens Deutschlands ist in
der Hand von großen Betrieben, die übrigen drei
Viertel liegen in Bauernhänden. Auch Ostpreußen
ist, entgegen im Reich vielfach herrschenden Auf-
fassungen, zu zwei Drittel Bauernland, und nur ein
Drittel des Bodens ist in der Hand von großen Be-
trieben, die übrigens durch private Aufteilung und
durch die Siedlungstätigkeit der öffentlichen Hand
an Zahl und Fläche sich von Jahr zu Jahr ver-
ringern.
Der überwiegend bäuerliche Charakter der
deutschen wie fast der gesamten europäischen
Landwirtschaft erschwert naturgemäß die schnelle
Verbreitung neuer wirtschaftlicher Erkenntnisse
in die Praxis. Es ist vom Staat aus in Preußen
schon seit den ersten Hohenzollernkönigen und im
zunehmenden Maße wieder in der neuesten Zeit
daran gearbeitet worden, die positiven Fachkennt-
nisse des landwirtschaftlichen Nachwuchses zu
heben. Das ist verhältnismäßig leicht in den Ge-
bieten, wo die Produktionsfaktoren: Bodenbeschaf-
fenheit, Klima, Absatzverhältnisse, einheitlich
sind. Es ist auch verhältnismäßig leicht, in Gebieten
mit starker Ausfuhr von Agrarprodukten, wie z. B.
Holland, Dänemark und die Ostseestaaten. Denn die
Agrarausfuhrware läßt sich verhältnismäßig leicht
v. Barockı: Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft. 977
durch die öffentliche Hand nach ihrer Beschaffen-
heit ordnen und beeinflussen, und diese Ordnung
und Beeinflussung greift dann von selbst auf den
im Lande selbst verbrauchten Teil der Agrarproduk-
tion über. Dieser Vorteil der Agrarausfuhrländer
ist, neben der Hemmung der wirtschaftlichen Ent-
wicklung Deutschlands in der Kriegs- und In-
flationszeit, der Grund dafür, daß die genannten
Ausfuhrländer in der Qualitätserzeugung die deutsche
Landwirtschaft stark überflügelt haben. Die Be-
seitigung dieser Rückständigkeit durch schnelle
Verbesserung der wirtschaftlichen und technischen
Schulung und des genossenschaftlichen Zusammen-
schlusses der landwirtschaftlichen Bevölkerung,
vor allem in der Richtung eigentlicher Qualitäts-
erzeugung, wird immer allgemeiner als das Gebot
der Stunde erkannt.
Was die Menge der Agrarproduktion anlangt,
so hat die deutsche Landwirtschaft trotz der er-
wähnten Hemmnisse gegenüber dem Durchschnitt
Europas gewaltige Fortschritte gemacht. Dabei ist
ein grundsätzlicher Unterschied zwischen der agrari-
schen und der industriellen Produktionsmöglichkeit
im Auge zu behalten. Jede Erzeugungsstätte ist
an den Besitz einer Bodenfläche gebunden, die
Fabrik, die Bergwerksanlage, Speicher und Ver-
kaufsräume des Händlers wie der Betrieb des
Landwirtes. Die in Betracht kommende Boden-
fläche ist aber außerhalb der Landwirtschaft im
Verhältnis zum Betriebsumfange verschwindend
gering. Deshalb ist, räumlich betrachtet, die Aus-
dehnungsfähigkeit von Industrie und Handwerk
auch in einem so eng zusammengedrängten Volke,
wie heute das deutsche, praktisch unbeschränkt.
Soweit Arbeitskräfte, Unternehmertüchtigkeit, Kapi-
tal und Absatz vorhanden sind, kann die indu-
strielle Produktion beliebig erweitert, kann eine
Fabrikanlage an die andere gereiht werden. Für
die Landwirtschaft ist dagegen die Bodenfläche
das Hauptproduktionsmittel, und diese Tatsache
bedeutet in Ländern wie Deutschland, wo der
landwirtschaftlich nutzbare Boden bereits mit ge-
ringen Ausnahmen in Nutzung genommen ist,
eine starke Einschränkung der Möglichkeit zur Aus-
dehnung der Agrarproduktion und der landwirt-
schaftlichen Erwerbsgelegenheit.
Es ist deshalb eine außerordentliche Leistung,
wenn z. B. in der Zeit von 1820— 1875 der Getreide-
ertrag von 100 ha landwirtschaftlicher Fläche nach
SOMBART in einer Reihe von ihm herangezogener
Betriebe sich von etwa 800 auf etwa 2400 Zentner
erhöht, also verdreifacht hat und wenn in den
letzten 20 Jahren vor dem Kriege eine weitere
Steigerung um durchschnittlich das Einhalbfache
erreicht ist. Eine fast noch größere Leistung ist es,
wenn die deutsche landwirtschaftliche Produktion
nach ihrer völligen Zerrüttung durch Krieg und
Zwangswirtschaft in der kurzen Zeit von 1920 bis
1930 trotz aller Hemmungen den Produktionsstand
von 1913 wieder erreicht und in vielen Zweigen
überschritten hat.
Wenn, um das gleich hier zu erwähnen, trotz
978 v. Barockı: Die Landwirtschaft
des hohen Ergebnisses im Bruttoertrage ein groBer
Teil der deutschen Betriebe seit 1923 keine Netto-
ertrdge erzielt, sondern im Gegenteil Verluste er-
litten hat, wenn dadurch viele Betriebe aller Größen,
ganz besonders in Ostpreußen, zum Zusammen-
bruch oder dicht vor den Zusammenbruch gekom-
men sind, so liegt das an einer ganzen Reihe von
Umständen: Aufeinanderfolge ungünstiger Ernten,
schwere Viehseuchengänge, Überspannung der öf-
fentlichen Belastung, hohe Zinssätze, untragbares
Verhältnis zwischen dem, was der Landwirt für
sein Produkt erhält und dem, was er für seine
Betriebsmittel bezahlt. Viele ‚Ärzte‘, berufen
und unberufene, Fachmänner und Pfuscher nehmen
sich der Krankheit der deutschen Landwirtschaft
an. Ein Teil dieser Ärzte hat in den ersten Stabili-
sierungsjahren ein System empfohlen, das sich
etwa mit der Pharmakopoea elegans vergleichen
läßt: der Rat zu äußerster Modernisierung, In-
tensivierung und Rationalisierung, Vergrößerung
des Maschinenparks, starker Anwendung von
Kunstdünger usw., um möglichst schnell eine mög-
mit
lichst reichliche Versorgung Deutschlands
eigenen Lebensmitteln zu erreichen. Die An-
wendung dieser Methode hat nur allzuoft den
Geldbeutel des Landwirtes geleert, ohne den Erfolg
seines Betriebes entsprechend zu stärken, wıe das
ja auch in Fällen körperlicher Krankheit bei
Anwendung neuer und kostspieliger Heilmethoden
manchmal vorkommen soll. Wie zum Hohn wird
den Landwirten, die solchen Ermahnungen der Re-
gierungssachverständigen gefolgt und dadurch in
Not geraten sind, jetzt von denselben Leuten
vorgeworfen, daß sie durch verfehlte Investitionen
ihr Unglück selbst herbeigeführt hätten. Als
hoffnungslos sehe ich trotz aller augenblicklichen
Not die Lage der deutschen und insbesondere der
am schwersten betroffenen ostpreußischen Land-
wirtschaft deswegen nicht an, weil sich in letzter
Zeit immer mehr in Deutschland die Erkenntnis
verbreitet hat, wie sehr das Schicksal aller übrigen
Gruppen der Wirtschaft und der Bevölkerung
von dem Schicksal der Landwirtschaft abhängt
und weil diese Erkenntnis zu entsprechenden ge-
setzgeberischen Taten geführt hat und hoffentlich
weiterführen wird
Wenn ich eben von Fehlinvestitionen ge-
sprochen habe, so sind damit nur Aufwendungen
gemeint, deren Umfang zur Zeit mit den vor-
handenen Kapitalkräften nicht vereinbar ist.
Auch bei der deutschen Industrie ist es wohl mit
ein Grund ihrer heutigen schweren Krise, daß sie
im Tempo der Investitionen über die Grenze der
deutschen Kapitalkraft allzusehr hinausgegangen
ist. Damit ist selbstverständlich weder bei der
Industrie noch bei der Landwirtschaft gemeint,
daß sie in der Stärkung und technischen Verbesse-
rung ihres Produktionsapparates einen Stillstand
eintreten lassen sollten. Bei all den Hemmungen,
denen die deutsche Wirtschaft nach unserem Zu-
sammenbruch im Rahmen der Weltwirtschaft
unterliegt, ist gerade die Erhaltung und Verstär-
Die Natur-
wissenschaften
als Glied der Volkswirtschaft.
kung unseres Vorsprunges in technischer Hinsicht
unser einziges Aktivum. Trotz allem, was durch
die Zusammenarbeit zwischen den Naturwissen-
schaften und der landwirtschaftlichen Praxis an
Produktionsverbesserung wie erwähnt schon er-
reicht ist, bleibt ja noch unendlich viel weiter zu
erreichen sowohl durch Gewinnung neuer wissen-
schaftlicher Erkenntnisse, wie — und das ist noch
wichtiger — durch Verwertung des landwirtschaft-
lichen Erkenntnisgutes für die breite Praxis.
Einige Beispiele aus diesem umfangreichen
Gebiet: Die Feststellung des Bedarfes des Bodens
an den Hauptpflanzennährstoffen Kali, Phosphor
säure, Stickstoff, wurde noch vor wenigen Jahr-
zehnten auch in den fortgeschrittenen Wirtschaften
rein empirisch und gefühlsmäßig von den Land-
wirten getroffen. Dann folgten Versuche, die
Nährstoffgehalte chemisch festzustellen. Bald er-
kannte man, daß nicht der Gehalt an sich, sondern
die Löslichkeit der Nährstoffe durch die Pflanzen-
wurzel entscheidend sei. Da auch diese chemische
Untersuchungsart nur unvollkommene Ergebnisse
hatte, ging man zum biologischen Düngungsversuch
auf dem Felde über, indem kleine, nebeneinander-
liegende Parzellen eines Ackerstückes mit ver-
schiedenen Mengen des einzelnen Nährstoffes ge-
düngt und die Ergebnisse verglichen wurden. Da
hierbei das Ergebnis durch andere Wachstums-
faktoren wie Niederschlagsmenge, Lagerung, tie-
rische und pflanzliche Schädlinge, Ernteverluste
durch Regen allzusehr getrübt wurde, kam man
dazu, Bodenproben, die systematisch von allen
Teilen des betreffenden Ackerschlages entnommen
und gemischt wurden, in Töpfen unter Verhält-
nissen, welche die erwähnten Zufälligkeiten mög-
lichst ausschlossen, verschieden gedüngt, mit einer
bestimmten Zahl von Pflanzen zu besäen und die
Ergebnisse zu vergleichen. Neben anderen Me-
thoden hat sich die von dem Königsberger Mir-
SCHERLICH auf diesem Gebiet ausgebaute Fest-
stellungsmethode weit über Deutschland hinaus
verbreitet.
Heute wird kaum ein Zwanzigstel des deutschen
Kulturbodens nach solchen Methoden planmäßig
auf sein Nährstoffbedürfnis untersucht und ent-
sprechend zur Erzielung gesteigerter Erträge ge-
düngt. Das übrige Land wird noch auf gefühlsmäßi-
ger, empirischer Grundlage oder überhaupt nicht
mit künstlichen Dungstoffen versehen. Würde die
exakte Methode allgemein ausgedehnt, so würde
allein dadurch der Ertrag des deutschen Ackers
um die gesamte, heute noch nötige Einfuhrmenge
von etwa 4 Millionen t Getreide im Wert von fast
ı Milliarde RM. jährlich gesteigert werden können.
Ein anderes Beispiel: Die Anwendung der neuen
Ergebnisse der Vererbungslehre und Biologie ermög-
licht bei Rindvieh Züchtungs- und Fütterungs-
methoden, welche bei voller sachgemäßer Durch-
führung das Doppelte und Dreifache der heute in
Deutschland durchschnittlich von der Kuh erzielten
Milchmenge ergeben. Eine ganze Anzahl fort-
geschrittener Betriebe hat dieses Doppelte und
Heft 47/48 oo) v. Batocki: Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft. 979
28. 11. 1930
Dreifache des Durchschnittes bereits erreicht.
Macht sich auch nur ein erheblicher Teil der ge-
samten Betriebe diese Fortschritte voll nutzbar,
so steigt die deutsche Milchproduktion ohne wei-
teres um die ganze reichliche halbe Milliarde RM.,
die Deutschland heute an Milchprodukten einführt.
Diese Beispiele lassen sich vervielfältigen, aber
schon das Gesagte zeigt, welche gewaltigen Er-
folge ein weiterer Ausbau der planmäßigen Zu-
sammenarbeit zwischen einer fortschreitenden
naturwissenschaftlichen Erkenntnis und der breiten
landwirtschaftlichen Praxis bei uns erreichen kann.
Auch abgesehen von der bereits erwähnten
Kapitalknappheit sind die Hemmnisse gegen solche
Fortschritte bei der deutschen Landwirtschaft weit
größer als anderswo. In den Getreidegebieten der
Vereinigten Staaten und Kanadas handelt es sich
um riesige Flächen mit im wesentlichen gleich-
artigen Boden und Klima. Die einzelnen Getreide-
farmen haben alle etwa gleiche Größen, die zwischen
denen deutscher Bauern- und Großbetriebe liegen.
Die gleichmäßigen natürlichen Grundlagen ermög-
lichen äußerste Gleichförmigkeit in den Betrieben,
so die Anwendung gleichmäßigen Saatguts und
gleichmäßiger Bestellungs- und Erntemethoden,
die auf stärkster Benutzung typisierter, Hand-
arbeit sparender Maschinen beruhen. Unter diesen
Verhältnissen ist es der dort vom Staat muster-
gültig ausgebauten agrartechnischen Forschung
leichter möglich, ihre Arbeiten auf bestimmte
Punkte zu konzentrieren und deren Ergebnisse
schnell bis zur entferntesten Farm in die Praxis
zu übertragen. Bei uns dagegen sind Klima, Ver-
kehrs- und Absatzverhältnisse örtlich ganz ver-
schieden. Das bunte Durcheinander der ver-
schiedensten Betriebsformen und Betriebsgrößen,
die durch Klima und Wirtschaftsverhältnisse ge-
gebene Notwendigkeit, den einzelnen Betrieb nicht
einseitig auf viehlose Getreidewirtschaft oder auf
reine Weidewirtschaft oder auf den Anbau be-
stimmter Gemüse- und Obstsorten zu beschränken,
sondern vielseitig zu gestalten; alle diese Dinge
machen jeden Betrieb bei uns zum Individuum
eigener Art, das nicht mechanisch nach bestimm-
ten Weisungen einer wissenschaftlich technischen
Zentralstelle geleitet werden kann, sondern vor-
wiegend auf die persönliche Tüchtigkeit und An-
passungsfähigkeit des Inhabers gegründet ist, bei
dem also gewissermaßen das mechanische Element
gegenüber dem ,,Kiinstlerischen“ zurücktritt.
Beim großen landwirtschaftlichen Betrieb liegen
die Dinge für technische Fortschritte naturgemäß
günstiger. Das hat die Machthaber des russischen
Riesenreiches veranlaßt, den Boden, den sie vor
ıo Jahren mit Blut und Brand aus Grofbetriebs-
land zu Bauernland gemacht hatten, wieder unter
neuer Gewaltanwendung zu mechanisierten fabrik-
mäßigen Riesenbetrieben zusammenzufassen. Ohne
Zerstörung wirtschaftlicher Werte in untragbarem
Umfange ist das höchstens in einem Lande wie
Rußland möglich, wo der gewaltige Bodenvorrat
grundlegende Umwälzungen der Bodennutzung
verhältnismäßig ungefährlich macht und wo wegen
der primitiven Wohn- und Wirtschaftsweise der
Bauern durch die Umwälzung nur geringe Werte
an Gebäuden und Inventar zerstört werden. Im
alten Kulturlande Deutschland besteht der
Wert der landwirtschaftlichen Betriebe im Osten
gänzlich und im Westen zum größten Teil aus den
Gebäuden, dem Inventar und der in den einzelnen
Schlägen steckenden Bestellungsarbeit. Für den
Grund an sich bleibt nach Abzug dieser Werte vom
Gesamtwert der Betriebe nichts oder wenig übrig.
Käme deshalb in Deutschland jemand auf den
wilden Gedanken, die Millionen von Bauernhöfen
in einige tausend Riesenbetriebe umzuwandeln, so
würde die damit verbundene Zerstörung bestehen-
der Produktionsmittelwerte völlig unerträgliche
Folgen haben.
Tatsächlich ist die Entwicklung der Land-
wirtschaft in Deutschland in dieser Hinsicht be-
kanntlich umgekehrt wie im heutigen Rußland
und auch umgekehrt wie in unserer sich immer
stärker konzentrierenden Industrie. Sie geht von
selbst dahin und wird von der öffentlichen Hand
unter Aufwendung großer Mittel noch stark dahin
gebracht, daß durch Aufteilung bestehender Groß-
betriebe bäuerliche und kleinere Stellen geschaffen
werden. Freilich ist auch damit zunächst eine Zer-
störung großer Werte an Produktionsmitteln des
alten Großbetriebes verbunden, so daß aus Finanz-
gründen bei unserer heutigen Lage der Beschleu-
nigung dieser Entwicklung, die man als innere
Kolonisation bezeichnet, verhältnismäßig enge
Grenzen gesetzt sind. Trotzdem muß sie aus be-
völkerungspolitischen Gründen nach Möglichkeit
gepflegt werden.
Wenn wir uns nach diesem Überblick auf die
gegenwärtige Lage der Landwirtschaft innerhalb
der Volkswirtschaft in Deutschland zu mehr all-
gemeinen Fragen wenden, so ist zunächst ein
kurzer entwicklungsgeschichtlicher Überblick zu
geben.
In der primitiven Wirtschaft bilden landwirt-
schaftlich nutzbarer Kulturboden und sein Besatz
an Vieh neben der überaus bescheidenen Befriedi-
gung des Bedarfes an Wohnung, Kleidung und
Schmuck fast die alleinige Grundlage des Volks-
reichtums wie des Privatvermögens. Die Herr-
schaft über Völker und kleinere Gruppen beruht
deshalb auf dem Obereigentum des Herrschers am
Boden, das im Lehnsrecht seine rechtliche Fest-
legung findet. Wohlstand und Rang wird nach der
beherrschten Flache an Nutzboden, auch nach
dem Besitz an lebendem Inventar berechnet.
Pecunia kommt von pecus her. Innenpolitische
und äußere Kämpfe beziehen sich auf den Anteil
am Boden und seinem lebenden Besatz. Die Her-
stellung von Wohnraum, Kleidung und primitivem
Ackergerät ist im wesentlichen Nebenarbeit des
Landmannes. Der Handel beschränkt sich auf
wenige Gegenstände des Luxusbedarfes. Erst
nach und nach treten selbständiges Handwerk
und umfangreicherer Handel ergänzend neben die
980 v. Batocki: Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft.
Arbeit des Bauern und wirken städtebildend,
bleiben aber noch lange auf Gedeih und Verderb
von der die ganze Wirtschaft beherrschenden
Agrarproduktion abhängig.
Bei Beginn des Weltkrieges waren die meisten
Länder der Erde noch in diesem Sinne überwiegend
Agrargebiet. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung
war dort in Handwerk und Industrie zur Deckung
des Bedarfes des Landes tätig, der Boden ergab
über den Eigenbedarf hinaus Erträge, welche den
dichtbevölkerten, hochzivilisierten Ländern West-
und Mitteleuropas zur Bedarfsdeckung zugeführt
wurden. Im Austausch lieferten diese den Agrar-
ländern die Erzeugnisse ihrer Industrie. Die
Industrieländer gelangten durch den dabei er-
zielten Überschuß zu schneller Entwicklung ihrer
eigenen industriellen Produktionsmittel, zu schnell
wachsendem Wohlstand und zu gesteigerter Lebens-
haltung der weiter schnell wachsenden Bevölke-
rung. Das typische Beispiel ist das älteste moderne
Industrieland England. Das KRiesenreich mit
unterworfenen Agrarvölkern, die kaum eigene
Industrie besaßen, aber sich durch die Beherrscher
an das Bedürfnis nach Industriewaren gewöhnen
ließen, bildete ein gesichertes Absatzgebiet für die
englische Industiie. Auf dieser Grundlage konnte
sie bald so erstarken, daß sie auch Absatz in den
nicht der englischen Herrschaft unterworfenen
Ländern gewann. Denn fast ganz Europa war zu
einer Zeit, wo die englische Industrie sich schon
lebhaft entwickelt hatte, noch industriearmes
Agrarland. In seinem Imperium hielt England die
unterworfenen Völker sorgsam von eigener indu-
strieller Entwicklung fern. Am rücksichtslosesten
geschah das in dem dicht vor Englands Tür ge-
legenem Irland ; dessen Bevölkerung mußte bei den
für eine intensive Landwirtschaft wenig geeigneten
natürlichen Verhältnissen der Insel, da England
die Schaffung industrieller Arbeitsgelegenheit ver-
hinderte, verarmen und mangels Erwerbsgelegen-
heit im Lande zu Millionen auswandern, bis der
Weltkrieg für Irland die Freiheit brachte. Eine
ähnliche Entwicklung scheint sich in Indien anzu-
bahnen, und die Dominien über See zeigen immer
mehr Neigung zur selbständigen Entwicklung von
Industrien und zur Befreiung von der als Aus-
beutung empfundenen industriellen Vorherrschaft
Englands. Die englische Kolonie in Nordamerika
wurde schon früh so stark, daß sie die englische
Herrschaft zerbrach und sich so Freibeit zu eigener
industrieller Entwicklung schuf. Diese hat dank
Englands früherem Eintritt in den Weltkrieg heute
die des Mutterlandes weit überflügelt.
Seit zwei Menschenaltern hat England die Ent-
wicklung der Ausfuhrindustrie einseitig auf Kosten
der eigenen Landwirtschaft gefördert, Nahrungs-
mittel für seine Industriebevölkerung billig aus
Übersee bezogen und die eigene landwirtschaftliche
Erzeugung vernachlässigt. Von der Gesamtzahl
der Erwerbstätigen entfallen in England ıgıı
knapp 9%, 1921 nur noch knapp 8% auf Land-
wirtschaft, Forst und Fischerei, dagegen etwa die
Die Natur-
wissenschaften
Hälfte der Gesamtzahl auf Industrie und Bergbau
und ein Viertel auf Handel und Verkehrsgewerbe.
So mußte die Unabhängigmachung der Agrarländer
von der englischen Industrie Absatzkrise und
Massenarbeitslosigkeit in England erzeugen.
Dies Schicksal unseres siegreichen Hauptfeindes
im Weltkrieg, welcher von der Niederschlagung
Deutschlands eine Steigerung des Wohlstandes sei-
nes Landes erhofft hatte, könnte uns Deutsche
mit Schadenfreude erfüllen, wenn wir nicht selbst
in ähnlicher Lage wären. Deutschland war viel
später als England, aber seit der Jahrhundertwende
in um so schnellerem Tempo den Weg Englands
gegangen, seine Wirtschaft immer mehr auf die Aus-
fuhr von Industriewaren und den damit verbunde-
nen Handel zu gründen. Der ganze deutsche Be-
völkerungszuwachs fand hierin Beschäftigung, und
heute gehört kaum ein Drittel der Bevölkerung der
Landwirtschaft im weiteren Sinne an.
Frankreich mit etwa 42% Anteil der Landwirt-
schaft, 32% der Industrie und 14% des Handels an
der Zahl der Erwerbstätigen hat den agrarischen
Charakter viel weniger abgelegt, noch weit weniger
Italien mit weit über 50% Anteil der Landwirt-
schaft. Die planmäßige Förderung, welche diese
in Frankreich von jeher und in Italien vor allem
unter dem heutigen Regime erfahren hat, trägt
wohl neben anderen Umständen stark dazu bei, daß
diese Länder heute von der Krise minder schwer
betroffen werden.
Typisches Agrarland ist heute noch Polen mit
76% und noch mehr Rußland mit 80% aller Er-
werbstätigen in der Landwirtschaft. Beide Staaten
suchen, Polen mit milderen Mitteln alter Art,
Sowjetrußland mit den radikalen Maßnahmen des
Fiinfjahresplanes, sich des einseitigen Agrar-
charakters möglichst schnell zu entäußern. Auch
die kleineren Staaten in Europa und Übersee
folgen mehr oder weniger diesem Beispiel. Auch
sie suchen durch Entwicklung eigener Industrien
ihre Wirtschaft autarkischer zu gestalten, um durch
Stützung auf eingeführte Industriewaren nicht in
einer Abhängigkeit von den alten Industriestaaten
zu bleiben, die sie als Tributpflicht empfinden.
Welche Folgen diese Entwicklung der Weltwirt-
schaft für die alten Industriestaaten, insbesondere
auch für Deutschland, haben wird, ist noch nicht
abzusehen; daß es Folgen überaus ernster Art
sind und noch verstärkt werden können, führt die
Massenarbeitslosigkeit in den Industrieländern
England, Deutschland und neuerdings auch Nord-
amerika uns deutlich vor Augen.
Bei allen älteren Kulturländern zeigt sich ebenso
wie in Deutschland die Erscheinung, daß nach In-
gebrauchnahme des kulturfähigen Bodens durch
die Landwirtschaft zwar durch bessere Methoden
eine wesentliche Steigerung ihrer Produktion ein-
tritt, daß aber die Zahl der in ihr Beschäftigten
kaum wächst, ja vielfach infolge vermehrter An-
wendung arbeitsparender Verfahren und Geräte
sinkt. Der Spielraum für die Einstellung vermehr-
ter Arbeitskräfte auf der gegebenen Bodenfläche
Heft 47/48/49 |
28. ı1. 1930
ist in der Landwirtschaft so eng, daß starke Be-
völkerungszunahme in rein agrarischen Ländern,
die nicht über viel noch ungenutztes Land ver-
fügen, bald zu verhängnisvoller Übervölkerung
und Verelendung führt. Die Theorie von MALTHUs,
daß ein schnelleres Steigen der Bevölkerung der
Welt Mangel an Nahrungsmitteln und dadurch
Verelendung herbeiführen müsse, beruht bekannt-
lich auf seiner grundfalschen Auffassung von den
Steigerungsmöglichkeiten derWeltagrarproduktion.
Tatsächlich hat, obwohl heute noch gewaltige
Flächen kulturfähigen Bodens der Erde gar nicht
oder nur ganz mangelhaft ausgenutzt werden, die
Agrarproduktion der letzten Jahre nach schneller
Überwindung der Kriegsfolgen schon den Weltbe-
darf überschritten und dadurch die Absatzkrise
auf dem Weltmarkt für Agrarprodukte hervor-
gerufen. Der Überschuß ist so groß, daß durch ihn
schon heute die in einzelnen Ländern wie Rußland
und China zum Hunger führenden Fehlbeträge
reichlich gedeckt werden könnten. Wäre erst ein-
mal der ganze kulturfähige Boden der Welt der
Nutzung zugeführt und würden davon im all-
gemeinen im Durchschnitt solche Erträge erzielt,
wie sie jede einigermaßen fortgeschrittene Wirt-
schaft bereits heute auf Grund der gegebenen,
selbstverständlich noch stark verbesserungsfähigen
technischen Grundlagen erreicht, so würde bei der
heutigen Weltbevölkerungszahl die Absatzkrise ins
Unerträgliche gesteigert werden, ja die Produktion
an Nahrungsmitteln, Webstoffen und sonstigen
Boden- und Viehprodukten würden bald für das
Doppelte und Dreifache der heutigen Weltbevölke-
rung ausreichen.
Aus diesen Tatsachen folgt allgemein und ins-
besondere auch für Deutschland, daß der Bevölke-
rungszuwachs eines Landes, dessen Boden schon
voll erschlossen ist, im wesentlichen auf nicht land-
wirtschaftliche Erwerbsgelegenheit angewiesen ist.
So führt die Entwicklung in solchen Ländern
zwingend dazu, daß die Bedeutung der Landwirt-
schaft für die Arbeitsgelegenheit und für die Ge-
samtproduktion relativ zurückgeht und von der
Bedeutung der anderen Erwerbszweige immer mehr
überflügelt wird.
Neben den freien Berufen und dem öffentlichen
Dienst, die beide mit steigender Zivilisation und
Lebenshaltung an Zahl zunehmen müssen, wendet
sich der Bevölkerungsüberschuß, wenn er in der
Landwirtschaft keine Beschäftigung findet, im
Laufe der Entwicklung zunächst dem zu größerer,
selbständiger Bedeutung gelangten Handwerk und
demnächst in der modernen Entwicklung der
Industrie zu. Diese Entwicklung und die steigende
Lebenshaltung belebt zugleich Handel und Verkehr
und steigert die Zahl der in diesen Zweigen Be-
schäftigten. Je mehr die Möglichkeit unserer
Industrieausfuhr in bisherige Agrarländer zurück-
geht, desto wichtiger wird für unsere gesamte
Wirtschaft und unseren allgemeinen Wohlstand die
Erhaltung eines kaufkräftigen inneren Marktes in
der eigenen Agrarbevölkerung.
v. Batrockı: Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft. 981
Nach der preußischen Statistik gehörten 1843
61 % der Erwerbstätigen der Landwirtschaft, 23 %
den Gewerben aller Art, 2% dem Handel und Ver-
kehr, 5 % dem 6ffentlichen Dienst und den sonstigen
Berufen an. Schon 1907 war die Zahl bei der Land-
wirtschaft nur 29%, bei Industrie und Handwerk
43%, bei Handel und Verkehr 13% und bei den
übrigen Berufen 15 %. Seitdem ist die Entwicklung
im selben Sinne noch weiter geschritten.
Wirtschaftspolitisch liegt in solcher Entwicklung
die Gefahr, daß mit dem sinkenden Anteil der Land-
wirtschaft an der Bevölkerung eines Landes auch
ihr in früheren Perioden entscheidend gewesener
Einfluß auf die Gesetzgebung sinkt und die öffent-
liche Hand infolgedessen die landwirtschaftlichen
Belange vernachlässigt. Die Schärfe der gegen-
wärtigen Agrarkrise in Deutschland, insbesondere
in Ostdeutschland, ist wohl zum größten Teil auf
in dieser Hinsicht gemachte Fehler zurückzuführen.
Erst in allerjüngster Zeit ist die darin für das ge-
samte Land liegende Gefahr von den maßgebenden
Kreisen erkannt und die Abhilfe entschlossen in
Angriff genommen worden. Gerade in diesen Tagen
stehen wir ja in dieser Hinsicht vor wichtigen Ent-
scheidungen.
Heute bleibt auf dem Weltmarkt sowohl in der
Industrie wie auch in der Landwirtschaft die Kauf-
kraft der Verbraucher hinter der jetzigen Er-
zeugungsmenge und noch mehr hinter den durch
die Produktionsmittel gegebenen Erzeugungs-
möglichkeiten zurück. In solcher Zeit neigen alle
Staaten, auch die früher unbedingt freihändleri-
schen wie England, dazu, trotz aller schönen
Redensarten von der Beseitigung der wirtschaft-
lichen Schranken zwischen den Völkern sich in der
Erzeugung und im Verbrauch autarkisch abzu-
schließen, ihrer Industrie den Absatz wenigstens in
ihrer Landwirtschaft und ihrer Landwirtschaft den
Absatz in ihrer Industriebevölkerung zu sichern.
Die Agrarvölker können auf Grund ihrer niedri-
gen Lebenshaltung ihre Agrarproduktion mit niedri-
gen Löhnen erzeugen und zu Preisen über die
Grenze vertreiben, welche für die Landbevölkerung
des höher zivilisierten Landes den Ruin bedeuten.
Die große nicht landwirtschaftliche Mehrheit
der Bevölkerung in Ländern wie Deutschland
wünscht vom Standpunkt ihrer Lebenshaltung und
ihrer Produktionskosten naturgemäß an sich mög-
lichst niedrige Preise für ihren Nahrungsbedarf. Hat
das Land, wie das England der Vorkriegszeit, einen
sicheren und günstigen Auslandsabsatz fürden Groß-
teil ihrer industriellen Erzeugnisse, dann kann der
Gesichtspunkt der billigen Lebensmittel den Anlaß
geben, auf Produktion und Kaufkraft der eigenen
Landwirtschaft zu verzichten und ruhig zuzusehen,
wie deren Anteil am Wohlstand immer mehr her-
abgeht. Unter den heutigen völlig veränderten
Verhältnissen tritt freilich selbst in England diese
freihändlerische Einstellung mehr und mehr zurück.
In Deutschland ist die landwirtschaftliche Be-
völkerung nach Zahl und Bedeutung für die Pro-
duktion wie für die Kaufkraft trotz der Industrie-
982 v. Batocki: Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft.
entwicklung der letzten Jahrzehnte noch von
höchster Bedeutung für die gesamte Wirtschaft.
Einige schlagwortartige Beispiele. Die deutsche
Landwirtschaft produziert an Getreide und sonsti-
gen Bodenerzeugnissen jährlich Werte von 4!/, Mil-
liarden RM., an Schlachtvieh aller Art Werte in
derselben Höhe und an Milch den Wert von fast
3'/, Milliarden RM. Demgegenüber beträgt die
Gesamtproduktion der Schwerindustrie an Kohlen,
Roheisen und Koks knapp 4 Milliarden RM., steht
also zwischen dem Wert der Erzeugung an Schlacht-
vieh und an Milch. Nach Abzug des Verbrauches
in der eigenen Wirtschaft ergibt sich eine Lieferung
der Landwirtschaft an die übrige Bevölkerung im
Wert von 10 Milliarden RM. Der Gesamtwert der
gewerblichen Produktion wird auf 26 Milliarden
geschätzt.
Von der Einfuhr an Lebensmitteln, welche in den
letzten Jahren ziemlich gleichbleibend stark
4 Milliarden RM. betrug, entfallen über 3 Milliarden
auf Produkte, die auch in Deutschland erzeugt
werden könnten.
Es ist nur eine Frage einigermaßen ausreichender
Rentabilität, genügender Kapitalzufuhr und fort-
schreitender Schulung der landwirtschaftlichen Be-
völkerung, daß auch diese Einfuhrmengen im wesent-
lichen in Deutschland erzeugt werden können. Der
Erfolg MussorLınıs in dem an fruchtbaren Gebieten
verhältnismäßig armen Italien hinsichtlich des
raschen Vorwärtstreibens der landwirtschaftlichen
Produktion kann uns in mancher Hinsicht ein
Vorbild sein.
Ein schweres Hemmnis besteht bei uns in dem
allzu großen Anteil an dem von den Verbrauchern
zu zahlende Preise, welchen Verarbeitung und Ver-
trieb der Nahrungsmittel in Anspruch nehmen. Man
hat berechnet, daß die deutschen Verbraucher für
deutsche landwirtschaftliche Erzeugnisse und dar-
aus hergestellten Waren im ganzen fast 20 Milliar-
den RM. bezahlen, von denen die Landwirtschaft
nur 10 Millionen erhält. In den Niederlanden
sollten bei zweckmäßigerer Organisation von Ver-
kehr und Handel, nicht wie bei uns in Deutsch-
land 50, sondern 60% der Verbraucherpreise den
landwirtschaftlichen Erzeugern zufallen. Wäre ein
gleiches Prozentverhältnis in Deutschland zu er-
reichen, so würde allein dadurch ohne Mehrbe-
lastung der Verbraucher der landwirtschaftlichen
Bevölkerung ein Mehrertrag von 2 Milliarden jähr-
lich zufließen, der die Agrarkrise beseitigen und eine
schnelle Weiterentwicklung der Produktion und
der Kaufkraft der Landwirtschaft ermöglichen
würde.
Ich habe von den Beziehungen zwischen der
Wirtschaft der Industrie und der Agrarvölker und
deren Verschiebung in dem letzten Jahrzehnt ge-
sprochen. Naturgemäß zerfällt auch das einzelne
Industrieland wieder in Gebiete von überwiegend
industriellem und solche von mehr agrarischem
Charakter. Theoretisch wäre die beste Lösung eine
möglichst gleichmäßige örtliche Mischung der ver-
schiedenen Erwerbsgruppen. Dann könnte das
Die Natur-
wissenschaften
Produkt der Landwirtschaft wie der Industrie auf
kürzestem, billigstem Wege zum Verbraucher ge-
langen, und beide Zweige würden besser gedeihen.
Würden die für die Beschäftigung des Bevölke-
rungszuwachses jedes Bezirkes nötigen Fabriken
im wesentlichen in dem Selbstbezirk errichtet sein,
so brauchte der Bevölkerungszuwachs nicht abzu-
wandern, und die relative Bevölkerung des einen
wie die Übervölkerung des anderen Bezirkes käme
zum Stillstand.
In einem diese Dinge behandelnden Buche habe
ich den deutschen Volks- und Wirtschaftskörper
in dieser Hinsicht mit dem eines rachitischen Kindes
verglichen, bei dem durch falsche Regelung des
Säfteumlaufes einzelne Glieder verkümmern und
in anderen sich die Säfte ungesund anstauen. Groß-
Berlin als Skrofelbauch an Bevölkerungsdichte,
das Ruhr- und Rheingebiet als Wasserkopf und das
Land östlich der Oder als verkümmerte Beine. Ein
noch fast rein agrarisches Volk wie etwa heute noch
Polen und Rußland paßt seine Lebenshaltung all-
gemein einem bescheidenen Arbeitsertrage an, wie
ihn die dortige Landwirtschaft ohne kaufkräftigen
industriellen Abnehmer eben nur bieten kann.
Es verfügt in seinem primitiven Wirtschafts-
zustande zumeist noch über die Möglichkeit, durch
Heranziehen unbenutzten und durch intensivere
Bearbeitung bereits in Nutzung genommenen
Bodens dem Bevölkerungszuwachs in der engeren
Heimat landwirtschaftliche Erwerbsgelegenheit zu
schaffen.
In Deutschland ist die Arbeitskapazität des land-
wirtschaftlichen Bodens zwar nicht völlig, aber nahe-
zu erschöpft. Produktionssteigerung in der Land-
wirtschaft wird mehr durch arbeitsparende Technik
wie durch vermehrte Menschenarbeit auf der ge-
gebenen Fläche zu erreichen sein. Die Aufnahme-
fähigkeit der Industrie für Menschenarbeit hat
zwar bis zum Kriege in Deutschland schneller als
die Bevölkerung zugenommen und die Aufnahme
von einer Million ausländischer Arbeitskräfte ver-
anlaßt. Zur Zeit ist unsere Industrie infolge schnel-
ler Durchführung handarbeitsparender Rationali-
sierungsmaßregeln und, seit Einsetzen der jetzigen
Krise, auch wegen Absatzmangel für einen Be-
völkerungszuwachs nicht mehr aufnahmefähig, viel-
mehr sogar gezwungen, mehr als zwei Millionen der
vorhandenen Bevölkerung arbeitslos zu setzen.
In solcher Lage ist es schwer, frühere wirtschaft-
liche Unterlassungssünden wiedergutzumachen.
Die Zusammenballung von Menschenmassen in
Deutschland war wirtschaftlich nicht nötig und
hätte ohne irgendwelche scharfen Eingriffe durch
Verkehrs- und Steuermaßregeln von einer ziel-
klaren Staatsführung verhindert werden können.
Es war nicht nötig, daß in den Jahrzehnten indu-
strieller Blüte vor dem Kriege Fabrikbetriebe, die
nicht wie die Schwerindustrie an die Kohle örtlich
gebunden waren, immer wieder an denselben
Stellen entstanden, daß die immer wieder den Be-
völkerungsüberschuß der übrigen Gebiete an sich
zogen und daß sie so eine ganz unglückliche Ver-
fe
WwW
d
in
Heft no HEINROTH: Die körperlichen und geistigen Jugendentwicklungsweisen einheimischer Vögel. 983
28. II. 1930
teilung der Erwerbsgelegenheit und demgemäß der
Bevölkerungsdichte, Ubervélkerung der Industrie-
gebiete und relative Entvélkerung der Agrargebiete
Deutschlands entstehen lieBen.
Sie wissen als Arzte am besten, welche Gefahr
gerade unserem auf engem Raum lebenden deut-
schen Volk an Leib und Seele erwächst aus der
übermäßigen Verstädterung, aus der völligen Los-
lösung der Massen von der Fühlung mit der freien
Natur, aus ihrer Zusammenpferchung im Häuser-
meer. Sie wissen, wie unsere die Menschen schnell
verbrauchenden Großstädte und Industriebezirke
den Jungbrunnen einer kräftigen Landbevölkerung
nötig haben, um nicht zu verkümmern und ab-
zusterben.
Ich bin am Schluß. Ich habe versucht, Ihnen
darzulegen, daß auch in einem Industrieland wie
Deutschland eine leistungsfähige Landwirtschaft
und eine gedeihende landwirtschaftliche Bevölke-
rung wirtschaftlich unentbehrlich ist als Produzent
von Lebensmitteln wie als Abnehmer von Industrie-
erzeugnissen.
Ich habe ausgeführt, daß für unsere landwirt-
schaftliche Produktion schon heute die technischen
Möglichkeiten gegeben sind und in Zukunft durch
Zusammenwirken von Wissenschaft und Praxis
noch in viel weiterem Maße gegeben werden können,
um das deutsche Volk im wesentlichen aus Eigenem
zu ernähren.
Hinsichtlich des Absatzes der Industrie habe ich
hervorgehoben, daß für diese eine aufnahme-
fähige Landwirtschaft um so unentbehrlicher wird,
je mehr die alten Industrieländer ihren Außen-
absatz durch die fortschreitende Industrialisierung
der bisherigen Agrarländer bedroht sehen.
Ich habe sodann ausgeführt, daß es auf die
Dauer nicht angeht, in einem national geschlossenen
Wirtschaftsgebiet wie Deutschland zuzulassen, daß
Erwerbsverhältnisse und Lebenshaltung des land-
wirtschaftlichen Bevölkerungsteils durch den un-
gezügelten Wettbewerb anderer Agrarvölker mit
niedriger Lebenshaltung und entsprechend billigere
Produktion unter den Zuschnitt der übrigen deut-
schen Bevölkerung herabgedrückt werden.
Ich habe schließlich die schweren Gefahren be-
tont, welche für die körperliche und seelische Volks-
gesundheit und Volksentwicklung aus der falschen
Verteilung der Bevölkerungsdichte entstehen.
Abwanderung und Zusammenballung der Be-
völkerung oder richtige Verteilung ist fast aus-
schließlich eine Frage der Erwerbsgelegenheit.
Die Erwerbsmöglichkeit in der Landwirtschaft ist
wegen des beschränkten Bodens und der gebotenen
weiteren Rationalisierung der Betriebsform nicht
wesentlich vermehrbar. Die Aufgabe, neue Arbeits-
gelegenheit zu schaffen, ruht hauptsächlich auf
der Industrie. Nur ein mäßiger Teil von dieser ist
unbedingt ortsgebunden. Es ist deshalb nötig
und möglich, die Arbeitsstätten besser zu verteilen;
es ist ferner nötig und möglich, der schon zu eng
wohnenden Bevölkerung durch lockere Siedlungs-
form wieder mehr Fühlung mit der Natur, mehr
Luft und Sonne und damit bessere körperliche und
seelische Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen.
Sie sind durch Ihren hohen Beruf als Forscher
und Ärzte mit berufen, bei der Lösung solcher Auf-
gaben beratend und führend unserm deutschen
Volk zu dienen. Durch Ihren Besuch in unserer
äußersten Ostmark wird Ihnen eine Seite der Be-
völkerungsnot, der Abwanderungsverlust und die
relative Entvölkerung eines einseitigen agrarischen
Wirtschaftsgebietes vor Augen geführt. Die andere
Seite ist Ihnen, die Sie aus dem Reich und über
seine Grenzen gekommen sind, schon größtenteils
aus eigener Anschauung bekannt. Wenn die hier
gewonnene Erkenntnis und wenn auch meine Dar-
legungen in Ihnen den Willen fördern, bei der Ab-
wehr der Gefahr mitzuhelfen, dann ist der Zweck
der Ausführungen, die ich Ihnen zu machen die
Ehre und Freude hatte, erfüllt.
Die körperlichen und geistigen Jugendentwicklungsweisen einheimischer Vögel.
Von O. HEINROTH, Berlin.
Der Möglichkeiten, aus einem Ei ein völlig
fertiger Vogel zu werden, gibt es sicher ebenso viele
wie die entsprechenden beim Säugetiere; man
denke dabei an die winzig und unentwickelt zur
Welt kommenden Beuteltiere einerseits und an
ein junges Gnu andererseits, das mit noch nasser
Nabelschnur so flüchtig vor dem eingeborenen
Jäger dahinsprengt, daß er es nicht einzuholen
vermag. Die Vettern der Vögel, die Kriechtiere,
kommen wohl sämtlich als selbständige, keiner
Pflege bedürftige und den Eltern meist bis auf die
Größe vollkommen gleichende Geschöpfe aus dem
Ei. Bei den Säugern ist wenigstens stets eine
Bindung zwischen Mutter und Kind durch die Milch
vorhanden, bei Vögeln kann etwas Ähnliches vor-
kommen, aber dann wird, wie bei den Tauben, der
Nährstoff von beiden Eltern abgegeben.
Eingehende vergleichende Beobachtungen und
photographische Festlegungen der Jugendent-
wicklung sämtlicher einheimischer Vogelgruppen
fehlten bisher, und diese Lücke versuchten meine
Frau und ich in bisher etwa 25jähriger Arbeit
auszufüllen; in den noch nicht lange erschienenen
drei Bänden unsrer ‚Vögel Mitteleuropas‘‘ haben
wir insgesamt 3337 Aufnahmen und die dazu-
gehörigen Beobachtungen veröffentlicht. In diesem
Vortrage will ich versuchen, mit 78 Lichtbildern
eine kleine Vorstellung recht verschiedener Nest-
hocker und Nestflüchter zu geben. Hier im Bericht
seien die Hauptgesichtspunkte dargelegt.
Die allbekannte Amsel, Turdus merula, wiegt
bei der Geburt etwa 5,5 g, das Ei um 7 g, und man
findet, daß so ziemlich bei allen Vögeln, sei es ein
Zaunkönig oder eine Trappe, das frischgeschlüpfte
Junge zwei Drittel des frischgelegten Eies wiegt,
nur sind die neugeborenen Nesthocker und Nest-
984
flüchter sich darin nicht gleichwertig, daß erstere
nur einen geringen, letztere dagegen einen oft sehr
großen Dottervorrat in der Bauchhöhle haben. Die
Nesthocker-Eier enthalten nämlich nur 15 bis un-
gefähr 20, die Nestflüchter-Eier häufig 40% und
mehr an Dotter. Da sich während der Bebrütung
der Körper des Keimlings im wesentlichen aus dem
Eiweiß aufbaut, so bleibt bei den Nestflüchtern
viel Dotter übrig, so daß sie nach dem Verlassen der
Eischale zunächst noch nicht und dann nur wenig
zu fressen brauchen, was ja bei schlechtem Wetter
oder wenn größere Ortsveränderungen nötig wer-
den, durchaus zweckmäßig ist. Zum Beispiel:
Höckerschwan-Ei etwa 375g, Dotter 150g = 40%,
neugeborenes Küken um 225 g, Dotter im Küken
60 g, also fast ein Viertel des Eigengewichtes, so-
daß der junge Schwan ohne Vorratsdotter nur
Der
190 g, also die Hälfte seines Eies, wiegt.
Kormorankeimling, Phalacrocorax carbo, birgt
beim Schlüpfen nur 1—2 g Dotter in sich, er
wiegt gegen 40 g, und die Dottermenge des Eies
betrug nur 6,6 g 16%. Nun zur Amsel zurück:
Meist verläßt das Junge hüpfend und noch kaum
flugfähig mit ı3 Tagen das Nest und ist von 5,5
auf 63 g herangewachsen. Rein triebhaft, ohne je
schlechte Erfahrungen gemacht zu haben, hüpfen
die Jungen stets in eine Deckung, und natürlich
machen dies die vom Menschen aufgezogenen
genau so. Ferner sitzen sie, ähnlich wie Lerchen,
Ammern und viele andere, stets einzeln, sodaß ein
Raubtier jeweils immer nur einem Stück gefährlich
wird. Mit einem Monat pflegen die heimischen
Kleinvögel voll erwachsen zu sein, dann sind auch
die Kiele des Großgefieders verhornt. Da bei den
meisten die Flügel- und Schwanzfedern ein volles
Jahr lang getragen werden, so muß dann auch schon
das Endgewicht erreicht sein, d. h. Körperschwere
und Tragflächen müssen für den für die Art be-
zeichnenden Flug zueinander passen. Vögel, die
das Nest spät verlassen und dann schon richtig
fliegen können, sind am Ende der Nestzeit häufig
schwerer als die Eltern, wie z. B. Schwalben. Beim
Flüggewerden fressen sie meist wenig oder nichts,
trotzdem die Alten Futter anbieten.
Vogelarten, deren Nester durch Überschwem-
mung, Feinde usw. sehr gefährdet sind, haben meist
kurze Brutdauer und rasche Jugendentwicklung.
Inselformen und andere gesichert brütende können
sich eine langsame Entwicklung, also langsame Zell-
teilung leisten, dies wird an der Feldlerche, Alauda
arvensis, einerseits, die schon mit 9 Tagen das
Nest verläßt, und am Kleiber, Sitta, andererseits,
der in bis auf ein enges Loch zugemauerter Höhle
brütet und sich erst mit zwei Wochen zu befiedern
anfängt, gezeigt. Die merkwürdigen Artgewohn-
heiten des alten und jungen Kuckucks wurden be-
sprochen und zum Teil bildlich veranschaulicht.
Die Sauberhaltung des Nestes durch alt und
jung wird bei den einzelnen Gruppen durch recht
verschiedene Triebhandlungen gewährleistet: So
wird bei den meisten insektenfressenden Jung-
vögeln der mit einer schleimigen ‚Schicht um-
HEINROTH: Die körperlichen und geistigen Jugendentwicklungsweisen einheimischer Vögel. Die Natur-
wissenschaften
hüllte Kot der Nestlinge von den Eltern ab-
genommen und entweder verschluckt oder weg-
getragen, junge Raubvögel dagegen spritzen ihn
bis zu 2 m weit in gerader Richtung über den Horst-
rand. Während für alle Singvögel, den Kuckuck
und den Wiedehopf, der übrigens sein Nest genau
so sauber hält wıe z. B. ein Star, der Sperr-Reflex
für die Jungen bezeichnend ist, nehmen junge
Ziegenmelker, Mauersegler, Eisvögel, Spechte,
Tauben, Eulen, Raubvögel, Störche, Reiher und
Kormorane die Nahrung in anderer, bei den
einzelnen Gruppen verschiedener Weise den Eltern
ab. Schon im Nest üben die meisten Nesthocker
mit noch unentwickelten Flügeln den artgemäßen
Flug, der offenbar im Riickenmarke fest ver-
ankert ist. Kein Vogel lernt fliegen, am aller-
wenigsten durch das Vorbild der Alten, sondern er
kann es, sobald sein Körper und seine Federn hin-
länglich entwickelt sind. Bei den sehr unent-
wickelt aus dem Ei kommenden Spechten bilden
sich zunächst Sitzwarzen an den Fersen, da die
Tiere ja auf hartem Holze groß werden, später ver-
schwinden diese Hautgebilde wieder. Der neu-
geborene Schwarzspecht wiegt 9 g und verläßt
in 27 Tagen, flugfähig, mit 250 g die Nesthöhle.
Mit 16 Tagen hatte er es bereits auf 235 g gebracht,
sich also versechsundzwanzigfacht, das ist so, wie
wenn ein menschlicher Säugling von 6 Pfund in der-
selben Zeit auf ı!/, Zentner heranwachsen würde.
Die Bilder der teils nackten, teils schwach und
teils stark bedaunten Nestjungen, sowie die mehr
oder weniger schnelle und verschiedenartige Ent-
wicklung des Federkleides geben Gelegenheit, auf
die Mauser junger und alter Vögel einzugehen. Die
Erstlingsdaunen stehen später auf den Spitzen der
sprossenden Federn und werden allmählich abge-
rieben. Die sogenannten Pelzdaunen sprossen zwi-
schen den Federanlagen hervor und bilden dann einen
dichten Pelz unter den eigentlichen Federn. Das
Jugendgefieder wird bei verhältnismäßig wenigen
Vögeln bald vollständig gewechselt (Jugendfrüh-
und Vollmauserer), gewöhnlich bleibt das Groß-
gefieder bis zum nächsten Jahre stehen (Jugendfrüh-
und Teilmauserer). Nur sehr wenige alte Vögel er-
neuern ihr ganzes Gefieder jährlich zweimal
(doppelte Vollmauser), die meisten tun dies nur
einmal, und zwar im Sommer, nicht im Herbst.
Häufig findet zum Frühjahr nur eine Kleingefieder-
und dann im Sommer eine Vollmauser statt. Dabei
wird gewöhnlich ein verschieden gefärbtes Kleid
angelegt (sogenanntes Brutkleid und Ruhekleid).
Es würde zu weit führen, hier auf all diese Unter-
schiede einzugehen.
Die Nestfliichter kommen körperlich und
geistig sehr entwickelt zur Welt, jedoch gibt es da
auch viele Abstufungen. Gegen den menschlichen
Pfleger sind diejenigen, die nur kurze Zeit der
elterlichen Fürsorge bedürfen, also von Anfang an
sehr selbständig sind, häufig sofort sehr scheu,
flüchten und verstecken sich. Andere, lange Zeit
der Führung bedürftige, wie Gänse und Kraniche,
schließen sich sofort innig und unzertrennlich an
en
Se Ff
Heft ig
28. Ir. 1930
den Menschen an. Bei allen sind zunächst die
Beine sehr entwickelt. Der Laufknochen des Kra-
nichs wächst in der dritten Woche um 7 mm täglich.
Bei Formen, die in Deckung leben, wie z. B. Rallen,
erscheinen die Schwungfedern erst spät, bei Step-
penvögeln früh, sodaß eine Trappe, Otis tarda,
schon mit 5—6 Wochen fliegen kann. Die Wild-
hiihner der ganzen Erde haben als Kiiken einen nur
ihnen zukommenden, so eigenartigen Schwung-
federwechsel, daß Körpergewicht und Trag-
flächen fortlaufend im richtigen Verhältnis stehen,
manche (Pfau, Großfußhühner) kommen mit fast
BumKe: Über Psychoanalyse. 985
oder ganz gebrauchsfähigen Flügeln aus dem Ei.
Das sehr frühe Aufbaumen zur Nacht und das
Dahinschnurren beim Aufstöbern von der Erde
schützt die Tiere vor Bodenfeinden.
Die Steißfüße oder Lappentaucher, Podiceps,
machen unter den meisten anderen eigentlichen
Wasservögeln insofern eine Ausnahme, daß sie nicht
mit den Alten umherschwimmen und -tauchen, son-
dern sich in das Federkleid ihrer Eltern verkriechen
und wie junge Beuteltiere umhergeschleppt werden.
ja, sie unternehmen selbst Luftreisen auf dieseWeise,
Erst spät sind siein der Lage, Nahrung zu erwerben.
Über Psychoanalyse.
Von OswAaLD BUMKE, München.
Ich möchte diesen Vortrag mit einer allge-
meinen Bemerkung beginnen. Man mag darüber
streiten, wieweit Gelehrte bei lebhaften Meinungs-
verschiedenheiten überhaupt objektiv bleiben
können; bei der Psychoanalyse hängt, wie die Er-
fahrung lehrt, schon die Darstellung des Tat-
bestandes davon ab, ob ein Autor zu den Anhän-
gern oder zu den Gegnern gehört. Mir scheint, das
liegt nicht nur an dem Inhalt, sondern fast ebenso
an der geschichtlichen Entwicklung dieser Lehre,
die, ursprünglich als Grundlage einer rein ärztlichen
Behandlungsweise gedacht, für viele längst zur
Weltanschauung oder doch zum Ausgangspunkt
und zur Voraussetzung philosophischer und päda-
gogischer, prähistorischer und geschichtlicher, lite-
rarischer und künstlerischer Betrachtungen ge-
worden ist. Wer diese Entwicklung und die
Kämpfe verfolgt hat, von denen sie begleitet ge-
wesen ist, wird notwendig zu der Frage gedrängt,
ob man sich hier wirklich noch verständigen kann.
Ist es nicht — wie in Sachen der Weltanschauung
und der Denkmethoden so oft — der Gegensatz
verschieden veranlagter Köpfe, der Anhänger und
Gegner verhindert, über Inhalt, Wesen und Be-
gründung der Psychoanalyse einer Meinung zu
sein?
Ich erklare deshalb von vornherein: seit fast
einem Menschenalter gehöre ich zu den Gegnern
der psychoanalytischen Schule. Ich erkenne an,
daß FrEUD eine der bedeutendsten geistigen Er-
scheinungen der letzten Jahrzehnte gewesen ist,
und daß man sich beim Lesen seiner Schriften
stets in der Gesellschaft eines ungewöhnlich geist-
reichen und vorurteilslosen Mannes befindet; daß
wir ihm auf manchen Gebieten wertvolle Erkennt-
nisse verdanken, und daß gewisse Anschauungen,
die ich für richtig halte, ohne seine Vorarbeit heute
noch nicht möglich sein würden; ja schließlich so-
gar, daß ich meine eigene Auffassung vom Dualis-
mus, von den sich widersprechenden Strebungen
der menschlichen Seele, die ich an anderer Stelle!
ausführlich auseinandergesetzt habe, zum Teil auch
der kritischen Beschäftigung mit psychoanalyti-
schen Schriften verdanke. Aber FrEups Dogmen
1 Das Unterbewußtsein, 2. Aufl. Berlin: Julius
Springer 1926.
lehne ich ab, und noch mehr als den Inhalt seiner
Lehre bekämpfe ich seine Methode, weil sie sich,
davon bin ich fest überzeugt, mit den Grund-
sätzen einer exakten und damit nachprüfbaren
wissenschaftlichen Forschung in keiner Weise ver-
trägt.
Es ist eigentümlich, wie verschieden sich die
Psychoanalyse heute in den verschiedenen Köpfen
widerspiegelt. Während ein Anhänger FREUDs,
HEINZ HARTMANN!, jeden Gegensatz zwischen
dieser und den sonstigen wissenschaftlichen Denk-
weisen ebenso bestreitet wie das Vorhandensein
einer Brücke, die von ihr zu irrationalen Erkennt-
nissen führe, und während ALLERS?, KRONFELD®,
Straus‘, ich selbst® und viele andere seit Jahr-
zehnten gerade das am meisten an der Psycho-
analyse bekämpfen, daß sie das Seelische zu ma-
terialisieren und das Unbewußte zu rationalisieren
versucht, hat kein Geringerer als THOMAS MANN®
jüngst genau das Entgegengesetzte gesagt. Für
ihn ist Freups Libidolehre Naturwissenschaft
gewordene Romantik, und die Psychoanalyse wird
als der Riickschlag gegen die mechanistisch-
materialistischen Neigungen des vorigen Jahr-
hunderts und als eine Erscheinungsform des mo-
dernen Irrationalismus gedeutet.
Auch daß ein Forscher von der Einstellung
v. WEIZSÄCKERs, und daß manche evangelische
Geistliche in allen möglichen Formen der Ab-
stufung Sympathien für die psychoanalytische Be-
wegung bekunden, gehört in gewissem Sinne hier-
her. Denn FreEup selbst hat in seinen Büchern
über ‚das Ende einer Illusion‘ und über ,,das
Unbehagen in der Kultur“ nicht bloß eine Religion,
sondern die ‚Religion schlechthin so heftig bekämpft,
daß man meinen könnte, der Begründer der mo-
1 Die Grundlagen der Psychoanalyse. Leipzig:
Thieme 1927.
2 Über Psychoanalyse. Berlin: S. Karger 1922.
3 Über die psychologischen Theorien FREUDs und
verwandte Anschauungen. Leipzig: Engelmann 1912.
# Geschehnis und Erlebnis. Berlin: Julius Springer
1930.
51. c.
6 Die Stellung Freups in der modernen Geistes-
geschichte. Die psychoanalytische Bewegung, 1, H. 1,
Mai-Juni 1929. Internat. Psychoanalyt. Verlag, Wien.
086
nistischen Aufklärung, ERNST HAECKEL, der Ver-
fasser der ,,Weltratsel‘‘, hätte diese Bücher ge-
schrieben. Man denke: ein Romantiker, der die
„Empfindung der Ewigkeit nicht kennt, der
nach seinem eigenen Geständnis das Gefühl von
etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam
„Ozeanischem‘‘ niemals in sich entdeckt hat!
Hier klafft ein Widerspruch. Hat Tmomas
MANN FREupD mißverstanden, verstehen wir an-
deren ihn falsch, oder ist nicht vielmehr die Psycho-
analyse in sich selbst widerspruchsvoll, und lassen
sich diese Widersprüche nicht deuten’?
Ein Anhänger der Psychoanalyse, CHARLES
MAYLAN!, hat eine solche Deutung versucht. Wenn
man den Inhalt seines Buches mit einem heute
beliebten Schlagwort wiedergeben will, so hat das
„Ressentiment‘‘ die Psychoanalyse geschaffen.
Freups Haß gegen seinen Vater, gegen den Papst,
den er mit dem Vater gleichsetzt und in dem er
zugleich das Oberhaupt der von ihm auch ge-
haßten Christenheit sieht, gekränkte Eigenliebe
zugleich, die Verstimmung gegen die offizielle
akademische Wissenschaft, die ihn nicht früh'genug
anerkannt habe, alle Minderwertigkeits-,
Haß- und Rachegefiihle haben nach MAyYLAN
SIGMUND FREUD die Feder geführt. „Das ist der
Haß‘, heißt es, „der FrREu» in den äußersten
Intellektualismus seiner letzthin materialistisch
orientierten, geist- und gemütsfernen psychoanaly-
tischen Wissenschaft hinaufpeitscht und in der
Angst seiner Umkrallung ihn dort festhält.‘‘ Wie
man das schreiben und sich einen Psychoanalytiker
nennen, und wie man glauben und doch
psychoanalytische Methoden anwenden kann, das
verstehe ich nicht, und ich kann mir schwer
denken, daß es außer MAYLAN überhaupt jemand
diese
das
versteht. Den meisten wird es gehen wie mir:
sie werden schon aus menschlichen Gründen
wünschen, daß ein solches Buch gegen einen
Siebzigjährigen niemals geschrieben sein möchte.
Aber eines ist doch wichtig: daß die psycho-
analytische Methode auch solche ungeheuerlichen
Schlüsse erlaubt. Man kann mit ihr einfach alles
sich weder auf unwiderlegliche
klares
beweisen, weil sie
Tatsachen stützt
mäßiges Erkennen.
Ich vermesse mich
noch auf ein verstandes-
nicht, die Grenzen der
menschlichen Forschung und den Begriff der
Wissenschaft zu bestimmen. Aber vielleicht wäre
doch eine Definition denkbar, die diese Grenzen
mit denen des verstandesmäßigen. Erkennens
grundsätzlich zusammenfallen ließe. Daß Wissen-
schaft und Forschung, wie man sie auch definieren
mag, niemals alles Geistige ausschöpfen werden,
versteht sich dabei für mich freilich vollkommen
Aber darf man wirklich jemand nur
deshalb einen Romantiker nennen, weil er seine
Behauptungen anstatt auf Beweise auf subjektive
Einfälle stützt, weil er dauernd allenfalls mögliche
1
von selbst.
FREUDs tragischer Komplex.
Psychoanalyse. 2. Aufl. München:
1929.
Eine Analyse der
Ernst Reinhardt
Bumke: Über Psychoanalyse.
Die Natur-
wissenschaften
mit bewiesenen Zusammenhängen und Deutungen
mit Tatsachen verwechselt, weil er, wie ALLERS
es ausdrückt, nicht seine Einsichten seiner Methode
verdankt, sondern seine Methode erst seinen Ein-
sichten anpassen mußte, oder, um es viel kürzer
zu sagen: ist der ein Romantiker, der materialisti-
sche Anschauungen mit irrationalen Methoden zu
begründen versucht?
Niemand kann die Romantik als geistige
Epoche, niemand kann die unsterblichen Werke,
die sie uns hinterlassen hat, höher einschätzen als
ich. Aber die Zeit der Romantiker hat uns leider
auf medizinischem Gebiet auch einen Haufen
blühenden Unsinns beschert — wer mir das nicht
glaubt, den darf ich bitten, einmal eine Rektorats-
rede nachzulesen, in der FRIEDRICH VON MÜLLER
Proben dieser Art niedergelegt hat!. Wir ver-
danken der Romantik freilich auch einen Psycho-
logen von großer Begabung, C. G. Carus, den ich
immer wieder lese, seitdem mir vor fünfundzwanzig
Jahren seine Vorlesungen über Psychologie zu-
fällig in die Hände gerieten. Carus darf man wohl
sicher zu den Romantikern rechnen. Aber man
beachte, mit welcher zarten Behutsamkeit er in
seinen Vorlesungen das, was wir über die mensch-
liche Seele wissen oder was man zu seiner Zeit zu
wissen vermeinte, von dem unterscheidet, was man
über die Seele vermuten und jenseits der mensch-
lichen Seele sich denken kann. Man lese den Satz?,
der von den besonderen Formen des Seelenlebens
nach dem Tode handelt, von jenem Zeitraum,
„dessen wahrhaftes Sein der schauenden Vernunft
ebenso gewiß ist, als ihr jede im gegenwärtigen
Leben vermutete Art der Ausfüllung desselben
nur, wie jener Sterbende sagte, als ein großes
Vielleicht erscheinen kann‘. Man lese diesen Satz
und lese von Carus viel mehr, und dann lese man
Bücher von FREUD, und man wird sehen, was ihm
zum Romantiker fehlt. Ohne Ehrfurcht, ohne di
Ehrfurcht vor den letzten unerforschlichen Dingen
kann ich mir keinen Romantiker denken
Man wird eine Erscheinung wie die
nur aus der Zeit verstehen können, in der sie auf-
getreten ist. Es war in den neunziger Jahren des
vergangenen Jahrhunderts. Die Philosophie hatte
den Materialismus bereits überwunden; in der
Naturwissenschaft und in der Medizin herrschte
er unbeschränkt fort. In der Psychologie wurde
alles zuerst in Atome zerlegt und dann, wenn
möglich, mit hirnphysiologischen Namen benannt.
Die ‚Psychologie der Elemente hat EDUARD
SPRANGER diese Richtung genannt, die freilich
hoffte, auf dieser elementaren Grundlage später
auch die höheren Stockwerke des Seelischen auf-
bauen zu können. Damals aber hat sich alle
akademische psychologische Arbeit in sinnes-
physiologischen Untersuchungen und in experi
mentellen Prüfungen des menschlichen Gedächt
Mün
FREUDS
! Spekulation und Mystik in der Heilkunde
chen: J. Lindauersche Universitätsbuchhandlung 1914
ri
* Vorlesungen über Psychologie.
Fleischer 1831.
Leipzig: Gerhard
i-
DS
if-
Heft 47/48/49.
28 ır. 1930
nisses erschöpft. Wer etwas von der Seele, wer
zum Beispiel wissen wollte, warum und womit
denn Menschen sich quälen, aus welchen wahren
Gründen sie in Wirklichkeit handeln, der mußte
sich an Dichter und Schriftsteller halten ; die wissen-
schaftliche Psychologie — es sei denn, man rechnet
FRIEDRICH NIETZSCHE hierher —, die Assoziations-
psychologie jedenfalls reichte ihm Steine statt
Brot.
Um diese Zeit traten zwei Männer auf, die beide
das Format gehabt hätten, eine neue Seelenkunde
zu schaffen: DıLTHEy und FrEUD. Und hier
beginnt die Tragik. DiLTHEy, ein scharfsinniger
Denker, der seine Anschauungen mit bewunderns-
werter Klarheit und mit einer Voraussicht ent-
wickelt hat, die ihm erst heute volle Anerkennung
verschafft, DiLTHEy war doch nicht lebensnah
genug, um der Psychologie seiner eigenen Zeit
wirklich helfen zu können. Man hat ihn kaum
beachtet und den Psychologen in ihm durch Jahr-
zehnte beinahe vergessen.
DILTHEYs Gegenspieler jedoch, SIGMUNDFREUD,
ist ausgesprochen psychologisch begabt, hat den
künstlerischen Blick auch für tiefe und dunkle
Zusammenhänge der menschlichen Seele, aber er
ist zugleich gebunden durch jene materialistische
Einstellung, die, wie wir wissen, von seiner Genera-
tion Naturforscher und Ärzte nur ausnahmsweise
zu überwinden vermochten. So muß auch FrREUD,
wenn er psychologisch arbeiten will, zunächst alles
Psychische ins Biologische übersetzen, es als dyna-
misch und energetisch betrachten und von Natur-
wissenschaft reden, wenn er das Seelische meint.
Wie die Tauchente, sagt Erwin Straus, pflegen
gewisse Forscher jedesmal in den dunklen und
unbekannten Tiefen der Biologie zu verschwinden,
wenn ihre Psychologie irgendeine Frage nicht
beantworten kann. Es ist gewiß wahr, daß der
ausdrückliche Hinweis auf das Biologische in den
späteren Schriften von FREUD immer seltener wird;
aber seine materialistische Grundeinstellung ge-
ändert hat der Schöpfer der Psychoanalyse niemals.
So ist denn geschehen, was unter solchen Vor-
aussetzungen eintreten mußte. Ein Forscher mit
FREUDs psychologischem Blick muß dem Irratio-
nalen begegnen, muß auf das Unbewußte als den
Urquell alles Seelischen stoßen. Da es aber doch
für seine Zeit etwas Irrationales nicht gibt, so
wird es einfach dialektisch beseitigt: dem Unbe-
wußten wird ein klar und scharf denkender Ver-
stand unterstellt. Das Ergebnis sind Hypothesen,
von denen man nun in der Tat sagen kann, daß sie
sich methodisch als irrational und inhaltlich als
grob materialistisch ansehen lassen.
Was ist das Unbewußte bei FrEeup? Ein
Heinzelmännchen, das im Verborgenen schafft,
nur nicht ganz so liebenswürdig und gütig wie das
kleine Männchen des Märchens; eine Unterseele,
die mit den Gefühls- und den Verstandesmitteln
des OberbewuBtseins arbeitet, ohne dem Bewußt-
sein je etwas anderes als Fertigware zu liefern;
eine Küche im Keller, in der man die raffinier-
BUMKE: Über Psychoanalyse. 987
testen Gerichte bereitet, um sie im Aufzug nach
oben zu schicken; das eigentliche Ich, das denkt,
fühlt und will, begehrt und ablehnt, haßt und
liebt, das vor allem aber immer geil ist; das nicht
bloß die anderen, sondern auch das eigene Ober-
bewußtsein dauernd belügt und betrügt, das dazu
die umständlichsten Erwägungen anstellen muß —
und das dann schließlich doch nichts ist als ein
Hirngeschehen, das zwangsläufig rein energetischen
Prinzipien gehorcht.
Für alles dies fehlt sicher jeder Beweis, aber
dafür ist die ganze Lehre ausgeklügelt und wird
mit allen Mitteln der Dialektik gestützt. Die
’sychoanalyse ist nicht nur keine Naturwissen-
schaft, sondern für den, der von der Forschung vor
allem Beweise verlangt, überhaupt keine Wissen-
schaft!. Und doch ist sie auch kein Märchen, weil
ihr die Unmittelbarkeit fehlt und jeder poetische
Hauch, weil sie nicht aus dem Herzen stammt,
sondern aus einem eiskalten, grüblerischen und
dabei verirrten Verstand.
Bei FREUD ist das, was wir Bewußtsein nennen,
ein armer Tropf, der zu schieben glaubt und ge-
schoben wird, ein gelegentlicher einzelner Akt, ein
Anteil, ja eigentlich überhaupt nicht die Psyche,
sondern bloß ein ‚Sinnesorgan‘‘, das seelische
Eigenschaften ‚wahrnehmen‘ kann. So erhalten
wir von unserer Psyche im Bewußtsein nur einen
Ausschnitt, und noch dazu einen, der falsch ist und
schief, der sich also auch nicht verstehen läßt, bis
man ihn durch die unbewußten Reihen ergänzt,
die den Schlüssel ‘fiir dieses Verständnis enthalten.
Im Bewußtsein liegen die größten Widersprüche
nebeneinander, in der eigentlichen Psyche aber
gibt es sie nicht. Hier stellt sich bei tieferer —
psychoanalytischer — Einsicht auch das scheinbar
Absurde als sinnvoll, zweckmäßig und notwendig
heraus.
Sinn, Zweck und Notwendigkeit werden dabei
durch den Egoismus, durch das Lustbedürfnis des
Menschen bestimmt, das mit den Anforderungen
unseres Lebens dauernd in Widerspruch gerät.
Die Kultur ist nach FrREUD unter dem Antrieb
der Lebensnot auf Kosten der Triebbefriedigung
geschaffen worden, und sie wird zum großen Teil
immer wieder von neuem erschaffen, indem der
einzelne, der neu in die menschliche Gesellschaft
eintritt, die Opfer an Triebbefriedigung zugunsten
des Ganzen wiederholt. So hinterläßt jeder Tag
einen Rest enttäuschter Hoffnungen und nicht
gelöster Konflikte, die ins Unbewußte verdrängt,
im Bewußtsein also nicht mehr erinnert werden.
Vom Unterbewußtsein aus wirken aber diese ver-
drängten Erinnerungen vermöge des ihnen an-
haftenden Unlustaffektes weiter und erzeugen auf
diese Weise alle Neurosen und manche Psychosen.
Dabei ist z. B. für die Angst, die bei vielen Ner-
vösen in der Tat eine erhebliche Rolle spielt, nach
FREuUD der Geburtsakt Quelle und Vorbild ge-
1 Ähnlich schreibt ARTHUR KRONFELD: „Mit der
Wissenschaft und ihren Maßstäben sachlicher Strenge
hat die Lehre nichts zu tun.“
988
worden. Die erste Angst war eine toxische, durch
die starke Reizsteigerung bei der Unterbrechung
der Bluterneuerung im Geburtsvorgang bedingt.
Bei der Vererbung durch ungezählte Geschlechter
wird die Anlage zur Wiederholung dieses ersten
Angstzustandes dem Menschen so gründlich ein-
verleibt, daß ihm niemand zu entgehen vermag.
Aber das Unbewußte und besonders die Trieb-
regungen spielen nicht nur in der Entstehung der
Nerven- und Geisteskrankheiten eine nach FREUD
bisher nie genug gewürdigte Rolle. Er meint, daß
dieselben sexuellen Regungen, deren Unterdrük-
kung so oft zu nervösen Störungen führe, auch
von ihren eigentlichen sexuellen Zielen abgelenkt
(sublimiert) werden könnten und daß sie dann
mit erheblichen Beiträgen an den höchsten kultu-
rellen, künstlerischen und sozialen Schöpfungen
des menschlichen Geistes beteiligt seien. Und
schließlich sollen auch im täglichen Leben des
Durchschnittsmenschen, der weder genial noch
krank ist, und zwar im Traum sowohl wie im Ver-
sprechen, Verschreiben, Vergessen sowie in zahl-
reichen scheinbar harmlosen und gleichgültigen
Bewegungen und Gesten, stets unerfüllbare ero-
tische Wünsche, sexuelle Enttäuschungen, pein-
liche Erinnerungen, verborgene Absichten, kurz
tausend Beweggründe wirken, von denen das
Bewußtsein unmittelbar nichts mehr erfährt
Ich darf hier einflechten, daß ich von diesen
„Fehlleistungen des Alltags‘, von denen ich zu-
nächst sprechen möchte, viele anerkenne, ohne
daß ich deshalb ein unbewußtes seelisches Ge-
schehen voraussetzen muß.
streite ich ja nicht das Unbewußte an sich, sondern
Ganz allgemein be-
das Unterbewußtsein, ein Unbewußtes von psychi-
scher Art. Aber bitte urteilen Sie selbst: Ein
Professor soll seinem Vorgänger einige Worte des
Gedächtnisses widmen. Er hält von diesem nicht
viel, und so sagt er: „Ich bin nicht geneigt‘‘, über
die Verdienste dieses Mannes zu sprechen. Sein
FREUD, zwingt ihn zu
OberbewuBtsein habe
sagen wollen, ‚ich bin nicht geeignet‘. Oder ein
Abgeordneter erklärt, gewisse literarische und
künstlerische Erzeugnisse, die er für unsittlich
hält, seien in letzter Zeit in bedrohlicher Menge
meint
Entgleisung;
Unterbewußtsein,
dieser sein
zum „Vorschwein‘‘ gekommen. — Nun, wenigstens
die zweite Entgleisung ist ganz gewiß typisch.
Aber auch der Professor hat, wenn sein Ver-
sprechen überhaupt einen Sinn hat, sicher gewußt,
wie ungern er etwas Gutes an seinem Vorgänger
ließ, genau so wie der Abgeordnete unter jeder
Voraussetzung gewußt haben muß, daß er draußen
„Schweinereien‘‘ gesagt haben würde. Er hat sich
eben parlamentarisch ausdrücken wollen, und nur
der durch sein Bewußtsein schon in Gang gesetzte
körperliche Apparat hat dem neuen Befehl nicht
mehr gehorcht. Auf diese Weise haben wir uns
doch schon alle versprochen; es geschieht nichts
anderes dabei, als wenn uns auf dem Fahrrad
oder im Auto eine plötzlich notwendig gewordene
Kurve nicht mehr vollkommen gelingt.
Deshalb
BumkeE: Über Psychoanalyse.
Die Natur-
wissenschaften
hat unser Unterbewußtsein doch nicht gleich je-
manden totfahren wollen.
Übrigens bestreitet FREUD auch rein physio-
logische Ursachen nicht, die beim Versprechen, Ver-
schreiben und sogar beim Verlieren immerhin vor-
kommen möchten. Wahrscheinlich hätten die
meisten Fehlleistungen dieser Art aber doch einen
Sinn, und Störungen der Aufmerksamkeit, in der
Ermüdung z. B., könnten ihr Auftreten höchstens
erleichtern. Beim Vergessen und Verlegen dagegen
setzt FREUD grundsätzlich und immer eine Absicht
(des Unterbewußtseins) voraus. Auch alle Zufalls-
und Symptomhandlungen, wie er sie nennt, alle
diese spielend ausgeführten, anscheinend harm-
und zwecklosen Verrichtungen an unserer Klei-
dung, an Teilen unseres Körpers, an uns gerade
erreichbaren Gegenständen haben nach ihm einen
tieferen Sinn. Sie sollen wichtige seelische Vor-
gänge verraten, von denen nur unser Bewußtsein
nichts weiß. Eine Dame, die bei einer Unter-
haltung wiederholt in die Handtasche greift —
sagen wir, um das Taschentuch herauszuziehen —,
meint damit etwas (d.h. nicht sie, sondern ihr
Unterbewußtsein), was ihr Mund sicher niemals
aussprechen würde, was aber für die Erhaltung
des Menschengeschlechts notwendig ist und was
sie selber sich wünscht. Es ist klar, daß es hier
für die Phantasie unbegrenzte Möglichkeiten gibt,
und namentlich FrEeups Schüler haben ihren
Patienten und uns seit Jahrzehnten von diesen
Möglichkeiten kaum eine geschenkt. Wer also
bei der Mahlzeit oder am Schreibtisch mit irgend-
einem Gebrauchsgegenstand spielt, der hüte sich
wohl, daß ihn ja kein Psychoanalytiker sieht!
Das ist kein Spaß; ich kenne viele, denen hat man
auf diese Weise schließlich jede Harmlosigkeit im
Umgang mit sich und mit anderen geraubt, und
diese Leute haben gar nichts zu lachen.
Aber ich muß Ihnen noch mehr von den Fehl-
leistungen des Alltags berichten. Eine junge Frau
setzt unter ein Schriftstück den Namen, den sie
bis zu ihrer Heirat geführt hat. Die Ehe ist später
unglücklich ausgegangen. FREUD schließt: das
Unterbewußtsein der Frau hat das schon bei
diesem Verschreiben gewußt. — Eine Dame er-
kundigt sich bei dem Arzt nach einer gemeinsamen
Bekannten, nennt sie aber bei ihrem Mädchen-
namen, weil sie den Namen des Mannes vergessen
hat. Sie gibt zu, daß sie diesen Mann nicht leiden
kann. Nach KrREUD ist ihr deshalb sein Name
entfallen. — Ein Mann verlegt ein Buch und kann
es lange nicht finden. Das Buch ist ein Geschenk
seiner Frau. Nach einem halben Jahr findet er
es in einem Fach seines Schreibtisches — inzwi-
schen war eine Trübung seiner Ehe beseitigt. —
Ein Stelldichein wird vergessen, weil sich die Ver-
liebtheit abgekühlt hat, und die Sitzung eines
Vereins, weil das Mitglied inzwischen gewisse
äußere Vorteile erreicht hat, um derentwillen er
in den Verein eingetreten war.
Ich glaube, man wird diese Fälle, deren Zahl
sich allein aus FrEups Schriften sehr erheblich
Heft 47/48/49.
23. II. 1930
vergrößern ließe, nicht alle einheitlich beurteilen
dürfen. Wenn jemand ein ernsthaftes Versprechen
oder ein Stelldichein vergißt, so würde ich ihm das
meistens einfach nicht glauben. Er hat gar nichts
vergessen, er hat nur nicht gewollt. Daß sich eine
junge Frau jedoch, die zwanzig oder mehr Jahre
ihren Mädchennamen geschrieben hat, einmal ver-
schreibt, braucht uns eigentlich doch noch nicht
mißtrauisch zu machen. Und wenn FREUD von
jungen Eheleuten berichtet, die ihre Trauringe
verlören, weil ihr Unterbewußtsein ihre Ehe mög-
lichst bald getrennt sehen möchte, so muß man
nach allgemeinen wissenschaftlichen Grundsätzen
unbedingt die Gegenprobe verlangen: hat nicht
auch in glücklichen Ehen eine junge Frau einmal
ihren Mädchennamen unter ein Schriftstück ge-
setzt oder mit ihrem Ring gespielt und ihn darüber
verloren? Und umgekehrt: haben alle jungen
Frauen, die allein in Deutschland in den letzten
zehn Jahren geschieden worden sind, zunächst
einmal ihren Trauring vermißt? In der ganzen
psychoanalytischen Literatur bin ich niemals auch
nur dem Versuch begegnet, sich mit diesem Ein-
wand auseinanderzusetzen. Das ist grundsätzlich
wichtig. Man behauptet etwas, was allenfalls sein
könnte, und anstätt Beweise zu bringen, überläßt
man die Widerlegung dem Gegner.
Ich darf dabei noch etwas anderes anmerken.
FREUD und seine Anhänger haben oft gemeint,
ihre Gegner wollten die Tatsachen bestreiten, die
sie, die Analytiker, aufgedeckt hätten. Das liegt
uns vollkommen fern. Ich glaube an das Hand-
täschchen, ich glaube an den Ring und glaube an
alles, was den Namen einer Tatsache verdient.
Für manche der bisher erwähnten Beispiele schließe
ich sogar aus den Tatsachen, ähnlich wie FREUD,
daß der Mensch einen seelischen Grund zu seiner
Fehlleistung gehabt hat. Nur sehe ich keinen An-
laß, diesen Menschen deshalb in Stücke zu reißen.
Ich kann Ihnen an einem Zitat von FREUD leicht
klarmachen, wie ich das meine. Lesen Sie bitte
den Satz: ,,Es ist sehr wahrscheinlich, daß
der Träumer es doch weiß, was sein Traum be-
deutet, nur weiß er nicht, daß er es weiß, und glaubt
darum, daß er es nicht weiß.‘ Es ist klar, daß hier
das Ich, das weiß, und das Ich, das nicht weiß,
daß es weiß, nicht miteinander identisch sein
können. Es müßte also der Beweis erbracht wer-
den — und das wäre schließlich das A und O der
Psychoanalyse —, daß es in einem und demselben
Menschen zwei solche Ichs geben kann. Dieser
Beweis ist aber weder FREUD noch einem seiner
Schüler gelungen. FREUD erinnert daran, daß
hypnotisierte Leute nach dem Aufwachen von
ihren ‚„‚somnambulen‘ Erlebnissen zunächst nichts
wüßten, sich auf eindringliches Befragen aber doch
schließlich an sie erinnern könnten. Ich verstehe
nicht, was damit bewiesen sein soll. Lassen wir
doch die Hypnose; hier wie auf dem verwandten
Gebiet der Hysterie hat es von jeher so viel
Schwindel und Hokuspokus gegeben, daß man fast
nie weiß, was wirklich gewesen ist und was einer
Nw. 1930
BuMKE: Über Psychoanalyse. 989
aus irgendwelchen Gründen glaubt uns vorreden
zu müssen. Aber es gibt doch überhaupt keine
Erinnerungen — man denke doch an die Ver-
nehmung von Zeugen —, die nicht zuzeiten
für uns unzugänglich sein können; ein anderes Mal
werden sie dann mit oder ohne Nachhilfe wieder
bewußt. Das bestreitet doch niemand; was ich
bestreite, ist nur, daß diesen Erinnerungen in-
zwischen irgendeine Form von psychischer Existenz
zukommen soll, daß über sie nachgedacht, in ihrem
Sinne gehandelt wird, kurz, daß sie wirken, als
seien sie nicht unbewußt, sondern bewußt.
Dagegen ist etwas anderes richtig, daß unser
Bewußtsein nämlich nicht bloß beim Versprechen,
sondern auch beim Vergessen oft auf physiologische
Einrichtungen stößt, die die Fehlleistung und das
Vergessen veranlassen oder erleichtern. Um diesen
Vorgang auszuschließen und die aktive Tätigkeit
des Unbewußten deutlicher zu machen, spricht
FREUD in bestimmten Fällen anstatt vom Ver-
gessen von der Verdrängung. Eine solche Ver-
drängung selbst kommt sicherlich vor. Bei
NIETZSCHE, der ja so viele moderne psychologische
Einsichten vorweggenommen hat, finden Sie den
Satz — für den genauen Wortlaut stehe ich nicht — :
„Ich habe es getan, sagt das Gedächtnis, ich kann
es nicht getan haben, sagt die Eigenliebe, und
das Gedächtnis gibt nach.‘‘ Wir wollen an eine
Sache nicht denken, die uns quält, deren wir uns
schämen, die wir aus unserem Bewußtsein, wenn
irgend möglich, auslöschen möchten. Wir würden
vielleicht auch nicht weiterleben können, wenn wir
an alles denken müßten, was zu denken peinlich
ist und was uns den Umgang mit uns selber er-
schwert. So schieben wir solche Gedanken beiseite,
schalten sie aus unserem Gedankengang aus. Was
aber dann kommt, das kennt jeder, das ist uns
aus sehr harmlosen Zusammenhängen vollkommen
geläufig. Dinge, an die wir lange nicht gedacht
haben — es mögen Vokabeln sein oder Eigennamen
oder was sonst —, Erinnerungen, die lange nicht
aufgetaucht sind, die haben zunächst wenig Aus-
sicht, ohne unser Zutun doch wieder in unser
Bewußtsein zu treten. Das gilt genau so für
Gegenstände, die uns bloß gleichgültig, wie für
die, die uns peinlich sind. Die einen würden wir,
da wir sie vielleicht doch noch einmal gebrauchen,
im Grunde lieber behalten; die anderen aber ver-
gessen wir gern. Nur geschieht nicht immer das,
was wir möchten: Geschichtszahlen, Namen, eine
fremde Sprache, das alles vergessen wir leicht;
peinliche Erinnerungen aber tauchen leider sofort
wieder auf, sobald uns ein Mensch oder ein Er-
lebnis lieblos an sie erinnert. Nicht unser Unter-
bewußtsein, sondern wir selbst können sie wissen,
sobald wir es wollen, und wir müssen sie wissen,
wenn irgendein Anlaß diese Erinnerungen in
unseren Denkzusammenhang rückt.
Dies ist ein wichtiger Punkt. Alles, was ich an
Freudschen ‚Mechanismen‘ zugebe, spielt sich nach
meiner Überzeugung im Bewußtsein des Menschen
ab, in dem einzigen Bewußtsein, das er besitzt und
74
990
dem unbewußte seelische Vorgänge nicht gegen-
überstehen. Was auf dieser Bühne nicht erscheint,
ist unbewußt im eigentlichen Sinne. Es kann be-
wußt werden, ist aber, solange es nicht bewußt
ist, seelisch auch wirklich nicht da.
FrREuUD lehrt das Gegenteil. Nach ihm bemüht
sich selbst im Schlaf eine eigene Behörde, die
„Zensur‘‘, eifrig darum, daß verdrängte Gedanken
auf der Traumbühne nicht ohne Verkleidung er-
scheinen. Für die Psychoanalyse beweist der
Schlaf, daß der Mensch es in der Welt, in die er so
ungern gekommen ist, nicht ohne Unterbrechung
aushält, und daß er sich deshalb zeitweise in den
warmen, dunklen und reizlosen Zustand der
Mutterleibsexistenz zurückzieht. ‚Es soll keine
seelische Tätigkeit im Schlaf geben. Rührt diese
sich doch, so ist uns eben die Herstellung des
fötalen Ruhezustandes nicht gelungen. Reste einer
solchen Tätigkeit haben sich nicht ganz vermeiden
lassen. Diese Reste, das wäre das Träumen.“
Wir träumen also worüber sich übrigens reden
läßt , wir träumen nur, weil etwas (es mag von
innen oder von außen kommen) der Seele keine
Ruhe läßt. Aber darum brauchte der Traum noch
lange keinen Sinn und keine psychologische Be-
deutung zu haben; es könnte immer noch so sein,
als striche der Wind über die Saiten eines Instru-
ments, auf dem sonst im Wachen nur der
Bogen zu spielen vermag. Nach FrEuD hat aber
der Traum einen Sinn, nur daß das Bewußtsein
diesen Sinn (ohne psychoanalytische Hilfe) nie-
mals erfährt. Auch im Traum erscheinen nämlich
nur Verhüllungen, ‚Symbole‘ für das, das
UnbewuBte eigentlich denkt, und für diese Ver-
hüllungen sorgt die ‚Zensur‘.
Glauben Sie bitte nicht, daß ich das Wort er-
funden hätte, um die ganze Konstruktion ad ab-
surdum zu führen. FREUD meint wirklich, im
Traum würde eine besondere und, wie Sie sehen
werden, unter Umständen ziemlich verwickelte
Arbeit geleistet, um das OberbewuBtsein über die
wahren Triebe, Gedanken, Gefühle, Wünsche und
Absichten des Unterbewußtseins im Dunkeln zu
was
lassen. Wieder darf ich. Ihnen einige Beispiele
geben. Zunächst zwei, die einfach sind und
zeigen, daß auch das Unbewußte die Sprache
benutzt, um seine eigentlichen Gedanken zu ver-
bergen: Ein Träumer zieht eine bestimmte, ihm
bekannte Dame hinter dem Bett hervor. Er selbst
findet (im sog. Assoziationsexperiment) den Sinn:
er gibt dieser Dame den Vorzug. Ein anderer
träumt, sein Bruder stecke in einem Kasten. Als
er sagen soll, was er über den Traum denkt, er-
setzt er „Kasten‘‘ durch ‚Schrank‘, und nun ergibt
sich die Deutung: der Bruder schränkt sich ein.
Und jetzt ein an sich auch einfacher Traum, dessen
Deutung aber viel umständlicher ist: Eine junge,
aber schon seit Jahren verheiratete Dame träumt,
sie sitzt mit ihrem Mann im Theater. Eine Seite
des Parketts ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt
ihr, Elise L. und ihr Bräutigam hätten auch gehen
wollen, hätten aber nur schlechte Sitze bekommen,
BumkE: Über Psychoanalyse.
Die Natur-
wissenschaften
drei für 1 Gulden und 50 Kreuzer, und die konnten
sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch kein
Unglück gewesen. Bei der Untersuchung ergibt
sich, daß sich Elise L., die drei Monate jünger ist
als die junge Frau, jetzt verlobt hat, weiter, daß
die Patientin wirklich mit ihrem Mann eine Woche
vorher ins Theater gegangen ist und dort eine
Seite des Parketts beinahe leer gefunden hat. Ihr
Mann hatte sie, da sie eine Vorverkaufsgebühr
bezahlt hatte, damit geneckt. Schließlich aber
hätte eine Schwägerin der Dame in den letzten
Tagen von ihrem Mann 150 Gulden geschenkt be-
kommen und sich dafür gleich ein Schmuckstück
gekauft. Aus alledem schließt FrEup: Die Kranke
hat (ähnlich wie ihre Schwägerin) voreilig gehan-
delt, nicht weil sie sich zu früh Theaterbillette be-
sorgt, sondern weil sie ihren Mann geheiratet hat.
Hätte sie wie ihre Freundin noch sechs Jahre ge-
wartet, so hätte sie einen besseren bekommen.
Die Freundin, die nur drei Monate jünger ist
deshalb bietet man ihr im Traum drei Karten an,
obwohl sie doch nur zwei gebraucht —, hat einen
Verlobten, der hundertmal wertvoller ist als der
eigene Mann; denn das ist doch klar, daß 150 Gul-
den hundertmal mehr sind als 1 Gulden 50 Kreuzer.
Sie sehen, die Traumarbeit hat es nicht leicht.
Wir glauben, uns des Nachts auszuruhen, und unser
Unbewußtes stellt inzwischen Erwägungen, Be-
rechnungen, Betrachtungen an, mit denen sich
keineswegs alle Menschen sehr oft am Tage be-
lasten. Freilich, es ist nicht immer so. Viele von
den Symbolen, die die verdrängten und von der
„Zensur‘‘ selbst im Traum nicht zugelassenen Ge-
danken im Bewußtsein vertreten sollen, haben
einen ganz bestimmten Kurs, eine leidlich be-
ständige Währung; das Unbewußte arbeitet mit
ihr wie wir mit der Mark oder dem Schilling.
Wasser bedeutet die Geburt, das Abreisen das
Sterben, Kleider und Uniformen die Nacktheit,
der Verlust der Zähne, aber ebenso die Erblindung
und Blendung die Kastration, Stöcke aber,
Schirme, Stangen, Bäume, Messer, Dolche, Lanzen,
Säbel, Gewehre, Pistolen, Wasserhähne, GieB-
kannen, Springbrunnen, Hängelampen, Bleistifte,
Federstiele, Nagelfeilen, Hämmer, Flugmaschinen,
Zeppeline, Reptilien, Fische und Schlangen ver-
treten einen bestimmten Teil des männlichen
Körpers. Der entsprechende weibliche Teil wird
durch Schächte, Gruben, Höhlen, Gefäße, Flaschen,
Schachteln, Dosen, Koffer, Büchsen, Kisten,
Taschen, Schränke, Zimmer, Türen, Tore, Holz,
Papier, Tische, Bücher, Schnecken, Muscheln,
Kirchen, Kapellen, durch Schmuck und manches
andere, die weiblichen Brüste werden durch Äpfel
und Pfirsiche angedeutet. Mit dem Träumen von
Süßigkeiten jedoch und vom Klavierspiel, aber
auch vom Gleiten, Fliegen, Tanzen, Reiten und
Steigen oder von einem Kaminkehrer wird die
Vereinigung beider Geschlechter gemeint.
Und nun fragen Sie: wie wird das alles be-
wiesen? Ja, zunächst durch das, was ich die Plus-
Minus-Rechnung der Psychoanalyse nennen möchte
n
n
it
st
Heft 47/48/49.
28. 11. 1930
Wenn jemand dem Analytiker sagt, daß er dies
und das gemeint habe oder gemeint haben könne,
so ist natürlich alles vollkommen klar. Leugnet
er aber oder kann er sich auf etwas nicht mehr be-
sinnen, ja dann ist die Sache erst recht so. Das
Unbewußte leistet dann Widerstand, ganz ähnlich
wie es sich bei uns Gegnern gegen die Anerkennung
der psychoanalytischen Feststellungen sträubt, ob-
wohl oder vielleicht gerade weil es weiß, daß diese
Behauptungen stimmen.
Mir scheint, auf diese Weise kann man so
ziemlich alles beweisen. Aber es bleibt noch nicht
einmal dabei. Ich sagte erst, daß es in der Symbol-
lehre im allgemeinen ziemlich feste Spielregeln
gibt. Trotzdem wird auch hier gelegentlich das
Plus durch ein Minus ersetzt. Träumt ein junger
Mann von einer schönen jungen Frau, so weiß man,
wonach er sich sehnt. Es kann aber auch ein
häßlicher alter Mann sein, der ihm im Traume
erscheint. Das Bewußtsein soll ja nicht wissen,
woran das Unbewußte eigentlich denkt.
Dann hat die Psychoanalyse noch für eine
eigentiimliche Rückversicherung gesorgt. Hat
man für einen Menschen einmal einen Gegenstand
der belebten oder unbelebten Welt als Symbol für
den Phallus oder sonst irgend etwas erklärt, so
gilt das da, wo es (sc. dem Analytiker) paßt, für
jeden anderen träumenden Menschen. Aber auch
uralte Volkssitten, selbst solche, von denen wir
herzlich wenig wissen, religiöse Gebräuche, Mythen,
Sagen, Märchen werden im Sinne der Psycho-
analyse gedeutet!, nur weil man von diesem oder
jenem Kranken her gewisse Symbole zu kennen
1 Man lese die folgende Erklärung für die Sage vom
Prometheus, eine Erklärung, die FREUD zwar mit allem
Vorbehalt gibt, die aber doch seine ganze Denkweise
kennzeichnen kann: ,,Psychoanalytisches Material,
unvollständig, nicht sicher deutbar, läßt doch wenig-
stens eine phantastisch klingende Vermutung
über den Ursprung dieser menschlichen Großtat zu.
Als wäre der Urmensch gewohnt gewesen, wenn er dem
Feuer begegnete, eine infantile Lust an ihm zu be-
friedigen, indem er es durch seinen Harnstrahl aus-
léschte. An der ursprünglichen phallischen Auf-
fassung der züngelnden, sich in die Höhe reckenden
Flamme kann nach vorhandenen Sagen kein Zweifel
sein. Das Feuerlöschen durch Urinieren — auf das
noch die späten Riesenkinder Gulliver in Lilliput und
Rabelais’ Gargantua zurückgreifen war also wie ein
sexueller Akt mit einem Mann, ein Genuß der männ-
lichen Potenz im homosexuellen Wettkampf. Wer
zuerst auf diese Lust verzichtete, das Feuer ver-
schonte, konnte es mit sich forttragen und in seinen
Dienst zwingen. Dadurch, daß er das Feuer seiner
eigenen sexuellen Erregung dämpfte, hatte er die
Naturkraft des Feuers gezähmt. Diese große kulturelle
Eroberung wäre also der Lohn für einen Triebverzicht
Und weiter, als hätte man das Weib zur Hüterin des auf
lem häuslichen Herd gefangen gehaltenen Feuers
bestellt, weil ihr anatomischer Bau es ihr verbietet,
einer solchen Lustversuchung nachzugeben. Es
ist auch bemerkenswert, wie regelmäßig die analytischen
Erfahrungen den Zusammenhang von Ehrgeiz, Feuer
ind Harnerotik bezeugen.‘ (Das Unbehagen in der
Kultur. Anmerkung S. 47/48.)
BuUMKE: Über Psychoanalyse. 991
vermeint, die nun auch in diesem Zusammenhang
angewendet werden. Und umgekehrt ist es genau
so: aus dem Verhalten des Lebenden bei Tag und
bei Nacht wird alles Mögliche deshalb geschlossen,
weil man einem Wort oder einem Vorgang in der
Mythologie einmal einen sexuellen Inhalt zu-
diktiert hat.
Sie haben alle schon vom Ödipuskomplex
etwas gehört. HocHeE hat kürzlich über ihn ge-
schrieben!: „Es ist eine merkwürdige Sache
hiermit. Ich habe mich ehrlich bemüht, in langen
Jahren jemanden zu finden, der seine Mutter
begehrte und den Wunsch hatte, seinen Vater
totzuschlagen. Es ist mir nicht gelungen. Anderen
erfahreneren Kollegen geht es nicht anders.
Der Ödipuskomplex fährt in der Literatur herum
wie der fliegende Holländer auf den Meeren; jeder
spricht von ihm, einige glauben an ihn, aber nie-
mand hat ihn gesehen.‘‘ Nun, ich kenne eine ein-
zige AuBerung in der Literatur, die deshalb un-
verdächtig ist, weil sie lange vor FREUD nieder-
geschrieben worden ist. Sie stammt von STEN-
DHAL?, und ich darf sie vielleicht wörtlich wieder-
geben: „Ich war in meine Mutter verliebt. Ich
setze schleunigst hinzu, daß ich 7 Jahre alt war,
als ich sie verlor... Ich wollte meine Mutter
immer küssen und wünschte, daß es keine Kleider
gäbe. Sie liebte mich leidenschaftlich und schloß
mich oft in ihre Arme, und ich küßte sie mit so viel
Feuer wieder, daß ich fast gezwungen war, davon-
zugehen. Ich verabscheute meinen Vater, wenn
er dazukam und unsere Küsse unterbrach. Ich
wollte sie ihr immer auf die Brust geben.‘‘ Danach
wird man zugeben müssen, daß eine sinnliche
Liebe eines Kindes zu seiner Mutter vorkommt.
Daß sie häufig ist, bestreite ich. Es wäre doch
merkwürdig, wenn man unter all den psycho-
pathischen Kindern — von den gesunden ganz
zu schweigen als Nervenarzt fast niemals eines
zu sehen bekäme, das sich in dieser Weise ver-
hielte, obwohl gleich Scharen von solchen Kindern
herumlaufen sollen. Aber der Ödipuskomplex
ist ja mit diesem Bericht STENDHALS auch in
keiner Weise erschöpft. Nicht nur, daß nach der
Psychoanalyse wohl so ziemlich alle Buben ihre
Mutter mit sinnlicher Inbrunst lieben und den
Vater deshalb als Nebenbuhler und Störenfried
verabscheuen sollen, sondern alle diese Buben
sollen zugleich fürchten, daß der Vater sie zur
Strafe und aus Rache kastrieren wolle. Am
häufigsten scheint sich diese Angst im Traum als
die Angst vor Blendung oder Erblindung zu
äußern. Das ist der Ödipuskomplex. Ich weiß
nicht, wie die Psychoanalyse dazu kommt, in der
Sage von Ödipus die Erblindung durch die Kastra-
tion zu ersetzen. Ich weiß nur, daß sie es tut,
und zwar mit derselben Sicherheit, mit der der
Chemiker behauptet, daß das Wasser aus Wasser-
stoff und Sauerstoff zusammengesetzt ist. Ich
! Zbl. Neur. 55, H. 3/4, S. 206 (1930).
2 Das Leben eines Sonderlings. Leipzig: Insel-
Verlag 1921, S. 93/94.
74*
992
verstehe aus diesen und aus vielen anderen Griin-
den gut, daß die Psychoanalyse im Unbewußten
infantile, primitive, urmenschliche Regungen wie-
dererkennen will, ein Schluß, der sich übrigens
auch dann aufrechterhalten läßt, wenn man dem
Unbewußten die ihm von FREUD zugeschriebenen
psychischen Eigenschaften nimmt und in ihm
einfach den geheimnisvollen physischen Quell so
vieler seelischer und besonders aller Triebregungen
sieht. Aber ich verstehe auch, daß ein Mensch,
der sich nun einmal in die Symbollehre verstrickt
hat, bestimmten Symbolen und ihren Deutungen
überall und immer wieder begegnen muß. Ich
darf wieder HocHe zitieren!: ‚Das Verfahren
der Psychoanalytiker, die in ihren Fällen das ent-
decken, was das Dogma hineinprojiziert, erinnert
an die Väter, die mit erfreuter Miene vor ihren
Kindern die Ostereier finden, die sie ver-
steckt haben.‘ ALLERS gebraucht
Bild: „Wenn jemand zu mir kommt und sagt: in
dieser oder jener Substanz habe ich Chlor gefunden,
und er erklärt auf meine Frage nach der Methode:
habe die Substanz in verdünnter Salzsäure
aufgelöst dann kann er nicht erwarten, daß ich
Se lber
ein anderes
ich
seinen Befund mit seiner Methode nachpriife;
denn Chlor muß er ja finden, wenn er Salzsäure
zusetzt. Natürlich schließt das nicht aus, daß in
dem Stoff doch Chlor enthalten sei.‘ Daß der
ganze Ödipuskomplex Unsinn ist, schließt natür-
lich auch nicht aus, daß STENDHAL seine Mutter
auf seine Weise geküßt hat. Aber der Ödipus-
komplex wird auch nicht damit bewiesen, daß es
irgendwo eine Stelle wie die von STENDHAL
zitierte in der Weltliteratur gibt.
Ich möchte hier nicht mißverstanden werden.
Was ich an der Psychoanalyse bekämpfe, ist nicht
die Überschätzung der Sexualität. Dem berühmten
Chemiker LıeBıG wird das Wort zugeschrieben:
„Für die Chemie gibt es keinen Dreck.‘‘ Das Wort
gilt in übertragenem Sinne für die Wissenschaft
überhaupt. Darum, daß jemand die Schlüsse der
psychoanalytischen Schule für unerfreulich hält,
könnten sie immer noch wahr sein. Wären sie
aber wahr, so hätte die Wissenschaft sie an-
zuerkennen. Das wäre auch gar nicht so arg.
Die Sexualität ist von allen menschlichen Eigen-
schaften noch lange nicht die schlimmste, und
wenn ihre Rolle in unserem Leben noch größer
sein sollte, als sie unzweifelhaft ist die letzten
13 Jahre haben wohl auch dem Harmlosesten die
, dann würden wir uns
müssen, auch
Augen darüber geöffnet
damit nicht nur abfinden
abfinden können
Was ich an der Psychoanalyse bekämpfe, ist
die Methode, ist ihre Gepflogenheit, Dinge zu be-
haupten, die niemand widerlegen kann, nicht weil
1 1
sind,
sondern
niemals Beweis
ist ihr Anspruch,
sie wahr sondern weil ein
auch nur versucht worden ist,
Erklärungen
und ist ihre
deı
fernliegende und unwahrscheinlich:
als Tatsachen hinstellen zu dürfen,
Verachtung selbst der einfachsten
1 ] ‘
Regeln
BumkeE: Uber Psychoanalyse.
Die Natur-
wissenschaften
Logik. Bitte, widerlegen Sie mich, wenn ich be-
haupten wollte, die Elektronen, die um einen
Atomkern kreisen, flüsterten ihm inzwischen
zotige Bemerkungen zu. ,,Wir finden‘, schreibt
ALLERS, „daß die psychoanalytische Theorie nicht
aus dem von ihr als solches bezeichneten empiri-
schen Ausgangsmaterial herzuleiten ist; daß viel-
mehr solche Herleitung nur unter der Voraus-
setzung der Theorie gelingen kann.‘‘ SCHILDER,
einer der eifrigsten Anhänger FrREups, hat darauf
geantwortet: „Man kann Tatsachen und Ergeb-
nisse nicht auf logischem Wege widerlegen. Die
Schullogik ist Tatsachen gegenüber unzuläng-
lich... Nun ist die Schullogik aber nicht die
Logik selbst. Die neuere Logik hat ihren wert-
vollsten Antrieb dadurch erhalten, daß sie von
den Formeln zum Schauen, zur intuitiven Einsicht
in Wesenheiten zurückgekehrt ist; mit dieser Logik
verträgt sich aber die Psychoanalyse.“
Ich darf dazu bemerken, daß wir Tatsachen,
wie gesagt, nirgends bestreiten. Wenn man aber
unter Ergebnissen nicht Tatsachen, sondern die
aus diesen Tatsachen gezogenen Schlüsse versteht,
dann wird man ohne Logik nicht auskommen
können. Versucht man es doch, so sehe ich nicht,
wie überhaupt noch wissenschaftliche Ausein-
andersetzungen möglich sein sollen. HussErRLs
Phänomenologie aber, auf die SCHILDERS Bemer-
kung offensichtlich gemünzt ist, scheint mir weder
geneigt noch geeignet zu sein, die Schlußfolge-
rungen der Psychoanalyse zu decken. HusseErıl
hat wiederholt erklärt, daß die Phänomenologie
überhaupt keine Tatsachen feststellen will, sondern
das Wesen der Dinge hinter den Tatsachen sucht.
Von einer Plus-Minus-Rechnung, von einer Rück-
versicherung, von einem Hexeneinmaleins, auf die
doch die psychoanalytische Symbolik hinausläuft,
ist in phänomenologischen Schriften meines Wis-
sens niemals die Rede. SCHILDER sollte sich des-
halb lieber nicht auf HusSERL, sondern besser auf
eine andere ‚„Logik‘‘ — das Wort in Anführungs-
zeichen gesetzt —, nämlich auf die der Anthropo-
sophen und Yogis berufen. Diese Erkenntnisart,
habe ich schon vor Jahren geschrieben, die dem
Menschen das Sonnen- und das Mondhafte in sich
vermittelt, die ihn zum Beispiel erkennen läßt, daß
die Zähne Stoffe aufnehmen, um uns in einem be-
kömmlichen Zustand von Dummheit zu erhalten,
und daß wir in unserer Überheblichkeit unser:
Zähne krank werden lassen, bloß um unser Gehirn
vor diesen Stoffen und uns selbst vor der gott
gewollten Dummheit zu schützen diese Logik
braucht freilich für nichts einen Beweis. Went
sich mit ihr die Psychoanalyse verträgt gut,
aber eine Wissenschaft ist sie dann nicht.
Ich daß die
Unterbewußtsein, ein Unbewußtes von psychischer
bestreite also, Psychoanalyse ein
Art bewiesen hat. Aber ich glaube an ein Unbewuß-
tes und ich kann beweisen, daß es das gibt. Di
überwiegende Menge dessen, was unser Gedächt-
nis ausmacht, besteht in bewußter Form gewöhn-
lich nicht
Alle unsere Kenntnisse und Erfahrungen
ten
en
en
Tl-
em
ich
laß
be-
en,
ere
irl
tt
gil
ni
ut
ein
Heft 47/48/49.
28. ı1. 1930
mit Ausnahme der wenigen, an die wir gerade
denken, sind nicht bewußt, sie können nur jeder-
zeit bewußt werden. Daß also bewußte Vorgänge
ständig ins Unbewußte versinken, daß aber außer-
dem alle menschlichen Triebe, Wünsche und Ent-
schlüsse und daß alle geistigen Leistungen —
nicht bloß die höchsten — in letzter Linie aus dem
Unbewußten geboren werden, das ist nicht zweifel-
haft. Wir Naturforscher und Ärzte sind gewohnt,
dieses Unbewußte, das in Wirklichkeit doch nur
ein Ungewußtes und von uns nicht Verstandenes
ist, als etwas Physisches zu denken und es gewissen,
von bewußten seelischen Erlebnissen nicht be-
gleiteten Gehirnvorgängen entsprechen zu lassen.
Aber darauf kommt es schließlich nicht an. Auch
wer — ich muß hier wieder eine frühere Arbeit
zitieren — einen solchen Hinweis auf das körper-
liche Geschehen im Gehirn für unbefriedigend und
zur Erklärung der psychischen Zusammenhänge
die Annahme einer eigentlichen Seelensubstanz,
einer in ihrem bewußten wie in ihrem unbewußten
Wirken von materiellen Zuständen und Zustands-
änderungen unabhängigen Seele für geboten hält,
auch der wird den unbewußten Teil ihrer Tätig-
keit allenfalls unbewußt psychisch nennen, aber
ihm Eigenschaften des bewußten Seelenlebens
darum doch nicht ohne Beweis zusprechen dürfen.
Aber nicht nur das Unbewußte erkenne ich an.
Auch daß es Stufen der Bewußtheit gibt, daß Wahr-
nehmungen, Vorstellungen, Gedanken und Hand-
lungen denken Sie, Sie hören eine Sinfonie
oder einen Vortrag oder Sie verrichten eine körper-
liche oder geistige Arbeit ‚daß alle seelischen
Vorgänge nahezu immer nicht bloß von Gefühlen,
sondern auch von verschwommenen (anderen)
Wahrnehmungen, von unklaren Nebenvorstellun-
gen, von kurz auftauchenden Einfällen und Ab-
sichten umkreist und durchschnitten werden, auch
dies gebe ich zu. Schon daraus folgt, daß das Be-
wußtsein nicht alles und jedes gleich deutlich er-
lebt oder, anders ausgedrückt, daß das alte Bild
von dem Blickpunkt und dem Blickfeld des Be-
wußtseins immer noch gut ist. Aber ich gehe noch
weiter. Wir alle haben erlebt, daß ein Gedanke
sich erst allmählich formt, aus einem mehr nebel-
haften Ahnen langsam klar wird und immer
schärfer umrissen. Ja zuweilen taucht er sogar
in den Nebel zurück, zuweilen sieht es so aus,
als stünde eine Erinnerung, ein Name zum Beispiel,
schon an der Schwelle unseres Bewußtseins —
jetzt habe ich es gleich, sagen wir dann, oder: ich
habe den Namen schon auf der Zunge —, und dann
kehrt sie wieder um, wir bekommen sie nicht zu
Gesicht. HERBART hat also recht, daß die Deut-
lichkeit eines Gedankens bis auf den Nullpunkt
u sinken vermag. Nur daß Gedanken unterhalb
lieses Nullpunktes fortleben, daß sie hier im
Unbewußten als Gedanken weitergesponnen
verden, das ist nicht wahr, oder das hat jedenfalls
noch niemand bewiesen.
Wohl aber kommt etwas anderes vor. Wir be-
commen eine Nachricht, die uns unruhig, oder
BumKeE: Über Psychoanalyse. 993
einen Brief, der uns ärgerlich macht. Dann müssen
wir arbeiten, wir haben zu tun. Die Gereiztheit,
die Unruhe bleibt, aber an den Brief denken wir
nicht. Bloß wenn wir unsere Arbeit unterbrechen
und uns prüfen, was uns denn eigentlich quält,
dann sind der Brief und die Nachricht sofort
wieder da. Was ist inzwischen geschehen? Nun
offenbar ist die Verstimmung durch körperliche
Vorgänge am Herzen und am Gefäßsystem
zum Beispiel — festgehalten und verankert ge-
wesen. Bekanntlich gibt es nur zwei Wege, mit
einem solchen Zustand fertig zu werden. In
schweren Fällen wird man sich mit dem peinlichen
Erlebnis irgendwie abfinden müssen, es aus der
Welt schaffen, wieder gut machen, sich ausspre-
chen oder meinetwegen sich rächen. Man muß
also viel an die Sache denken, damit man innerlich
und, wo es nottut, auch nach außen mit ihr ab-
schließen kann. Kleine Affekte aber drängen wir
mit den zu ihnen gehörenden Gedanken beiseite;
wir denken nicht an die Sache, und wenn sie
längere Zeit nicht in uns auftaucht, dann kommt
auch der Körper zur Ruhe. Es ist ein großes Stück
Lebenskunst, das eine und das andere zu können
und beide Fälle voneinander zu scheiden.
Um mich hier ganz verständlich zu machen,
muß ich Sie allerdings noch an eine Feststellung
der neueren Psychologie erinnern, die, soweit ich
sehe, FREUD niemals beachtet hat. Wir müssen
nicht immer in Worten denken. Es gibt Gedanken,
die jedes sinnlichen Anteils, aller anschaulichen
Grundlage entbehren. Es ist in diesem Zusammen-
hange gleichgültig, ob dieses unanschauliche Den-
ken häufig ist und wieweit man es zum Beispiel bei
manchen wissenschaftlichen Arbeiten benutzt.
Sicher ist, daß wir die Klarheit der inneren sprach-
lichen Formulierung — auch das nur gedachte
Wort bedeutet ja einen anschaulichen Bestandteil
des Denkens — mit Vorliebe bei solchen Gedanken
vermeiden, die uns ärgerlich sind und an die wir
uns später ungern erinnern. Das ist der Grund,
warum sich Menschen so häufig einreden wollen,
sie hätten bestimmte peinliche Dinge überhaupt
nicht gedacht. Sie versuchen, es sich einzureden,
aber es gelingt ihnen schlecht, und deshalb werden
sie auch nur selten ganz ruhig dabei. Es ist also
besser, vor sich selber nicht Verstecken zu spielen.
Man wird klarer dadurch und kann auch gegen
andere nachsichtiger sein.
Damit bin ich am Ende. Außer dem Unbewuß-
ten, außer dem, was wir Naturforscher und Arzte
als physiologische Überbleibsel vergangener und
als die physiologischen Voraussetzungen gegen-
wärtiger und späterer Bewußtseinsakte betrachten,
gibt es nur noch eines: das, was wir von uns nicht
wissen möchten und leider nur allzu gut
wissen. FREUD selbst hat einmal gesagt, niemand
hätte Lust, sein eigenes Unbewußtes kennenzuler-
nen. Das setzt doch wohl voraus, daß man es
kennenlernen könnte, wenn man nur wollte, und
daß es also doch nicht ganz unbewußt ist. FREUD
meint auch, das Unbewußte sei amoralisch. Ge-
TEUTSCHLAENDER:
994
wiB, aus den geheimnisvollen Quellen unserer
Körperlichkeit werden in uns dauernd Trieb-
regungen wach, mit denen sich unser ethisches
Wollen dann mehr oder weniger erfolgreich herum-
schlagen muß. Aber wir wissen um unsere Triebe
sehr wohl, und wenn etwas in uns amoralisch ist,
so ist es nicht ein geheimnisvolles Unterbewußtsein,
sondern wir selbst.
Und nun darf ich versuchen, der
analytischen Bewegung eine Prognose zu stellen.
Mir scheint, sie hat den Gipfel ihres Aufstiegs bereits
vor einigen Jahren erreicht und ihn schon wieder
verlassen. Sie geht den Weg, den so viele gute
und schlechte geistige Bewegungen vor ihr ge-
gangen sind: erst spalten sie sich, wie sich von
FREUD JUNG, ADLER und STEKEL abgespalten
haben, dann werden sie populär und dabei ver-
dünnt und verwässert, und schließlich bleibt vom
Kern der Lehre nichts übrig. Bei der Psycho-
analyse muß man schon heute das eigentliche
Dogma von unendlich vielen Behauptungen tren-
nen, die sich in der Tagespresse und in Romanen,
die sich aber auch in zahllosen medizinischen
Schriften finden und die FREUD selbst sicher nicht
psycho-
Krebs als Volkskrankheit.
Die Natur-
wissenschaften
Und auch Mitläufer gibt es
wie bei jeder richtigen Sekte. Auf jeden Arzt —
von den Laien gar nicht zu reden —, der recht-
gläubig und anerkannt ist, kommt mindestens ein
Dutzend, das sich aus dem Ganzen nur ein paar
Teile herausgeschält hat: einer lehnt so ziemlich
alle Schlußfolgerungen ab und bekennt sich trotz-
dem zu der Methode; manch anderer aber, der
diese verwirft, meint, an der Lehre selbst müsse
doch etwas sein.
Was wird also werden? Freuds Methode wird
vergehen, weil sie den Untergang aller Wissenschaft
bedeuten würde: und das wird die Menschheit auf
die Dauer doch wohl nicht wollen. Gewisse Er-
kenntnisse aber, die wir nicht der Methode, sondern
der unmittelbaren psychologischen Begabung ihres
Schöpfers verdanken, die werden bleiben. Und
was noch wichtiger ist: bleiben wird die grundsätz-
liche Einsicht, die vor 40 Jahren immerhin not-
wendig war, daß es nämlich keine Psychologie
geben kann, die nicht den ganzen Menschen zu er-
jassen versucht, und daß man Ziel mit
einiger Sicherheit immer nur am einzelnen Menschen
erreicht.
gutheißen würde.
dieses
Krebs als Volkskrankheit.
Von Orro RICHARD TEUTSCHLAENDER, Heidelberg.
Wohl keine Krankheit ‚‚passioniert‘‘ die Ge-
müter so sehr wie die Krebskrankheit. Die Bös-
artigkeit des Leidens, das oft unter schweren
Qualen zum Tode führt, seine Häufigkeit sowie
das geheimnisvolle Dunkel, das nach einer weit-
verbreiteten Meinung auch heute noch über dem
Wesen und der Entstehung des liegt
und das diese Krankheit nur um so unheimlicher
läßt, rechtfertigen das mit Grausen
Interesse. Ihre außerordentliche Ver-
und die Tatsache, daß meist Leute in
Jahren, also von größtem Wert für die
erhebt das
Krebses
erscheinen
gepaarte
breitung
reiferen
Gesellschaft, von ihr befallen werden,
Krebsproblem zu einem der wichtigsten Kapitel
der Medizin und Volksgesundheitslehre und -pflege.
Dies wird auch in allen Kulturstaaten erkannt.
Überall rüstet man zum Kampfe gegen diese
„Menschheitsgeißel‘, der auf der ganzen Welt
alljährlich wohl eine Million Menschen zum Opfe r
fallen
Die Ansicht, daß ihr Wesen gänzlich
im Dunkeln liegt, muß als zu pessimistisch zurück-
Freilich ist auch dieses Problem
restlos gelöst. Von welchem
Problem kann aber eine solche Lösung
werden? Mir möchte scheinen, daß
über Krebs mehr als über viele
Krankheiten wissen:
noch
gewiesen werden
nicht bio-
anderen
logischen
behauptet
wir gerade den
andere
Der Krebs ist ein
artiges Gewächs, d.h. ein Herd dauernder, zunächst
örtlich umschriebener Vermehrung abgearteter, so-
zusagen „wildgewordener‘‘ Körperzellen. Durch
eine Art Mutation gewissermaßen zu einer neuen
Zellrasse unterscheiden sich nämlich
Gewächs, und zwar ein bös-
geworden,
die Krebszellen von den normalen Körperzellen
durch eine ganze Reihe mehr quantitativer als
qualitativer Abweichungen ihrer Eigenschaften,
welche sie als körpereigene Parasiten erscheinen
lassen.
„Metastrukturell‘, da in einer feineren, mor-
phologisch zwar nicht faßbaren, aber als logisches
Postulat erscheinenden Strukturveränderung be-
besonderen biologischen,
chemischen und physikalischen Charaktereigen-
schaften am Krankenbett, im Experiment am
Tier und in Reinkultur der Krebszellen, in vitro,
deutlich hervor.
Das zunächst örtlich beschränkte,
anderen Organen Kolonien, Metastasen
bildende Gewächs ist aber nicht die Krebskrank-
heit, sondern bloß die hervorstechendste Er-
scheinung dieser krankhaften Veränderung des
Organismus, durch welche Körperzellen die spezi-
fische Reaktionsfähigkeit erlangen, Regenerations-
reize am Ort der Einwirkung nicht nur mit Ersatz
des Verlustes, sondern mit bösartiger Geschwulst-
Der Krebsbildungsprozeß
„allergische‘‘
gründet, treten diese
später ın
sog.
bildung zu beantworten.
kann demnach
Reaktion eines zur Krebsbildung disponierten Or
ganismus bezeichnet werden, deren Frucht die Krebs-
bildung ist. Wir wissen, daß bei dieser Erkrankung
nicht nur örtliche, celluläre, sondern auch all-
gemeine Veränderungen des Regulationsapparates,
insbesondere des Stoffwechsels, eine hervorragende
als eine spezifische
Rolle spielen.
Die in der Krebsbildung zum Ausdruck kom-
mende Reaktion kann durch sehr verschiedene
Reize ausgelöst werden und unterscheidet sich von
ir
ften
en
als
N,
en
Heit 47 ng
28. Ir. 1930
allen anderen durch ihre Nachhaltigkeit, indem sie,
einmal ausgelöst, auch nach Wegfall des äußeren
Reizfaktors im allgemeinen nicht mehr zum
Stillstand kommt, wenn der Herd nicht total
zerstört oder entfernt wird. Die Krebskrankheit
ist also eine Naturerscheinung ganz besonderer,
eigener Art.
Die krankhaften Erscheinungen, welche den
Patienten zum Arzte führen, sind bloß Folge-
erscheinungen der Geschwulstbildung, uncharak-
teristische Organsymptome, hervorgerufen durch
Verdrängung lebenswichtiger Organe, Verschluß
von Kanälen, Druck auf Nerven, Zerstörung von
Gefäßen u. ähnl. durch die wachsende Geschwulst.
Sind einmal diese Erscheinungen vorhanden, dann
ist es höchste Zeit, oft bereits zu spät, zur Be-
handlung, während die eigentliche unkomplizierte
Krebskrankheit und das Gewächs sich ganz un-
auffällig zu entwickeln pflegt. Dies ist der Grund,
weswegen die Krebsbildung meist zu spät zur
Behandlung kommt. Dies und die Angst vor der
Wahrheit und dem Messer des Chirurgen, welche
nur allzu oft den Patienten in die Hände des
Kurpfuschers treiben, während bei frühzeitiger
Erkennung des Leidens oft unblutige Behandlung
genügt, eine völlige Heilung zu erzielen. Früh
genug sachgemäß behandelt, ist nämlich Krebs durch-
aus und dauernd heilbar.
Und nun, nach dieser allgemeinen Orientierung,
zum eigentlichen Thema: Krebs als Volkskrankheit,
das heißt als Massenerscheinung.
Welche Bedeutung hat sie? Wodurch wird sie
bedingt? Nimmt sie zu oder nicht? und wie ist
ihr zu begegnen?
Welche Bedeutung diese Krankheit für Deutsch-
land hat, mögen einige Zahlen dartun: Im ganzen
Reich werden alljährlich etwa 70 000 Krebstodes-
fälle gemeldet. 1928 verzeichnete die amtliche
Statistik 67 200 Fälle. Da die Gesamtmortalität
(einschl. der Säuglings- und Kindersterblichkeit)
769 588 betrug, ginge also fast jeder zehnte
Deutsche (der stirbt) an Krebs zugrunde. Unter
uns 66 000 000 Lebenden wäre jedem Tausendsten
und von den über Vierzigjährigen jedem Zehnten
dies traurige Los beschieden.
Mortalität ist aber keineswegs gleichbedeutend
mit Morbidität! Nicht alle Krebskranken sterben
im Jahre des Ausbruchs des Leidens und mehr als
gemeiniglich bekannt z.B. 92% mancher Haut-
, werden dauernd geheilt. Die Krebs-
morbidität ist also unvergleichlich viel größer als
dies in der Mortalitätsstatistik zum Ausdruck kommt;
diese gibt nur einen Bruchteil aller Krebsfälle
wieder. Solange keine ärztliche Anzeigepflicht
für Krebs besteht, werden wir über seine wahre
Häufigkeit keine klare Vorstellung haben. Wir
sind daher auf Schätzungen angewiesen. Ich glaube
aber, ohne Furcht, zu übertreiben, die Zahl der
Krebskranken auf mindestens I00— 120 000 im
Jahre schätzen zu dürfen. Lazarus schätzt die
\lorbidität nach einschlägigen Beobachtungen in
krebse!
TEUTSCHLAENDER: Krebs als Volkskrankheit. 995
den allgemeinen Krebsanstalten sogar auf etwa
3mal so hoch als die Mortalität. Dies wären
jährlich etwa 200000 Krebserkrankungen und
Krebskranke in Deutschland.
Dabei wird bei uns, wie fast in allen Staaten,
eine fortschreitende Zunahme der Krebssterblichkeit
festgestellt. Die mittlere Zunahme betrug ‚,in
den vier europäischen Großstädten Wien, Berlin,
London, Paris während der ersten 20 Jahre dieses
Jahrhunderts 39%‘. Bei so anhaltender Zunahme
dürfte sich bis 1951 die Krebstodesziffer, 1900
gegenüber, weiter verdoppelt haben, wie sie sich
in London, das die älteste Statistik besitzt, in den
Jahren 1851—1900 von 420 auf 850 auch ver-
doppelt hat. Dies bedeutet mit der Zeit eine
ganz ungeheuerliche geometrische Progression,
wie man von dem einen Weizenkorn, das auf
jedes Schachbrettfeld je verdoppelt in Anrechnung
gebracht werden sollte, weiß. ScHMitz stellt auf
Grund seiner Düsseldorfer Krebsstatistik die Zu-
nahme als Parabel dar. Die Krebsmortalität
wächst nach seiner Ausdrucksweise ,,ohne Sprünge,
aber mit parabolischer Genauigkeit‘.
Bei aller Skepsis bezüglich des Wertes der
Statistik im allgemeinen haben wir meines Er-
achtens keinen Grund, aus dem Ansteigen der
Mortalität nicht auch eine progressive Zunahme
der Krebskrankheit anzunehmen, die nach An-
sicht mancher erschreckende Aussichten eröffnet,
wenn den Dingen ihr Lauf gelassen wird.
Man hat versucht, eine echte Zunahme des
Krebses zu leugnen. Die Zunahme sei bloß schein-
bar, der Ausdruck der besseren Erkennung und
Erfassung der Krebsfalle. Wohl mag dies die
statistische Zunahme der Krebsbildungen der
inneren Organe zum Teil erklären; nicht aber
das gleichzeitige Ansteigen der Sterblichkeit an
Haut-, Mund- und Brustkrebs, die heute kaum
besser diagnostiziert und erfaßt werden als früher,
dagegen besonders oft geheilt werden, also der
Mortalitätsstatistik heute noch öfter entgehen
als früher. Dies kann, da weder die Allgemein-
mortalität noch die Bevölkerungszahl, noch auch
die Überalterung im gleichen Maße gestiegen ist,
kaum anders denn im Sinne einer Zunahme der
Krebsbildungen gedeutet werden.
Daß gewisse Krebsbildungen im Zunehmen
begriffen sind, unterliegt gar keinem Zweifel.
So kennen wir heute eine ganze Reihe von durch
berufliche Schädigungen bedingten Krebsbildun-
gen, die es noch vor kurzem gar nicht gab, da für
sie die Voraussetzung fehlte: 10 Jahre nach Ein-
führung der Braunkohlenindustrie in Deutsch-
land, 1873, entdeckte VoLKMANN die bis dahin
unbekannten Krebsbildungen bei Paraffin- und
Teerarbeitern. 1902, 7 Jahre nach Entdeckung
der Röntgenstrahlen (1895), werden die ersten
Hautkrebse bei Röntgentechnikern beobachtet,
bald darauf, der späteren Anwendung dieser
Strahlen in der Medizin entsprechend, auch bei
Röntgenärzten und -laboranten. Diese Beispiele
mögen genügen. Heute besitzen wir, trotzdem
996 TEUTSCHLAENDER:
viele Fälle verschwiegen werden, eine große
Literatur über einschlägige Krebsbildungen, Be-
Produkte der Neuzeit
rufskrebse und andere, die
sind.
Als Todeskrankheit steht die Krebskrankheit
schon heute im Begrif/, der Tuberkulose den Rang
abzulaufen
Dank der gegen sie gerichteten Maßnahmen
wird bei der Tuberkulose nämlich, ziemlich all-
gemein, ein Absturz der Sterblichkeit verzeichnet.
Besonders deutlich zeigt sich dieses gegensätzliche
Verhalten von Krebs und Tuberkulose auch hier,
in Königsberg: gibt doch der städtische Jahres-
bericht 1926 auf 3972 Todesfälle bloß 333 an
Tuberkulose, dagegen 543 an Krebs, d. i. 84: 137 %
an. Damit ist die Krebskrankheit in der Mortalitäts-
statistik zur dominierenden Krankheit unseres V olks-
körpers, zur „Volkskrankheit‘‘ geworden.
Ihre ökonomische Bedeutung geht aus folgenden
Zahlen hervor: Der alljährliche ökonomische Ver-
lust, den in den Vereinigten Staaten die etwa
300 000 Krebsopfer bedingen, wird auf !/, Billion
Dollar geschätzt. Für die fünfmal kleinere Zahl
der Krebstodesfälle Deutschlands entspräche dies
einem jährlichen Verlust von 50 Milliarden RM.
Die Krebsinvaliditätszahlen und damit die
Fürsorgeleistungen wachsen von Jahr zu Jahre
noch schneller als die Zunahme der Mortalität:
In bloß 2 Jahren ist in Berlin die Invalidisierung
wegen Krebs von 62 auf 100 gestiegen!
Diese Tatsachen mögen genügen! Das Volk
darf dem Existenzkampf, den uns die tückische
Krankheit aufzwingt, nicht mehr rein passiv zu-
schauen. Sie muß auch in dem Sinne zur ,, Volks-
krankheit‘‘ werden, daß Volk in ihr seinen
ärgsten Feind sieht, der mit allen Mitteln zu be-
kämpfen ist und auch bekämpft werden kann,
wenn auch nicht so leicht, wie dies für die Tuber-
kulose mit so ausgezeichnetem Erfolg geschehen ist.
das
Die Bekämpfung besteht einerseits in der Be-
kämpfung der fertigen Krankheit, Therapie, anderer-
seits in der Bekämpfung der Krebsentstehung, der
Krebsverhütung
Die Therapie ist Sache Arztes und
Patienten, nur soweit sie Fürsorgeangelegenheit
wird, Sache der Allgemeinheit; gehört daher nicht
zu unserem Thema wie die Krebsverhütung oder
Prophylaxe. Diese ist, soweit sie den Krebs als
Massenerscheinung, als Volkskrankheit betrifft,
eine Angelegenheit der gesamten Nation.
Voraussetzung für eine erfolgreiche Prophylaxe
ist möglichst genaue Kenntnis der Ursachen der zu
bekämpfenden Krankheit.
Über die Ursachen der Krebsentstehung sind wir
auf Grund der Erfahrungen an Menschen und der
in biologisch-ursächlichen Fragen wissenschaftlich
noch wertvolleren Ergebnisse der experimentellen
Forschung recht gut unterrichtet.
Bei der Krebsbildung wirken, wie bei jeder
des des
anderen biologischen Reaktion, drei gleichwertige
Faktoren zusammen:
Krebs als Volkskrankheit.
Die Natur-
wissenschaften
1. ein auf wucherungsfähige Zellen wirkender
Regenerationsreiz, verursacht durch einen von
außen her einwirkenden oder aber im Körper selbst
entstehenden Faktor, das Agens, das entweder
unbelebt, physikalischer oder chemischer Natur,
oder aber belebt, ein höherer Parasit oder ein
Mikroorganismen sein kann;
2. die (lokale und eine allgemeine) Bereitschaft
oder Disposition des betreffenden Organismus, welche
diesen, das ,, Reagens‘‘, befähigt, den Reiz in beson-
derer Weise mit einer Krebsbildung zu beantworten ;
3. falls die Disposition noch nicht reif ist,
eine genügende Exposition, d. h. Gelegenheit zu
genügend langer Einwirkung des Reizfaktors auf
den Organismus, des ,,Agens‘‘, auf das ,,Reagens“.
Alle 3 Momente müssen vorhanden sein, aber
ihre Größe bzw. ihre Eignung kann variieren. Je
größer bzw. geeigneter eines, desto geringer können
die anderen So erklärt sich die Tatsache,
daß die Krebsbildung bald mehr als Ausdruck
einer besonderen erworbenen oder ererbten Kon-
stitution, bald als durch bestimmte Umwelt-
faktoren bzw. die Lebensweise bedingt erscheint.
In Teerexperimenten z. B. tritt die Bedeutung
der Disposition insofern zurück, als kaum eine (lang
genug mit Teer gepinselte) Maus diesen äußeren
Reiz nicht mit Krebsbildung beantwortet. Diese
sein.
Resultate beweisen die bereits vor 150 Jahren
von dem Engländer PercıvaL Port erkannte
Notwendigkeit eines exogenen Agens. Die Tat-
sache, daß der Erfolg der Teerwirkung in der
Regel nur bei längerdauernder Pinselung eintritt,
läßt auch die Bedeutung der genügenden Ex-
position erkennen. Beim Menschen scheint eine
mehrjährige Einwirkung nötig zu sein. Gewisse
„relativ-spezifische‘‘ Agentien chemischer, physi-
kalischer, parasitärer Natur wie der Teer oder ge-
wisse höhere Parasiten, scheinen zur indirekten
Krebserzeugung besonders geeignet. Im
satz zu „banalen‘‘ Reizen vermögen sie in einem
vorher normalen Organismus auch die nötige
Disposition zu schaffen. Ist dagegen die Bereit-
schaft sehr groß, so kann zweifellos jeder be-
liebige ,,banale‘‘ Reiz Krebsentstehung ,,auslésen“‘.
Eine einmalige Verletzung, ein Schlag, eine Ver-
brennung (Fall von Bang), ja sogar physiologische
Reize wie die Sonnenstrahlen, die zum Leben un-
entbehrlich sind, können bei besonders Disponier-
ten Krebs erzeugen! Solche Fälle sind aber Aus-
nahmen und bestätigen als solche die Regel, daß
der Krebs nur auf einem vorbereiteten Boden ent-
stehen kann. Diese Bereitschaft kann von Haus
aus vorhanden, ererbt sein oder muß, falls dies
Gegen-
nicht bereits geschehen ist, durch einen länger
dauernden Reizzustand erworben werden.
Das spezifische Moment kommt nicht von
außen, ist nicht das variable Agens, sondern liegt
oder entsteht im Körper selbst, ist endogen.
Hier interessieren uns mehr die Momente,
welche das Massenauftreten oder gar eine Zunahme
der Volkskrankheit
1
ainpen
bedingen oder auch nur be-
könnten.
fen
er
on
er
fe,
in
Heit 47/48/49.
28. 11. 1930 |
Nicht alle zur Erklärung der Massenerscheinung
herangezogenen Momente halten einer kritischen
Beobachtung stand. So die zunächst naheliegende
Annahme der Weiterverbreitung durch Ansteckung
oder Vererbung.
Diejenigen, welche immer noch an den angeb-
lich so oft entdeckten, aber nie bestätigten Krebs-
erreger glauben, werden an eine epidemische Aus-
breitung durch Ansteckung denken. Alles spricht
aber gegen eine spezifische Infektionskrankheit,
und eine Ansteckung durch Krebskranke gibt es
nicht! Durch direkte operative Übertragung von
Geschwulstmaterial kann Krebs zwar ‚‚über-
tragen‘‘ werden, aber das hat mit ‚Ansteckung‘
im Sinne der Infektionskrankheiten nichts zu tun
und kommt unter gewöhnlichen Verhältnissen
kaum vor! Der Krebskranke bedeutet also keine
besondere Gefahr für seine Umgebung! Größte
Reinlichkeit ist aber trotzdem auch bei der Pflege
Krebskranker geboten! Eine eigentliche Bekämp-
fung der Krebskrankheit ist, da es keine einheit-
liche Krebsursache gibt, im Gegensatz zu den In-
fektionskrankheiten nicht möglich!
Die viel gefürchtete Vererbung kommt zwar als
direkte Übertragung der Krebsdisposition mit der
Erbmasse vor, ist aber beim Menschen nur verhält-
nismäßig selten einwandfrei nachweisbar und spielt
bei uns auch zweifellos keine so große Rolle wie
z.B. in gewissen besonders gezüchteten Mäuse-
stämmen. Als Ursache einer Massenzunahme der
Krebsbildungen kommt sie kaum in Frage. Vor-
sicht in der Gattenwahl, Eugenik, Vermeidung von
Heiraten zwischen Belasteten wäre immerhin zu
empfehlen.
Statistische Untersuchungen sprächen nach
NICEFORO zwar dafür, daß die nordische und die
alpine Rasse mehr zu Krebsbildung disponieren
als die mediterrane, und nach einer Weltstatistik,
in. welcher HoFFMANN die Krebsmortalität der
Jahre 1908— 1912, darunter auch zahlreiche süd-
amerikanische, vergleicht, stehen die nordisch
und die nordisch gemischt zusammengesetzten
Staaten an erster Stelle.
An erster Stelle die Schweiz. Dann folgen
Holland, Schottland, Schweden, England und
Wales, Norwegen und an siebenter Stelle Deutsch-
land. Diese Länder sind aber nicht nur der Wohn-
sitz der nordischen Rasse, sondern gleichzeitig mit
die ,,fortschrittlichsten Länder‘‘, in denen ärztliche
Diagnostik und Statistik am höchsten entwickelt
ind. Letzteres erklärt, auch ohne Zuhilfenahme
ler Vererbung und KRassenzusammensetzung,
venigstens zum Teil den betrüblichen Vorrang
ler genannten Kulturstaaten.
Mit dieser Feststellung haben wir bereits den
eroßen Faktor berührt, der an sich schon eine
Massenzunahme zu erklären vermag, ja uns eine
Zunahme zahlreicher Krebsbildungen geradezu als
ogisches Postulat nahelegt, ich meine die Ent-
wicklung unserer Kultur.
Die zunehmende Überalterung der Kultur-
völker ist auch bei uns mit ein wesentlicher Grund
TEUTSCHLAENDER: Krebs als Volkskrankheit. 997
der Krebszunahme. Dies geht aus dem Parallelis-
mus des Krebsansteigens mit dem Überhand-
nehmen anderer Alters- oder Nachkrankheiten
(Krankheiten der Kreislauforgane, die als Folge
anderer krankhaften Zustände auftreten, Gehirn-
schlag) unzweideutig hervor. Daß mit der ,,zu-
nehmend stärkeren Besetzung der höheren Alters-
klassen‘‘ auch die Mortalität an Krebs steigen
muß, ist klar. Dies ist nur die statistische Be-
stätigung der bekannten Tatsache, daß der Krebs
vorwiegend in der zweiten Lebenshälfte aufzu-
treten pflegt, also auch zu den Alterskrankheiten
gehört.
Wenn aber daraus geschlossen wird: nicht
der Krebs, sondern bloß die Zahl der alten Leute,
also gewissermaßen bloß das Terrain hat zugenom-
men, die Krebszunahme ist nur ein Phänomen
dieser „senotropen Tendenz‘‘ der Kulturvölker,
so scheint mir doch manches für ein tatsächliches
Überhandnehmen der Krebsursachen durch unser
Kulturleben zu sprechen: einerseits die Zunahme
einer ganzen Reihe ätiologischer Faktoren in
unserem Kulturleben, die mit der Zunahme der
älteren Jahrgänge der Bevölkerung nichts zu tun
hat, andererseits die Tatsache, daß wir heute eine
immer mehr zunehmende Reihe von Krebsbil-
dungen kennen, die nur dem Fortschreiten der
kulturellen Entwicklung ihre Entstehung ver-
danken und deswegen geradezu als ‚„Kulturkrebse‘‘
bezeichnet werden können.
Die fortschreitende Kulturentwicklung mit
ihrer Entfernung von der Natur in Lebensweise
und Sitten, durch berufliche Einspannung und
fortschreitende Industrialisierung, bringt zweifellos
ein vermehrtes Zusammentreffen aller drei krebs-
ätiologischen Faktoren mit sich.
Die noch kein Jahrhundert alte Teer- und Far-
benindustrie, deren gewaltige Fortschritte wir alle
bewundern, z. B. erzeugt tagtäglich neue Produkte,
die zum Teil krebserregende Eigenschaften be-
sitzen. Die Industrie bringt auch die Gelegenheit
zur genügenden Einwirkung derselben, eine gerade-
zu experimentwertige berufliche Exposition mit
sich, die ihrerseits eine vorzeitige Disposition
im Gefolge hat, wie sie physiologischerweise nur
im Alter erworben wird.
Die unzweckmäßige Ernährung der Kultur-
völker vermag einerseits durch direkte Reizwirkung
auf die Schleimhaut der Verdauungswege, anderer-
seits aber indirekt auf dem Wege über Vergiftungs-
und Stoffwechselstörungen disponierend zu wirken.
Auch die hochgradige Verstaubung der At-
mosphäre und gasförmige Beimischungen (wie
\utomobilgase, Teerstaub u. a.), künstliche, zum
Teil arsenhaltige Bei- und Düngemittel der Land-
wirtschaft könnten eine Rolle bei der Zunahme,
insbesondere der Lungenkrebse spielen.
Als typische Kulturkrebsbildungen sind zu-
nächst die immer zahlreicher werdenden Berufs-
krebsarten zu bezeichnen. Außer den bereits ge-
nannten Röntgen- und Paraffinkrebsen kennen wir
berufliche Hautkrebse bei Radiumtechnikern, fer-
998 TEUTSCHLAENDER:
ner durch Arsenik, durch Schmieröl verursachte
Krebsbildungen in Petroleumraffinerien, bei Kreo-
sotarbeitern und in Teerdestillerien, die durch
Pechstaub erzeugten Carcinome der Pechverlader,
bei Brikettfabrikarbeitern und Brikettheizern der
Eisenbahn und Marine u. a. Aber auch Krebs-
bildungen innerer Organe verdanken der beruf-
lichen Tätigkeit ihre Entstehung. So die häufigen
Harnblasenkrebse der Farbenindustrie und der
Tuchfärber und der Lungenkrebs der Schneeberger
Bergleute im Sächsischen Erzgebirge, dem früher
bis 75 % der Belegschaft zum Opfer fielen, der aber
infolge Schließung der emanationshaltigen Kobalt-
Arsengruben bald nur noch historisches Interesse
haben wird.
Außer den zahlreichen Berufskrebsen gibt es
aber auch andere Kulturkrebse: so infolge chroni-
schen Arsengebrauchs und nach unsachgemäßer
Röntgenbestrahlung zu Heilzwecken. Zum min-
desten gehört hierher auch ein Teil der Krebs-
bildungen des Verdauungskanals, insbesondere des
Magens, die bei uns in bezug auf Häufigkeit an
der Spitze aller Krebsbildungen stehen, beim Tier
dagegen so gut wie nicht vorkommen und bei
wilden Völkern selten sind. Heißes und gewürztes
Essen, Reiz- und Genußmittel, Rauchen usw.
werden wohl mit Recht dafür im Sinne einer
direkten Reizwirkung oder indirekt über In-
toxikation dafür verantwortlich gemacht Daß
auch die vitaminarme und sonstige naturwidrige
Ernährung bei der Krebsbildung eine disponierende
Rolle spielen könnte, ist längst von ärztlicher Seite
vermutet und zum Teil bereits experimentell
wahrscheinlich gemacht
Auch die außerordentliche Häufigkeit
Krebsbildungen bei Haustieren, und zwar beson-
ders bei solchen (Hund und Huhn), die durch ihr
Verhältnis zum Menschen gezwungen
sind, seine anormale Lebensweise zu teilen, kann
geradezu als Beweis für die Bedeutung der Kultur
(Domestikation), insbesondere der naturwidrigen
Ernährung hingestellt werden Die im gleichen
Sinne sprechenden Angaben älterer Kolonialärzte,
daß früher z. B. in Marokko und Algier und bei den
Basutos Krebs sehr während
er jetzt daselbst kaum weniger häufig ist als in
Europa, und daß die Krebsbildungen im Inneren
Afrikas viel seltener seien als an der Küste, können
leider heute nicht mehr auf ihre Richtigkeit nach-
geprüft werden
Der Einfluß der und
Sitten geht auch aus dem unterschiedlichen Ver-
halten verschiedener Völker und der Anhänger
verschiedener Religionen in bezug auf
Krebslokalisationen hervor. So stellt bei
Hindus der Krebs des männlichen Gliedes
aller bei ihnen überhaupt vorkommenden Krebs-
fälle dar, während den Mohammedaner in Indien die
rituelle Beschneidung einen Schutz gegen diesen
Krebs verleiht. Bei den Hindufrauen ist Krebs
von
intimeres
selten gewesen sei,
Lebensgewohnheiten
gewisse
den
20 %
derMundschleimhaut auBerordentlich haufig, 38mal
haufiger als bei den Englanderinnen. Dies wird mit
Krebs als Volkskrankheit.
Die Natur-
wissenschaften
dem gewohnheitsgemäßen Kauen der Betelnuß in
Zusammenhang gebracht. — Der in Japan sehr
verbreitete Speiseröhrenkrebs der Reisschnaps-
„sake‘‘-Trinker hat sein Gegenstück in der Fest-
stellung des Magenarztes Boas, nach welchem
bei uns 40% aller Fälle von Speiseröhrenkrebs bei
Schnapstrinkern vorkommen. — Der bloß in
Kaschmir und den kalten Gegenden Japans beob-
achtete Krebs der Bauchhaut ist auf die Verwen-
dung sog. Bauchwärmer (Kohlenbecken) und die sie
hervorgerufenen Verbrennungen zurückzuführen.
Das gegensätzliche Verhalten der Tuberkulose-
und Krebssterblichkeit scheint auf einen Zusam-
menhang zwischen beiden hinzuweisen in dem Sinn,
daß infolge der zum Teil durch die erfolgreiche
kulturelle Großtat der Eindämmung der Tuber-
kulose die Gelegenheit zur Krebsbildung häufiger
gegeben ist. Eine wirkliche Zunahme mancher
Krebsbildungen ist also als Folge der Kulturent-
wicklung nicht von der Hand zu weisen und wird
durch eine der Glanzleistungen unserer Kultur
geradezu mitbegünstigt.
Mag nach dem Gesagten auch ein Körnchen
Wahrheit in der Behauptung des Bankiers AME-
RONGEN enthalten sein, der in einem weitverbrei-
teten Flugblatt den Konservengebrauch für die
Häufigkeit des Krebses verantwortlich macht, so
schlägt es doch den Tatsachen ins Gesicht, wenn
er ,, TELLIER, den Vater der Kälteindustrie, auch
zu gleicher Zeit den Vater der Krebskrankheit“
und den 1873 verstorbenen ,,LIEBIG, den Vater
der chemischen Ernährung, hierin seinen Ge-
nossen‘‘ nennt. Der Krebs wird nämlich bereits
in dem 2000 Jahre v. Chr. erschienenen indischen
Werke ,,Ramajana“, in den Papyros EBERs
(1500 v. Chr.) sowie in einer assyrischen Keil-
inschrift der Bibliothek von Ninive (aus dem
Jahre 800 v. Chr.) erwähnt!
Scheint die Zivilisation und Kultur der Krebs-
krankheit in mancher Beziehung Vorschub zu
leisten, so geht es doch nicht an, den Krebs ganz
allgemein als ,,Kulturkrankheit zu bezeichnen
Wenn darunter verstanden wird, der Krebs sei
eine erst durch die höhere Zivilisation hervor-
gerufene, bloß auf die zivilisierten Völker und
domestizierten Tiere beschränkte Naturerschei-
nung, so ist dies zweifellos falsch: kommen doch
bösartige Gewächsbildungen nicht nur bei Men-
schen jeder Kulturstufe und Lebensweise und aller
Rassen, sondern domestizierten, in
Gefangenschaft und wild lebenden Tieren, sogar bei
Hochseefischen zur Beobachtung, ja ein ameri-
kanischer Autor behauptet, daß auch bei einem
fossilen Saurier Veränderungen festgestellt seien,
die nach ihm darauf hinweisen, daß der Krebs
bereits vor Jahrmillionen existierte, also viel älter
Menschengeschlecht und die Zivili-
sation. — Auch hier ganz in der Nähe haben wir
einen Beweis dafür, daß die uns interessierende
Naturerscheinung nicht an die Kultur gebunden
ist: Bei den Fischern am Kurischen Haff kommt
ein besonderer Leberkrebs endemisch vor. Dieser
ebenso bei
sei als das
in
D-
it-
rd
ur
ch
er
in
el
ri-
m
bs
er
li-
ir
de
en
nt
er
Heft m GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente. 999
28. ı1. 1930
Krebs verdankt seine Entstehung geradezu einer
kulturwidrigen Unsitte der Fischer, die oft finnen-
haltigen Fische roh zu verzehren. Auf diese Weise
infizieren sie sich mit einer Art Egel (Opisthorchis
felineus), der sich in den Gallengängen festsetzt und
nun indirekt über Leberverhärtung Leberkrebs
erzeugt. Auch die durch einen anderen Wurm,
die Bilharzia, hervorgerufene Häufigkeit der Harn-
blasenkrebse in Ägypten, die in den Kranken-
häusern Kairos 5mal häufiger sein sollen als in
London, sind wohl so alt, wie das Nildelta bewohnt
ist. In den Bewässerungsgräben Unterägyptens
hält sich nämlich die Trematode auf, deren Em-
bryonen, die Miracidien, mit dem Trinkwasser auf-
genommen werden oder indirekt durch die Haut
in die Blutgefäße eindringen, um sich dann in
der Harnblase festzusetzen.
Die Krebskrankheit ist also nicht erst durch die
Kultur entstanden. Diese scheint nur die Zunahme
des Krebses zu begünstigen. Aber auch die Zunahme
ist keine notwendige Begleiterscheinung der Kul-
tur, sind wir doch heute schon in der Lage, manche
Krebsbildungen zu verhüten. Dies ist zum Teil
sehr leicht: Es genügt z. B., daß die Fischer die
Fische garkochen, um dem Leberkrebs am Kuri-
schen Haff seine ursächliche Grundlage zu ent-
ziehen. Durch ein Verfahren, welches die Bildung
von Pechstaub in den Brikettfabriken ausschließt,
kann der Brikettarbeiterkrebs verhütet werden.
Gewissermaßen durch Erlaß, die Schließung der
Schneeberger Gruben bestimmend, ist die ursäch-
liche Berufsexposition der seit Jahrhunderten be-
kannten Schneeberger Bergkrankheit aus der Welt
geschafft. Durch Befristung der Anstellung in den
Farbwerken und Abdichtung der Apparatur können
die Harnblasenkrebse vermieden werden, durch
verbesserten Schutz die Röntgencarcinome. Be-
sonders auf dem Gebiete der Gewerbehygiene sind
bereits anerkennenswerte Erfolge in der Krebs-
prophylaxe erzielt worden. Es wird aber wohl nie
gelingen, den Krebs bloß durch hygienische MaB-
nahmen gänzlich auszurotten; denn die äußeren
Ursachen sind zu zahlreich und verschieden und
die Vorbedingungen zu oft erfüllt. Die Hoffnung
ist aber berechtigt, daß es durch prophylaktische
Maßnahmen gegen ‚präcanceröse‘‘ Krankheiten
und Zustände, durch Belehrung, Mahnung zur
Reinlichkeit, wahre Hygiene in der Ernährung,
Lebensweise und Eugenik einerseits, frühzeitige
Behandlung und Heilung der als ‚Vorkrank-
heiten‘‘ bekannten, oft den Patienten nur wenig
störenden pathologischen Erscheinungen anderer-
seits gelingt, die Zahl der Krebskranken noch weiter
zu vermindern und damit schweres Leiden, Siech-
tum und Verluste meist gerade auf der Höhe ihrer
Wirksamkeit stehender Mitmenschen zu verhüten.
Krebs verhüten ist noch besser, oft auch leichter,
als Krebs heilen.
Erst wenn es gelingt, eine einfache und zu-
verlässige, etwa serologische Methode zu finden,
die gestattet, die Krebskrankheit vielleicht sogar
schon vor der Gewächsbildung zu diagnostizieren
und damit auch versteckte oder latente Krebs-
bildung sicher zu erkennen, so daß man jedem
40-jährigen zumuten kann, sich damit alljährlich
mindestens einmal auf seinen Gesundheitszustand
prüfen zu lassen, erst dann werden unsere Be-
kämpfungsmaßnahmen vollen Erfolg haben kön-
nen und werden wir eine fühlbare Abnahme der
Krebsmortalität und -morbidität verzeichnen
können. Dann wird der Krebs als Volkskrank-
heit seine Schrecken verlieren.
Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente.
Von V.M. GoLpDscHMIDT, Göttingen.
Eine Untersuchung über die relative Häufigkeit
der verschiedenen chemischen Elemente beginnt
zweckmäßig zunächst mit dem Gesteinsmaterial,
das uns an der Erdoberfläche unmittelbar zu-
gänglich ist. Über die chemische Zusammen-
setzung dieses Gesteinsmaterials sind wir wohl
unterrichtet. Einerseits liegt durch F. W. CLARK!
und H. S. WASHINGTON eine Durchschnittsberech-
nung aus etwa 5000 Analysen unzersetzter Eruptiv-
gesteine vor. Bei einer solchen Zusammenstellung
könnte allerdings bezweifelt werden, ob sie wirklich
die Durchschnittszusammensetzung der festen
Erdrinde zutreffend darstellt, da ja die Gesteins-
körper nicht nach Maßgabe ihrer Größe berück-
sichtigt werden, sondern nur gemäß der Anzahl
vorliegender Analysen, die sich großenteils auf
seltenere Gesteinstypen beziehen. Wenn man die
Möglichkeit hätte, von einem großen Gebiete der
Erdoberfläche, bestehend vorwiegend aus krystal-
linen Gesteinen, eine Durchschnittsprobe zur
Analyse zu beschaffen, würde dieser mögliche Ein-
wand entfallen. Eine solche Durchschnittsprobe
kann man erhalten, wenn man große Proben der
norwegischen quartären Lehme analysiert, ent-
nommen an einer großen Anzahl verschiedener
Fundorte. Die Durchschnittsberechnung aus 81
vollständig analysierten Proben südnorwegischer
Lehme ergibt die unter II. angeführten Zahlen. Man
erkennt die überraschend genaue Übereinstimmung
mit jener Berechnung, welche CLARKE und WASHING-
ron für die Durchschnittszusammensetzung der
Eruptivgesteine ausgeführt haben. Abweichend
ist im wesentlichen nur der Gehalt an jenen
zwei Basen, die durch Wasser am schnellsten aus
Gesteinsproben ausgelaugt werden, die also in
den Lehmen schwächer vertreten sein müssen
als im Durchschnittsmaterial von CLARKEs Ana-
lysen; es sind dies Kalk und Natron. Es entspricht
dies vor allem der hydrolytischen Spaltung der
basischen Plagioklase, wobei deren Tonerde-
gehalt im Lehm verbleibt, teilweise als freies
Hydroxyd.
Die Eruptivgesteine der äußeren Erdrinde be-
stehen ganz überwiegend aus Sauerstoffverbin-
1000 GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze
I Il
Mittlere Zusammensetzung der Mittlere Zusammensetzung
äußeren Lithosphäre Norwegischer Lehme
Hauptbestandteile
SiO, 59,09 Sit de 59,19
Al, Os, . 15,35 AlO, 16,68
Fe,( )s FeO 6,88 Fe,( ds FeO 6,96
MgO 3,49 MgO 3,38
CaO 5,08 CaO 3,20
Na,O. 3,84 Na,O . 2,10
K,O 3,13 K,O 3,74
H,O 1,14 H,O 3,06
TiO, 1,05 re 0,80
P,( ), 0,30 P,O, a ae 0,21
dungen, insbesondere ausSilikaten des Aluminiums,
Calciums, Magnesiums, Natriums, Kaliums und
Eisens. Atomprozentisch beträgt die Sauerstoff-
menge mehr als 60% der beteiligten Elemente;
rechnen wir die Volumina der einzelnen Atomarten,
bzw. Ionenarten für dieselben Gesteine
beträgt der Anteil des Sauerstoffes mehr als 90 %
des gesamten von Atomen erfüllten Volumens;
die äußere Hülle unseres Planeten, die Litho-
sphäre, ist im wesentlichen eine Packung von negativ
geladenen Sauerstoffpartikeln, zusammengehalten
durch das Silicium und die meist relativ kleinen
positiv geladenen Ionen der metallischen Elemente.
aus, so
Gewichts Atom Radius Volum
prozente prozent: 4 prozente
() 40,59 02 46 1,32 oI 77
Ne) | 27,72 21,01 0,39 0,50
Al 5,13 0,44 0,57 0,70
Fe 5,01 1,93 0,82 0,68
Mg 2,09 1,84 0,78 0,56
Ca 3,63 1,93 1,06 1,48
Na 2,85 2,66 0,98 1,60
K 2,60 1,43 1,33 2,14
i 0,63 0,28 0,64 0,22
100,01
Die Zusammensetzung der Lithosphäre kann
aber nicht dem durchschnittlichen chemischen
Bestande der gesamten Erde entsprechen. Unter-
suchungen über die durchschnittliche Dichte der
Erde, über Geschwindigkeit Erdbeben-
wellen und der Vergleich mit solchem Gesteins-
material (Meteoriten), das kosmischen Ursprungs
ist, lehrt uns, daß die Zusammensetzung des Erd-
innern verschieden von dem typischen Bestande
der oberen Lithosphäre sein muß. Wir gelangen
zu folgender Architektur des Erdballes, der in eine
Anzahl konzentrischer Schalen geteilt ist, angeord-
net nach Maßgabe des spezifischen Gewichtes.
Die verschiedenen chemischen Elemente sind
nicht gleichmäßig durch ganzen Erdball
die von
den
verteilt, sondern haben sich nach ihıen chemischen
und
schieden.
In Atmosphäre und Hydrosphäre finden wir
vorzugsweise die atmophilen Elemente, wie Wasser-
physikalisch-chemischen Eigenschaften ge-
Die Natur-
wissenschaften
und kosmische Häufigkeit der Elemente.
stoff, Stickstoff, Edelgase. Elemente, die be-
sonders leicht flüchtig sind oder leicht flüchtige
Verbindungen bilden.
D=38
SSikat hiille
\ | Eklogitschale
1200 kin m (kompromerte Silikate)
\ Qn5S-6 J
\ Sulfid-Oxya'- Schale
2900 kim
\ O=ca8-0/
\ ) Metallkern
\ (Mekeleisen)
/
4
Fig. 1. Schematischer Querschnitt durch die Erde.
In der Lithosphäre finden wir vorzugsweise
die Elemente, welche Ionen vom Bautypus der
Edelgase liefern und sich durch starke chemische
Affinität zu Sauerstoff auszeichnen; es sind dies
etwa Natrium, Calcium, Aluminium, Silicium,
wir bezeichnen sie als lithophile Elemente.
In der Sulfid-Oxydschale der Chalkosphäre
finden wir vorzugsweise solche Elemente ange-
reichert, die sich einerseits durch starke Affinität
zu Schwefel auszeichnen, und deren Schwefel-
verbindungen außerdem in Eisenmonosulfid leicht
löslich sind. Es handelt sich beispielsweise um
Kupfer, Silber, Arsen; solche Elemente, welche die
wichtigsten Bestandteile der sulfidischen Erz-
minerale sind, wir als chalkophile
Elemente
Diejenigen Elemente, welche sich durch ver-
hältnismäßig geringere Affinität zu Sauerstoff oder
Schwefel auszeichnen und welche teils in freiem
Zustande, teils als Eisenverbindungen in geschmol-
bezeichnen
zenem Eisen leicht löslich sind, bezeichnen wir
als siderophile Elemente. Es sind dies u. a. Nickel,
Rhodium, Platin.
Endlich kénnen wir als eine fiinfte geochemi-
sche Gruppe, deren kennzeichnende Eigenschaften
allerdings erst spat in der geologischen Entwick-
lungsgeschichte der Erde zur Geltung kamen,
solche Elemente bezeichnen, die in der lebenden
organischen Substanz, in der Biosphäre, angerei-
chert werden, wie Kohlenstoff, Phosphor, Jod, wir
mögen sie biophile Elemente nennen.
Die Scheidung in die vier erstgenannten geo-
chemischen Hauptgruppen von Elementen trat
bereits bei der ersten Entmischung der schmelz-
fliissigen Erdkugel in Erscheinung, zu einer Zeit,
die weit vorden ersten geologischen Uberlieferungen
der zugänglichen Erdoberfläche liegt, zu einer Zeit,
die eher der astronomischen als der geologischen
Zeitrechnung angehört, weit vor den Zeitpunkten,
dieetwadurchdieradioaktiven Altersbestimmungen
fixiert werden können.
Wir können die geochemische Verteilungsweise
der Elemente in der folgenden Zusammenstellung
schematisch darstellen.
Heft 47/48 ) GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente. 1001
28. Il. 1930
Geochemische Zonen.
Radiale Dicke Dichte ne Wie htigste chemische W ichtigste physikalische ; Welche Gruppe von ‘
Kennzeichen Kennzeichen Elementen ist angereichert ?
Mehrere 0— 0,0015 Atmosphäre Ny, O, Gas Atmophile Elemente
100 km H,O, CO,
Edelgase
o—ıı km etwa I Biosphäre | OrganischeSubstanzen Fest und flüssig, oft in} Biophile Elemente
und Skelettminerale |kolloidaler Verteilung
o—ıı km I Hydrosphäre| Ozean und Binnen- Flüssig Atmophile Elemente
gewässer, Schnee u. Eis (z. T. fest) und gelöste lithophile
Elemente
60— 120 km 2,8 Silikate der Gewöhnliche Fest Lithophile Elemente,
Erdrinde Sifikatgesteine mit Anreicherung der
Restkrystallisationen
aus Mutterlaugen
ı 100 km 3,6—4 Eklogitschale| Silikatgesteine wahr- Fest, sehr dichte Lithophile Elemente,
scheinlichangereichert | Packungen der Atome| mit Anreicherung der
an Mg,SiO, (Eklogit-Facies) Frihkrystallisationen
1700 km 5—6 Sulfid-Oxyd- | Gekennzeichnet durch Fest Chalkophile Elemente
Schale große Mengen von Sul-
fiden und Oxyden deı
Schwermetalle, beson-
ders des Eisens
3 500 km 8— 10 Nickeleisen- | Legierung von Eisen Fest Siderophile Elemente
Kern und Nickel ’teilweisenoch flüssig
Geochemische Klassifikation der Elemente.
A B C D I
Eisen Sulfid Silikat Gashiille Organismen
Siderophil Chalkophil Lithophil Atmophil Biophil
Fe, Ni, Co (O)), S, Se, Te O, (S), (P), (H H, N%, C?, (Cl?), J C, H, O,N, P, S, Cl, J
P, (As), C, (Ge) Fe, (Ni), (Co), Mn? Si, Ti, Zr, Hf, Th He, Ne, A, Kr, X (Ca, Mg, K, Na)
Pt, Ir, Os? (Pd), Cu, Zn, Cd, Pb F, Ci, Be, J (V, Mn, Fe, Cu)
Ru, Rh, Mo(W) (Sn?), Ge, (Mo?) B, Al, (Ga), Sc, Y,
As, Sb, Bi La, Ce
Ag, Au, Hg Pr, Nd, Sm, Eu, Gd,
Pd, (Ru?), (Pt) Tb
Ge, In, Fi Ds, Ho, Er, Tu, Yb,
Cp
Li, Na, K, Rb, Os
Be, Mg, Ca, Sr, Ba
(Fe), V, Cr, Mn,
((Ni)) ((Co))
Nb, Ta, W, U, Sn
(C)
1 Als Cog.
2
2 Bei hohen Temperaturen vielleicht siderophil in (Nitriden)
Diese geochemische Klassifizierung in die vier bei Edelgasen und den unmittelbar vorangehenden
erstgenannten Hauptgruppen können wir in Be- Elementen. Lithophile Elemente finden wir auf
ziehung bringen zu der Bauart der betreffenden den absteigenden Zweigen der Atomvolumkurve
Atomarten bzw. Ionenarten, wie er nach den heuti- edelgasähnliche Ionen), chalkophile Elemente auf
gen Ansichten im periodischen System der Ele- den aufsteigenden Zweigen der Kurve (edelgas-
mente zum Ausdruck gelangt, und wie wir sie unähnliche Ionen)
auch an der Hand der bekannten Atomvolumen-
kurve veranschaulichen können. Die siderophilen
Elemente finden sich bei den Minimalwerten der
Es ist diese Tabelle natürlich nicht derart zu ver-
stehen, daß ein gegebenes Element beispielsweise
nur in der Eisenphase gefunden wird, falls es als
Atomvolumkurve, vor allem unter den Elementen siderophil zu bezeichnen ist, sondern die Einteilung
mit Ladungsdefekten in den äußeren Elektronen- besagt nur, daß es mit der relativ größten Konzen-
schalen. Atmophile Elemente finden sich besonders tration in die Eisenphase eintritt. Bei einer großen
in den Gebieten hoher Atomvolumina, wie etwa Anzahl von Elementen sind die geochemischen
1002 GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze
Eigenschaften so ausgeprägt, daß die Konzen-
tration in einer der Phasen um eine oder mehrere
Zehnerpotenzen höher ist als in den anderen
Phasen, beispielsweise ist Silicium in diesem Sinne
lithophil, Kupfer in diesem Sinne chalkophil.
Bei manchen Elementen ist die Trennung bei
dem Verteilungsgleichgewicht keine voll-
ständige, man beobachtet insbesondere bei
denjenigen Elementen, welche im periodischen
System nahe der Grenze zwischen zwei geochemi-
schen Hauptgruppen stehen.
In unserer geochemischen Systematik der
Elemente ‚messen wir die Verteilungsverhältnisse
im Vergleich zu jenen ist
Eisen, als vorherrschendes Schwermetall der drei
so
dies
des Eisens; es das
flüssigen Phasen, unser Bezugselement
Die Trennung in die genannten vier Haupt-
gruppen ist der erste wichtige Schritt in der geo-
chemischen Verteilung der verschiedenen Elemente,
er bezieht sich auf die Sonderung nach chemischen
Eigenschaften zwi-
(Silikatschmelz-
und physikalisch-chemischen
schen mehreren flüssigen Phasen
Die Natur-
wissenschaften
und kosmische Häufigkeit der Elemente. [
die Minerale der Feldspatfamilie, also Silikate von
Aluminium, Calcium und Alkalimetallen, ferner die
Silikate, welche Magnesium und Eisen enthalten,
zum Teile auch neben Calcium, wie Olivin, Augit,
Hornblende, die oxydischen Eisenerze, wie Ma-
gneteisenstein und Titaneisenstein.
Das Verhalten der selteneren Elemente im
Silikatschmelzflusse bei diesen Trennungsvor-
gängen ist vor allem durch eine Beziehung ge-
regelt, die bei dem ersten großen geochemischen
Stoffscheidungsvorgange noch nicht in Erschei-
nung treten konnte, nämlich die Beziehung des
Krystallbaues zu den Größenverhältnissen der be-
teiligten Atomarten (oder Ionenarten). Während
die Verteilung einer Atomart zwischen flüssige
(oder gasförmige) Phasen durch die physikalisch-
chemischen Affinitätseigenschaften der betreffen-
den Atomarten geregelt wird, kommt für das Ein-
treten in ein bestimmtes Krystallgebäude wesent-
lich in Betracht, ob das betreffende Atom (oder
Ion) mit einem Hauptbestandteil des betreffenden
Krystallgitters in bezug auf Größe so nahe über-
Oligo-
Labrador Andesin klas
> > Kalifeldspat
A A A a”? a Muskovit
A A A A a aQuarz
Gabbromagma > Dioritmagma > Granitmagma > Wässerige Restlaugen
v vv v v 4
>» >» >» >»
Olivin | |Augite Augit Amphibol Amphibol Biotit
v Y v
>
Chromeisen- Titaneisen Magnetit
stein und Magnetit
Eisensulfidmagma
Fig
fluß, Sulfidschmelzfluß, Eisenschmelzfluß) und
einer Gasphase, der Uratmosphäre
Das zweite Stadium geochemischer Trennungs-
auf die Verteilung der
der allmählichen Abkühlung der
die nach und nach Er-
unter Ausscheidung krystallisierter Pha-
hat. Uns interessiert in diesem Zu-
sammenhange insbesondere die weitere Sonderung
des Silikatschmelzflusses, deren Produkte uns
an der Erdoberfläche unmittelbar zugänglich sind.
In der bekannten schematischen Darstellung,
welche sich an die Darlegungen von N. L. BowEn
Krystallisation der Gabbro-
vorgänge bezieht sich
Elemente
Schmelzflüsse,
starrung
sen geführt
bei
zu einer
über die fraktionierte
magmen anschließt, ist der Gang dieser Sonderungs-
vorgänge angedeutet
Neben einer Ausscheidung sekundär entmisch
ter Sulfidschmelzflüsse geschieht die Sonderung
des Silikatmagmas durch fraktionierte Krystalli-
sation, unter Ausscheidung vor allem der gewöhn-
Minerale. Es sind dies
lichen gesteinsbildenden
Entwicklung magmatischer Gesteine.
einstimmt, daß es in dasselbe Krystallgebäude
aufgenommen werden kann. Bereits H. G. GRIMM
hatte zeigen können, daß die Fähigkeit zur Misch-
krystallbildung von dem Größenunterschiede der
Atomabstände in den gleichgebauten Krystall-
arten abhängt, der wiederum durch den Unter-
schied der Größen der substituierten Atomarten
bedingt sein muß
Die fraktiorierte Krystallisation einer Lösung
eines Schmelzflusses führt dazu, daß
alle Atomarten, die in die betreffenden Krystall-
ausscheidungen nicht aufgenommen werden, in
der Mutterlauge des Krystallisationsprozesses zu-
rückbleiben und in dieser Mutterlauge relativ
angereichert werden, bis ihre Konzentration so weit
gestiegen ist, daß sie ihre eigenen Krystallarten
aufbauen können.
In dieser Weise werden in den Mutterlaugen der
Silikatmagmen allem Atomarten an-
oder also
vor solche
gereichert, die entweder zu klein oder zu groß sind,
gewöhnlichen
um in die Minerale der Silikat-
Heft 47/48 oT GoLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente. 1003
28. 11. 1930
magmen einzugehen. Es sind dies solche relativ
kleine Atom- bzw. Ionenarten, wie Beryllium und
Bor, oder so groBe wie etwa Lanthan, Thorium,
Uran. Die Anreicherung dieser an sich seltenen
Atomarten bedingt, daß wir in den Produkten
magmatischer Mutterlaugen, vor allem in den
Pegmatitgängen, eine große Anzahl von Mineralen
finden, welche an anderwärts seltenen Elementen
sehr reich sind. Nicht alle Stoffe magmatischer
Mutterlaugen finden sich in den Mineralen der
Pegmatitgänge wieder, manche werden als Bil-
dungen aus entweichenden Gasphasen (pneumato-
lytische Mineralbildung), wieder andere vor-
zugsweise aus wässerigen Restlösungen (an Magmen
geknüpfte hydrothermale Erzgänge) ausgeschieden.
Die folgende Tabelle gibt einige Beispiele von
kennzeichnenden Elementen dieser drei ver-
schiedenen Produkte magmatischer Mutterlaugen.
Typische Elemente und Radikal-lonen aus Mutterlaugen
der Silikatmagmen
Hydrothermale
Mineralbildung
Mineralbildung aus
Dass . :
Pegimatite magmatischen Gasen
Li, (Cs) Li Ag, Au
Be (Mn) Cu Zn, Pb, Cu, Ba,
(Sr), Mn
B B (B)
Sc, ¥, ia, Ce Pe Sc, As As, Sb, Bi
Nd, Sm, Eu, Gd
Tb, Dy, Ho, Er
Tu, Yb, Cp
Ti, Zr, Ce, Hf, Th Sn
Nb Ta (P) P (Ta)
Mo (W) U Mo, W (Mo) U
F, Cl, OH F, Cl, OH F, Cl, OH
CO, CO, CO,
(S) S S, Se, Te
Die fraktionierte Krystallisation der Silikat-
magmen führt zu Produkten verschiedenen spe-
zifischen Gewichtes, es äußert sich dies in bezug
auf die Verteilungsweise der einzelnen Elemente
besonders auch darin, daß spezifische schwere
Magmen und spezifisch schwere krystalline Aus-
scheidungen zum Absinken nach dem Erdinneren
neigen, spezifisch leichte Restmagmen, wie Syenite
ind Granite und noch mehr deren wässerige
Mutterlaugen, dagegen zum Aufsteigen gegen die
Erdoberfläche hin. Wir finden daher in den aller-
obersten Teilen der Lithosphäre eine relativ sehr
starke Anreicherung einer Reihe von chemischen
Elementen, die in solchen leichten Restmagmen
und Mutterlaugen angesammelt waren. Deshalb
sind zum Beispiel die Elemente Uran und Thorium,
trotz ihres hohen Atomgewichtes und des hohen
spezifischen Gewichtes ihrer Verbindungen, über-
wiegend in den allerobersten Teilen der Litho-
sphäre angereichert worden.
Andererseits sind gewisse Elemente, die an
schwere Frühausscheidungen des Silikatmagmas
geknüpft sind, wie Magnesium, Nickel, Chrom und
auch Platinmetalle, in den tieferen Teilen der
Lithosphäre angereichert worden.
Typische Elemente der Frühkrystallisationen aus Silikatmagmen.
Cr, Ni, Co, Mg, Ti, Fe, V
In den Mutterlaugen der Silikatmagmen sind, wie
oben erwähnt, solche seltenen Elemente vorzugsweise
stark angereichert worden, die sich durch besonders
kleine oder besonders große Atomradien von den
gewöhnlichsten gesteinbildenden Elementen glei-
cher Valenz unterscheiden.
Wir beobachten jedoch in den Mutterlaugen
keine nennenswerten Anreicherungen seltener Ele-
mente, deren Radien nahe Übereinstimmung mit
den Radien eines der gewöhnlichen gesteinbildenden
Elemente gleicher Valenz aufweist. So bewirkt die
uahe Ubereinstimmung der Radien von Gallium und
Aluminium, daB sich das Gallium in allen Mineralien
des weitaus haufigeren Aluminiums findet, es hat
sich durch die große Ähnlichkeit der Ionengrößen
darin verborgen; wie bezeichnen solche Fälle als
Tarnung (Camouflage) von Elementen. Die
nahe Übereinstimmung der Ionenradien zeigt sich
in der Übereinstimmung der Gitterdimensionen
von Aluminium- und Galliumverbindungen. Andere
Gitterdimensionen von Aluminiumverbindungen und
von Galliumverbindungen.
A A
Al,O, 5,13 &=55°16’ Ga,O, . 5,28 «1=55°35’
LaAlO, 3,78 LaGaO, 3,89
AIP . 5,451 GaP. . 5,436
AlAs. . 5,628 GaAs . 5,635
AISb. . 6,091 GaSb . 6,093
Beispiele sind die Tarnung des Germaniums durch
Silicium. Einige bekanntere Fälle von Tarnung
sind in der folgenden Tabelle zusammengestellt.
Ähnlichkeit der Ionenradien bei Elementen gleicher Valenz
Mg 0,78 = 5
27 Al 0,57 Si 0,39 Zr 0,87
Ni 0,78 Pb 1,32
Ga 0,63 Ge 0,44 Hf 0,86
Auch innerhalb der Gruppe der Elemente der
Restlösungen beobachteten wir analoge Tarnungs-
Erscheinungen. So ist das Element Hafnium in
den Mineralien des Zirkoniums getarnt, in welchen
es 1923 von HEvEsy und Coster entdeckt worden
ist. Auf Ähnlichkeit der Ionenradien beruhen auch
die eigentümlichen und früher ganz unerklärbaren
\ssoziationsgesetze der seltenen Erdmetalle. So
findet sich das Yttrium in der Natur stets in
denselben Mineralien wie die Elemente der Sama-
rium-Cassiopeiumreihe, die sog. Yttererden, eben
wegen der Übereinstimmung der Radien, die ins-
besondere bei Yttrium einerseits, Holmium anderer-
seits eine so nahe ist, daß beide Elemente in kry-
stallchemischer Beziehung sich fast identisch ver-
halten und sogar durch die Hilfsmittel des chemi-
schen Laboratoriums nur sehr schwer voneinander
1004
Ionenradien von Yttrium und dreiwertigen Lanthaniden.
Gd 1,11
Tb 1,090
DE a ee Se
z+ ee >
BR ar Weak tae A
| gitar Sr ers
Tu en © 8 ew oC eee
ae oa "a eee
Cp 0,99
getrennt werden können. Erst als auf röntgen-
spektrographischem Wege die Analyse der Mine-
rale, welche seltene Erdmetalle enthalten, auf die
einzelnen Elemente dieser Familie ausgedehnt
werden konnte, und erst als man die Radien der
betreffenden Ionen durch röntgenkrystallographi-
sche Messungen bestimmen konnte, gelang es, die
merkwürdigen Verteilungsweisen dieser Elemente
auf ein einfaches Prinzip zurückzuführen, auf die
Ordnung nach Maßgabe der Atomgrößen, ins-
besondere auch durch die Entdeckung einer
merkwürdigen Beziehung zwischen den Größen-
verhältnissen und den Ordnungszahlen dieser
Elemente, die als Lanthanidenkontraktion bezeich-
net wird
Falls unsere Betrachtungen richtig sind, durfte
es kein Mineral geben, in dem nur ein einzelnes
Lanthanidenelement, abgesehen von
Elementen der Lanthaniden-
allein oder ganz vorherrschend vorkommt,
denn der natürliche Sortierungsprozeß nach Maß-
gabe der Atomradien vermag ein solches Element
nicht den Nachbarlanthaniden abzutrennen.
Es gab in der Literatur die Angabe, es existiere
ein Mineral, Sipylit, das wesentlich ein Niobat des
Lanthanidenelementes Erbium Die Existenz
dreiwertiges
den
reihe
endstandigen
von
sei.
eines solchen Minerals würde unseren Schluß-
folgerungen ganz den Boden entziehen. Nach-
prüfung des Originalmaterials ergab, daß die
Angabe irrtümlich war, daß nicht Erbium allein,
sondern ganz gewöhnlicher Lanthaniden-
bestand zusammen mit der üblichen Yttriummenge
im Sipylit vorkommt.
Die krystallchemische Verwandtschaft zweier Ele-
mente ist eine besonders nahe, wenn die Ionen zweier
Elemente bei gleicher Ladungszahl und gleichem
Vorzeichen auch nahezu gleichen Radius aufweisen,
wie im Falle Gallium-Aluminium, Hafnium-Zirko-
nium, Holmium-Yttrium. Eine krystallchemische
Analogie zweier Elemente kann jedoch auch ein-
treten, wenn zwar die Radien zweier Ionen nahezu
ein
Abhnlichkeit der Ionenradien bei Elementen ungle icher
Valenz.
I II I II
Li Mg Na Ca
0,78 0.78 0,98 1,06
I II I] III
Ix Ba Ca Y
1,33 1,43 1,006 1,00
111 IV IV \
St Zı ri Nb
0,83 0,87 0,64 0,69
GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze
Die Natur-
wissenschaften
und kosmische Häufigkeit der Elemente.
gleich, und die Vorzeichen der elektrischen Ladun-
gen gleich sind, die absoluten Werte der Ladungen
aber verschieden. Unsere Tabelle zeigt einige
charakteristische Fälle solcher Übereinstimmung
der Ionengröße bei Ionen verschiedener Ladungen.
Daneben zeigen wir einige einfache Fälle von
Isomorphie, in denen Elemente ungleicher Valenz
einander vertreten, bei naher Übereinstimmung
der Gittergrößen.
GER .. +. 8 3,80 A
Wo 5 5 _ 3,67 .»
LaAlO,. . . . a 3,78 .
NaNbO, . . . a 3,89 ,,
Es ist dies ganz analog den Grimmschen Misch-
krystallen von Alkalipermanganat und Barium-
sulfat, zu denen er bereits auf Grundlage seiner
ersten Betrachtungen über Beziehungen von
Ionengrößen gelangt war.
So kann Calcium für Natrium in Krystall-
gebäude eintreten, Yttrium für Calcium, Zirkonium
für Yttrium, sofern nur gleichzeitig der Ladungs-
haushalt des Krystalles durch eine Substitution
anderer Bausteine zur richtigen Bilanz (Kompen-
sation der positiven und der negativen Ladungs-
summen) gebracht wird, etwa durch Ersatz von
Silicium durch Aluminium, von Aluminium durch
Magnesium, von einwertig negativem Hydroxy]
oder Fluor durch zweiwertig negativen Sauerstoff.
Auf Grundlage dieser Betrachtungsweise ist es
F. MATCHASCHKI gelungen, die bisher rätselhafte
chemische Konstitution zahlreicher kompliziert
zusammengesetzter Minerale in einfachster Weise
aufzuklären. So wird z. B. im Orthite nicht etwa
das Aluminium durch Ceriterden ersetzt, sondern
zweiwertige Calcium, gleichzeitig wird eine
entsprechende Menge des dreiwertigen Aluminiums
durch zweiwertiges Eisen oder Magnesium ver-
treten. Zahlreiche hübsche Beispiele für solche
Fälle von Isomorphie an komplizierten Krystall-
gebäuden könnten noch angeführt werden neben
dem eben genannten Fall des Orthits, der von
MACHATSCHKI studiert worden ist, etwa auch die
Isomorphie der Minerale Homilit und Gadolinit.
Hierbei wird das zweiwertige Calcium durch drei-
wertiges Yttrium vertreten, gleichzeitig das drei-
wertige Bor durch zweiwertiges Beryllium, wie
die folgende Tabelle zeigt.
das
Homilit
Gadalinit
FeCa,B,Si,( 10
FeY,Be,Si,0,o
III
Epidot Ca, (Al, Fe), Si,(O, OH, F),
Ill Il
Orthit (Ca, La), (Al, Fe, Fe, Mg), Si,(O, OH, F), 5
Die Betrachtungsweise, daB Ionen des gleichen
Radius einander trotz ungleicher Wertigkeit vei
5 la}
treten können, läßt uns voraussehen, daß z. B. in
Calcium- oder Strontiummineralien oft Element:
der seltenen Erden eintreten werden, ein Schluß
der durch analytische Nachprüfungen weitgehend
bestätigt werden konnte. Zahlreiche quantitative
Untersuchungen über die seltenen Erden in Apatit
ten
n-
en
ge
ng
n.
on
nz
ng
h-
m-
ler
on
cyl
fte
Heft 47/48 49-] GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsge
5. 11. 1930
und anderen Mineralien der Erdalkalien ergaben
die Gegenwart der Lanthanidenelemente, und
zwar nicht etwa einzelner herausgegriffener Ver-
treter dieser Elemente, wie man bislang geglaubt
hatte, sondern stets die großen Bestände, die
nach Maßgabe der lIonenradien vergesellschaftet
waren.
Die geochemischeVerteilungder Elemente, soweit
wir sie bisher erörtert haben, ist somit in zwei auf-
einanderfolgenden Stufen erfolgt, erst die Trennung
in atmophile, lithophile, chalkophile und sidero-
phile Elemente, nach Maßgabe der physikalisch-
chemischen Verteilungsquotienten, sodann bei der
fraktionierten Krystallisation die Trennung auf
krystall-chemischer Grundlage nach Maßgabe der
Radien von Atomen und Ionen
Die Scheidungsvorgänge der chemischen Ele-
mente sind jedoch mit diesen beiden Stufen der
Verteilungsvorgänge noch nicht beendigt, es
folgen sodann alle jene geochemischen Vorgänge,
welche dem sekundären Kreislauf der Elemente
angehören, die Wanderung und Abscheidung der
Elemente bei den Vorgängen der Verwitterung,
der Sedimentbildung, der Gesteinsmetamorphose,
welchen fast allen gemeinsam ist, daß es sich
um physikalisch-chemische Vorgänge in wässe-
rigen Lösungen handelt Es sind vor allem
zwei Arten chemischer Bestimmungsgrößen, die
neben den physikalischen Daten der Temperatur
und des Druckes für die Verteilung der Elemente
in diesem sekundären Kreislaufe maßgebend
sind, nämlich einerseits die Wasserstoffionenkon-
zentration der betreffenden wässerigen Lösungen,
andererseits die Höhe des Oxydations-Reduktions
Potentiales
Sowohl die physikalischen wie die chemischen
Bestimmungsgrößen im sekundären Kreislaufe deı
Elemente sind weitgehend durch die geologischen
Verhältnisse der Mineralbildung geregelt, sie sind
für den Menschen besonders bedeutungsvoll,
wenn es sich um die Bildung nutzbarer Lagerstätten
technisch wertvoller Elemente handelt.
Endlich kommt zu den hier besprochenen Vor
eängen der Verteilung chemischer Elemente noch
die Wechselwirkung von Atmosphäre, Hydrosphäre
und Lithosphäre mit der organischen Substanz der
Biosphäre; besonders W. VERNADSKY hat die
große geochemische Bedeutung solcher Vorgänge
erkannt und sie in wichtigen Untersuchungen
bearbeitet, wie auch sonst das Forschungsgebiet
der Geochemie durch russische Gelehrte, vor allem
FERSMAN, weitgehend gefördert worden ist
\ls Beispiele für Elemente und Elementgrup
pen, deren Geochemie bereits weitgehend erforscht
ist, mögen wir neben den seltenen Erdmetallen
etwa noch das Jod nennen, nach den Unter
suchungen TH. VON FELLENBERGS und G. LUNDEs,
oder die Edelmetalle, iiber deren Vorkommen in
geringeren Konzentrationen nun bereits viele
Daten vorliegen, aus neuerer Zeit durch die Unter
suchungen von F. HABER und Mitarbeitern am
Meerwasser, durch G. LuxpE und M. JOHNSON
Nw. 1930
‚setze und kosmische Häufigkeit der Elemente. 1005
Hést an wesentlich norwegischen Gesteinen,
Erzen und Mineralen.
Einige Daten über die Geochemie der Edel-
metalle mögen über das Vorkommen dieser Ele-
mente in gewöhnlichen Gesteinen und Erzen
orientieren.
So zeigt die folgende Tabelle, daß die Verteilung
der Platinmetalle zwischen einem Basalte einerseits,
dem darin eingeschlossenen metallischen Eisen!,
deutlich den siderophilen Charakter der Platin-
metalle erkennen läßt, nach Analysen von
M. Jounsox-Hösr.
Platin-Metalle, Gramm per Tonne
Eisen aus Basalt, Ovifak, Disko . . . ... 4,0
| 0,02
meet, Asek, DMG. 0a 2 ae See
| 0,24
In relativ großer Menge findet man die Platin-
metalle in solchen Eruptivgesteinen, welche den
silikatischen Erstkrystallisationen basischer Mag-
men entsprechen, vor allem in den Olivingesteinen.
Die nächste Tabelle gibt den Durchschnitt einer
Anzahl von Analysen norwegischer Olivinfelse,
veröffentlicht von G. LunpE und M. JoHNson-
Hösı
26 Analysen norwegischer Olivinfelse
Min. Max Mittel
Gramm per Tonne . 0,08 0,74 0,25
Die magnesiumreichen magmatischen Gesteine
enthalten fast immer als Nebengemengteil auch
Chromeisenstein, das Mineral Chromit; die Platin-
metalle sind oft zusammen mit dem Chromeisen-
stein angereichert, wie folgende Daten, ebenfalls
nach LUNDE und JOHNsoNn-Hösrt, erkennen lassen
Gramm Pt per Tonne
Min Max Mittel
5 Serpentine von Feragen 0,01 0,37 0,12
4 Chromite aus Serpentin
von Feragen, Norwegen 0,80 1,28 1,12
Als flüssige Ausscheidungen aus basischen
Silikatmagmen beobachten wir vielerorts die be-
sonders von J.H.L.VocGr petrographisch er-
forschten Sulfidmagmen, vor allem diejenigen
[ypen, die bei der Erstarrung Gesteine aus über-
wiegendem Magnetkies, untergeordnetem Kupfer-
kies und Eisennickelkies liefern. In diesen Sulfid-
schmelzfliissen wird der Gehalt des Mutter-
Magmas an Edelmetallen weitgehend angereichert
Wir finden in diesen Sulfidgesteinen viel Silber,
etwas Gold und bemerkenswerte Mengen der
ı Das Eisen im Basalte der Insel Disko, Grönland,
entstammt natürlich nicht dem Eisenkerne der Erde,
sondern ist durch rein örtliche Reduktionsvorgänge auf
Kosten der Eisenverbindungen im Basaltschmelzflusse
entstanden, hat aber die im Basaltmagma enthaltenen,
kleinen Mengen von Platinmetallen großenteils auf-
genommen
1006 UOLDSCHMIDT
Platinmetalle, meist 0,5—3g Pt per Tonne Ge-
stein, ausnahmsweise sogar den zehnfachen Platin-
gehalt. Gewöhnlich ist Palladium in der 2
Menge des Platins angereichert worden. Das Silber
ist, Analysen von M. Jonnsoxn-Hösı
hervorgeht, ganz überwiegend mit dem Kupfer-
kies vergesellschaftet, wohl auch das Gold, wäh-
rend Platin dem Magnetkiese und dem Eisennickel
kiese folgt
- 3fachen
wie aus
Bei der Verwitterung primärer Gesteine werden
Gehalte Edelmetall teils in die Sediment-
gesteine teils, zum kleineren Teil,
Meerwasser zugeführt, wo deren
Menge HABERS fest
gestellt ist
Die folgende Tabelle gibt fiir die obere Litho
sphare die Zahlen fiir Silber, Gold und Platin, die
mir nach M. JoHNson-H6stTs
norwegische
die an
übernommen,
dem
durch 1
worden
werden sie
Untersuchungen
Untersuchungen
übeı Gesteine als wahrscheinliche
Durchschnittswerte erscheinen, für das Meerwasser
den Durchschnitt der von F. HABER veröffent
lichten Zahlen
Gran per Tonn
Silber Gold Plati
H ydrosphare 0,00030 0,0000I
Obere Lithosphare 0,050 0.002 0,005
Es ist natiirlich schwierig, fiir den Durch-
schnitt der gesamten oberen Lithosphäre geeignete
Berechnungs-oder Schätzungsgrundlagen zu finden.
So beträgt der Mittelwert für Silber aus 145 Be
stimmungen des Silbergehaltes an verschiedenen
\lkalieruptivgesteinen des Oslogebietes 0,12 g per
lonne, während die bisher untersuchten quartären
Lehme Norwegens zu einem niedrigeren Mittel
wert führen, wie aus folgender Tabelle über geo
logisch junge Sedimentgesteine hervorgeht
Silber, Gramm per Tonne!
Mir Ma Mitt
ı norwegische quartäre Lehme 0.01 0,17 0,05
10 Tiefseesedimente, Challenger
Expedition 0.01 0,23 O.11
30 terrigen« Sedimente West
küste von Südafrika 0,05 210 0,66
Regionak Unterschiede größerer Teil det
Kontinentalmassen in bezug auf Edelmetallgehalt
diirften ebenfalls bemerkbar machen,
man beispielsweise das Zahlenmaterial norwegischer
und
sich wenn
südafrikanischer
\uch
Meeressedimente \ ergleicht
in den Sedimentgesteinen kann örtliche
\nreicherung von Edelmetallen auftreten, wie
es etwa im Gehalt der Braunsteinknollen aus der
fiefsee zum Ausdruck gelangt Merklich ge
Platingehalte
untersuchten
steigerte den
und
wurden mehrfach in
Tiefseeschlämmen gefunden
I Die
verdanke
Sedimentproben der Challenger-Expedition
ich dem gütigen Entgegenkommen des British
Sedimente von der Westkiiste Siidafrikas
von der Meteor-Expedition Giite
Professor Dr. PRATJE
Museum, dic
gesammelt
Herrn
det von
Geochemische \ erteilungsge setze
Die Natur-
| wissenschaften
und kosmische Häufigkeit der Elemente
sind wahrscheinlich die kosmischen
Staubes.
Auswirkung
Platinmetalle, Gramm per Tonne
Tiefseesedimente, Challenger
3raunsteinknollen, Station 160, 0,00—0,15
240. . « « 0,22
252. 0,03 0,05
’ BED. « tc 0,20
FB , 250, . 0,27—0,32
auf nassem Wege f 0,37
Für den Geochemiker wie für den Physiker und
Chemiker ist besonders wichtig die Frage nach den
wirklichen Mengenverhältnissen der Elemente i
dem gesamten Erdball, wie überhaupt in den deı
Beobachtung zugänglichen Teilen des Kosmos
Nachdem unsere
gebnisse geführt
vieler chemischer
1
Betrachtungen zu dem Er
haben, daß die Seltenheit sel
Elemente in den Gesteinen der
zugänglichen Erdoberfläche auf dem siderophilen
oder chalkophilen Charakter Elemente
beruhen dürfte, lag es nahe, in den Eisenphasen
und den Sulfidphasen der Meteoriten nach eben
diesen Elementen zu etwa nach den
Platinmetallen, dem Molybdäne, dem Germanium
und Arsen!. Ebenso konnte man erwarten, in den
Silikatphasen der Meteorite das wirkliche Mengen
verhältnis lithophiler Elemente eher verwirklicht
zu finden als in den Gesteinen der Erdoberfläche,
in denen die selteneren Elemente der Restkrvstal-
lisationen, wie etwa die Lanthaniden, das Thorium
dieser
suchen wie
und das Uran stark angereichert sind (wegen des
Auftriebes spezifisch leichter Restmagmen und
Restlaugen), die Elemente Friih
krystallisationen, wie etwa Chrom, durch Absinken
während der
schwerer Krystallphasen nach unten abgewandert
sind.
Hinblick auf
geochemischen Sonderungsvorgänge bei einer Veı
teilung Elemente zwischen Silikatphase,
Sulfidphase und Nickeleisenphase wurden analyti
sche auf
Meteoriten
Berücksichtigung
Gerade im eine Bestätigung deı
der
Untersuchungen Reihe selteneı
Elemente in
sonderer
eine
ausgeführt,
der Verteilungsweis¢
unter be
auf die genannten Phasen
Es ergab sich, durch Analysen von M. JOHN
son -Höst, daß die Platinmetalle vor allem
in der Eisenphase angereichert sind In allen
Eisenmeteoriten findet man sehr merkliche Mengen
Ev Summe der Platinmetall
ri Gramm per Tonne
\rispe re oe ni 117
Savik, Cape York . 75
j 68
Mount Joy E
| 54
Mukerop 38
Toluca 25
N’Goureyma. . .... | =
1 Vgl. V. M. GoLDscHMmipt, Royal Inst. of G1
sritain
1929
Heft 47/45/49-] GoLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Haufigkeit der Elemente. 1007
5. 11. 1930
der Platinmetalle. Einige Analysen mögen dies
erläutern.
In den Steinmeteoriten finden sich, nach mög-
lichster Entfernung des beigemengten Eisens und
Schwefeleisens, nur Spuren der Platinmetalle,
etwa vergleichbar den Mengen in irdischen Silikat-
gesteinen.
\ls Beispiel mögen zwei Eukrite (Plagioklas-
Augit-Meteoriten) genannt werden.
Silikatmeteoriten
Keine Platinmetalle, kein Silber, kein
Juvinas . . Gold. Summe der Edelmetalle weni-
| ger als 0,05g per Tonne
Keine Platinmetalle, kein Silber, kein
Stannern. . Gold. Summe der Edelmetalle weni-
ger als 0,05g per Tonne
Untersucht man die Verteilung der Edelmetalle
zwischen Nickeleisen und der Eisensulfidphase
(Troilit), so findet man, daß Gold und Silber in
wesentlich größerer Konzentration in die Sulfid-
phase eingehen als in das Nickeleisen, sie sind
chalkophil.
Summe der Edelmetalle
Eisenmeteorit, Caranzatillo -
Gramm per Ton
Nickeleisen 34,5 Platinmetalle
rroilit f 17,5 Ag | weniger als Ig
| 1,6 Auf Pt per Ton
Ein besonders interessanter Fall ist bei dem
Elemente Germanium gegeben. Es sollte, nach
seiner Stellung im periodischen Systeme, über-
wiegend chalkophil sein, und dementsprechend
findet man es auf Erzlagerstätten mitunter in
recht hoher Konzentration in Sulfidmineralen und
Sulfosalzen angereichert. Wo es in Silikatmagmen
und deren Restlaugen vorkommt, vermag es
allerdings wegen der Ähnlichkeit seines lonen-
radius 0,44 A mit dem des Siliciums
0,39 A. in Silikatminerale an Stelle des
Siliciums einzugehen. Wir haben also in den Ge-
steinen und Mineralen der Erdoberfläche hier den
zu erwartenden Fall, daß die Verteilung eines
Elementes zunächst nach seinen geochemischen
\ffinitatseigenschaften geregelt wird, weiterhin
aber auch nach Maßgabe des Ionenradius
Obzwar Germanium in Gesteinen der oberen
Lithosphäre bei weitem nicht so selten vorkommt,
wie früher meist angenommen wurde, muß doch
erwartet werden, daß die Hauptmenge des Ger-
maniums in der Chalkosphäre angereichert sei,
vielleicht auch zum Teil in der Siderosphäre, da
man analog der Löslichkeit von Silicium in Eisen
und auf Grund der leichteren Reduzierbarkeit des
Germaniums verglichen mit Silicium, erwarten
könnte, daß Germanium in merkbarer Menge
auch in den Eisenkern der Erde eingeht.
Es konnte dementsprechend gezeigt werden,
daß in den rostigen Teilen des Eisenmeteoriten von
o
Cranbourne in Westaustralien etwa 0,1% Germa-
nium enthalten ist!. Ich hielt diese Rostmassen
früher für ein Oxydationsprodukt von sehr troilit-
reichen Teilen der Meteoriten; sie enthalten jedoch
noch sehr viel metallisches Nickeleisen, bei quanti-
tativen Analysen fand Herr Dr. E. ScHwARZ von
BERGKAMPF 0,41— 0,97% S, 0,03—0,14% P sowie
3,33 % Cl.
Später konnte gemeinsam mit demselben
Mitarbeiter gezeigt werden, daß auch sehr reines
Material der Eisenphase von Meteoriten erhebliche
Mengen von Germanium enthält, wie etwa der
Meteorit von Savik bei Kap York, Grönland,
mit 0,01—0,1% Germanium. Ebenso enthält die
Verwitterungsrinde des Eisenmeteoriten von Hoba
in Südafrika eine Germaniummenge gleicher
Größenordnung, ebenso die Rostmassen des Meteo-
riten von Cafion Diablo.
Das verhältnismäßig seltene Vorkommen des
Germaniums in der Lithosphäre, das etwas merk-
würdig anmuten könnte, weil Germanium als ein
Element geradzähliger und relativ niedriger Ord-
nungszahl recht häufig sein sollte, ist also darin
begründet, daß Germanium in weit höherem Maße
chalkophil (und auch siderophil) ist als lithophil.
Ein Fall, der geochemisch besonders wichtig er-
schien, war eine neuere Literaturangabe, daß
ein bekannter großer Eisenmeteorit, mit etwa
8% Nickel, gänzlich frei von Kobalt sei. Wäre
dies zutreffend, so müßten unsere Ansichten
über die Verteilung der Elemente zwischen den
Schmelzflüssen unrichtig sein, denn nach dieser
Trennungsweise kann Nickel niemals ohne eine
entsprechende Menge Kobalt in das Meteoreisen
eingehen. Es handelte sich um das bereits oben-
erwähnte Nickeleisen von Savik bei Kap York in
Grönland?, Nachdem schon die röntgenspektro-
graphische Untersuchung die Anwesenheit von
Kobalt im üblichen Mengenverhältnis zu Nickel
(es pflegt erfahrungsgemäß zwischen 1: 12 und
I : 18 zu liegen) festgestellt hatte, wurden die Ge-
halte an Nickel und Kobalt von meinem Mitarbeiter
Dr. SCHWARZ VON BERGKAMPF gewichtsanalytisch
bestimmt. Es ergab sich bei mehreren Bestimmun-
gen an verschiedenen Proben:
7,34 % 7,86 Ni 0,46 — 0,52% Co
Die Zusammensetzung des Meteoriten ist
somit ganz im Einklange mit den Erfahrungen
und Schlußfolgerungen der Geochemie, der Quo-
tient Co : Ni beträgt etwa 1:15.
Es wird in der Literatur öfters angegeben, daß
in solchen Meteoriten, in denen Silikat und Nickel-
1 Vgl. Z. physik. Chem. 146, 404 (1930). Das
Material dieses Meteoriten verdanke ich dem freund-
lichen Entgegenkommen von Herrn Dr. L. J. SPENCER
am British Museum, ebenso wie auch das weiterhin
erwähnte Material des Meteoriten von Hoba.
} Neben Germanium und den Bestandteilen Fe, Ni,
Co, S, P, Cl, C fanden sich im Materiale von Cranbourne
noch Cu, Zn, Ga, auffallend viel As, Pb, Sn, Mo, Ru;
ferner Pt, Ir, Pd, Rh, Ag, Os, Au.
2 Ich verdanke das Material (Drehspäne) der Güte
des Herrn Kollegen O. B. BössıLp in Kopenhagen.
2K
i)
1005 GOLDSCHMIDT Geochemische Verteilungsgesetze
eisen zusammen auftreten, das Mangan ganz odeı
Nickeleisen enthalten Es be
ruht irrtümliche Angabe jedoch auf dem
oft analytischen Verfahren, die
Eisennickellegierung aus dem Silikatmaterial durch
eine Sublimatlösung herauszuätzen, und Lösung und
Rückstand gesondert zu analvsieren. Hierbei wird
das Mangan ganz oder größtenteils zusammen mit
den Bestandteilen des Nickeleisens in der Queck
silberchloridlösung gefunden. Ich habe
durch Herrn Chemiker E. KLUvER in Oslo Mangan-
bestimmungen Meteoritenmaterial (Möcz in
Ungarn und Indarch in Rußland) ausführen lassen,
Meteoriten mit dem
Magneten in einen metallischen und einen unmetal
eroßenteils im sei
diese
angewandten
indessen
an
nachdem ich die vorher
Die Natur-
und kosmische Häufigkeit der Elemente
wissenschaften
grundlegender Weise unser Wissen über die Ver-
breitung und die Mengenverhältnisse der chemi-
schen Elemente fördert
Eine Reproduktion der Daten von I. und
W. Noppack über den Durchschnittsbestand der
Meteoriten gibt die Fig. 3 (untere Hälfte),
gänzt durch die Zahlen für Brom und Jod, welche
TH. VON FELLENBERG und G. LUNDE an einer An
zahl von Meteoriten gefunden haben ; das Diagramm
gibt die Logarithmen der Atomkonzentration als
Funktion der Ordnungszahl Z, Sauerstoff
als Einheit gewählt wurde
Es ist von besonderem Interesse, daß nach dem
Befunde von I. und W. Noppack die Steinmeteoriten
auf das deutlichste die Anreicherung typisch litho-
er-
wobei
ro
en Obere Lithosphare (Clarke\w. neuere Daten.) * peut
> fa
x Fa le |
= ta,
. ee mac |
Z \
é A |
gun |
sm |
= el |
: |
a | Meteoriten (I.u.W Noddack )
g's
. 0 .. BEN a } N N } N N N |
~ Na 2 |
= 2 of oN KR |
. . |
= Bel > x Ba W A |
= ot Le IE mM tn Th |
~ 2 |
3 ]
2>% 20 JO 40 50 60 70 60 9
Fig. 3. Zusammensetzung der oberen Lithospäre und der Meteoriten
lischen Anteil zerlegt hatte. Die Untersuchung philer Elemente erkennen lassen, die Eisenmeteo
ergab, daß sich Mangan ganz überwiegend im un riten die Anreicherung siderophiler Elemente, die
magnetischen Anteil findet, und zwar in dem Troilitphase chalkophiler Elemente, so wie es vor-
Minerale Oldhamit, CaS, das dem Silikatanteil ausgesehen werden muß, wenn es sich um Gleich-
angehört, entsprechend der bedeutenden Löslich gewichtszustände im Dreiphasensystem handelt
keit Mn basischen Silikatschlacken
Es entspricht dies ganz dem Verhalten des Man
von (Ca Sin
gans, Schwefels und Calciums in den Schlacken
der Eisenraffination
In allerneuester Zeit ist ein außerordentlich
interessantes und wichtiges Material über die
Verbieitung seltener chemischer Elemente in
Meteoriten von | und W.Noppack veröffent-
licht worden!
Die beiden Verfasser geben für die ganz übeı
wiegende Mehrzahl aller überhaupt bekannten
chemischen Elemente die Konzentration in dem
Silikatanteil, dem Nickeleisen und der Troilit
phase an, ein analytisches Material, das in ganz
I Naturwiss. 18, 759
1930
Die mittlere Zusammensetzung der Meteoriten,
wie sie aus I. und W. Noppacks Untersuchungen
hervorgeht, gibt uns zweifellos ein angenähert
richtiges Bild des chemischen Bestandes von
Weltkörpern des Typus unserer Erde
Wir können sodann die Zusammensetzung der
Meteoriten mit der Zusammensetzung der Litho-
sphäre vergleichen. Wir wählen hierzu die Zahlen
Forschers F. W. CLARKE, er-
Daten. Wir vervollständigen
ARKI neuere Unter-
über eine Reihe der weniger häufigen
Elemente Für Gallium, Silber, Gold, Platin
Iridium wählen wir Daten aus meinem Institute,
ebenso für die Lanthanidenelemente der Ordnungs-
amerikanischen
gänzt durch
die Daten
suchungen
des
neuere
von Cı durch
ils
ft
Heft 47/48/49.) GoLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente. 1009
28. II. 1930
zahlen 57—71, für das Verhältnis Titan: Niob-
Tantal die Untersuchungen von HEVEsys, ebenso
für das Verhältnis Zirkonium: Hafnium; für Zink,
Scandium, Germanium, Selen, Masurium, Ruthe-
nium, Palladium, Indium, Tellur, Rhenium, Os-
mium und Thallium benutzen wir die wichtigen
neuen Daten von I. und W. Noppack;; für das Jod
die Daten von G. LUNDE und TH. VON FELLENBERG;
ebenso ist fiir Rubidium und Cäsium sowie
Strontium die zu niedrige Abschätzung von seiten
CLARKES und WASHINGTONS durch besser begrün-
dete Daten ersetzt worden.
Diese Daten sind in der oberen Hälfte der
Fig. 3 dargestellt.
diagramm der oberen Lithosphäre stark bemerk-
bar macht.
Bemerkenswert bei beiden Darstellungen der
Häufigkeitsverhältnisse der Elemente ist das
starke Minimum der Häufigkeitskurve bei einigen
Elementen ganz im Anfange des periodischen
Systems, nämlich bei den Elementen Lithium,
Beryllium und Bor, die trotz ihres niedrigen
Atomgewichtes sehr selten sind, während sonst
im allgemeinen die Häufigkeit der Elemente mit
steigender Ordnungszahl sehr stark abnimmt.
Für diese Abnahme gilt eine Regel, daß die
Atomkonzentration eines Elementes im allgemei-
nen umgekehrt proportional etwa der siebenten
. Stern -Atmaspharen (Payne)
0 - T
e if
Ss oh
So
22
so
>
S #
3
= ¢@ -
&
> 6
—
2
0
-7
20 30
Fig. 4. Zusammensetzung der Stern-Atmosphären und der Sonnen-Atmosphäre.
Wir finden nun, wie aus unserer Auffassung
iiber die geochemische Vorgeschichte der Litho-
sphäre zu erwarten war, daß im Vergleiche mit
der durchschnittlichen Zusammensetzung der Me-
teoriten in der äußeren Lithosphäre diejenigen
Elemente spärlicher vorhanden sind, welche ab-
sinkenden Frühkrystallisationen angehören, wie
etwa Chrom oder Magnesium, ebenso Elemente,
welche ausgesprochen chalkophil oder siderophil
sind und welche daher schon bei der ersten
Phasensonderung der Erde oder bei späterer
sekundärer Ausscheidung von Sulfidmagma dem
Silikatgestein entzogen worden sind.
Hingegen sind in der oberen Lithosphäre litho-
phile Elemente der Restkrystallisationen, wie Ka-
lium, Baryum, Lauthaniden, Thorium, Uran, merk-
bar angereichert.
Deshalb zeigt die Gesamtkurve der Gesteine
ler Erdoberfläche in höherem Maße periodische
Gestaltung als die Kurve der Meteoriten, indem
sich der Wechsel lithophiler, siderophiler und
chalkophiler Elemente in dem Konzentrations-
bis achten Potenz der Ordnungszahl abnimmt. Wir
erkennen dies leicht daran, daß in einer sowohl
für Ordnungszahl wie für Konzentration logarith-
mischen Darstellung, Fig. 5 der Noppackschen
Kurve der Meteoriten, die meisten Elemente einem
ziemlich schmalen, fast geradlinigem Streifen an-
gehören. Elemente, welche nach oben über diesen
Streifen herausragen, nennen wir abundant, solche,
welche darunter liegen, defizient. In diesem Sinne
wäre Eisen ein abundantes Element, Beryllium ein
defizientes!.
Weiter gilt für die Häufigkeit der allermeisten
chemischen Elemente die bekannte Regel von
Oppo und Harkins, daß Elemente gerader
Ordnungszahl um etwa das Zehnfache häufiger
sind, als ihre Nachbarn gerader Ordnungszahl.
Am schönsten findet man die Richtigkeit die-
ser Regel bestätigt, wenn man eine Gruppe von
Elementen untersucht, welche einander chemisch
und physikalisch so ähnlich sind, daß sie bei geo-
1) Vergl. V. M. Gotpscumipt, Gerlands Beiträge
zur Geophysik, 15, 38, 1926.
1010 GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente. [
chemischen Trennungsvorgängen nicht leicht von-
einander geschieden werden. In diesem Sinne sind
besonders die Lanthanidenelemente, die ‚seltenen
Erdmetalle‘‘ im engeren Sinne, eine kohärente
Gruppe. Die Ergebnisse über die Abhängigkeit der
Häufigkeit von der Geradzähligkeit der Ordnungs-
zahl zeigt Fig. 6.
Es ist natürlich von besonderer Wichtigkeit,
untersuchen, welche Mengenverhältnisse der
Die Natur-
wissenschaften
schen Zustandsgrößen zu erkunden, und es gelingt
deshalb, in den Atmosphären von Sternen sehr ver-
schiedener Größe und Temperatur mittels der Spek-
tren Schlüsse über die Gegenwart und die Kon-
zentration bestimmter Elemente zu ziehen und vor
allem auch festzustellen, ob unter den gegebenen
physikalischen Bedingungen überhaupt die Mög-
lichkeit des spektralen Nachweises eines bestimm-
ten Elementes erwartet werden darf.
zu
Elemente in andern, der Beobachtung direkt Unter Zugrundelegung solcher Betrachtungen
hat H. N. Russe! die chemische Zu-
| | sammensetzung der Sonnenatmosphare
; RAR untersucht, und direkt die Konzentration
A ] der einzelnen Elemente und deren Ionen
la | oder Verbindungen festzustellen versucht.
u“ Sein Ergebnis, umgerechnet auf die
Py) Atomkonzentrationen der einzelnen Ele-
In Pb mente, ist auf Fig. 4, untere Hälfte, dar-
ba fh gestellt. Sichere Ergebnisse sind mit @
S Ga \ \ Th bezeichnet, weniger sichere Abschatzun-
gen mit ©. Am unsichersten diirfte die
sa Abschätzung von Helium und von Bor
" TI sein. Wir sehen die überraschende
u ee aaaame e Ähnlichkeit mit den Kurven der oberen
| Lithosphäre und der Meteoriten, auch
| hier sind die Elemente der Lithium-
7 lag Z 2 Beryllium-Bor-Gruppe defizient, auch hier
' ist das Eisen häufiger als seine Nachbar-
Fig. 5. Logarithmus der Atomkonzentration als Funktion von elemente, auch hier sind Elemente ge-
log Z, Meteoriten. £ ont at ? >
rader Ordnungszahl etwa zehnmal häu-
seien NE figer als die ungeradzähligen.
Höchst bemerkenswert ist die hohe Konzen-
i tration an Wasserstoff; dieses Element ist das
ud Br | allerhäufigste in der Sonnenatmosphäre.
Zu ganz ähnlichen Ergebnissen führten Un-
| | tersuchungen von C. H. Payne? über die Zu-
| sammensetzung der Atmosphären der Fixsterne,
20} | mit Ausschluß der Sonne. Wir sehen an den von
| 18 ihr gefundenen Elementkonzentrationen, dargestellt
| | in Fig. 4, obere Hälfte, in Sternatmosphären das-
| selbe Bild, wie wir es an der Sonnenatmosphäre oder
| an den Meteoriten kennenlernten.
10 Auch über die Zusammensetzung gasförmiger
| {7 7 7 7 6 ? | Nebel im Weltraume hat man in den letzten
| 5 N | Jahren wichtige Ergebnisse erhalten. Es zeigte
| AN | sich, daß viele bisher rätselhafte Spektrallinien
Q2, 97 ve, (7 45 der Nebel die Spektren solcher Elemente, wie
LER u 67 } FF 5 by Ho Er #9 ZR bn re Kohlenstoff, Stickstoff darstellen, die
auch auf der Erde oder in der Sonnenatmosphäre
Fig. 6. Häufigkeit der Lanthaniden als Funktion von Z.
zugänglichen Teilen des Kosmos herrschen, etwa
in den Atmosphären der Sonne und der Fixsterne,
deren Spektren man studieren kann. Es ist hierbei
vor allem zu beachten, daß der spektroskopische
Nachweis eines Elementes nicht nur davon ab-
hängt, ob das betreffende Element zugegen ist,
sondern ebenso auch davon, ob die Anregungs-
bedingungen für sein Spektrum tatsächlich vor-
liegen. Die neuere Entwickelung der Atomphysik
und der Astrophysik hat es ermöglicht, weitgehend
die Abhängigkeit der Spektren von den physikali-
häufig sind, allerdings unter ganz ungewöhnlichen
Anregungsbedingungen.
Calcium tritt im dunkeln Weltraume auf, nach-
weisbar durch Absorptionsspektra.
Wir gelangen somit zu dem Bilde, daß die
Materie überall, soweit sie unserer Beobachtung
zugänglich ist, auf der Erde, in Meteoriten, in der
Atmosphäre der Sterne, so gleichartig chemisch zu-
sammengesetzt ist, daß wir keinerlei systematische
Abweichungen feststellen können, die uns etwa eine
Entwickelungsreiheder Elemente anzeigen könnten.
! Astrophysical J. 1929.
2 Stellar Atmospheres 1925, und neuere Daten.
gt
pr-
n-
‘or
en
m-
er
en
en
lie
ng
Heft 47/48/49.| GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente, 1011
28. 11. 1930
Um jedoch unsere Beobachtungen über die
quantitative chemische Zusammensetzung der
Materie weiter führen zu können, müssen wir
versuchen, die Grundlagen unserer Ergebnisse
etwas zu vertiefen, wie es auch schon F. W. Aston
und W.D. HARKINs getan haben.
Die Bezeichnung ,,chemisches Element‘‘ um-
faßt ja im allgemeinen nicht eine einzige Art,
unter sich gleicher Atome, sondern wir finden
meist mehrere isotope Atomarten, die sich zwar
durch das Gewicht ihrer Atomkerne unterscheiden,
aber die gleiche Kernladung, also gleiche Ordnungs-
zahl, aufweisen und die sich daher chemisch genau
gleich verhalten, auch spektroskopisch fast in
allen Beziehungen gleich, soweit nur Eigenschaften
der Elektronenhüllen, nicht Eigenschaften des
Kerngewichtes oder der Kernsymmetrie in Betracht
kommen.
Wenn wir nun die Häufigkeit der einzelnen
chemischen Elemente im Weltall bestimmen, so
sind wir noch nicht an dem Ziele angelangt, die
Mengen der einzelnen Atomarten kennenzulernen,
da ein einzelnes chemisches Element bis zu elf
verschiedene isotope Atomarten umfassen kann.
Die Mengenverhältnisse der Isotopen eines
gegebenen chemischen Elementes scheinen im
allgemeinen in verschiedenen Teilen der Welt
gleich zu sein, wie an den Bestimmungen des
durchschnittlichen Atomgewichtes von chemischen
Elementen aus Meteoriten wie etwa Eisen, Nickel,
Chlor gezeigt werden kann, die mit den Atom-
gewichten irdischer Elemente sehr genau über-
einstimmend gefunden wurden.
Die Bestimmungen der Isotopen nach dem
massenspektroskopischen Verfahren erlaubten bei
den meisten bisherigen Untersuchungen mit Sicher-
heit nur den Nachweis solcher Isotopen, die bis
etwa hundertmal seltener sind als die vorherr-
schende Atomart des Elementes. Durch den Ein-
fluß der Atommassen auf die Frequenzen der
Bandenspektren ist es gelungen, Isotope bis her-
unter zu einem Tausendstel oder gar Zehntau-
sendstel der herrschenden Atomart zu entdecken,
nämlich bei Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff.
Es würde falsch sein, solche Isotope wie etwa
die Sauerstoffarten mit dem Atomgewicht 17
und 18 bei Betrachtungen über die irdischen und
kosmischen Mengenverhältnisse der Atomarten als
unerheblich anzusehen.
Bei der ungeheueren Gesamtmenge des Sauer-
stoffs, verglichen mit allen schweren Elementen, ist
die Menge des Sauerstoffisotopen mit dem Atom-
gewichte 18 in der Sonnenatmosphäre noch immer
größer als jene des Titans oder Chroms, die Menge
des Sauerstoffisotopen 17 ist immerhin noch größer
als die gesamte Anzahl der Atome von Zinn oder
von Blei.
Daß es den Chemikern gelungen ist, die Reihe
der chemischen Elemente bis zur Ordnungszahl
92 hinauf fast lückenlos zu entdecken, beruht
zwar einerseits darauf, daß eine große Anzahl
an sich seltener Elemente in der oberen Litho-
sphäre, vor allem in magmatischen Restlaugen,
schon durch natürliche chemische Prozesse stark
angereichert dargeboten wird, aber vor allem ist
es darin begründet, daß es mittels der chemischen
Verfahren möglich ist, Elemente zu isolieren,
die im Ausgangsmateriale nur in Verdünnung
von I : 10? vorkommen, wie es bei Masurium und
Rhenium der Fall ist, deren Entdeckung und
Isolierung durch I. und W. Noppack, gestützt
auf die Röntgenaufnahmen von O. BERG, zu den
allergrößten Erfolgen der Mineralchemie gerechnet
werden darf.
Im Gegensatz hierzu können, wie obener-
wähnt, isotope Atomarten, die sich durch chemische
Mittel nicht trennen lassen, im allgemeinen nur
dann entdeckt werden, wenn die Konzentrations-
unterschiede ı : 10° (Massenspektroskopie) oder
1 : 10% (Masseneffekt in optischen Bandenspektren)
nicht überschreiten. Nur im Falle radioaktiver
Atomarten können Isotope bei einem noch un-
günstigeren Mengenverhältnisse mittels ihrer Zer-
fallseigenschaften entdeckt werden. Der ungeheure
Wirkungsbereich und die allgemeine Anwendbar-
keit chemischer Trennungsmethoden ist zweifellos
der Grund unserer Neigung, die Atomarten auf
Grund ihrer Ordnungszahlen in jene Gruppen
einzustufen, welche wir als chemische Elemente
bezeichnen, wobei innerhalb jeder Gruppe die
positive Kernladung die sog. Ordnungszahl, die
Differenz zwischen Protonenzahl und Elektronen-
zahl des Kerns, konstant ist.
Hierdurch kann die Gruppe, das Element, aber
bis zu ıı verschiedene Atomarten umfassen.
Weit besser ist der Vorschlag Astons, die Atom-
arten, geordnet nach Protonenzahlen, also die
Atomgewichte der einzelnen Isotopen, in bezug
auf Häufigkeit zu vergleichen; nur bei den sog.
Isobaren, also Atomarten gleichen Gewichtes aber
verschiedener Elektronenzahl, versagt diese Ein-
teilungsweise.
Ein Vorschlag von Harkins, die Zahl der
Kernelektronen den Untersuchungen über Atom-
häufigkeit zugrunde zu legen, leidet an demselben
Nachteile, nämlich an dem Mangel an Eindeutig-
keit, da bis zu je 6 Elemente der gleichen Kern-
elektronenzahl bekannt sind!.
Immerhin zeigen sowohl die nach Protonen-
zahlen, wie die nach Elektronenzahlen geordneten
Daten, etwa nach Maßgabe der Mengenverhält-
nisse der Sonnenatmosphäre, im Prinzipe manche
Ähnlichkeit mit der nach Elementen geordneten
Kurve vor, vor allem mit den tiefen Minimum bei
den Atomarten von Lithium und Beryllium.
1 Ein interessanter Versuch von P. NıccLı, die Be-
trachtungen von Aston und HARKINS auch auf selte-
nere Elemente auszudehnen (Fennia 1928, Sederholm-
Festschrift), ist bedauerlicherweise an einem recht unzu-
treffenden Zahlenmaterial über die relative Häufigkeit
der Elemente ausgeführt worden, einem Material,
in welchem insbesondere für seltenere chalkophile
und siderophile Elemente viel zu niedrige Konzen-
trationen vorausgesetzt worden sind.
IOI2 GOLDSCHMIDT:
Eine zweckmäßige Klassifikation der Atom-
arten muß das Kennzeichen der Eindeutigkeit auf-
weisen, jeder Atomart muß in dem Systeme ein
gesonderter Platz zukommen. Dies gelingt nur
unter Verwendung zweier unabhängig Veränder-
12
Geochemische Verteilungsgesetze
Die Natur-
und kosmische Häufigkeit der Elemente.
wissenschaften
zahlen E des Kernes und einer Größe L, welche
Harkıns als Isotopennummer bezeichnet hat,
welche wir im folgenden lieber als Laufzahl des
Atomkerns bezeichnen wollen. Folgendes Schema
gibt die Beziehungen dieser Größen.
L Elektronenzahl = Protonenzahl
Ordnungszahl
E=P-2Z
Laufzahl (Isotopennummer)
L=2E-P
= wa mi se-zee) |
m 2
P=2E-L
L=E-Z
L gibt die
gegenüber
Zahl der im Kern
dem Falle L oO,
also P 2E, fehlenden Pro-
tonen. L läuft von — ı (H)
bis + 54 (U)
Lassen wir die Elektro-
nenzahl von o— 146 alle mög-
lichen ganzzahligenWertean-
nehmen, während L gleich-
zeitig von — I bis 54
läuft, erhalten wir ein
Schema, in welches wir alle
so
2 44 WE 48 SO $2 HH
Atomarten eintragen kön-
nen, so daß kein Platz von
zwei stabilen Arten besetzt
122
dt dd
11T
—
++ +} 4
wird.
Dieses Schema zeigt nun
ne oS
730
HH eine eigentümliche geometri-
sche Anordnung derjenigen
Orte, die von wirklich beob-
achteten Atomarten besetzt
+
+
t+
+
+——— EEE En WE
+
+t ttt
See ER ER ER ER 5
IE ER ER ER ER |
738
sind, nämlich eine in regel-
mäßiger Weise zum Ausdruck
kommende Zuordnung von
E und L, die mit steigen-
dem E jeweilig wechselt, als
wenn der Aufbau der Atom-
106
arten bei verschiedener ab-
soluter Größe von E ver-
schiedenen Zahlengesetzen
folgt. Es gilt dies insbe-
444444
sonders für die gegenseitige
eyes eyen ee |
Zuordnung geradzähliger
und ungeradzähliger E und
L, sowie für die Anzahl mög-
licher L-Werte bei gleich-
Fig. 7. Die bisher bekannten Atomarten,
Elektro-
besonders Unter-
suchungen von W. D. HARKINS und G. BECK vor.
Ich glauben, daß einer Ein-
teilungsweise Atomarten der Vorzug gegeben
werden muB, am deutlichsten gesetzmäßige
Zuordnungen Protonenzahl und Elek-
tronenzahl erkennen läßt. Eine Einteilungs-
weise erhält man durch Anwendung der Elektronen-
Protonenzahl wie
hierüber
licher, nämlich sowohl
nenzahl Es liegen
möchte solchen
der
welche
zwischen
solche
geordnet
bleibendem E.
So ist zwischen den E-
Zahlen 5 und 8 und den
L-Werten o und 1 jede me Zuordnung von
geradzähligen und ungeradzähligen E und L er-
laubt, zwischen E 9 und E 18 nur die Kom-
binationen E gerade, L gerade und E gerade
ungerade, L ungerade; in dem Gebiete von E
E 34 außer bei E= 29, L=5,
geradzählige E beobachtet.
Man könnte versuchen, die
Atomarten geordnet nach E- und
nach E und I.
oder
IQ
bis sind, bisher
nur
Häufigkeit deı
L-Zahlen dar-
x.
1-
1-
4
in
1-
BR»
n-
Heft 47/48/49. Haun: Das
28, II. 1930 |
zustellen, wie es auch schon von HarkIns für die
häufigsten Atomarten getan ist. Ein solcher Ver-
such ergibt wiederum jenes merkwürdige Minimum
bei den E-Zahlen 3—5, und man erkennt, daß die
übliche Häufigkeitskurve der Elemente höherer
Ordnungszahl die Summation einer großen Anzahl
Einzelkurven der Atomarten darstellt. Es stellt
die scheinbar gleichmäßige Häufigkeitskurve der
chemischen Elemente nur eine Summation von
Kurven wesentlich größerer Amplitude der ein-
zelnen Atomarten dar, die einander großenteils aus-
Alter der Erde. 1013
gleichen, durch gegenseitige Phasenverschiebung
der nach E und L geordneten Häufigkeitskurven.
Als Gesamtergebnis unserer Untersuchung
zeigt sich, daß die Verteilungsweise der Elemente
durch Eigenschaften ihrer Elektronenhüllen gesetz-
mäßig bestimmt wird, daß aber die Häufigkeit der
einzelnen Atomarten von Eigenschaften des Atom-
kernes bestimmt wird, und daß die Gesetzmäßig-
keiten, welche für die Atomhäufigkeit gelten, offen-
bar in allen der Beobachtung bisher zugänglichen
TeilenderWelt gleichartig zur Auswirkung kommen.
Das Alter der Erde.
Von Otro Haun, Berlin-Dahlem.
Soweit wir die Geschichte der Menschheit zu-
riickverfolgen kénnen, soweit begegnen wir dem
unwiderstehlichen Drang der Philosophen und
Gelehrten, sich eine Vorstellung über das Alter
der Stätte zu machen, die der Menschheit für
das Wirken zugewiesen ist. Aber erst die stür-
mische Entwicklung exakter naturwissenschaft-
licher Denkmethoden und Erfahrungen im neun-
zehnten Jahrhundert konnte es möglich erscheinen
lassen, an Stelle tausendjähriger philosophischer,
theologischer oder kultischer Glaubenssätze wissen-
schaftlich begründete Schätzungen über das Alter
der Erde vorzunehmen. Und solche geschahen denn
auch seit der zweiten Hälfte des vergangenen
Jahrhunderts von den verschiedensten Seiten aus,
von der Geologie, der Paläontologie, der Physik
und in neuester Zeit von der Radiumforschung.
Die Geologen wählten als Basis einer Alters-
bestimmung den Beginn der Kochsalzzufuhr der
Flüsse zum ursprünglich salzfreien Meere oder den
Beginn der ozeanischen Gesteinsablagerungen. Im
Prinzip ist die Methode ganz einfach. Man schätzt
die in einem Jahre dem Meere zugeführten natür-
lichen Gesteinsfragmente, die sich als sedimentäre
Schichten am Boden der Ozeane ablagern, und
schätzt außerdem die Gesamtmenge aller Sedi-
mentärschichten, die sich vom Beginn der Ab-
lagerung bis heute gebildet haben. Durch Division
der Gesamtmenge durch die Jahresproduktion
ergibt sich die Dauer dieser Abtragungsprozesse.
Ganz analog ist die Berechnung mittels des Salz-
gehalts der Ozeane. Der Gesamtsalzgehalt der
Meere, dividiert durch die ihnen jährlich von den
Flüssen zugeführte Menge sollte wiederum die
Dauer der Auslaugungsvorgänge, also das oben
definierte Alter der festen Erde ergeben. Nach
beiden Methoden erhält man größenordnungs-
mäßig die gleichen Werte. Die wohl etwas genauere
Salzmethode ergibt ein Alter von etwa 360 Mil-
lionen Jahre.
Beide Methoden sind nun aber mit einem be-
trächtlichen Unsicherheitsfaktor behaftet. Es
wurde bei diesen Berechnungen angenommen, daß
die Sedimentations- und Auslaugprozesse, so wie
wir sie heute beobachten, in dem gleichen Tempo
auch inden früheren Epochen unserer Erdgeschichte
abgelaufen sind. Dies ist nun sicher nicht der Fall.
Unsere heutige Erdepoche liegt kurz hinter einer
Periode erhöhter eruptiver Tätigkeit und starker
Gebirgsbildung. Die mittleren Erhebungen der
Kontinente sind daher jetzt höher, vielleicht drei-
bis viermal so hoch als im Durchschnitt der erd-
geschichtlichen Perioden. Das Gefälle der Flüsse
ist also größer, die Abtragung der Gebirge ent-
sprechend intensiver.
Hinzu kommt der Einfluß der menschlichen
Zivilisation auf die Oberflächengestaltung unserer
Erde. Große Gebiete ursprünglichen Waldbodens
wurden menschlicher Bearbeitung zugänglich ge-
macht. Städte, Industrien und Bergwerke wühlen
die Erde auf und beschleunigen die Auslaugpro-
zesse: die Abflußwässer des bebauten Bodens
laufen trübe, die des jungfräulichen Bodens klar!
So isteswohl durchaus berechtigt, wenn man den
obigen Wert für das Alter der Ozeane (360 Millionen)
als eine Minimumschätzung ansieht; der tatsäch-
liche Wert dürfte ein Mehrfaches davon betragen.
Auch die Paläontologie hat sich Vorstellungen
über das Alter unserer Erde gemacht. Sie wählte
als Alter die Dauer der Entwicklung organisierten
Lebens von den primitiven Entwicklungsstufen
bis zu dem heutigen komplizierten Zellenstaat, wie
ihn der Mensch darstellt.
Die Zeit nun, die vergangen sein muß, um die
gewaltige Stufenleiter organischen Lebens auf den
heutigen Entwicklungszustand zu bringen, schätzen
die Paläontologen auf sehr viel höher als 100 Mil-
lionen Jahre ein. Die Sedimente der sog. cam-
brischen Erdperiode gehören zu den ältesten, in
denen gut erhaltene Versteinerungen aufgefunden
wurden. Aber man hat schon im Cambrium ge-
wisse Krebstiere, Trilobiten, gefunden, deren
Körper- und Stoffwechselanlagen ebenso hoch ent-
wickelt waren wie die ihrer heute noch lebenden
Nachfahren. Der amerikanische Paläontologe
CLARKE schließt daher durchaus nicht ohne Be-
rechtigung, daß der Weg von den einzelligen Lebe-
wesen bis zu diesen Triboliten der ältesten, Ver-
steinerungen führenden Sedimentärschichten ein
längerer, vermutlich viel längerer gewesen sein
muß als von den Triboliten bis zum Menschen.
Die Entwicklungsgeschichte der Lebewesen ist also
zum großen Teile vorüber, wenn wir die erste Kunde
von ihr erhalten.
1014
Schließlich kommen wir zur Physik, dieser
exaktesten aller Naturwissenschaften.
Gehen wir von einer feurigflüssigen Erdkugel
aus, die sich allmählich durch Ausstrahlung in den
kalten Weltenraum auf die heutige auf der Erd-
oberfläche herrschende Temperatur abgekühlt hat,
dann läßt sich unter Berücksichtigung der geo-
thermischen Tiefenstufe (Temperaturzunahme nach
dem Innern der Erde zu) und der mittleren Wärme-
leitfähigkeit der Gesteine die Zeit berechnen, die
notwendig war, um diese Abkühlung vom feurig-
flüssigen Zustande auf den heutigen zu bewirken.
Lord KELVIN, der sich vor mehr als einem halben
Jahrhundert mit diesen Fragen ausführlich be-
schäftigte, kam auf Werte, die zwischen 20 und
40 Millionen Jahren schwankten, wobei er selbst
den niedrigeren Wert für den wahrscheinlicheren
hielt. Kervın hat dabei die damals selbstver-
ständliche Annahme gemacht, daß die Erde, ab-
gesehen von der Sonnenstrahlung, keinerlei Wärme
empfängt, sondern nur Wärme abgibt.
Es gehört der Wissenschaftsgeschichte an,
welche langen und heftig geführten wissenschaft-
lichen Fehden zwischen den Geologen und den
Physikern auf Grund dieser so widersprechenden
Zeitangaben über das Alter der Erde ausgefochten
wurden. Und beide Parteien hatten in ihren Be-
rechnungsmethoden auch recht, Fehler lagen nicht
vor
Die Aufklärung kam von einer ganz neuen
Seite; sie kam von den radioaktiven Substanzen,
von der Erkenntnis, daß diese eine dauernde
Wärmequelle vorstellen, und daß sie in dem uns
zugänglichen Teil der Erdoberfläche überall ver-
teilt sich vorfinden.
Diese Tatsachen hatte Lord KELVIN natürlich
nicht berücksichtigen können, denn die radio-
aktiven Elemente waren zu seiner Zeit noch nicht
entdeckt
Es ist leider hier nicht möglich, die große Be-
deutung eingehend zu schildern, die den radio-
aktiven Substanzen im Wärmehaushalte unserer
Erde zukommt
Nur darauf sei hingewiesen, daß man unter
plausiblen Annahmen über die Verteilung der
Radioelemente in den äußeren Schichten unserer
Erdkruste und bei Einsetzung ihrer genau be-
kannten Wärmeproduktion zu Werten für die Ab-
kühlungszeit unserer Erde kommt, die gegenüber
den Forderungen der Geologen- und Paläontologen
in keinem Widerspruch mehr stehen. Ja, zu An-
fang schien man sogar einem ,,embarras de richesse‘‘
an Radioelementen gegenüberzustehen, denn bei
der Berechnung, inwieweit die radioaktive Wärme
den Wärmeverlust der Erde durch Ausstrahlung
ersetzen könne, fand sich das überraschende Er-
gebnis, daß die Erde eigentlich mit Riesenschritten
dem feurigflüssigen Zustande entgegeneilen müßte.
Dies war natürlich unmöglich; die Voraussetzung,
die bei dieser Berechnung gemacht war, nämlich
die, daß die Erde in ihrer Gesamtmasse pro Ge-
wichtseinheit ebensoviel Radioelemente enthält,
Haun: Das Alter der Erde.
Die Natur-
wissenschaften
wie wir sie in den uns zugänglichen äußersten Ober-
flächenschichten finden, mußte falsch sein. Es
genügt vielmehr schon eine etwa ı5 km dicke
Rindenschicht mit dem bei den Eruptivgesteinen
beobachteten Gehalt an radioaktiven Substanzen,
um den Strahlungsverlust unserer Erde durch
radioaktive Wärme zu ersetzen. In Wirklichkeit
werden die radioaktiven Substanzen allerdings
nicht gleichmäßig über diese Schicht verteilt sein.
Auch tiefer liegende Schichten, Basaltlaven usw.
enthalten Radium, wenn auch weniger als die
Eruptivgesteine. Man muß daher mit einem von
oben nach unten allmählich abnehmenden Gehalt
an Radioelementen rechnen.
Den grundlegenden Untersuchungen von V.M.
GOLDSCHMIDT über die geochemischen Verteilungs-
gesetze der Elemente verdanken wir eine plausible
Erklärung dafür, daß die radioaktiven Elemente mit
ihren großen, sperrigen Atomen sich gerade in den
obersten Restkrystallisationen der äußeren Silikat-
hülle abgeschieden haben müssen. Da sie zu den
lithophilen Elementen gehören, haben sie sich bei der
Phasentrennung der geschmolzenen Erde im Sili-
katschmelzfluß angereichert, aus Mangel an iso-
morpher Mischbarkeit mit den wichtigsten gesteins-
bildenden Elementen aber nicht mit den Haupt-
krystallisationen ausgeschieden, sondern sind in
den Restschmelzen bis zuletzt übriggeblieben.
Wir sind also bisher zu dem Ergebnis gelangt,
daß die von den verschiedensten Seiten vorgenom-
menen Altersschätzungen unserer Erde einen Wert
von vielen Hundert, vermutlich über tausend Mil-
lionen Jahren für unsere an der Oberfläche auf
etwa die heutige Temperatur abgekühlte Erde
ergibt. Wir haben aber zugleich gesehen, daß diese
Berechnungen nur ungefähre Schätzungen dar-
stellen können. Wir wissen nichts über den ge-
nauen Gang der erwähnten geologischen Uhren in
früheren Zeiten unserer Erdgeschichte; die Paläon-
tologie kann keine absoluten Zeitangaben machen,
und die radioaktive Wärme beseitigt zwar den
früheren Widerspruch in den Zeitangaben zwischen
Physik und Geologie, aber mehr kann auch sie
nicht tun.
Da bietet sich uns nun, wiederum durch die
radioaktiven Substanzen, ein neuer Weg zur Alters-
bestimmung, und dieser neue Weg kann den An-
spruch erheben, Angaben zu machen, die in ihrer
Sicherheit weit über die bisherigen Schätzungen
hinausgehen. .
Das Wesen aller radioaktiven Prozesse ist die
freiwillige, von äußeren Bedingungen der Tem-
peratur, des Druckes und der chemischen Bin-
dungsart völlig unabhängige Atomumwandlung.
Die in der Natur in Uran- und Thormineralien vor-
kommenden Elemente Uran und Thor sind die
Anfangsglieder der großen radioaktiven Umwand-
lungsreihen, die alle bekannten Radioelemente
(außer dem Kalium und Rubidium) in sich ein-
schließen. Durch stufenweisen, nach festen Ge-
setzen geregelten Zerfall entsteht aus dem Uran
das Radium, ausdiesem die Radiumemanation, hier-
Heft 47/48/49.
28. ı1. 1930
aus die ganze Reihe der sog. „aktiven Nieder-
schläge‘‘ und schließlich als inaktives Endprodukt
das ,,Uranblei‘‘ mit dem Atomgewicht 206.
Aus dem Thorium entsteht über das Mesothor,
das Radiothor und eine Anzahl weiterer Produkte
ebenfalls eine Bleiart, das ,, Thoriumblei‘‘ mit dem
Atomgewicht 208.
Eine Begleiterscheinung dieser Umwandlungs-
prozesse ist die Emission corpuscularer Strahlen,
von denen den «-Strahlen für die hier interessieren-
den Fragen eine wichtige Rolle zufällt. Die
a-Strahlen sind Heliumkerne, die ihre anfangs sehr
große Geschwindigkeit beim Durchdringen durch
Materie schnell verlieren, zwei Elektronen auf-
nehmen und als gewöhnliches Helium in dem
radioaktiven Mineral steckenbleiben.
In der Tat geschah ja die Auffindung des Edel-
gases Helium auf unserer Erde im Sonnenspek-
trum war es schon früher entdeckt worden — in
einem Uranmineral; in allen radioaktiven Mine-
ralien, aber auch nur in solchen, ist Helium ent-
halten.
Die Bildung von Helium und Blei beim radio-
aktiven Zerfall sind Prozesse innerhalb der Atom-
kerne. Zur willkürlichen Beeinflussung solcher
Prozesse wären Tausende von Millionen Grad er-
forderlich, also Temperaturen, die auf unserer Erde
nie auch nur annähernd erreicht werden. Mit
großer Sicherheit können wir daher sagen, daß die
radioaktiven Prozesse sich in früheren Perioden
unserer Erdgeschichte nach genau denselben Ge-
setzen und mit genau derselben Geschwindigkeit
abgespielt haben wie heute.
Wenn wir daher die Gesamtwirkung radio-
aktiver Prozesse in unserer festen Erdkruste quan-
titativ bestimmen können und die Geschwindig-
keit kennen, mit der diese Prozesse verlaufen, dann
läßt sich die Dauer dieser Geschehnisse, also das
Alter der festen Erdkruste, nicht nur schätzen,
sondern mit recht großer Genauigkeit, und an
vielen Einzelbeispielen kontrollierbar, ablesen.
Nun ist hier allerdings eine Einschränkung zu
machen. Die Bildung von Blei und von Helium
ging natürlich schon vonstatten, als die Erde auch
oberflächlich noch eine feurigflüssige Masse war.
Das gebildete Helium konnte nach außen ent-
weichen, das Blei sich mit Blei nichtradioaktiven
Ursprungs mischen. Genaue Zahlenangaben kön-
nen wir also auch hier erst machen, nachdem die
festen Mineralien der Erdoberfläche gebildet
waren, die Umwandlungsprodukte des Urans und
des Thors in ihren Muttersubstanzen fixiert blieben.
Andererseits ist aber gerade diese Tatsache von
ganz besonderer Bedeutung. Wir finden das direkte
Alter einer ganzen Anzahl von Mineralien der ver-
schiedensten geologischen Schichten. Wir können
Mineralien geologisch gleicher, aber räumlich völlig
verschiedener Lagerstätten untereinander kontrol-
lieren und sind hierdurch in der Lage, eine absolute
Zeittabelle aufzustellen, mit deren Hilfe man auf
das Alter der einzelnen geologischen Formationen
Schlüsse ziehen kann.
Hann: Das Alter der Erde. 1015
Wenden wir uns jetzt zu den Altersbestim-
mungen von Mineralien aus radioaktiven Daten, so
wollen wir uns daran erinnern, daß der Abbau der
primären radioaktiven Elemente Uran und Thor
in einer kontinuierlichen Bildung von Helium und
von Blei besteht. Im Prinzip können wir daher
sowohl das Helium als auch das Blei für Alters-
bestimmungen heranziehen. Wir sprechen zuerst
kurz vom Helium und wählen das Uran als helium-
erzeugendes Element.
Kennt man den genauen Urangehalt eines Uran-
minerals, so kennt man aus den radioaktiven Zer-
fallsgesetzen auch die Anzahl der in dem Mineral
pro Gramm und Sekunde abgegebenen «-Strahlen
oder Heliumatome. ıg Uran mit seinen Um-
wandlungsprodukten emittiert in der Sekunde rund
100000 Heliumatome; auf das Jahr gerechnet er-
giebt dies 3,1- 1012, Diese Menge nimmt nach den
Gasgesetzen bei Atmosphärendruck nur den winzi-
gen Raum von 0,11 Io ®ccm ein. ıg Uran eines
beliebigen Uranminerals liefert also pro Jahr
0,11 +» 10 ®ccm Heliumgas. Diese Heliumproduk-
tion in dem Mineral ist nun im Gange, seitdem das
Mineral in der festen Erdkruste auskrystallisiert
ist. Zur Bildung von ıccm Helium pro Gramm
Uran bedarf es nach dem oben Dargelegten bereits
9 Millionen Jahre, und wenn wir Mineralien finden,
die pro Gramm Uran 20, 30, ja 50ccm Helium
enthalten, so können wir schließen, daß die
Heliumproduktion in diesen Mineralien 180, 270,
ja sogar 450 Millionen Jahre stattgefunden hat.
Eine starke Fehlermöglichkeit ist hier aller-
dings in Betracht zu ziehen. Es ist sehr wahr-
scheinlich, daß ein Teil des in dem Mineral gebil-
deten Heliums im Laufe der Jahrmillionen aus
dem Mineral herausdiffundiert ist. Befindet sich
ein solches Mineralstück an der offenen Luft, so ist
ein Entweichen von Helium experimentell fest-
gestellt. Wenn nun auch im kompakten Erdinnern
ein Herausdiffundieren unwahrscheinlicher ist als
an der Oberfläche, so ist hier doch zu sagen, daß
die uns zur Verfügung stehenden Mineralien von
der Oberfläche stammen, und es ist zweifellos
anzunehmen, daß sie dabei einen Teil ihres Heliums
verloren haben. Dieser Fehler wird vor allem für
geologisch alte Mineralien in Betracht kommen, die
sehr viel Helium enthalten. Dagegen dürfte die
Heliummethode für junge Mineralien, etwa solche
aus dem Tertiär, recht brauchbare Werte ergeben.
Für solche geologisch jungen Mineralien ist, wie
KırscH! mit Recht hervorhebt, die Helium-
methode der gleich zu besprechenden Bleimethode
sogar überlegen, denn der Bildung von Iccm
Helium entspricht bei Uranmineralien die Bildung
von etwa ı mg Blei, und die quantitative Bestim-
mung von ı ccm des Edelgases Helium, etwa aus
100 g Mineral, läßt sich viel sicherer durchführen
als die Abscheidung und Bestimmung von ımg
Blei aus derselben Mineralmenge. (Auch bei den
Altersbestimmungen von Eisenmeteoriten gibt
die Heliummethode einwandfreie Resultate, wie
1 G. KırscH, Geologie und Radioaktivität. S. 191.
1016 HAHN: Das
PANETH und seine Mitarbeiter [Nature, Marz 1930
nachgewiesen haben: Helium diffundiert selbst
bei 800° aus dem kompakten Metall — im Gegen-
satz zu den Mineralien noch nicht heraus.)
Bei der nur bedingten Genauigkeit der Helium-
methode gerade fiir geologisch alte Mineralien sei
davon abgesehen, eine Alterstabelle von Mineralien
nach ihrem Heliumgehalt hier wiederzugeben. Wir
wenden uns daher gleich zu der sog. Bleimethode.
Aus dem Uran mit dem Atomgewicht 238 ent-
steht durch sukzessiven Abbau von acht Helium-
atomen das Uranblei mit dem Atomgewicht 206
Aus dem Thorium mit dem Atomgewicht 232 ent-
steht entsprechend iiber eine Anzahl von Helium
emittierenden Zwischenstufen das Thorblei vom
Atomgewicht 208. Die Geschwindigkeit, mit der
das Blei entsteht, kennen wir, besonders im Falle
des Urans, recht genau. Haben wir also z. B. ein
thorfreies Uranmineral vor uns und bestimmen
analytisch dessen Uran- und Bleigehalt, dann kön-
nen wir unmittelbar ausrechnen, wie lange der
Bleibildungsprozeß gedauert haben muß, um die
ermittelte Bleimenge zu ergeben, wir kennen also
das Alter des Minerals. Die Fehlerquellen, die bei
der Heliummethode durch das teilweise Ent-
weichen dieses Gases eintreten, fallen hier fort, das
feste Metall Blei bleibt in dem unverwitterten,
krystallisierten Mineral stecken. Die Möglichkeit
andererseits, daß das Mineral von seiner Ent-
stehung her gewöhnliches Blei enthalten haben
kann, läßt sich dadurch kontrollieren, daß man
eine Atomgewichtsbestimmung des Bleis durch-
führt. Da das Uranblei das Atomgewicht 206, das
gewöhnliche Blei 207,2 hat, so läßt sich aus dem
gefundenen Atomgewicht der Gehalt an Uranblei
und gewöhnlichem Blei unschwer ermitteln
1g Uran bildet pro Jahr 1,35 - 10°1%g Blei.
Es entspricht dies seiner Umwandlungsgeschwin-
digkeit von 4,5 Milliarden Jahren. Für Zeiten, die
gegenüber dieser Umwandlungsgeschwindigkeit des
Urans klein sind, ergibt sich hieraus das Alter des
Minerals direkt durch Division der pro Gramm
Uran gefundenen Bleimenge durch 1,35 + 10 1,
also des Jahresquantums an Blei. Statt durch diese
kleine Zahl zu dividieren, ist es bequemer, mit
ihrem reziproken Wert zu multiplizieren: Wir er-
halten dann für das Alter die Formel: Alter
nina - 7400 Millionen. Handelt es sich um ein
Uran
Thormineral, dann ist dessen Bleiproduktion drei-
bis viermal kleiner; das Thorium zerfällt langsamer
als Uran. KırscH hält den letzteren Wert für
richtiger, und wir bekommen dann für das Alter
Thorminerals den Ausdruck: Alter
Thorblei
Thorium
vor, das Uran und Thorium gleichzeitig enthält,
dann ergibt sich die kombinierte Formel: Alter
eines
30000 Millionen Jahre. Liegt ein Mineral
Uranblei Thorblei
- - 7400 Millionen Jahre. Der
Uran + 0,25 Thorium a
Faktor 0,25 beim Thorium besagt dabei also, daß
Alter der Erde
Die Natur-
wissenschaften
die Bleibildung bei diesem nur !
läuft als beim Uran.
Für geologisch ältere Mineralien geben diese
einfachen Formeln einen etwas zu hohen Wert für
das Alter des betr. Minerals, denn es ist in den
Formeln nicht berücksichtigt, daß in dem Mineral
die Muttersubstanzen Uran und Thor mit der Zeit
abgenommen haben, ihre Mengen bei Beginn der
‚ so schnell ver-
Bleibildung also etwas größer waren. Bei sehr
alten Uranmineralien kann diese Abnahme von
der Auskrystallisation bis zum jetzigen Zustand
über 15% ausmachen. Beim Thorium ist die Ab-
nahme viermal kleiner. Eine Korrektion läßt sich
aber für beide Fälle unschwer anbringen.
Aus dem Gesagten ergibt sich, daß man für
Mineralien der beliebigsten geologischen Zeitab-
schnitte durch Bestimmung ihres Uran-, Thor- und
Bleigehalts, nach Möglichkeit noch unterstützt
durch eine Atomgewichtsbestimmung des Bleis,
eine Zeittafel aufstellen kann, in der sich aus dem
Verhältnis Blei zu Uran + Thor das Alter des
Minerals und damit das Alter der geologischen
Schicht, in der das Mineral entstanden ist, direkt
ablesen läßt. Die folgende Tabelle zeigt eine solche
Zeittafel.
Tabelle 1'.
Geologischer Zeitabschnitt Bleiver- Alter in Millionen Jahren
hältnis angenähert korrigiert
| 0,000 a
Neozoische Gruppe 0,005 37 36,9
| 0,008 59 58,7
| 0,01 74 73.5
Mesozoische Gruppe 0,02 148 146
| 0,03 222 218
0,04 296 280
0,05 370 300
Paläozoische Gruppe 0,06 444 430
0,07 515 495
0,08 592 507
0,09 666 635
0,10 740 700
Ober-Präcambrium 74 :
O,I!I 814 767
0,12 888 831
0,13 962 897
O,!I 4 1030 901
0,15 ItIo 1020
Mittel-Pracambrium 4 :
0,16 1184 1089
0,17 1255 1150
0,18 1332 1212
| 0,19 1400 1273
Unter-Präcambrium 0,20 1480 1336
| 0,226 1670 1525
In Wirklichkeit sind auch hier noch gewisse
Unsicherheiten vorhanden, die auf verschiedene
Ursachen zurückzuführen sind. Die Wahl der Kon-
stanten in den Formeln ist noch etwas willkürlich ;
so ist noch für die Berechnung der Tabelle ı statt
des von Kirscu bevorzugten Wertes 0,25 für das
Uranäquivalent des Thors der Wert 0,38 benutzt
Eine in Uranmineralien außer dem Uranblei sich
bildende andere Bleiart, das Actiniumblei, wurde
R. W
1 Entnommen aus: A. HOLMES u LAWSON
Amer. J. Science 13, 327 (1927).
ae ee Oe el
2S
n
ct
ie
Heft 47/48/49 Haun: Das
28. II. 1930.
nicht berücksichtigt, obgleich sich dieses in alten
Mineralien in steigendem Maße geltend macht.
Aber alle diese Unsicherheiten machen doch wohl
kaum mehr als einen Fehler von etwa 10% aus,
so daß die geologische Zeittafel oder — vorsichtiger
ausgedrückt das Alter der untersuchten Mine-
ralien, wenn diese wirklich unzersetzt vorliegen,
innerhalb dieser Grenzen richtig sein dürfte
Dabei mag betont werden, daß die Alters-
angaben von Mineralien sich auf eine außerordent
lich große Zahl von Einzelbestimmungen beziehen.
Daß dies der Fall ist, sei nur kurz an einer weiteren
Tabelle dargelegt! (Tabelle 2). Die Tabelle gibt
die Analysenresultate von 50 verschiedenen krystal-
lisierten norwegischen Bréggeriten, deren Uran-
und Thorgehalt in ziemlich weiten Grenzen
schwankt, wie sich aus den Kolumnen 3 und 4
erkennen läßt. Die Kolumne 3 gibt den gefundenen
Bleigehalt, die Kolumne 6 das Verhältnis Blei:
Uran Thor. Man sieht, daß dieses ‚‚Bleiver-
hältnis‘‘ innerhalb gewisser Grenzen ziemlich kon-
stant ist, eine Bestätigung dafür, daß alle diese
Mineralien ungefähr gleichen geologischen Ur-
sprungs sein müssen. Ihr durchschnittliches Alter
beträgt etwa 900 Millionen Jahre. Die immerhin
nicht unbeträchtlichen Einzelschwankungen in den
Bleiwerten, die sich um gewisse Häufungspunkte
gruppieren, führt KırscH auf eine rhythmische
Bildung der verschiedenen Bröggerite innerhalb
langer Zeitperioden zurück
Nach alledem kann es kaum einem Zweifel
unterliegen, daß die Altersbestimmungen aus dem
Bleigehalt, wenn das Material gut ausgesucht, weder
verwittert noch sonstwie sekundär verändert ist,
wenn außerdem genaue Analysen des Urans,
Thors und Bleis durchgeführt sind, an Zuverlässig-
keit von keiner anderen Methode geologischer Zeit-
bestimmung erreicht wird. Für das Präcambrium
muß man also ein Alter von mindestens 1000 Mil
lionen Jahren annehmen, und auch der angegebene
Wert von über 1500 Millionen Jahren für die
untersten, also ältesten präcambrischen Sedi-
mente dürfte der Wahrheit wohl recht nahekom-
men. Da die Sedimente ozeanische Gesteinsab
lagerungen sind, so gibt die Zahl 1500 Millionen
Jahre zugleich eine untere Grenze für das Alter
der Ozeane; eine untere Grenze, weil die Ozeane
ja älter sein müssen als die Sedimente, die sich in
den Ozeanen ja erst abgesetzt haben können
Zweifler könnten bei diesen Altersberechnungen
vielleicht den Einwand erheben, daß man ja doch
nicht absolut sicher weiß, ob das Uran oder das
Thor ihr Blei vor Hunderten von Millionen Jahren
in demselben Tempo gebildet haben wie heute,
mit anderen Worten, ob die radioaktiven Zerfalls-
prozesse in früheren Perioden der Erdgeschichte
wirklich dieselben waren wie heute.
Daß dies indessen der Fall war, sieht man
aus den sog. ‚„Verfärbungshöfen‘‘ gewisser Mine-
ralien. Als solche Höfe bezeichnet man kleine
1 G. KırscH, Geologie und Radioaktivität. S. 166.
Alter der Erde. 1017
Tabelle 2. Bröggeritanalysen.
Nr „U Th %Pb >
(U+k+Th)
I 61,67. 6,30, 8,64! 0,137
* | E. GLEDITSCH (96) > 0,35 De eg |
3 64,39 5,80 8,93 0,136
4 66,14 6,40 9,24 0,136
5 67,25) 5,80 9,28 0,135
6 61,21 5,34/ 8,43 0,135
7 4,13 9,21 0,132
5 6,50 9,31 0,130
9 |G. Kırsch (115) 5,48/9,21 0,134
10 5,22 5,39 0,125
11 7:30 (9,24 0,135
12 7,90 8,91 0,131
13 5,70 8,16 0,127
14 5,78 | 8,38 0,126
15 i 5,40 3,27 0,001
16 67,61 5.37 0,06 0,097
17 67 8o 8,60 |6,20 0,089
18 67,74. 0,33 7,00 0,112
10 57 so 6 0,117
20 73,10 2 0,119
21 64,00 } 0,118
2 70,92| 5, 0,123
23 70,18 5, 0,126
2 54,93 4, 0,125
25 65,90) 5, 0,125
ve W. Russ (116) 63,52) 5. paps
27 65,86) 5, 0,130
8 67,31 8 0,130
29 61,69 6 0,131
30 69,59 5.41 9,39 0,132
31 68,32 0,73|9,42 0,135
32 63,75 5,71 8,86 0,130
33 61,05) 6,40'8,53 0,130
34 65,75| 5,70|9,26 0,138
35 64,03, 7,44 9,03 0,137
36 59,63| 7,83 |8,46 0,137
37 58,20} 8,73|8,93 0,148
38 48,64 | 10,30) 5,94 0,1106
39 74,75| 0,12/9,39 0,125
49 \ von Karlshus 65,88| 7,50|8,71 0,129
41 61,63| 9,03 8,82 0,138
42 | von Anneréd P nn MDB ren
$3 | . W. 62,02!) 6,41/ 8,63 0,136
+4 | von Berg Riss 66,46| 5,99 8,61 0,127
45 | 5 (116) 67,22 7,05 |9,86 0,143
> | yon Ryen 62,44 | 9,08|8,50 0,131
17 | 64,62| 8,73|9,07 0,130
© | von Elvestad 07,37\ 5411955 Bo
19 J 61,76 9,15 9,50 0,149
50 vonRakkestad 62,13! 10,20 9,01 0,139
meist kreisrunde Gebilde, die sich in Dünnschliffen
mancher Mineralien (Glimmerarten, Flußspat usw.)
unter dem Mikroskop erkennen lassen. Das Auf-
treten dieser Höfe ist an das Vorkommen äußerst
geringer radioaktiver Einschlüsse in den betr.
Mineralien gebunden. Die Radien dieser Höfe ent-
sprechen den Reichweiten der a-Strahlen der ein-
zelnen Umwandlungsprodukte.
Die Figur zeigt einige typische Höfe in ver-
schiedenem Ausbildungsstadium. Sie sind einer
Arbeit von GuppEN [Z. Physik 26, 110 (1924)]
entnommen.
I At.-Gew. 206, 12.
1018 HAHN: Das
Wenn man experimentell ermittelt, wieviele
x-Teilchen in dem betreffenden Mineral eine deı
beobachteten Schwärzung entsprechende Ver
färbung hervorrufen, dann läßt sich unter eineı
plausiblen Annahme über den Uran- bzw. Thoı
gehalt des Einsprenglings die ungefähre Zeit be
stimmen, die nötig war, die Schwärzung zu be
wirken, es läßt sich das Alter des Minerals bestim
men. JOLY und RUTHERFORD haben solche Unteı
suchungen vorgenommen, und zwar benutzten sie
dazu eine dem Unterdevon angehörige Glimmerart,
Genaue
kann man nach dieser Methode allerdings
bei der vielfach solche Höfe vorkommen
Werte
nicht erwarten, denn die Schätzung des mikro
skopisch kleinen Mineraleinsprenglings (meist Zir
kon) auf Gehalt an radioaktiver Substanz ist nicht
Alter der Erde
Die Natur
wissenschaften
Aus dem bisher Gesagten haben wir gesehen, daB
wir das Alter unserer abgekiihlten Erdkruste und
das der einzelnen geologischen Schichten aus radio-
aktiven Daten mit recht groBer Genauigkeit be-
stimmen kénnen. Und man wird nun fragen, gibt
es keinen Weg, etwas iiber die Dauer der friiheren
Erdgeschichte, etwa das Alter der noch ganz ge-
schmolzenen Erde, zu erfahren. Hier werden nun
die Schätzungsmöglichkeiten wesentlich ungenauer.
Aber eine Angabe läßt sich wiederum unter Aus-
wertung radioaktiver Daten doch machen,
nämlich das maximale Alter der noch
Erde
kruste ist ein Isotopengemisch von Uranblei (206),
Thorblei (208) und einer dritten Bleisorte, Acti-
niumblei (207). Nimmt man an, daß dieses gesamte
flüssigen
Alles gewöhnliche Blei unserer festen Erd-
EN
- «
wea ~
,
. .
3 EAS
DIES
Verfärbungshöfe in Wölsendorfer Flußspat (GUDDEN). (500—650fach vergrößert
genau durchzuführen. Immerhin wurden Zahlen
für das Alter des betr. Glimmers gefunden, die mit
den Altersbestimmungen geologisch gleichaltriger
Schichten nach der Bleimethode befriedigend tibet
einstimmten, sie ergaben ein Alter von mehreren
hundert Millionen Jahren
Das Wichtige
Altersbestimmung
hierbei ist nun aber weniger di
selbst, als die Tatsache, daß
solche geologisch alten Höfe sehr genaue Reich
x-Strahlen ergeben. Da die
Reichweite der x-Strahlen in einer bekannten Be-
ziehung zu der
weiten der einzelnen
Umwandlungsgeschwindigkeit des
die Strahlen emittierenden Radioelements steht,
ergibt sich aus der Konstanz der Reichweite die
Konstanz der Umwandlungsgeschwindigkeit; deı
Einwand, daß früher die radioaktiven Prozesse an
ders verlaufen sein könnten als heute, fällt also fort
Blei radioaktiven Ursprungs ist, sich also durch
den Zerfall von Uran und Thor erst auf der Erde
gebildet hat, dann kann man unter Einsetzung des
durchschnittlichen Gehalts der festen Erdkruste,
etwa der Eruptivgesteine, an Uran, Thor und Blei
Bleibildungsprozeß ge-
dauert haben muß, um den mittleren Bleigehalt der
Eruptivgesteine zu erzeugen. Man kommt hierbei
3000 Millionen Jahren,
ganzen Art seiner Her-
Maximalwert werden
berechnen, wie lange der
auf eine Dauer von rund
ein Wert, der
leitung als ein
mub
Aus den \ M
mischen Verteilungsgesetzen der Elemente wissen
nach det
angesehen
GOLDSCHMIDTschen geoche
wir, daß das Blei ein chalkophiles Element ist, daß es
Sich also bei der Phasentrennung der flüssigen Erd
bestandteile in der Sulfidhülle ausgeschieden hat
an ee Be
nh
d-
Il
te
ch
de
les
ler
bei
er-
len
Heft 47/48 so] E1TeEL: Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemie. 1019
28. 11. 1930
Das noch von der Sonne herstammende Blei
wird sich also im wesentlichen in der Sulfidhiille
vorfinden, das in den Eruptivgesteinen enthaltene
ist seiner Hauptmenge nach ‚‚erdgeboren‘.
Wir haben bei unseren Erörterungen über das
Erdalter den Schritt von der abgekiihlten Kruste
zu der geschmolzenen Kruste gewagt. Der letzte
Schritt, die Abspaltung der gasförmigen Erde von
der Sonne ist nun kein weiter mehr. Aus verschie-
denen Gründen kann man annehmen, daß die an-
fangliche Abkiihlung des entstandenen gliihenden
Erdballs ein sehr schnell verlaufender Vorgang war
Der englische Geologe JEFFREYS halt Abkühlungs-
dauern von 5000 Jahren fiir die vollstandige Ver-
fliissigung, von 15000 Jahren fiir das Festwerden
der Oberflachenschichten der Erde fiir durchaus
hinreichend. Als sicher können wir also annehmen,
daß die Zeit, die seit der Entstehung der Ozeane
verflossen ist, den größten Teil der Geschichte
unseres Planeten umfaßt. Und so erscheint es ge-
rechtfertigt, das experimentell ermittelte Alter
unserer ältesten geologischen Schichten und damit
das Minimalalter der Ozeane, also den Wert von
1500 Millionen auch als Minimalalter unserer Erde
überhaupt anzunehmen. Der Wert von 3000 Mil-
lionen Jahren, der unter der Voraussetzung be-
rechnet wurde, daß das gesamte Blei der Silicat-
hülle an der Erdoberfläche durch radioaktiven
Zerfall erst auf unserer Erde entstanden ist, stellt
dann also die äußerste Maximalschätzung dar. Die
verhältnismäßig engen Grenzen zwischen Minimal-
bestimmung und Maximalschätzung geben uns ein
eindrucksvolles Bild von der Bedeutung, die den
radioaktiven Vorgängen auch für die Behandlung
erdgeschichtlicher Probleme zukommt.
Deutsche Literatur:
G. KırscH, Geologie und Radioaktivität. Berlin:
Julius Springer 1928. 214 S. Ausführliche und kritische
Bearbeitung des ganzen Gebietes, desgl. Angabe der
umfangreichen ausländischen Literatur. O. HAHN,
Was lehrt uns die Radioaktivität über die Geschichte
unserer Erde? Berlin: Julius Springer 1926. 64 S.
Kurzer Überblick
Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemie.
Von WILHELM EItEL, Berlin-Dahlem.
Durch die klassischen Untersuchungen von
F. W. CLARKE über die durchschnittliche Zusam-
mensetzung der Erdkruste, die er in seinem be-
kannten Werke ‚Data of Geochemistry‘‘ zusam-
mengefaßt hat, wurde zuerst das Grundproblem
der Geochemie, die Vorkommnisse der verschie-
denen chemischen Elemente nach ihren spezifi-
schen Verteilungsgesetzmäßigkeiten zu erfassen,
auf eine exakte quantitative Basis gestellt. In
seinen großzügig entworfenen und geistvoll durch-
geführten Studien über die geochemischen Ver-
teilungsgesetze hat alsdann V.M.GOLDSCHMID1
die Wege gewiesen, auf welchen die Erforschung
der Zusammenhänge zwischen dem Vorkommen
der Elemente und ihrem Atombau vordringen
kann, um die tieferen Gesetzmäßigkeiten zu er-
gründen, die sowohl in der tellurischen wie in der
kosmischen Verbreitung bestimmter Element-
gruppen in bestimmten Zustandsfeldern gelten
Es ist ein besonders fruchtbarer Gedanke geworden,
die krystallographisch-chemischen Beziehungen bei
isomorphen Vertretungen der Elemente unterein
ander als den Leitfaden zu benutzen, der auf diesen
verschlungenen Wegen der Natur noch unfehlbar
zu orientieren vermag. Innerhalb des Gesamt
problems, welches uns die geochemischen Grund
tatsachen bei der Verteilung der Elemente über
alle Teile unseres Planeten stellen, erscheint uns
angesichts unserer mangelnden direkten Kenntnis
vom Zustand der inneren Teile der Erde die Unter-
suchung der Bestandteile der Lithosphäre noch
immer als das umfangreichste Gebiet unserer geo-
chemischen Forschung. Ausgehend von der Kennt-
nis der allgemeinen Zusammensetzung dieses uns
unmittelbar zugänglichen Erdteiles, wie sie uns
die CLARKEschen Zahlenwerte vermitteln, sowie
von den Grundtatsachen der Gesteinskunde können
wir im Sinne GOLDSCHMIDTS die Frage prüfen, wie
die tieferen Ursachen der Verknüpfung der ge-
steinsbildenden (lithophilen) Elemente unterein-
ander zu verstehen sind, und wie die ,,Migrationen“
dieser Elemente sich darstellen. Nach den Defi-
nitionen, die besonders VERNADSKY in seinem
bekannten Buche ,,Geochemie“ gegeben hat, sind
es ja besonders die Platzwechsel der Atome bei
Bildung von Verbindungen, ihr Transport durch
strömende Medien wie Lösungen und Gase, ihre
Verlagerungen in festen Körpern, welche das Wesen
der Migrationen ausmachen. In diesem umfassen-
den Sinne ist aber auch die Mineralogie und die
Petrologie, besonders der genetische Zweig dieser
Wissenschaften, nur ein Spezialgebiet der Geo-
chemie, also das gesamte Beobachtungsmaterial
der Naturvorkommen samt ihrer Entstehungs- und
Umbildungsgeschichte, einschließlich der Er-
gebnisse der synthetischen Forschung im geo-
chemischen Zusammenhang. Es ist mir in diesem
Vortrage die ehrenvolle und besonders interessante
Aufgabe zugefallen, Ihnen im Sinne der erwähnten
Gesichtspunkte zu schildern, welche Beiträge die
Petrologie und die experimentelle Silikatforschung
zur Kenntnis des Wesens der Lithosphäre im Rah-
men des geochemischen Gesamtproblems zu liefern
vermag. Ich hielt es dabei für reizvoll, aus dem
gewaltigen Tatsachenmaterial, welches die petro-
graphische Forschung seit etwa hundert Jahren
uns vermittelte, die Zusammenhänge der sog.
Magmendifferentiationen herauszugreifen und
Ihnen an Hand dieses Materials zu zeigen, wie die
moderne synthetische Erforschung der grundlegen-
den Systeme uns in großen Zügen Aufschluß gibt
über die hauptsächlichsten Gesetzmäßigkeiten der
1020 EITEL:
in jenen Großprozessen sich kennzeichnenden
Elementmigrationen. Wir werden uns dabei mit
größtem Erfolg der Methode bedienen können,
die auch V.M. GoLpscHMIpT bei seinen ausge-
zeichneten Studien benutzte, nämlich der krystallo-
graphisch-chemischen.
Das Problem der Differentiation der Eruptiv-
gesteine, d. h. ihrer verschiedenartigen Ausbildung
nach Chemismus und Mineralassoziation hat seit
etwa einem halben Jahrhundert im Mittelpunkt
des Interesses der Petrographen gestanden. Die
zahlreichen Hypothesen der Bildung ganz bestimm-
bestimmten ‚Provinzen‘,
für welche Anschauungen wohl am typischsten die
Theorien ROSENBUSCH und Schule
geworden sind, waren zunächst auf der Annahme
einer magmatischen Sonderung, im wesentlichen
ter Magmenstämme in
von seiner
durch Entmischung (Liquation) begründet ge
wesen. Wir können diese Anschauungen heute als
endgültig überwunden betrachten, da sich im
Gegensatz zu den Erfordernissen dieser Hypothesen
nach allen experimentellen Untersuchungen (mit
wenigen petrologisch bedeutungslosen Ausnahmen)
völlige Mischbarkeit der Silikatschmelzen als sicher
ergab Die Entmischungserscheinungen spielen
erst dann eine Rolle von geochemischer Bedeutung,
wenn Silikatschmelzen z. B. mit Sulfidschmelzen
verknüpft erscheinen, also in den Grenzgebieten
zwischen der Lithosphäre und der Chalkosphäre,
vergleichbaı den bekannten Entmischungs-
vorgängen der metallurgischen Prozesse bei der
Trennung von ‚‚Stein‘‘ und ‚„Schlacke‘‘. In anderem
Sinne wurde Problem der Gesteinsdifferen-
tiation ebenfalls als eine Erscheinung von Phasen-
trennungen erfaßt und theoretisch durchgeführt,
so von N. L. Bowen in seinen Anschauungen über
eine Krystallisationsdifferentiation, in welcher die
Gesamtheit der verschiedenen Mineralisationen der
Gesteine als Funktionen physikalisch-chemischer
Zustandsfaktoren aufgefaßt werden. Diese groß-
artige einheitliche Entwicklung des gesamten Kom-
plexes durch eine einfache, experimentell weit-
also
das
gehend erforschbare Grundhypothese hat zu weit
gehenden Erfolgen geführt An den Schemata
1—3 versuche ich Ihnen in ganz rohen Umrissen
darzulegen, wie die nach den Prinzipien der Pha-
senlehre exakt begründeten Erscheinungen bestimm-
ter Krystallisationsfolgen auch in den größten
magmatischen Einheiten zur Ausbildung einer
Reihe charakteristischer Gesteinstypen führen
muß. In der Horizontalreihe des Schemas 1 ist
z. B. zu erkennen, daß ein ursprüngliches basisches
Gabbromagma durch Krystallisationsdifferen
tiation in einen Diorittypus, endlich in ein Granit-
magma übergehen muß, und dieses zuletzt gewisse
Die
Krystallarten des Gabbromag-
mas sind durch die vertikalen Pfeile angedeutet,
und von Erzausscheidungen, die
uns hier weiter interessieren, erkennen wir
den Olivin als Erstkrystallisation, darauffolgend
die Augite und
stark wasserhaltige Restlösungen abspaltet.
kennzeichnenden
abgesehen den
nicht
basischen Plagioklas (Labrador)
Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemie.
Die Natur
wissenschaften
Beim Übergang zu den Diorit- und Granitmagmen
ist besonders typisch die Abwandlung der basischen
Plagioklase in intermediäre und schließlich in
saure Typen, zu denen vor allem noch Kalifeldspat
tritt; auch wird der Augit leicht in Amphibol ab-
gewandelt, ferner unter Wirkung des sich immer
mehr anreichernden Wassers der Kalifeldspat in
Muscovit, und zu allerletzt wird die reine Kiesel-
säure neben sehr wasserreichen Restlösungen
ausgeschieden. Dieser ‚‚normale‘ Krystallisations-
verlauf kann freilich Abwandlungen dadurch erfah-
ren, daß durch bestimmte geologisch bedingte äußere
Einflüsse von Anfang an ein Magma extrem wasser-
reich oder extrem wasserarm (,,naB‘‘ oder ,,trocken‘‘)
ausgebildet sein kann. Im ersteren Falle (Schema 2)
kommt es dann sehr frühzeitig zur Bildung von Glim-
mern (Biotit), im anderen (Schema 3) tritt dagegen
auch in den letzten Phasen der Differentiation kein
solcher auf, und auch der Amphibol tritt zurück,
dagegen herrscht rhombischer Pyroxen vor. Damit
konnte GOLDSCHMIDT in höchst einleuchtender
Weise die eigenartigen Reihen der Biotitnorit- und
-dioritstämme bzw. der Anorthosit-Charnockit-
Mangeritserie erklären. In der Hauptsache bleibt
aber die BowEnsche Grundhypothese der Krystal-
lisationsdifferentiation bestehen; sie bewährt sich
auch in den schwierigeren Fällen, durch welche die
Entstehung der Alkaligesteine mit Gehalt an Feld-
spatvertretern erklärt werden muß. Auf
Dinge näher einzugehen, verbietet mir die
gestellte Aufgabe. Es ist aber wohl zutreffend, wenn
ich der Meinung Ausdruck gebe, daß heute für die
Petrologie Problem der Differentiation der
Magmen im Prinzip als gelöst angesehen werden
darf, besitzen wir doch in der von GOLDSCHMID1
an wichtigen Punkten ergänzten Theorie BowENs
Vorstellungen, die in allen Teilen einer exakten
physikalisch-chemischen Nachprüfung zugänglich
gemacht werden können
An die Aufgabe, die dem Problem der Diffe-
rentiation zugrunde liegenden Gleichgewichte von
Silikaten systematisch festzustellen, ist eine Reihe
ausgezeichneter Physikochemiker und Mineralogen
getreten, die unter A.L. Days Leitung im Geophysi-
kalischen Laboratorium der CARNEGIE-Stiftung
in Washington nach einem umfassenden Plane ihre
Arbeit organisierten. Ausgehend von dem umfang-
reichen synthetischen Erfahrungsmaterial, welches
im Laufe Jahrhunderts eine Anzahl von
Mineralogen und Chemikern über die Keaktions-
bedingungen gesteinsbildender Silikate und ins-
besondere Alumosilikate zusammengetragen hatte,
gelang es den genannten Forschern, eine
Zahl fundamentaler oxydischer Silikatsysteme in
„Zustandsdiagrammen‘‘ niederzulegen. Fortschrei-
tend von den einfachsten Untersuchungen der Kie-
selsäure selbst, zu den binären Silikaten, und dann
zu den komplizierteren Alumosilikaten wurden die
hauptsächlichsten Typen jener Mineralien der
Eruptivgesteine in großer Reinheit dargestellt.
Ihre Reaktionen untereinander nach Lage der
diese
hier
das
des 19
große
Gleichgewichtstemperaturen und -konzentrationen
n
h
Heft 47/48/49
28. 1%. 1930
Labrador > Andesin
A A
4
Gabbromagma >» Dioritmagma
v ’
> > Augit
y y Augit
Olivin Erz
v
Sulfidmagma
Schema 1. Normalschema
Labrador
A
Biotitnoritmagma >
y Biotit
v
\ugit
v ,
Olivin Bronzit
.
Erz
Sulfiidmagma
Schema Differentiation der
Labrador
A
Eırer: Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemie.
Biotitdioritmagma
Kalifeldspat
1021
> Oligoklas Kalifeldspat Muscovit
A A a A
> Quarz
A
> Granitmagma » Wässerige Restlösungen
v
y u Biotit
> Amphibol \mphibol
der Differentiation (nach V.M. GoLDSCHMIDT).
> Andesin >Oligoklas
A 4 Quarz
A
> Trondhjemitmagma
|
| „ Biotit „ Biotit
v
vl )iopsid
+ Amphibol
Hypersthen
Glimmerdioritstamme
(nach V. M. GOLDSCHMIDT).
Kalifeldspat
> Andesin > Oligoklas > Albit
+ ’ Quarz
A
Noritmagma > Mangeritmagma > Hypersthengranitmagma
v v v
\ugit > Diopsid
. v v ,
> Hvpersthen
Olivin Bro nzit I
, >
Erz
Bi
Sulfidmagma
Schema
| geben im Rahmen des Zustandsdiagramms die
einfachste Anschauung für die Vorgänge
Wirklichkeit des magmatischen Systems und deı
Gesetzmäßigkeiten seiner Krystallisation
außerordentlichen Mannigfaltigkeit dieser exakten
’
weise bei
silikattechnischer Probleme
schranke ich
gefunden
mich darauf, Ihnen
wohl die theoretische Forschung wie die Technologie
SiO,-MgO
Das System
der Silikate betreffen. Das System
und SiO,-Al,O,-CaO (Schema 4 und 5).
Kieselsäure-Magnesia ist in seiner
Nw. 19
LT ———
3. Differentiation det
Bei deı
Forschungsergebnisse und der weiten Verbreitung, ständlich machen kann
welche diese Zustandsdiagramme jetzt erfreulicher
Bearbeitung petrologischer und selbst
haben, be
hier nur
Beispiele zu geben, welche in weitestem Maße so
einfachen Ge
Mangeritstämme (nach V. M. GOLDSCHMILT)
stalt dadurch bemerkenswert, weil es uns den Vor
in der gang der bei Silikaten häufigen Erscheinung einer
inkongr uenten Schmelzreaktion,
Krystallisation
umgekehrt
charakteristischen
tionsphänomenen an einer Frühausscheidung ver
eine!
unter Resorp
Den erstgenannten Vor
gang vergleicht man zweckmäßig mit dem Schmel
zen eines Hydrates ‚im Krystallwasser‘‘, wie es
dem Chemiker alltäglich begegnet, nur daß hieı
zwei eine kieselsäurereiche Schmelzlösung die Rolle jeneı
wässerigen Schmelze übernimmt. Der zweite Fall
ist dem Petrographen beim Studium der Dünn-
schliffe von Basalten und verwandten Gesteinen
vertraut, wie die primären Krystalle eines Olivins
durch nachträgliche Reaktion mit einer Schmelz-
70
/
1022 EıteL: Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemis
phase unter Neubildung von Pyroxen korrodiert
werden, und eine Restlésung verblieb, die unter
Umständen sogar zur Bildung von Quarz führen
kann. Für beide Erscheinungstypen ist das Dia-
gramm SiO,-MgO geradezu ein Musterbeispiel, und
mit Recht hat Bowen die allgemeine Gültigkeit des
„Reaktionsprinzips‘‘ bei den Krystallisationsbe
ziehungen von Olivinen und Augiten auf Grund
Die Natur-
wissenschaften
dieses Systems als eine der wichtigsten Richtlinien
der Differentiation bezeichnet. In dem Diagramm
des Systems Kieselsäure-Kalk-Tonerde erkennen
wir als besonders wichtige Krystallarten den
Anorthit (CaO - Al,O, - 2SiO,) sowie den Gehlenit
(2CaO - Al,O, - SiO,), die durch Wechselreaktionen
in thermometamorphen Kalksilikatgesteinen in der
Natur mannigfach gebildet werden kénnen. Das
Diagramm gibt einen ausgezeichneten Uber-
rc 2800° A
| \ blick über diese in der Natur gegebenen
aia Perikios +5 c Reaktionsmöglichkeiten. Es sei nur er-
r wähnt, daß in gleicher Weise das Dia
2 Schmelze 4 gramm geradezu entscheidend geworden
800 ist fiir unsere Vorstellungen von der Kon-
u | stitution der Portlandzementklinker wie
7 je FR \4 auch neuerdings der Aluminatzemente, auf
U ldssigkeiten \ 1 5 : 3 ai rays a
1700+ oes Aimo “enen die gesamte Zementindustrie basiert.
Periklas + Forsterit Das Diagramm gibt in der bewährten
r Cristobolit+S 1 Isothermendarstellung den funktionellen Zu-
1600, woo sammenhang zwischen Konzentration deı
drei Oxyde im Gemenge und aller haupt-
Kinoenstann| © Minoenstarit«Cristob - sächlichen Gleichgewichtspunkte (Eutek
ınoenstofi “a if 1Ssfodotrt > ,
- - + r = tika usw.), die zur Beurteilung des Schmelz
MgC 20 + 60 80 10, “<a : i BE : 1. :
Gew-% 149,550, Mg'Si0, und Erstarrungsverhaltens bekannt sein
müssen. Ein einziges derartiges Diagramm
Schema 4. System Kieselsäure-Magnesia (nach ANDERSEN und
BoweEN, ergänzt nach GREIG)
C00.5i0;
1540
2C00Si0,
2130
JCo0.5i0,
2Ca0Al 0,510;
1590@
orientiert "demnach über alle technologi
3Al; Oy 25i 0,
&
ar Algl,
oe
1590
Cad 2 5 if 677 48 Cas Al, 0;
2570 ICO0ALO, “SCa0IAld, CoOAlh, 3600541,0, 2050
1455 7600 1720
Schema 5. System Kieselsäure-Kalk-Tonerde (nach RANKIN, ergänzt nach GREIG)
a
ont 00
Heft 47/48 > EITEL:
28. rı. 1930
schen, petrologischen und vor allem geo-
chemischen Beziehungen der Stoffe Kalk, Kiesel-
und Tonerde, die bei hohen Tempera-
turen bei geringen Drucken möglich sind. Die
weitgehende Bedeutung der Silikatsynthese für
unsere Fragenkomplexe wird schon aus diesen Bei-
spielen genügend hervorgehen, um weitere Er-
örterungen über diesen Zweig der exakten Silikat-
forschung jetzt zu erübrigen. Es darf der Hinweis
allerdings nicht unterlassen werden, daß weitaus
die Mehrzahl der bisherigen experimentellen Unter-
suchungen über diesen ganzen Fragenkomplex noch
wenig aussagen, da sie sich lediglich auf
trockene Systeme bezogen. VERNADSKY verweist
in Übereinstimmung mit BowEn und GoLDp-
SCHMIDT mit Recht darauf, daß die Anwesenheit
von Wasser oben entworfene Bild insofern
ganz erheblich zu ändern vermag, als durch die
gewöhnlich nicht an Alumosilikate gebundenen
Ionen wie Mg” Fe” Mn” unter Wirkung des juvenilen
Wassergehaltes des Magmas dennoch die Bildung
von Krystallarten mit “Kaolinkernen’, d.h. vom
Charakter der Alumosilikate, veranlaßt werden
kann, wie wir sie in den Glimmern beobachten.
Gerade in dieser Beziehung sind leider unsere
Kenntnisse auf synthetischem Gebiete noch in den
ersten Anfängen. Gegenüber einer großen Zahl
von qualitativen Angaben über Hydrothermal-
synthesen zahlreicher einfacher Silikate und Alumo-
silikate sind wirklich exakte Untersuchungen über
diesen Gegenstand noch fast gar nicht vorhanden.
Bei der überragenden Rolle, die das Wasser in der
geochemischen Geschichte der Magmen spielt, ist
das Bedürfnis nach einer gründlichen Bearbeitung
der Gleichgewichte der Silikatsysteme mit Wasser
ein außerordentliches. Es wird allerdings bei den
Schwierigkeiten, Eigenschaften über-
kritischen Wasserdampfes mit sich bringen, ganz
besonderer Anstrengungen bedürfen, um hier einen
entscheidenden Schritt vorzudringen
Glücklicherweise sind wir nicht allein auf de-
duktive Schlüsse auch auf diesem Gebiet angewie-
sen; vielmehr haben die umfangreichen Arbeiten
NiGGLis über die Bildung von Mineralien unter
Anwesenheit leichtflüchtiger Bestandteile im Mag-
ma, also in den Restlaugen derselben eine ganz
wesentliche Bereicherung unserer allgemeinen geo-
chemischen Ansichten über die Verteilung einer
großen Zahl seltenerer Elemente gebracht. NIGGLI
hat auch experimentell durch ein eingehendes Stu-
dium von ‚.Modellsystemen‘‘ über die physikalisch-
chemischen Gesetzmäßigkeiten der Gleichgewichte
in den pegmatitischen und pyrohydatogenen Sy-
stemen der Natur weitgehende Aufklärung bringen
können; er wählte z.B. an Stelle der so schwer
synthetisch zugänglichen Alumosilikate der Feld-
spatgruppe leichtkrystallisierende Verbindungen
wie Quecksilberhalogenide, die er nun nicht mit
Wasser als leichtflüchtiger Substanz untersuchte,
sondern mit dem experimentell ungleich besser zu
beherrschenden Schwefeldioxyd. Durch Anwendung
kommt man den wirklichen
säure
recht
das
welche die
von Kohlendioxyd
Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemie.
1023
magmatischen Verhältnissen in Restlösungen noch
sehr viel näher, und es konnte von NIGGLI insbe-
sondere der Beweis erbracht werden, daß Karbonat-
schmelzen im Gleichgewicht mit einfachsten Silikat-
systemen wichtige Aufschlüsse über die Bildung
und Reaktionsart der basischen Alumosilikate zu
geben vermögen. Manche Probleme der als Erz-
bringer und Muttergesteine seltener Mineralien
und Elemente so wichtigen Nephelinsyenite konn-
ten so einer Deutung zugeführt werden. Ja, es
gelang mit Hilfe besonderer Hochdrucksynthesen,
komplexe Verbindungen zwischen Silikaten und
Karbonaten herzustellen, die ein überraschendes
Licht auf die Bedeutung magmatischer Schmelzen
auch für die primären Vorkommen des Kohlen-
stoffes werfen. Andererseits konnte durch der-
artige Studien wieder die Entstehung der merk-
würdigen gemengten Karbonat-Silikatgesteine, z.B.
im südlichsten Norwegen, vom Typus der Fenite,
Melteigite usw. verständlich gemacht werden, die
bei der Einschmelzung tiefgelegener Karbonat-
gesteine in ein aufsteigendes Magma sich bildeten.
Nach dieser kurzen Diskussion der heutigen
Anschauungen von den petrologischen Grundtat-
sachen und ihrer Erklärung nach den Gesetzen der
Phasenlehre dürfen wir nunmehr dazu übergehen,
die besonderen Einzelerscheinungen der Verschie-
bungen von typischen Elementen in der Lithosphäre
nach entsprechenden Gesichtspunkten zu behan-
deln. Nach den Ausführungen V.M.GoLp-
SCHMIDTS ist die Gesellschaft der lithophilen
Elemente durchaus keine zufällige; vielmehr ist
es in hohem Maße bezeichnend, daß in der Litho-
sphäre neben Silicium vor allem diejenigen Elemente
den Hauptausschlag geben, die als elektropositive
Ionen dem einfachsten Edelgastypus zugehören,
also Elektronenhüllen besitzen, die durch je vier-
zählige Gruppen von Elektronenbahnen gekenn-
zeichnet sind. Hier erkennen wir vor allem die
ausgeprägt lithophilen Ionen der Alkali- und Erd-
alkalimetalle (vgl. Schema 6); in Gestalt der
Silikate sind sie mit dem ausgesprochen lithophilen
Sauerstoff in innigster Verbindung sowohl in den
Frühausscheidungen, den Hauptkrystallisationen
und den Restlösungen der Magmen allenthalben
anzutreffen. Prinzipiell hat uns die Untersuchung
der Systeme, die wir im Anschluß an die Theorie der
Krystallisationsdifferentiation nach BowEn be-
sprachen, bereits gezeigt, daß die Migration der
lithophilen Ionen vom Edelgastypus verschiedene
Wege gehen kann, je nachdem es sich um Alkali-
ionen oder z. B. um Magnesium, Mangan oder Eisen
handelt Während die letzteren in trockenen
Schmelzen ausnahmslos in einfache Silikate wie
Olivine, Pyroxene eingehen, treten die ersteren
Ionen vorzugsweise in die Alumosilikatgruppe ein.
Die Differentiationstendenz der durch die An-
reicherung der einen bzw. anderen Gruppe von
Krystallarten bestimmten Gesteinstypen zeigt sich
also bedingt durch die völlig verschiedene Fähig-
keit jener Ionenarten, in komplexe Verbindungen
mit Aluminium und Silicium einzugehen. Die fast
„6%
70
1024 EITE!
Eisenschmelze Sulfidschmelze
Siderophile Elemente Chalkophile Elemente
Fi Ni, Co ((O)), S, Se, Te
P, ( Fe, (Ni), (Co), Mn?
Mo, (W?) Cu, Zn, Cd, Pb
Pt, Ir, Os (Sn ?), Ge, (Mo
Pd Ru, Rh As, Sb, Bi
Ag, Au, Hg
Pd, (Ru?), (Pt
Ga, In, TI
Schema 6. Ubersicht der chemischen
Elemente nach ihrer Verteilung im
Die Bedeutung der Silikatsynthese fir die Geochemie Die Natur-
’ wissenschaften
Silikatschmelze Dampjhülle
Lithophile Elemente Atmophile Elemente
O, (S), (P), (H) H, N, (0),
a 3 2,5, Th (Cl?)
Fr, Cl. Be, I He, Ne, A
B, Al, Sc, Y, La, Ce, Kr, X
Pr, Nd, Sm, Eu, Gd,
lb, Ds, Ho, Er, Tu,
Yb, Cp
Li, Na, K, Rb, Cs
Be, Mg, Ca, Sr, Ba
(Fe), V, Cr, Mn,
((Ni)), ((Co))
Nb, Ta, W, U, Sn
(C)
Aufbau der Erde.
(Nach V. M. GOLDSCHMIDT.)
durchgängige Einheitlichkeit, mit der besonders die
\lumosilikate der Alkalien und Erdalkalien para
genetisch verknüpft bleiben, hat VERNADSKY auf
die Vermutung geführt, daß eine tiefere konstitutive
Übereinstimmung der Krystallbautypen bei den
\lumosilikaten vorhanden sein müsse; er kam zu
der Vorstellung, daß ganz bestimmte, ringförmig
gedachte Kernstrukturen diese Verknüpfung von
\l- und Si-lonen mit dem Sauerstoff ausmachten,
die er nach dem Endprodukt der hydrolytischen
Zersetzung aller solcher Alumosilikate an der Erd-
oberfläche, dem Kaolin, als einen Kaolinkern
bezeichnete. Die Bedeutung der Atomstruktur und
des Baues der Ionen für die Beurteilung des Vor
kommens der verschiedenen lithophilen Elemente
erst dann in vollem Umfang,
wenn wir ein weiteres grundlegendes Prinzip hin
zunehmen, in welchem jene Faktoren
klar sich auswirken, die Beziehungen der Elemente
erscheint uns aber
erst ganz
untereinander bei der Bildung isomorpher Krystall
strukturen
Während bis vor wenigen Jahren die Krystallo-
graphie höchstens als ein geometrisches Hilfsmittel
der Mineralogie und Chemie gegolten hatte, erhielt
sie erst durch die Entwicklung unserer Anschau-
vom Gitterbau der Krystalle eine über-
Bedeutung für die Geochemie. Der zu
Blüt« Zweig deı
entspringt vor allem der hingebenden Einzelarbeit,
unlängst Krystallograph
P. Groru durch die Sammlung krystallographische1
Daten fast aller bekannter chemischer Verbindun
gen, Mineralien wie Kunstprodukte, geleistet hat
\uslösend wirkten für diese Neuentwicklung die
schnell fortschreitenden röntgenographischen Be
stimmungen der Krystallstrukturen, und auf dem
Felde konnten nun in
größtem Gesetzmäßigkeiten er-
gründet werden, die das geochemische Zusammen-
ungen
ragende
Krvstallchemie
neuer gelangte
die deı verstorbene
von GROTH vorbereiteten
\usmaße die
vorkommen der Elemente in den Mineralien regeln
Wir staunen ob der Fülle des Materials,
in dieser Richtung alsdann über GRoOTH hinaus von
V. M. GoLpscHMipr mit Hilfe genauer Struktur
analysen zusammengetragen worden ist Nicht
nur wurde eine große Zahl vordem unvollständig
welches
bekannter Verbindungen nunmehr ver-
messen; vor allem wurden die Regelmäßigkeiten
ergründet, die den Strukturbau der Krystalle mit
den lonen- und Atomeigenschaften der Elemente
verknüpfen, ferner die Richtlinien für die Kom-
mensurabilität Gittertypen, mit
ihrer weittragenden Bedeutung für die Entschei-
lonen-
genau
verschiedener
dung der Frage, welche Verbindungen in
gittern, welche in Atomgittern auftreten können.
Es wurden ferner die Erscheinungen geklärt, die
gegenseitigen Einwirkung der lonen in
einem Gitter sich einstellen und als,
sich äußern. Auf alle diese reichen
einzugehen, ist heute nicht mehr meine Aufgabe,
vieles erhellte Ihnen bereits aus den Darlegungen
GOLDSCHMIDTs im ersten Vortrag. Ich möchte
auch nicht auf die durchaus originellen Gedanken
über die
bei der
Polarisationen‘'
Beziehungen
eingehen, die der genannte Forscher
‚Nachahmung‘ gewisser komplizierter Silikat-
strukturen durch ‚abgeschwächte‘ oder ‚,‚ver-
stärkte Modelle‘‘ geäußert hat; wie es z. B
lich ist, an Stelle der experimentell schwer zu hand-
habenden Substanz SiO, das leichter schmelzbare,
aber sonst durchaus in seinen Eigenschaften dem
selben entsprechende Berylliumfluorid einzuführen,
und aus diesem Komplexe synthetisch zu ‚bauen‘
die in vieler Hinsicht ganz den Alumosilikaten usw
Vielmehr lassen Sie mich eines deı
Krvstallchemie in
mog-
gleichen reiz-
vollsten Gebiete der heutigen
seiner geochemischen Bedeutung diskutieren, s«
weit es synthetisch hat erschlossen werden können:
die Rolle der Metalle der Erden in der
Geschichte der Magmen und ihre synthetische Be-
handlung. Es ist dies geradezu ein Musterbeispiel
für die Anwendbarkeit der Isomorphiebeziehungen
als der bestimmenden Faktoren der geochemischen
Rolle der Elemente
Wir erkennen nach GOLDSCHMIDT die seltenen
Erdmetalle unter den typischen lithophilen Ele-
menten und wollen zunächst ganz davon absehen,
daß Yttrium in mancher Beziehung den seltenen
Erden nicht zuzurechnen ist, noch mehr aber das
Scandium von diesen abweicht; das Gallium kann
trotz der erheblichen Analogie mit dem Aluminium
doch ausgesprochene chalkophile Tendenzen zeigen,
seltenen
Heft 47/48/49.
28. 11. 1930
die sich z. B. im Vorkommen in Sulfosalzen vom
Typus des Germanits äußern. Überaus bemerkens-
wert ist, daß die seltenen Erden in der Folge der
Silikatgesteinskrystallisationen durch eine Doppel-
rolle auffallen; einmal können sie auftreten in den
Mineralien der Erstkrystallisationen, besonders
z.B. im Apatit und Titanit, andererseits in den
Restkrystallisationen der Pegmatite und der pyro-
hydatogenen Bildungen der Nephelinsyenitmag-
men. In den letzteren ist wiederum bemerkens-
wert, daß die ausgesprochenen Silikate seltener
Erdelemente zu den Ausnahmen, den mineralogi-
schen Seltenheiten gehören (s z B.den Thortveitit,
Thalenit, Hellandit u.a.), daß sie vielmehr die Sili-
kate und hier besonders die Alumosilikate gewisser-
maßen zu ,,meiden“ scheinen. Uber diese unbestreit-
baren Tatsachen, die bereits durch die klassischen
Untersuchungen BRÖGGERs gesichert wurden, gibt
nunmehr das synthetische Experiment bereits heute
in überraschender Weise Auskunft. Wir beobachten
einerseits nach den Arbeiten von ZAMBONINI, daß
die seltenen Erden sich in synthetische komplexe
Kalkphosphate vom Typus der Apatitgruppe
weitgehend einlagern lassen, und erblicken darin
eine schöne Bestätigung der Erscheinungen, die
auch bei der Isomorphie des Flußspats mit Yttrium-
fluorid (im Mineral Yttrofluorit) von TH. VoGT
und GOLDSCHMIDT erkannt worden sind. Bei den
Silikaten und besonders den Alumosilikaten seltener
Erden befinden wir uns sehr erheblichen Schwierig-
keiten gegenüber, da uns die Natur, abgesehen von
den Orthiten und den schon erwähnten höchst
seltenen Erdsilikaten wie Thortveitit, so gut wie
keine direkten Merkmale verrät, in welcher Rich-
tung wir zu suchen hätten. Nur das Studium der
Isomorphiebeziehungen in Ionengittern, wie es so
erfolgreich von GOLDSCHMIDT theoretisch und prak-
tisch erprobt worden ist, kann uns hier den Weg
weisen. Wir konnten bei Untersuchung der be-
schränkten Mischbarkeit der Mineralien der Nephe-
lin- und der Anorthitgruppe die ersten Versuche
unternehmen, um die Gründe anzugeben, weshalb
die seltenen Erden gerade in denjenigen Alumo-
silicaten sich nicht einzulagern vermögen, welche
in den Hauptkrystallisationen der Magmen doch
typisch sind. Die Untersuchung einer großen
Anzahl von Krystallarten, die nach dem Muster
jener Mineralien unter Ersatz des Al-Ions durch
Ionen seltener Erdmetalle synthetisch aufgebaut
wurden, lehrte uns, daß zwar Krystallarten seltener
Erden durchaus analoger Zusammensetzung wie
bei den gewöhnlichen Alumosilikaten bestehen
können, daß sie aber anderen Krystalltypen als
den Nephelinen und Anorthiten entsprechen und
durch die ganz verschiedenen Größen der Ionen-
radien im Verein mit der Verschiedenheit ihrer
Ionenstrukturen sich ganz wesentlich unterschei-
den. Es ist von nicht geringem Interesse, daß bei
derartig großen Ionen und „aufgeweiteten‘ Struk-
turen wie bei den ,,Alumolilikaten‘‘ mit seltenen
Erden die Unterschiede der Nephelin- und Anor-
EıteL: Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemie. 102
5
thitreihe überhaupt verschwinden können, und daß
die Gitter Strukturen entsprechen, die wir sonst
nur aus dem pneumatolytisch gebildeten Kalio-
philit kennen. Von einer auch nur spurenhaften
Mischbarkeit der seltenen Erdkrystallarten mit
den eigentlichen Alumosilikaten ist nichts zu be-
merken. Es erklärt dies, warum die seltenen Erden
also nicht in den Feldspatvertretern, nicht in den
Feldspaten und infolgedessen auch nicht in den
Verwitterungslagerstätten vom Typus der Kaoline,
Tone und Bauxite wiederzufinden sind, sondern
in ganz anders geartete Mineralien eingehen, in
Phosphate, wie Monazit usw. Die Synthese der
Nepheline und Anorthite mit seltenen Erden wird
höchst lehrreich, sobald man mit diesen Krystall-
arten etwa die den Alumosilikaten entsprechenden
scandium- oder galliumhaltigen Typen vergleicht.
Besonders das kleine Ga-Ion ist höchst analog mit
dem Aluminiumion, und es stimmt mit diesem
ja auch ausgezeichnet nach seiner Größe überein.
Tatsächlich sind die Nepheline beider Ionentypen
einander völlig analog, die Mischbarkeit eine ideale.
Die von GOLDSCHMIDT als ‚Tarnung‘ bezeichnete
Erscheinung wird vollkommen durch das Ex-
periment bestätigt. So verstehen wir auch, weshalb
das Gallium in ‚‚sklavischer‘‘ Weise dem Aluminium
durch alle Phasen der Krystallisationen im Magma
zu folgen vermag, daß wir es nicht nur in den Feld-
spaten und Feldspatvertretern entdecken können,
sondern auch in den Bauxiten wiederfinden. Wir
kommen übereinstimmend mit GOLDSCHMIDT so
zu der Auffassung, daß tatsächlich den wichtigsten
und ausschlaggebenden Faktor zur Bestimmung
der geochemischen Paragenese der Elemente die
Isomorphiebeziehungen darstellen, die auf Ionen-
typus und -größe sich gründen. Wir dürfen aber
noch einen Schritt weitergehen und aussagen,
daß die eben durch jene Bedingungen bestimmten
Krystallstrukturen gewissermaßen den Leitfaden
uns an die Hand geben, mit welchem wir durch die
ganzen zunächst so verworren erscheinenden Phä-
nomene der Differentiation uns orientieren können.
Es ist offenbar durch die Differentiation eine
Selektion gewisser Gittertypen bedingt, die nach-
einander in die Erscheinung treten, zuerst die Git-
ter der einfachen Orthosilikate und der mit ihnen
nahe verwandten Typen der Pyroxene, dann die
immer deutlicher sich entwickelnden Gitter der
Alumosilikate mit ihren ausgesprochenen Ver-
wandtschaftsbeziehungen zu den Restkrystallisa-
tionen, wie Quarz-, Tridymit- und Cristobalitstruk-
turen. Es beginnt sich allmählich das Gebiet der
Differentiationen in der Richtung zu klären, daß
die Bildung bestimmter Gittertypen, die wir syn-
thetisch in allen Einzelheiten darstellen und näher
bestimmen können, uns die so schwierigen Pro-
bleme der Paragenesen enthüllen wird. Damit
sind wir an unserem Teile zur prinzipiellen Lö-
sung des geochemischen Hauptproblemes gelangt,
wie es uns jetzt in bezug auf die Magmenerschei-
nungen vorschwebt.
Die Natur-
wissenschaften
FiscHER: Hämin, Bilirubin und Porphyrine.
1026
Hämin, Bilirubin und Porphyrine.
Von Hans FISCHER, München.
Blutfarbstoff, Gallenfarbstoff und Porphyrine
haben im Äußeren wenig Ähnlichkeit. Die Farben
sind verschieden; Hämoglobin ist rot, der Gallen-
farbstoff gelb-orange, die Porphyrine besitzen
in Lösung ein leuchtend fluorescierendes Rot,
dessen Farberscheinung in starker Abhängigkeit
steht von der Reaktion der Lösung, die häufig
dichroitisch erscheint. Zwischen den 3 Farbstoffen
bestehen relativ recht nahe Beziehungen.
Auf biologischem Wege ist zuerst der Zusam-
menhang zwischen Blut- und Gallenfarbstoff er-
kannt worden, Blutfarbstoff wird in der Leber im
großen, im reticulo-endothelialen System im kleinen
Maßstab in Gallenfarbstoff, Bilirubin, umgewandelt.
1. Hämine und einige Blutfarbstoff- Porphyrine.
Vorkommen in der
Formel Natur
Name Darstellung! Seitenketten
Hamin. C4H3N;0,FeCl Farbstoffkomponente Eisessig-Kochsalz 4 Methyl-, 2 Propion-
des Hämoglobins; in säurereste u. 2 Vinyl-
Hefe und Pflanzen gruppen
Protoporphyrin . C,H3,N,0, In den Eierschalen (Oo-| Ameisensäure u. Eisen dg!
porphyrin), bei Blut-
faulnis, KAMMERERS
Porphyrin (in Hefe)
usw.
Hamatoporphyrin . CygHggN 40g Eisessig-Bromwasser- ‚Statt 2 Vinyl- 2 a-Ox-
stoff äthylreste
Mesoporphyrin C,H3,N,0,; Eisessig- Jodwasserstoff | Statt Vinyl-Äthylreste
Ätioporphyrin Cy.Hs.N, Brenzreaktion 4 Methyl- und 4 Athyl-
reste
Mesoporphyrinogen C4H4N;,0, Eisessig- Jodwasserstoff. Statt Vinyl-Äthylreste
Jodphosphonium kalt
auf Hämin. Amalgam-
reduktion des Mesopor-
phyrins
2. Natürliche Porphyrine. a) Primäre.
Uroporphyrin CypHgsN 416 Bei Porphyrie; Cu-Salz)ı Aus Porphyrie-Harn. |4 Methyl- u. 2 Methyl-
Turacin Nach Ester-Methode |malonsdure- u. 2 Bern-
steinsäurereste
Koproporphyrin I. CygHggNyOg Bei Porphyrie in Harn
und Kot. In Hefe
Aus Porphyrie-Harn u
Kot. Autol.-Hefe. Nach
Ester-Methode
Nach Ester-Methode
4 Methyl- u. 4 Propion-
saurereste
Konchoporphyrin Cyr7HggNqOi9 Aus Perlmuschelschalen 4 Methyl-, 3 Propion-
säure- u. 1 Bernstein-
saurerest
Koproporphyrin IIl CygHggN4Oz Bei einem Porphyrie- Ester-Methode 4 Methyl- u. 4 Propion-
fall, von HIJMANS VAN säurereste
DEN BERGH isoliert
Ooporphyrin . . . C4H4N,0, In Eierschalen dgl. 4 Methyl-, 2 Propion-
säure- u. 2 Vinylreste
b) sekundäre.
KAMMERERS Por Bei Blutfäulnis, in Hefe
phyrin
C4H3,N,O,; 4 Methyl-, 2
säurereste u. 2
gruppen
Propion-
Vinyl-
Deuteroporphyrin CopHgoN yO, Protrahierte Blutfaul- | Bromeinwirkung auf Ersatz der Vinyle durch
nis Hamatoporphyrin und H
Reduktion, Resorcin-
schmelze von Hämin
nach SCHUMM und
Enteisenung
Deuterohämin . . | CygH,gN,O,FeCl dgl. dgl. dgl
. WILLSTATTER-
Für die Gewinnung vieler Porphyrine ist die Äther-Salzsäurefraktionierungsmethode von
wichtig
MIEG sehr
Heft 47/48/49.
28. 11. 1930
Fısc#er: Hämin, Bilirubin und Porphyrine.
1027
Reduktive Spaltprodukte des Hämins und der Porphyrine.
Hamopyrrolbasen.
C,H, HL-— CH,
H.C. JH H
NH
Hämopyrrol
CH;
NH
Kryptopyrrol
H,C— C,H, H,C-— C,H,
3 4
H,C\ CH, H. JH
NH NH
Phyllopyrrol Opsopyrrol
Hämopyrrolsäuren.
H,C, CH,-CH,-COOH H,C——CH,-CH,-COOH
H,C. /H H
NH
Hämopyrrolcarbonsäure
CH,
NH
Kryptopyrrolcarbonsäure
H,C,.CH,-CH,-COOH H,C—CH,-CH,-COOH
7 8
H,C\ CH, H\ )H
NH NH
Phyllopyrrolcarbonsäure Opsopyrrolcarbonsäure
Oxydative Spaltprodukte des Hämins und der Porphyrine.
H,C——-CH, -CH, - COOH H,CC.H,
) Io
O NH O O NHO
Hämatinsäure (KOSTER Methyläthylmaleinimid (KÜSTER)
H,C-—H H,C——Br
13 14
OÖ NH O O NH O
Zitrakonimid Bromzitrakonimid
COOH CH,
H,C——CH, - CH H,C-—-CH
1 ON 12 ‘OCH,
Oo NH O O NH O
Carboxylierte Hämatinsäure Imid F. P. 64°
Die Konstitution sämtlicher hier angeführten Spaltprodukte ist durch Synthese
im angegebenen Sinne sichergestellt.
Nach Blutergüssen, z. B. im Gehirn bei Schlag-
anfällen, erfolgt die Umwandlung des Hämoglobins
in Hämatoidin, das mit Bilirubin identisch ist.
Die Hauptmasse des Bilirubins wird aber in der
Leber gebildet und geht von da durch die Galle
in den Darm über, erfährt dort durch die Darm-
bakterien eine Reduktion zum Urobilin, wie wir
aus den Untersuchungen FRIEDRICH MÜLLERS,
die neuerdings von H. KÄMMERER bestätigt und
erweitert worden sind, vor allem wissen. Normaler-
weise wird das Urobilin mit dem Kot ausgeschieden
und bildet einen Maßstab für die Menge an Blut-
farbstoff, die täglich zugrunde geht. Man hat so
daß innerhalb
berechnet, 21/, Monaten der ge-
samte Blutfarbstoff beim Menschen eine Rege-
nerierung erfährt. Warum dieser fortgesetzte
Abbau und die Re-Synthese des Blutfarbstoffs
erfolgt, ist unbekannt. Unter pathologischen
Bedingungen erfolgt eine Resorption des Uro-
bilins in die Blutbahn, die Leber hält das Urobilin
wie zahlreiche andere Farbstoffe zum Teil zurück,
zum Teil wird es wieder abgegeben und passiert
das Nierenfilter. Leberaffektionen
erscheint es in großen Mengen im Harn als Leuko-
verbindung und imponiert dort durch die von
EHRLICH, NEUBAUER, PAPPENHEIM u. a. näher
erforschte Reaktion mit Dimethylamidobenzal-
dehyd,: die eine Pyrrolreaktion darstellt. Der
Besonders bei
Zusammenhang zwischen Porphyrin und Blut-
farbstoff wurde wohl zuerst von HoPPE-SEYLER
auf chemischem Wege erbracht. Beim Eingießen
von Blut in Salzsäure beobachtete er das Por-
phyrinspektrum, und seit dieser Zeit nahm man
auch für die in der Natur auftretenden Porphyrine
verwandtschaftliche Beziehungen zum Blutfarb-
stoff an.
Während Porphyrine an ihrem charakteristi-
schen Bandenspektrum leicht erkennbar sind,
zeigt der Gallenfarbstoff keinerlei charakteristi-
sche Absorption, während das Oxyhamoglobin
wieder durch 2 charakteristische Absorptions-
streifen kennbar ist, die durch milde Reduktions-
mittel in einen Streifen übergehen, und so ist
leicht Bilirubin, Porphyrin und Hämoglobin
unterscheidbar.
Hämoglobin ist, wie schon sein Name andeutet,
eine zusammengesetzte Verbindung, 96% sind
Globin, ein Eiweißkörper, nur 4% sind Farbstoff,
der 10% Eisen enthält. TEICHMANN hat zuerst
die Spaltbarkeit des Hämoglobins in Hämin und
Globin gezeigt mit Hilfe der nach ihm benannten
TEICHMANNschen Probe. Durch Erhitzen mini-
maler Mengen von Blut (je weniger, desto besser)
mit Eisessig-Kochsalz auf dem Objekttrager er-
scheinen insbesondere am Rand des Deckgläs-
chens sehr bald die charakteristischen Hämin-
1028
krystalle. SCHALFEJEFF, PILOTY, WILLSTÄTTER
u.a. haben die TEICHMANNsche Mikromethode
ins Große übertragen, und man weiß heute, daß
die Häminkrystalle den Formelaus-
druck C„H„N,O,Cl im Einklang mit
der Molekulargewichtsbestimmung be-
sitzen. Im Hämoglobin ist kein Chlor
enthalten, das Chlor wird bei der Hä-
mindarstellung eingeführt. Sehr wichtig
ist der Eisengehalt des Hämins. Mit
den Reagenzien ist er nicht
nachweisbar, Eisen ist komplex
gebunden, und zwar ist es in dreiwer-
tigem Zustand enthalten und reduzier-
bar zu zweiwertigem Eisen. Der so ent-
standene Farbstoff wird als Hämochro-
mogen bezeichnet; dieser ist chlorfrei
und in dieser Form wahrscheinlich im
Hämoglobin enthalten, wie wir beson-
ders durch die Partialsynthese Hırıs
wissen, Spektroskopisch Hämin
und Hämochromogen weitgehend ver-
schieden. Hämin besitzt ein wenig charakteristi-
sches dreibandiges Spektrum, das Hämochromo-
genspektrum ist scharf und außerordentlich ge-
eignet zum Erkennen des Hämins. Im Hämin
ist das Eisen stabil gebunden, im Hämochromo-
COOH
üblichen
das
COOH
sind
gen ist es labil Entfernt man das komplex-
gebundene Eisen aus Hämin oder Hämochro-
mogen, erhält man Porphyrin bzw. Porphyrine.
Man kann auch rückwärts, wie ZALESKI zuerst
gezeigt hat, Eisen komplex in Porphyrine ein-
führen und kommt dann wieder zum Hämin
zurück, wenn man das dem Hämin entsprechende
Porphyrin als Ausgangsmaterial verwendet. Hämin
und Porphyrine stehen also in den nächsten ver-
wandtschaftlichen Beziehungen.
Wir wollen nun zunächst eine kurze Übersicht
über Hämin und die von ihm sich ableitenden
wichtigsten Porphyrine geben, die wir in Tabelle
auf S. 1026 voranstellen.
Auf ihre Besprechung gehen wir näher ein,
sowie wir ihre reduktiven und oxydativen Spalt-
kennengelernt haben, die wir in der
1027 zusammengestellt haben.
Hämins und vieler
produkte
Übersicht auf S
Bei der Reduktion des
Porphyrine mit Eisessig- Jodwasserstoff entstehen
1—8. Die Hämopyrrolbasen 1—4
Methyläthvlmaleinimid
(10), die Säuren Hämatinsäure (0)
Dadurch ist ihre Konstitution in den Grundzügen
festgelegt; der exakte Beweis erfolgte durch die
die Pyrrole
geben bei der Oxydation
KUsTERsche
Synthese, auf die wir nicht näher eingehen wollen.
Die Ausbeute an Basen und Säuren aus Hämin
ist so groß, daß auf vier Pyrrolkerne im Molekül
geschlossen werden muß, womit auch die Mole-
kulargewichtsbestimmung übereinstimmt.
Schon im Jahre 1912 hat W. Küster für das
Hämin Konstitutionsformel aufgestellt, die
im wesentlichen ein richtiges Bild des Hämins
gibt: Wir bringen die Formel, so wie sie heute durch
und folgen auch bei der
eine
bewiesen Ist,
die Synthese
FıscH£er: Hämin, Bilirubin und Porphyrine.
CH,—CH,—C—C c
H,C—H,C—C—C
Die Natur-
wissenschaften
Ubersicht der analytischen Resultate nicht der
geschichtlichen, sondern der logischen Entwick-
lung.
CH cH,
CH,C—C c—
IV -_
N N
CH Cl—Fe CH
Ill II
c—cC
CH,
CH
Vier Pyrrolkerne (bzw. genauer: ı Pyrrol-
ı Maleinimid- und 2 Pyrroleninringe) sind ver-
einigt durch vier Methingruppen. Die fortlaufende
Folge von einfachen und doppelten Bindungen be-
dingt die Farbe. Die Gruppe FeCl ist zwei NH-
Gruppen substituierend ins Molekül komplex ein-
getreten.
Durch reduktive Spaltung an den Methin-
gruppen bildet sich jeweilig ein Methylrest und
eine freie Methingruppe
c—c Cc | |
H »>C-CH, und HC
; + 2H,
und so kommt das Gemisch der Pyrrole 1 — 8 (S. 1027)
zustande.
Bei der oxydativen Spaltung werden die
Methingruppen herausoxydiert, und man erhält
Hämatinsäure in einer Ausbeute, die zwei Pyrrol-
kernen (III und IV) entspricht. Der Basenanteil
(I und II) erfährt offenbar totale Zerstörung,
was sich erklärt durch die Vinylgruppen, an denen
die Oxydation einsetzt.
Unterwirft man Hämin nach NENCKI der ge-
linden Reduktion mit Jodwasserstoff, so erhält man
Mesoporphyrin (C,,H,N,O,) (Formel 9, S. 1035);
reduziert man Hämin katalytisch, bekommt man
Mesohämin, und in beiden Fällen werden die un-
gesättigten Seitenketten, dieVinylgruppen, in Athyl-
reste übergeführt, denn nunmehr entsteht bei der
Oxydation Methyläthylmaleinimid, das wir vorher
vermißt haben, und zwar entstehen zwei Moleküle
Methyläthylmaleinimid! (Formel ro, S und
zwei Moleküle Hämatinsäure (Formel 9, S. 1027). Bei
der Reduktion mit Natriumamalgam nimmt Meso-
porphyrin 6 Wasserstoffatome auf,
1027)
/
und es ent-
1 Diese nach dem Konstitu-
tionsbeweis des Hämins und Mesoporphyrins erfolgt.
Früher war nur ein Mol Methyläthylmaleinimid erhalten
Feststellung ist erst
worden
Heft 47/48 2)
28. 11. 1930
steht das farblose Mesoporphyrinogen (C,,H,,N,O,)
(Formel 14a, S.1029), dem folgende Formel zukommt
und das vier ‚‚echte‘‘ Pyrrolkerne enthält. Durch
Dehydrierung geht es wiederin Mesoporphyrin über.
so H, 4
7 Cc %
© om
„x Cn
x ld 4 7
- ty
H,C CH,
+ > .
4 = u. *
30 Pi
Sr Cc rod
H,
14a
Beraubt man Hämin seines komplexgebunde-
nen Eisens, am besten mit Ameisensäure-Eisen,
entsteht Proto- bzw. KÄMMERERS Porphyrin
(C,,H,,N,O,) (Formel 35, S. 1037). Hierbei wird ledig-
lich das komplexgebundene Eisen entfernt, denn
rückwärts läßt sich wiederum dieses Porphyrin
in Hämin überführen. Verwendet man zur Eisen-
abspaltung nach NENCKI Eisessig-Bromwasser-
stoff, so lagert sich zunächst, wie WILLSTÄTTER
fand, Bromwasserstoff an die ungesättigten Seiten-
ketten des Hämins an und später erfolgt Hydro-
lyse, es entsteht Hamatoporphyrin (C,H,N,O,)
(Formel 34, S.1037),in dem an die beiden Vinylgrup-
pen (an Kern I und II) des Protoporphyrins zwei
Moleküle Wasser angelagert sind, so daß Oxäthyl-
reste (vgl. Formel 34, S. 1037) entstanden sind.
Hämatoporphyrin gibt bei der Oxydation wiederum
nur Hämatinsäure, weil der basische Anteil von den
Oxathylresten aus eine Zerstörung erfährt. Stabi-
lisiert man aber diese Oxäthylreste durch Ver-
ätherung, wie dies KÜSTER beim Tetramethylhäma-
toporphyrin erreicht hat, so erhält man bei der
Oxydation neben zwei Mol Hämatinsäure zwei Mol
des Imids 12, S. 1027 (vgl. die Bemerkung! S. 1028)
Dekarboxyliert man Mesoporphyrin (Formel 9,
S. 1035), so erhält man unter Abspaltung von
Kohlendioxyd das sauerstofffreie Atioporphyrin
(Cs2H,,N,) (Formel III, S. 1035 obere Reihe).
Chlorophyll läßt sich letzten Endes zu 2 Atio-
porphyrinen abbauen, Pyrro- (C„H,N,) und
Phylloätioporphyrin (C,,H,,N,), die
nicht aus
Blutfarbstoff erhältlich sind.
Primäre natürliche Porphyrine.
Porphyrine sind in der Natur weit verbreitet
und seit ungefähr 60 Jahren bekannt. Bei der
Porphyrie, einer Lichterkrankung!, die zumeist
.”s CH, » CH, - COOH
1 W. Hausmann hat die sensibilisierende Wirkung
ler Porphyrine entdeckt. Näheres über diese wich
tigen Befunde, auf die in diesem rein chemischen Vor-
trag nicht näher eingegangen werden kann, findet man
in den zahlreichen Veröffentlichungen von HAUSMANN
Letzte Zusammenfassung: Die Lichterkrankung der
8
FISCHER: Hämin, Bilirubin und Porphyrine.
1029
mit schweren Entstellungen an Gesicht und Hän-
den verbunden ist, werden im Harn und Kot
ziemlich bedeutende Mengen von Farbstoffen
ausgeschieden. Die chemische Untersuchung hat
ergeben, daß zwei verschiedene Farbstoffe vor-
liegen, das Uro- (C,,H,,N,O,,) (eine achtbasische)
und das Koproporphyrin (C,,H,,N,O,) (eine vier-
basische Säure), die leicht trennbar sind. Im Harn
kommen beide vor, während im Kot nur das
Koproporphyrin auftritt. Uroporphyrin kann in
Koproporphyrin übergeführt werden durch Ab-
spaltung von 4 Carboxylgruppen. Die Porphyrie
kann durch Zuführung von Giften künstlich her-
vorgerufen werden. Sulfonal ist hierfür besonders
bekannt, bei Bleivergiftung ist auch oft das erste
Symptom das vermehrte Auftreten dieses Por-
phyrins im Harn.
Züchtet man Hefe statt in Bierwürze in künst-
lichen Nährböden fort, so wandelt sich die Hefe
in „Kopro-Hefe‘ um, d.h. es läßt sich in solchen
Kulturen eine gewaltige Vermehrung von Kopro-
porphyrin nachweisen und solche Kulturen ent-
halten auch zahlreiche rot fluorescierende Zellen.
Auch Hämin ist in der Hefe vorhanden. Überläßt
man Hefe der Autolyse, entstehen große Mengen
von Koproporphyrin, ohne daß der Hämingehalt
sich ändert.
Das Kupfersalz des Uroporphyrins (CyH5,N,
O,,Cu), Turacin, kommt in den Schwungfedern
der Turakusarten (Verwandte unseres Kuckucks)
vor, die in ungefähr 20 verschiedenen Gattungen
in Zentralafrika verbreitet sind.
In der Perlmuschel Pteria radiata wurde Koncho-
porphyrin (C„H,N,O,,) (Formel 17, S. 1030), ein
monocarboxyliertes Koproporphyrin, aufgefunden.
Bei einem Fall von Porphyrie fand HıJmans
VAN DEN BERGH ein Koproporphyrin (C„H,N,O;),
das mit obigem Koproporphyrin nicht identisch
war, auch nicht mit dem der Hefe und dem aus
Uroporphyrin durch Abbau erhaltenen; sein
Schmelzpunkt lag ganz erheblich tiefer. Spektro-
skopisch bestand Übereinstimmung (vgl.S. 1034).
Die gefleckten Eierschalen der im Freien brü-
tenden Vögel enthalten Ooporphyrin. Porphyrine
sind in Pflanzen nachweisbar, besonders nach
unzweckmäßiger Ernährung. In der HARDERschen
Drüse von Nagetieren, in Igelborsten, im Gefieder
der Nachtvögel, in der Feder jugendlicher Vögel
Porphyrine enthalten; auch embryonale
Zellen enthalten Porphyrin.
sind
Sekundäre natürliche Porphyrine.
Künstlich auf biologischem Wege können Por-
phyrine erzeugt werden. KAMMERER fand einen
bestimmten Bakteriensynergismus, der Blut-
farbstoff in Porphyrin überführt (KÄMMERERS
Porphyrin). Setzt man die Fäulnis monatelang
entsteht ein Hämin bzw. Por-
phyrin, das KÄMMERERS
Porphyrin, Deuterohämin bzw. Deuteroporphyrin.
dur« h, so neues
verschieden ist von
Haut, Band XI der Strahlentherapie, Urban & Schwar-
zenberg 1929.
1030
Uber die Konstitution der natiirlichen Porphyrine.
Ooporphyrin ist identisch mit Protoporphyrin
bzw. KÄMMERERs Porphyrin. Führt man in
Ooporphyrin Eisen komplex ein, erhält man Hämin.
Reduziert man Ooporphyrinester mit Jodwasser-
stoff, kommt man zu Mesoporphyrin, ebenso läßt
sich der genannte Ester in Tetramethylhämato-
porphyrin und Hämatoporphyrin überführen.
Folgende Skizze gibt eine Übersicht über diese
Umsetzungen, die teils reversibel sind:
Mesoporphyrin
A
<
„ Hämato-
porphyrin
Tetramethylhämato-
porphyrin
«
>” Ooporphyrinester
A
v
Häminester.
Ooporphyrin ist also Hämin, seines Eisens beraubt
Bei kurzdauernder Hämoglobinfäulnis wird
lediglich das komplexgebundene Eisen hydro-
lytisch neben Globin abgespalten, es entsteht
KAMMERERs Porphyrin, das sich wieder rückwärts
in Hämin überführen läßt. Bei der protrahierten
N
fey
Mr
WY
ay
Ww
%
* cH °C
©
© |
4 > od N Pin
4 > N .%
4 HC 15 CH Yen
% re N O,
el “tb = »
+ sa
en
Oo H C
a Cc X
3 ae
>
»
coy
N
%
Koproporphyrin
Im Einklang damit steht die Decarboxylierung
der beiden Farbstoffe, welche zu Atioporphyrin
führt; hieraus läßt sich auf das Vorhandensein
von vier Methyl- und vier Athylgruppen im Atio-
porphyrin schließen
Koproporphyrin ist unter anderem ausge-
H,C - CH— CH, — COOH
COOH
CH
N
HC
NH
CH
HOOC - H,C +» H,C CH,
17
Konchoporphyrin
FIscHER: Hämin, Bilirubin und Porphyrine.
Die Natur-
wissenschaften
Fäulnis des Hämoglobins durch Monate hindurch
werden die ungesättigten Seitenketten des Hämins
abgespalten, und es entsteht Deuterohämin bzw.
daseisenfreie Deuteroporphyrin (Formel 32, S. 1036).
Bewiesen ist dies durch Isolierung von Zitrakoni-
mid (Formel 13, S. 1027) bei der Oxydation neben Hä-
matinsäure (9, S. 1027), ferner durch Bromierung, die
Dibromdeuteroporphyrin gibt und durch Oxydation
des Dibromdeuteroporphyrins, welches neben Hä-
matinsäure Bromzitrakonimid (14, S. 1027) ent-
stehen läßt.
Uroporphyrin gibt bei der Oxydation carboxy-
lierteHämatinsäure(11,S.1027), Koproporphyrin bei
der Reduktion ausschließlich Hämopyrrolcarbon-
säure (5,S.1027), die Basenfraktion fehlt. Demgemäß
entspricht am wahrscheinlichsten Koproporphyrin
einem Mesoporphyrin, in dem statt der beiden
Äthylreste Propionsäurereste enthalten sind,
während das Uroporphyrin dann die entsprechende
„Malonsäure‘‘ darstellen sollte (16, S.1030). Folgende
Formeln tragen diesen Verhältnissen Rechnung:
»
or
.O
»> »
& g
u =
8 N %
is CH Oo
© 4
> ©
9? $Y Oo
% FEN} — 9.7 %
2, + n be a %
no br Baw 7
& 4 G 3 Co 9
0, a: 4 ia 7
& ~
Oo Ay?
Co
© CH
2
3 & os
y Cc” 5
Pe o
Uroporphyrin
zeichnet durch einen schön krystallisierten Tetra-
methylester, der bei 250° schmilzt.
In Perlmutterschalen wurde Konchoporphyrin
aufgefunden, ein Porphyrin, das einen Penta-
methylester gibt und durch Abbau in Kopropor-
phyrin überführbar ist. Ihm kommt wahrschein-
lich folgende Konstitutionsformel zu:
H,C——CH, - CH, - COOH
N
CH
NH
HOOC .H,C-H,C-— CH,
Heft 47/48/49.
28. 11. 1930
In dieser Formel ist ein Bernsteinsäurerest als
Seitenkette enthalten. Auf Grund neuerer synthe-
tischer Ergebnisse sind auch im Uroporphyrin
wahrscheinlich zwei Bernsteinsäurereste enthalten,
da eine synthetisch erhaltene Porphinoctacarbon-
säure der Formulierung 16 sich mit Uroporphyrin
als nicht identisch erwies.
Über Gallenfarbstoff.
Der Gallenfarbstoff Bilirubin, das biologische
Abbauprodukt des Blutfarbstoffes, hat die Zu-
sammensetzung C,,H,,N,O,, ist also eisenfrei,
besitzt ein Kohlenstoffatom weniger wie Hämin und
zwei Sauerstoffatome mehr, zeigt keinerlei charak-
teristische spektroskopische Erscheinungen und ist
doch durch eine Reihe schöner Farbreaktionen aus-
gezeichnet, vor allem durch die GMELINsche Reak-
tion mit salpetriger Säure.
Bilirubin gibt bei der energischen Oxydation
nur Hämatinsäure, verhält sich also wie Hämin;
„basische Imide‘ fehlen. Reduziert man aber Bili-
rubin katalytisch oder mit Amalgam, so erhält
man Mesobilirubin. Dieser neue Körper steht zu
Bilirubin in demselben Verhältnis wie Mesohämin
zu Hämin; Mesobilirubin gibt bei der Oxydation
neben Hämatinsäure Methyläthylmaleinimid. Bei
der energischen Reduktion entsteht aus Bilirubin
neben wenig Kryptopyrrol (Formel 2. S. 1027) und
Kryptopyrrolcarbonsäure (Formel 6, S. 1027) als
Hauptprodukt die Bilirubinsäure, deren Konstitu-
tion durch das Ergebnis der Oxydation und Re-
duktion bewiesen ist:
H,C C,H,
2°"5
H,C CH, - CH, - COOH
HO CH, CH,
NH NH
18
Bilirubinsäure läßt sich zur Xanthobilirubin-
säure, einem Farbstoff folgender Konstitution
dehydrieren, der auch aus Bilirubin und seinen
Derivaten durch Abbau mit Kaliummethylat er-
hältlich ist:
H,C C,H, H,C CH, - CH, - COOH
HO CH ‚CH,
NH N
19
Zwischen 18 und 19 besteht also die Relation
Leukoverbindung— Farbstoff, wie zwischen Meso-
HOOC » H;C - H,C- € C.CH,
I
HC Cc.
NH
OÖ NH
Cc
HC (
II
H( C.CH,
FIscHER: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 1031
porphyrinogen und Mesoporphyrin. Die Verkniip-
fung zweier Pyrrolkerne durch eine Methingruppe
gibt jedoch kein Porphyrinspektrum; erst 4 Pyrrol-
kerne und 4 Methingruppen fiihren hierzu. Das
Entstehen der Bilirubinsäure und der Xantho-
bilirubinsäure unter Bedingungen, unter denen das
Hamatoporphyrin in seine Bausteine zerlegt wird,
ist sehr bemerkenswert, denn friiher ist oft Bilirubin
in Zusammenhang gebracht worden mit Hamato-
porphyrin, wohl wegen der ähnlichen Formulierung.
Von den 6 Sauerstoffatomen beider Farbstoffe
liegen je vier in zwei Carboxylgruppen vor. Die
beiden weiteren Sauerstoffatome müssen in beiden
Farbstoffen in verschiedener Art gebunden sein; die
zwei Hydroxylgruppen des Hämatoporphyrins wer-
den bei der Reduktion mit Jodwasserstoff leicht
durch Wasserstoff ausgetauscht (Übergang in Meso-
porphyrin); bei derselben Reduktionsmethode blei-
ben die analogen Sauerstoffatome des Bilirubins
erhalten. Hierin liegt ein prinzipieller chemischer
Unterschied zwischen beiden Farbstoffen.
Oxydiert man Bilirubin in Eisessig mit sal-
petriger Säure, so entsteht ein Körper, der nach der
Analyse ein Methyl-vinyl-maleinimid sein könnte.
Diese Konstitution kann jedoch nicht zutreffen,
weil bei der katalytischen Hydrierung unter Auf-
nahme von ı Mol Wasserstoff nicht Methyläthyl-
maleinimid, sondern ein neuer Körper entsteht,
dem hiernach nur die Konstitution 21 zukommen
kann, während das Ausgangsmaterial die Formel
20 besitzen muß.
Cc Cc
H,C—C CH H,C—C CH,
3
HO—C CH HO—C CH,
NH O NH O
2 21
Durch Molekulargewichtsbestimmung ist die
Molekülgröße des Bilirubins zu etwa 600 festgelegt,
und aus der Art der Spaltprodukte folgt das Vor-
handensein von vier Pyrrolkernen. Die Ver-
knüpfung dieser vier Pyrrolkerne muß andersartig
sein wie bei den Porphyrinen, weil das Spektrum
fehlt.! Bilirubin und seine Derivate besitzen einen
hohen Gehalt an aktivem Wasserstoff, und heute ist
die wahrscheinlichste Formel die Verknüpfung der
vier Pyrrolringe durch eine Athylenbriicke (s. For-
mel 22, S. 1031).
1 Man könnte allerdings in diesem Zusammenhang
an die Xanthoporphinogene denken, die sich aus Por-
H,C - C- C - CH, - CH, - COOH
II]
( C.CH,
. NH
(
NH
( C-OH
IV
H,C HC .C C.CH,
1032 FISCHER
Auf Grund der Konstitution der Spaltprodukte
20 und 21 nehmen wir noch einen Furanring im
Bilirubin an, der die Säureempfindlichkeit
alle
erklärt und auch
Synthetische Tetrapyr
Bilirubins
Eigenschaften.
gut
zeigen keinerlei Porphyrinspektrum, e
sıe
wie Bilirubin. Allerdings geben
GmeEtinsche Reaktion. Indessen ist die
des Furanrings in Tetrapyrryläthylene bis jetzt
noch nicht gelungen.
Oben haben wir die Bildung des Urobilins durch
Darmbakterien kennengelernt; mit Hi
triumamalgam und ebenso durch katalytische Re-
duktion läßt sich diese Reaktion künstlich nachah-
men und durch Aufnahme von zwei Mol Wasserstoff
auch
Die Natur-
wissenschaften
Hämin, Bilirubin und Porphyrine
|
stoffes. Die EHrLIcHsche Aldehydreaktion müßte
man durch Aufspaltung des Furanrings erklären.
Dagegen würde sich die Ableitung vom Hämin
zwangloser gestalten ; auf oxydativem Wege würde
nach Enteisenung und Übergang in Protoporphyrin
eine Methingruppe aus dem Molekül heraus-
gesprengt und dabei Oxydation an den «a-Stellen
der durch diese Methingruppe verknüpften Pyrrol-
kerne erfolgen.
Beim Übergang in das Tetrapyrryläthylen (For-
mel22,S.1031) müßteeineDrehung vonPyrrolkernen
erfolgen, die vorstellbar ist, weil ja Pyrrolkerne I und
III einfach gebunden sind (vgl. Formel 22). Primär
würde im Protoporphyrin erst eine dehydrierende
Vereinigung zweier Methingruppen eintreten und
des
sonstigen
ryläthylene
bensowenig
keine
Einführung
lfe von Na-
kommt man zu Mesobilirubin C,,H,,N,O, und von gleichzeitig eine hydrolytische Aufspaltung zum
da wiederum durch Aufnahme von 2 Mol Wasser- Dialdehyd; zwischen den beiden Aldehydgruppen
stoff zu Mesobilirubinogen C,,H,,N,O,, das durch könnte man dann eine CANNIzAROsche Reaktion
intensive EHRLICHsche Reaktion ausgezeichnet ist
Dieses krystallisierte Mesobilirubinogen ist auch
aus pathologischem Harn abscheidbar,
in Mesobilirubin
wird durch
das Nichtauftreten «
wieder rückwärts
Mesobilirubinogen
wiedergegeben, die
schen Reaktion gut erklärt, weil der F
folgende
sich vorstellen dergestalt, daß zunächst eine pri-
märe Alkoholgruppe und eine Carboxylgruppe sich
bilden würde; die primäre Alkoholgruppe würde
dann reduziert werden zur &-Methylgruppe des
Pyrrolkerns III, während die Carboxylgruppe (die
nicht eingezeichnet ist) in Pyrrolkern I unter Koh-
lensäureabspaltung die dritte Methingruppe geben
es läßt sich
überführen
Formel
ler GMELIN-
uranring in
ihr nicht enthalten ist (s. Formel 23, S. 1032) würde. So wären drei freie Methingruppen in
HOOC - H,( « H,C » ( C-CH, H,C-C C .CH, - CH, - COOH
He c c C.CH,
NH NH
CH H¢
NH NH
HO .- ( ( ( COH
H,C, + ( C-CH, HC, » € C.CH,
Außer der Auffassung des Bilirubins als Tetra Pyrrolkern I, IV und II intermediär zustande
pyrryläthylen käme noch eine offene Formel wie gekommen, die in Pyrrolkern IV und II in COH-
folgt in Frage (s. Formel 24, S. 1032), Gruppen übergehen, von da ab ist dann der weitere
(
H «( C-CH, H,C-( C.S* *S.C C.CH, H;C-C C-CH = CH,
H -¢ ( CH ( ( CH ( ( CH ( Cc OÖ
(
O NH N N NH
m CH, - CH, - COOH
die den Übergang in Mesobilirubin und Meso- Übergangzuder Bilirubinformel 22aufS. 1031 leicht
bilirubinoge gut erklärt, weniger gut aber di verstandlich Für die Kettenformel sprechen
Resultate « Bestimmung des aktiven Wasseı ynthetische Ergebnisse. Wir haben in neuerer Zeit
' rine z allgemein durch Oxydation mit Blei derartige Gebilde synthetisiert und sie sind aus-
( I rm-Eisessig vinnen lassen. Hie gezeichnet durch eine intensive GMELINsche Re
t Hatom« fgenommen. Optisch aktion. Es ist dies zum erstenmal, daß an synthe-
ei prachtvoll kristallisiert« elben tischem Material diese Reaktion beobachtet ist
i m Bilirubin, aber ihı the \ Kine restlose Aufklärung der Konstitution des
2 ! "Or re rt ‘ im «re nsat .
. - 2 m " Gallenfarbstoffe ist noch nicht erlolgt, aber die
2 B r Ide Redukt ! t Natriun
N wen a 3 nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zum
le Porpl surfickeshildet Hämin stehen eindeutig fest und sie sind weiter eı
( he tie tl en Körperı härtet durch die Überführung de Bilirubin
I
t Mesobilirubins und der Bilirubinsäure in Meso
Heft 47/48/49.
25. It. 1930
porphyrin, eine Reaktion, die sich allerdings erst
unter ziemlich energischen Bedingungen vollzieht.
Synthetische Ergebnisse
Über die Konstitution des Hämins und des
\tioporphyrins wurden verschiedenartige Ansich-
ten geäußert. Außer der KÜsterschen Anschauung
standen vor allen Dingen die Konstitution eines
Tetrapyrrylathylens, wie sie von WILLSTÄTTER ver-
treten wurde, sowie die Möglichkeit der Kombi-
nation der beiden Formeln miteinander zur Dis-
kussion, Die synthetischen Methoden mußten auf
diesem Gebiet systematisch angewandt werden
dem stand jedoch die relativ geringe Entwicklung
der Pvrrolchemie entgegen, war doch von den
reduktiven Spaltprodukten des Blutfarbstoffes und
Gallenfarbstoffes nur die Synthese des Krypto
pyrrols durchgeführt und auch hier waren die Aus
beuten so gering, daß an den systematischen Auf-
bau von Pyrrolfarbstoffen nicht zu denken war. Es
gelang jedoch der Reihe nach sämtliche Spalt
produkte des Blutfarbstoffes zu synthetisieren und
die Methoden wurden so ausgearbeitet, daß heute
diese Pyrrole in beliebiger Menge für synthetische
Zwecke zur Verfügung stehen
Die Einwirkung von Brom auf Kryptopyrrol
führt u. a. zu einem prachtvoll gebromten Methen,
dem nachstehende Konstitutionsformel zukommt
H,< C,H H,¢ C,H,
NH N
Die Formel in diesem Sinne ist durch Synthese eit
leutig bewiesen und trisubstituierte Pyrrole werden
ziemlich allgemein durch Einwirkung von Brom
in Methene dieses Typs! übergeführt
Obiges Methen gab bei der Behandlung mit
Säuren, besonders ergiebig beim Kochen mit
\meisensäure, Atioporphyrin. Die Reaktion kommt
durch Vereinigung zweier Moleküle des Methens
\bspaltung von Bromwasserstoff und Dehydri
ing im Sinne folgender Formel zustande
H.C, CH H,( CH
H
Br H¢
H
NH N
He CH
N NH
H
CH B
H
H.( C,H, H.t Cone
| \ K
Häuf tritt N v-M \
> ‘ Diese Met he l
FiscHEr: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 1033
H;C, CH, H,C, CH,
CH
NH
H¢ CH
NH
CH
H,( C,H, H,( C,H,
A Tr} I I
Eigenartig ist die Reaktionsfähigkeit der x-stän-
digen Methylgruppen und der Kernbromatome, die
stark beeinflußt ist von der Art der P-Substituen-
ten. Im vorliegenden Fall geht die Porphyrinreak-
tion am besten mit Ameisensäure bei 100°. Ist statt
\thyl- der Propionsäurerest vorhanden, muß auf
etwa 170° erhitzt werden, am besten mit Bernstein-
säure oder Weinsäure; ist ein Carbäthoxvrest vor-
handen, mißlingt die Reaktion praktisch Ihre
[riebkraft muß in der Tendenz zur Bildung des
Porphinringes erblickt werden, und wir erinnern
uns an ähnliche Synthesen bei Indanthrenfarb-
stoffen, z. B. der Synthese des Pyranthrons nach
R. SCHOLL, wobei allerdings Keto- mit Methvl-
gruppen unter Wasseraustritt die Methingruppen
bilden. Der Ketogruppe entspricht bei den Por-
das «-Kernbromatom. Wie die
Formeln zeigen, muß bei der Porphyrinsynthes«
phyrinsynthesen
eine Dehvdrierung stattfinden, irgendein Einfluß
lurch Oxydationsmittel konnte aber bis jetzt nicht
erzielt werden
Präparativ besonders wichtig ist die Synthese
is zweifach kerngebromten Dipyrrylmethenen
und methylbromierten Dipyrrylmethenen, eine
Synthese die durch folgendes Schema >. 1034
oben) wiedergegeben wird und die auch für di
Konstitutionsauffassung des tioporphyrins 1
ler Porphy ga gem 1S
Küs Rscl For | spricht (s. S. 1028
Die Porp vrinsvnthese S I el26,> 033
Ss ¢ Tac kerngebromt Methe Kor
satio weier Moleküle läßt si ch f ve
S f tige Met ertrage vob f k
ne er « de \ethe e st t RK To l
{ x Nie I eruppe S I Ka Dies S\ t S
t sk yresonders für Po phinmonopropionsäur
währt I gute \usbeute vollzieht sik
é , phy svnti = ‘ S \le Tt 1 < .1OTS
\ x ibig urc Erwärme t A S S
\ S bel yo 1 Lite Ko Ss
g chst | <OV lung
Porphy ergt s. Formel 29,5 34
Die Blutfarbstoff-Spaltprodukte Opsopvrrol 4
Wpsopy onsa N \ i
\let g ppe ES g t I
\ < e vo \ı S S l \
\ hylät > 4 S
Por} s g s ser S\ S
,
\ \ s \ + \ g
| vr H
1034 FiscHER: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. | Die Be
. . wissenschaiten
H, GB. H;C,
Br CH
NH
N
BrH,¢ CH
H,( CH, - CH, » COOH HOOC - H,C » H,(
H,( C,H, H,C,
CH
N
H(
NH
CH
H,„( CH,» CH,» COOH HOOC . H,C » H,C
H,„t CH, H,C C,H,
COOH I1OO(
NH NH
H,t CH,
NH NH
CO:0H HOO
H,( CH H,¢ C,H
H,< CH H,( C,H
7 +
II
CH
NH N
H¢ CH
NH N
CH
I\ Im
H,„ CH H, C,H
So istdurch Synthesen dieRichtigkeitder KÜSTER
schen Formulierung bewiesen ; vier Methingruppen
sindes, die vier Py rrolkerne verknüpfen und Atiopor
phyrin wird durch folgende Formel wiedergegeben
C,H, CH CH,
H,! C,H,
NN
Hi H H CH
N
HA CH
CH, CH C,H,
CH, Wenn man in dieser Formel
die Methyl- und die Athylreste sich
Br durch Wasserstoff ersetzt denkt,
so kommt man zum Porphin, das
N allen Porphyrinen zugrunde liegt
> Wenn man in dieses System vier
Methyl- und vier Athylreste ein-
CH.Br setzt, entsteht wieder umgekehrt
= „Atioporphyrin‘‘, aber es ist er-
sichtlich, daß man das Einsetzen
CH, der vier Methyl- und vier Athylreste
CH in vierfacher Weise vornehmen
; kann, mit anderen Worten, daß
vier verschiedene Isomere je nach
der relativen Stellung der Methyl-
und der Athylreste möglich sind,
und zwar die folgenden (s. S. 1035,
NH
CH
NH obere Reihe).
Wie eben ausgeführt, ist allen
Porphyrinen der Porphyrinring ge
meinschaftlich und man kann deshalb
CH viel übersichtlicher die Formeln bei
j Auslassung des Porphinskeletts durch
schematische Wiedergabe der f-Sub-
stituenten in dem Klammersystem gestal-
ten. Jede Klammer entspricht einem Pyrrol
kern Die verknüpfenden Methingruppen
sind weggelassen
2 Ct I
H.O Diese vier Atioporphyrine sind immer
nach verschiedenen Methoden syntheti-
(+ 2H) Siert und haben sich als verschieden er-
wiesen. Ersetzt man in diesen die Athyl-
reste durch Propionsäurereste, so ent-
stehen theoretisch vier Tetramethyl
tetrapropionsäure-porphine, die die vier
theoretisch möglichen Koproporphyrine
wiedergeben (s. S. 1035, zweite Formel,
untere Reihe).
In der Tat gelang die Synthese aller
+ Koproporphyrine, die spektroskopisch
identisch sind; während nun aber die
vier Ätioporphyrine gegen 400° auf dem
Block schmelzen, sind die Ester der Ko
proporphyrine durch scharfe Schmelz-
punkte charakterisiert und infolgedessen
kann hier die Verschiedenheit bzw. Iden
tität leicht erkannt werden. Kopropor-
phyrin I erwies sich als identisch mit dem Kopro
porphyrin der Porphyriefälle, mit dem Kopropor-
phyrin aus Hefe and dem Koproporphyrin aus Uro
und Konchoporphyrin. Hierdurch sind die Formeln
15, 16 und 17 auf S. 1030 bewiesen. Dagegen war
das Koproporphyrin von HIJMANS VAN DEN BERGH
(vgl. S. 1029) identisch mit Koproporphyrin II]
(S. 1035, zweite Reihe) Es ist also ein Dualis
mus der Porphyrine exakt nachgewiesen ; die Natur
arbeitet nach zwei verschiedenen Reaktionsschemen.
Es ist wichtig, in jedem Fall von Porphyrie die Iden-
tifikation des Koproporphyrins (und natürlich auch
gegebenenfalls Uroporphyrins) durch Isolierung als
Ester und durch Schmelzpunkt vorzunehmen
\uch im normalen Harn kommt Koproporphyrin
Heft 47/48/49.
oe FiscHER: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 1035
Die v (ti phyrine
H,( C,H, H,¢ C,H, H,( C,H H,( C,H,
H,C, CH H,¢ C,H H,C CH H,C, C,H,
Il III IV
H, C,H, H,C, CH H,C, C,H, H,¢ CH,
H,„( CH, H „( CH H,„( CH H,( C,H,
D r Koy phyr
H,( sı H,( 5 H,( S H,( S
S CH, H ,( S H ,( CH Ss Ss
II III IV
H,¢ S S CH, S S H.C CH,
S CH, S CH S CH H,( S
1S CH, - CH, + COOH
) M r
Aus I
HA s* H,( s*
H,¢ CH, H,C, CH,
Hf 5° H „( C,H,
H,C, CH S* CH
F. I F. I
Aus II
H,( C,H, H „( S® H „( 5’
H,( C,H H,¢ C,H, Ht C,H,
5” CH 5” CH H,C, CH
S® CH H,C, CH s* CH
F.P F. 1 I
Aus III
H,¢ S® H.¢ S H.C C,H,
H,¢ CH H.¢ CH H.¢ CH
H,C, S® H.C, C,H H.C, S®
H,C, CH 5’ CH 5’ CH
F. I I s
H,¢ C,H, H.,¢ C,H H.¢ S*
H.¢ CH H.¢ CH H.¢ CH
S* C,H Ss’ s* Ss’ C,H
S CH H .¢ CH H.C, CH
F. I I 4
Aus IV
H C,H, H,( Ss Ht a H,¢ Ss
S CH, H,C, Ss S C,H H,C, C,H,
H.¢ CH, H.¢ CH, H.¢ CH H,¢ CH
H 6 S* H,¢ C,H H,( C,H H,( s*
F. P. ı
1036 Fischer: Hämin
vor. Ob dies Koproporphyrin III oder I (S. 1035,
untere Reihe) ist, ist unentschieden. Bei Atiopor-
phyrinen (4 Methyl- und 4 Athylseitenketten) und
Koproporphyrinen (4 Methyl- und 4 Propionsäure-
seitenketten) sieht die Theorie also vier Isomere
voraus
und zwei ungesättigte Gruppen trägt neben vier
jeim Hämin, das zwei Propionsäurereste
gleichmäßig verteilten Methylgruppen, ist nun eine
Anzahl von
waren die
viel größere Isomeren möglich
Einfacher Isomerieverhältnisse am
Mesoporphyrin zu lösen, weil hier nach der Konstitu
tionsaufklärungdesÄtioporphyrinsmitgroßerWahr
scheinlichkeit an Stelle der ungesättigten
Gruppen des Hämins Athylreste entstanden waren
In der Vor
letramethv]
diäthyl-dipropionsäure-porphin ist, sind theoretisch
1035, Formeln
I 15), abgeleitet von den Atioporphyrinen I—I\
obere Reihe, durch Ersatz je zweier Athylgruppen
Propionsäurerest
beiden
wenn auch ein exakter Beweis fehlte
aussetzung, daß Mesoporphyrin ein
die folgenden Isomeren möglich (s.S
durch den welcher der besseren
Übersicht halber durch den lateinischen Buchstaben
Es ist leicht ersichtlich, daß bei
I zwei Variationen möglich sind, bei II drei, bei III
sechs und bei I\
Von diesen 15 Mesoporphyrinen wurden 12 synthe
tısıert
S“ abgekürzt ist
vier, im ganzen also 15 Isomere
Ihre Dimethylester-Schmelzpunkte sind in
den Formeln angegeben. Mesoporphyrin 9 (S. 1035
erwies sich als ide ntisch mit Mesoporphyrin aus
Hämin j
III (S Reihe) ableitet,
Blutiarbstoff im Bau dem Atioporphyrin I/II
Auch die
beim
Da Me soporph yrın 9 sich von Ätioporph yrın
1035 obere
entspricht der
( hlorophyllporphyrine, soweit sie
Abbau
entsprechen dem Atioporphyrin III. Fiir eines der
Pyrroporphyrin, haben wir folgende
energischen alkalischen entstehen,
wichtigsten
Konstitutionsformel durch Synthesen bewiesen
C,H, CH CH
3
H„( C,H
N N
H¢ H H CH
N N
H,¢ CH
s* CH H
* S=CH,-CH, - COOH
läßt sich der
indirektem Wege einfiihren und es resultierte dann
In dieses Propionsäurerest auf
wiederum das Mesoporphyrin 9 (S. 1035), das mit
dem aus Blutfarbstoff identisch war. Damit ist zum
erstenmal ein gem« inschaftliches Porphyrin aus
Hämin und Chlorophyll, wenn auch auf indirektem
Wege, erhalten
Die Häminsvnthese selbst
folgendem Wege durchgeführt
wurde dann auf
Oben haben wir bei
protrahierter Fäulnis von Hämoglobin das Deutero
hamin bzw. Deuteroporphyrin erwähnt, dem di¢
ungesättigten Seitenketten des Hämins fehlen
Bilirubin und Porphyrine Die
wissenschaften
Natur-
Da die ungesättigten Seitenketten des Hämins beim
Übergang in Mesoporphyrin in Äthylreste über-
gehen, so haben wir die Formel des Deuteropor-
phyrins vor uns, wenn wir im Mesoporphyrin 9 die
beiden Athylreste durch Wasserstoff ersetzne. Dem
Deuteroporphyrin kommt also folgende Formel zu:
H CH CH,
H,C H
N N
HC os os CH
N N
H,C CH,
HOOCH,C, CH
Synthese
C,H,COOH
Die Körpers durch
geführt und seine Identität mit Deuteroporphyrin
bewiesen. In sein Eisensalz, Deuterohämin, gelang
Einführung von 2 Acetvlresten zu
Diacetyl-deuterohamin bzw Diacetyl-deutero-
porphyrin 33 (S. 1036), das bei der partiellen Re
duktion Hämatoporphyrin gab, dem hiernach die
Formel 34 (S. 1037) zukommt!:
dieses wurde
dann die
CH,CO CH CH;
\
H,C COCH,
N N
. CH
- HH
N N
H,C CH,
HOOCH,C, CH
Diacetvk
C,H,COOH
leuteroporphyrin
Durch Wasserabspaltung wurden dem Hamatopor
phyrin zwei Molekiile Wasser entzogen: es entstand
dann Protoporphyrin, das durch Eiseneinführung in
Hamin iibergefiihrt wurde (s. Formel 35, S. 1037
Dieses Hämin erwies sich auch nach der kristallogra
phischen Untersuchung von Herrn Prof. STEINMETZ
als restlos identisch mit Hämin (vgl. die Abbildung
Protohämin synth
1
Eine ausfiihrlichere Darstellung det
these findet sich in Naturwiss. 1929, 615.
Haminsyn-
n
u
Heft 47/48/49.
28. 11. 1930
CH,HOHC CH CH,
\4\7
H,C DCHOHCH, H,C\
u w— Name
Hct HH CH > HC< H
ya Ft N
H,c/ i SCH, H.C
N
CH,=CH CH
\4\/
HOOCH,C, CH C,H,COOH
Fischer: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 1037
CH, CH,=CH CH CH,
4
N
CH = CH, HC, | CH = CH,
N < > NN
I | SCH —> HC Pa P om
N . NN «
\ N
5 ICH, H,C Js
AVIV
HOOCH,C, CH C,H,COOH HOOCH,C, CH C,H,COOH
34. Hämatoporphyrin 35. Protoporphyrin 36. Protohämin
Der Konstitutionsbeweis wurde noch weiter ver-
vollstandigt durch Synthese des Tetramethyl-
hämatoporphyrins, das bei der Oxydation das
Imid ı2 (S. 1027) vom Schmelzpunkt 64° gab.
Weitgehend hat die synthetische Methode dieses
Arbeitsgebiet erschlossen. Die Porphyrine der
Tafel auf S. 1026 sind außer Uro- und Koncho-
porphyrin sämtlich synthetisch zugänglich. Wei-
ter sind gewonnen die vier Ätioporphyrine, die
acht theoretisch möglichen Pyrro-ätioporphyrine,
die acht theoretisch möglichen Tetramethyl-
triäthyl-porphin-monopropionsäuren, die vier
Koproporphyrine, zwölf Mesoporphyrine, sieben
der vierundzwanzig thecretisch möglichen Pyrro-
porphyrine, darunter das ‚‚natürliche‘‘ Pyrro-
porphyrin, einige Deutero- sowie Deutero-ätio-
porphyrine, vier homologe Koproporphyrine, zwei
Iso-uroporphyrine, vier Tetramethyl-tetrapropyl-
porphyrine, Oktoäthyl-, Oktamethylporphin, zwei
Phylloporphyrine und viele andere.
Hämin leitet sich vom Ätioporphyrin III ab,
während die Mehrzahl der natürlichen Porphyrine I
entsprechen. Auffallenderweise ist bis jetzt in der
Natur ein Hämin, das von Ätioporphyrin I ab-
stammt, nicht einwandfrei beobachtet. Wir haben
also keinen Beweis für einen Dualismus der Hämine,
dagegen ist der der Porphyrine feststehend, wobei
besonders der der Koproporphyrine hervorgehoben
werden soll. Koproporphyrin III (S. 1035, untere
Reihe) kann man theoretisch leicht von Proto-
porphyrin (Formel 35, S. 1037) ableiten; lagert
man an seine Vinylgruppen Ameisensäure an,
sohaben wir die Formel des Koproporphyrins III vor
uns. Natürlich könnte man auch die umgekehrte
Anschauung vertreten und die sekundäre Bildung
des Hämins bzw. Protoporphyrins aus Kopro-
porphyrin durch Abspaltung von Ameisensäure
annehmen. Merkwürdig ist das Nichtvorkommen
des Hämins I in der Natur, um so mehr, als gerade
Koproporphyrin I so weit verbreitet ist in der Tier-
welt und bereits von der Hefe synthetisiert wird.
Zwangsläufig drängt sich der Gedanke auf, daß der
Reaktionsmechanismus der Erzeugung des Kopro-
porphyrins I ein vielleicht anders gearteter ist wie
beim Hämin, ein Weg, der heute vom Organismus
nicht mehr beschritten wird. Die Porphyrie mit-
samt ihrem Reaktionsmechanismus könnte man
demnach als Atavismus auffassen. Ein längst ver-
gessener Reaktionsmechanismus, der nur noch
rudimentär besteht, tritt plötzlich stark in den
Nw. 1930
Vordergrund zum Unheil des Betroffenen, denn
durch die Lichtgiftigkeit der entstehenden Por-
phyrine wird der befallene Organismus schwer ge-
schädigt. Weiterhin kann durch die Bildung der
Porphyrine eine sekundäre Anämie erzeugt wer-
den, indem dieser zwangsläufige Prozeß die für
die Regenerierung des Blutfarbstoffes notwendigen
Bausteine wegnimmt. Hiermit stimmt gut überein
der von Borst und KÖNIGSDÖRFFER in dem Por-
phyriefall Prrry festgestellte Porphyringehalt
der Megalo- und Erythroplasten, der einer früh
embryonalen Entwicklungsperiode entspricht, und
gerade im Knochenmark fanden wir bei PETRY
besonders große Mengen von Porphyrinen neben
viel Eisen.
Näheren Einblick in diese Prozesse werden
sicherlich weitere systematische Untersuchungen
bei Porphyrie, bei Perlmuscheltieren und ganz be-
sonders bei der ,, Kopro-Hefe“‘ ergeben. Hier liegen
die Verhältnisse besonders klar, weil die Kopro-
porphyrinbildung außerordentlich schnell einsetzt
und große Mengen von Porphyrin gebildet werden
ohne Änderung im Hämingehalt.
Literatur:
1. W. Küster, Handb. der chem. Arbeitsmethoden,
Abt 1, Tl. 8, H. 2, Lfg. 26, S. 200— 350 (1921). — 2. R.
WILLSTÄTTER, Die Blattfarbstoffe. ABDERHALDENS
Handbuch der biol. Arbeitsmethoden, Lfg. 117 (1924). —
3. WILLSTÄTTER u. STOLL, Untersuchungen über Chloro-
phyll. Berlin 1913. — 4. WILLSTÄTTER, Über Pflanzen-
farbstoffe. Ber. dtsch. chem. Ges. 47, 2831 (1914). —
5. H. FıscHEr, Uber Blut- und Gallenfarbstoff. Erg.
Physiol. 15, 185 (1916) — Über Blutfarbstoff und einige
Porphyrine. Z. angew. Chem. 38, Nr 44, 981 (1925) —
Über Porphyrine und ihre Synthesen. Ber. dtsch.
chem. Ges. 60, 2612 (1927) — Konstitution der eiweiß-
freien Farbstoffkomponenten und ihrer Derivate
(Chlorophyll). Handbuch der norm. und pathol.
Physiol. 6, 1. Hälfte, ı. Tl., 165 (1928). — 6. W. HEuB-
NER, Über Anwendung der photographischen Methode
in der Spektrophotometrie des Blutes. ABDERHALDENS
Handbuch der biol. Arbeitsmethoden, Abt. 4, Lfg. 43
(1924). — 7. H. FıscHEr, Neuere Methoden der Isolie-
rung und des Nachweises von Porphyrinen. ABDER-
HALDENs Handbuch der biol. Arbeitsmethoden, Abt. 1,
Tl. 11 (1926). — 8. O. SchumM, Die spektrochemische
Analyse natürlicher organischer Farbstoffe. Jena 1927.
9. H. FiscHER, OPPENHEIMERS Handbuch der Bio-
chemie 1, 2. Aufl., 351 (1923). Ergänzungsband hierzu
72 (1930). 10. Borst u. KÖNIGSDÖRFFER, Unter-
suchungen über Porphyrie. München 1929. — 4,3
BARCROFT, Die Atmungsfunktion des Blutes. Berlin:
Julius Springer 1929.
77
1038
Borst: Morphologie der Porphyrine.
Die Natur-
wissenschaften
Morphologie der Porphyrine.
Von M. Borst, Miinchen.
Die Zusammenarbeit des Morphologen mit dem
Chemiker hat sich auf dem Gebiete der Pathologie
immer als fruchtbar erwiesen. Auf dem Gebiete
der tierischen Farbstoffe ist diese Zusammenarbeit
unerläßlich. Wir hatten das Glück, bei unseren
Untersuchungen über die Porphyrie die ständige
Unterstützung und Anregung eines Chemikers vom
Range Hans FISCHERSs zu genießen. Mit Freude
habe ich es unternommen, über unsere Por-
phyriestudien zu berichten, einmal um dankbar
bezeugen zu können, wie wertvoll sich die Zu-
sammenarbeit mit diesem besten Kenner der Blut-
farbstoffe erwiesen hat, dann aber auch, um dar-
zutun, daß die Morphologie auch heute noch be-
rufen ist, zur Aufklärung krankhaften Geschehens
Wesentliches beizutragen. Ich werde mich auf die
Morphologie der Porphyrine beschränken und die
allgemeineren Probleme, zu welchen unsere Unter-
suchungen führten, außer acht lassen oder nur
kurz berühren. Diese allgemeineren Probleme be-
trafen die Herkunft der Porphyrine, die Orte ihres
Auf- und Abbaues, den physiologischen und patho-
logischen Porphyrinstoffwechsel und dessen Be-
ziehungen zum Auf- und Abbau des Hämoglobins
und der Gewebshämatine, zum Gallenfarbstoff-
und zum Eiweißstoffwechsel, den Dualismus der
Porphyrine und des Blutfarbstoffs u. a. m.
Der Ausgangspunkt unserer Studien, die ich
mit meinem früheren Assistenten, Herrn Dr. Hans
KÖNIGSDÖRFFER, durchfiihrte, war einer der sel-
tenen Fälle von kongenitaler Porphyrie, der als
„Fall Petry‘‘ weiteren Kreisen bekannt ist.
Zu unseren Untersuchungen bedienten wir uns
eines Spektralanalysenmikroskops. Die gefundenen
Farbstoffe wurden im Hell- und Dunkelfeld bei gewöhn-
lichem Licht untersucht und deren Verhalten gegen
Chemikalien geprüft. Die Absorptionsspektren der
Pigmente wurden festgestellt. Im ultravioletten Licht
wurde auf primäre und sekundäre (d. h. nach Ein-
wirkung von Lösungsmitteln auftretende) Fluorescenz
untersucht, und die Fluorescenzspektren ermittelt
Daß die Porphyrine charakteristische Fluorescenz-
erscheinungen zeigen, war schon seit HoPPE-SEYLER
bekannt; später stellten DHERE u.a. diese Erscheinun-
gen spektroskopisch durch den Nachweis typischer
Emissionsbanden genauer fest. Die Chemie der Por-
phyrine ist dank der Untersuchungen Hans FISCHERSs
u.a. weitgehend aufgeklärt. Von seiten der Morphologie
war noch fast alles zu tun. LUBARSCH sagte 1925, daß
die Porphyrine morphologisch nicht faßbar seien.
Als wir Untersuchungen begannen, waren
morphologisch in den Geweben faßbare Farbstoffe
nur bei gewissen Tieren, vor allem in der HARDERschen
Drüse der Nager, von DERRIEN und TuRCHINI fluores
cenzspektroskopisch als Porphyrine erkannt. Für den
Menschen lagen noch keine derartigen Feststellungen vor.
unsere
Den Stand unserer gegenwärtigen Kenntnisse übeı
die verschiedenen Formen des menschlichen Porphyrismus
hat H.GONTHER in Referat
zusammengefaßt. Wir (genuine
ausgezeichneten
akute
einem
unterscheiden
und toxische) und chronische Formen ; letztere sind durch
Lichtüberempfindlichkeit der Haut (Hausmann) aus
gezeichnet. Bei der kongenitalen Porphyrie, deren kli-
nisches Bild ich als bekannt voraussetze, wurden im
Blut (Serum), Harn, Kot die porphyrischen‘ Farbstoffe
mit chemisch-physikalischen Methoden nachgewiesen.
Bei der anatomischen Untersuchung fällt besonders die
Rotbraunfärbung der Knochen und Zähne auf. Che-
misch-physikalisch wurden in vielen Organen Porphyrine
gefunden.
E. FRAENKEL injizierte Kaninchen und Hunden sub-
cutan ein natürliches Porphyrinfarbstoffgemisch und er-
zielte Rotfarbung der Knochen und Zähne. OÖ. SCHUMM und
PAPENDIECK wiesen bei den Versuchstieren FRAENKELS
chemisch und spektroskopisch Porphyrine regelmäßig
in den Knochen, manchmal auch in Niere und Leber
nach. Allgemeine Wirkungen sah E. FRAENKEL bei
seinen Porphyrininjektionen nur einmal (Haarausfall,
Kräfteverfall, Abort). Durch das Placentarfilter schie-
nen die porphyrischen Farbstoffe nicht zu gehen: die
Feten der injizierten Muttertiere zeigten keine Färbung
der Knochen.
Es bestehen Beziehungen der Porphyrie des Men-
schen zu der sog. Ochronose (oder Osteohämochromatose)
der Schlachttiere (Schwein, Rind), worauf schon E.
FRAENKEL hinwies. Auch bei der Tierochronose werden
rot- bis schwarzbraune Färbungen der Knochen und
Zähne gefunden (s.!b.W. POULSEN, A. InGIER, M. SCHMEY,
COLBERG!).
Bemerkenswert ist, daß E. FRAENKEL bei der kon-
genitalen menschlichen Porphyrie sehr zahlreiche
Erythroblasten im Knochenmark vorfand; das gleiche
stellten für die Tierochronose L. Pick und M. SCHMEY
fest. Dieser Erythroblastenbefund wurde von diesen
Autoren im Sinne eines lebhaften Regenerations-
vorganges infolge ausgedehnten Zerfalls roter Blut-
körperchen aufgefaßt.
Aus allen Mitteilungen im Schrifttum geht
hervor, daß sowohl bei der akuten wie bei der
chronischen, insbesondere der kongenitalen Por-
phyrie des Menschen und bei der sog. Ochronose
der Schlachttiere teils diffus gelöste, teils morpho-
logisch faßbare körnige Farbstoffe nachgewiesen
wurden. Die Porphyrinnatur dieser Farbstoffe
konnte wohl mit physikalisch-chemischen, ins-
besondere auch mit spektroskopischen Methoden
in manchen Fällen erwiesen werden. Es fehlte
jedoch in den bisher vorliegenden Arbeiten noch
vollständig der Porphyrinnachweis im histologischen
Objekt selbst.
Wir stellten uns die Aufgabe, die im Falle
PETRY in den Geweben vorgefundenen Pigmente
soweit als möglich zu identifizieren, ihre Porphyrin-
natur zu erweisen oder abzulehnen, und dabei auch
festzustellen, ob die histochemisch als eisenhaltig
erkannten Farbstoffe ohne weiteres als Hämo-
siderin anzusprechen waren oder ob sie vielleicht
zum Teil Komplexpigmente darsteliten, welche
auch Porphyrine enthalten.
1 In jüngster Zeit gelang es meinem Assistenten
Dr. FIKENTSCHER in Falle von Tierochronose
fluorescenzspektroskopisch Uroporphyrin (diffus ge-
löst) in der Knochengrundsubstanz nachzuweisen,
ein Befund, welcher auf chemischen Wege von H. FINK
bestätigt wurde.
einem
‚en
li-
m
Heft 47/48/49.
25. ı1. 1930
Die morphologische Analyse im Falle Perry
war äußerst ergiebig und mannigfaltig. Außer der
tiefrotbraunen Färbung der Knochen (und Zähne)
fiel die tiefbraune Färbung des Knochenmarks,
ferner die bräunliche Färbung der Milz und vieler
Lymphknoten auf. Bei der histologischen Unter-
suchung konnten Farbstoffe in fast allen Organen
nachgewiesen werden. Neben diffus gelösten Farb-
stoffen fanden sich formale Pigmente als Körner,
Nadeln und Krystalldrusen. Mindestens 10 mor-
phologisch verschiedene Pigmente konnten in den
Zellen und Geweben festgestellt werden. Mit che-
misch-physikalischen Methoden, insbesondere mit
Hilfe der Fluorescenzspektroskopie, wurden diese
Pigmente weitgehend identifiziert. Sie erwiesen
sich hierbei teils als echtes Hämosiderin, teils als
Hämatine, teils als reine Porphyrine. Größtenteils
waren es Komplexpigmente: Porphyrine (mit und
ohne Eisen) und mit eiweißartigen braunen Rest-
körpern, manchmal auch mit lipoiden Beimengun-
gen, endlich lipoide Pigmente mit oder ohne Por-
phyrin. Der wichtigste histologische Befund war
der von porphyrinführenden Erythroblasten im
Knochenmark. Hier konnte eine großartige Phago-
cytose solcher Erythroblasten und deren Verarbei-
tung zu Komplexpigmenten nachgewiesen werden.
Dieser Befund schien uns den Schlüssel für die
Erkenntnis des Wesens der kongenitalen Porphyrie
in die Hand zu geben. In dem Aufbau der Erythro-
blasten schien der Fehler zu liegen, welchen die
Natur durch Zerstörung der fehlerhaft gebildeten
Elemente seitens mächtiger Makrophagen zu kor-
rigieren suchte. In der Milz konnte keine Zer-
störung porphyrinführender Erythroblasten durch
Phagocytose festgestellt werden.
Unsere morphologischen und histochemisch-
physikalischen Untersuchungen ergänzten wir auf
Anregung Hans FIscHERsS durch experimentelle
und vergleichend physiologische, insbesondere auch
embryologische Studien. Bei verschiedenartig
modifizierten Versuchen mit Injektion verschiede-
ner Porphyrine ließen sich die Farbstoffe im Or-
ganismus wieder auffinden und bei Anwendung
spektrochemischer Methoden identifizieren. Die
Tiere zeigten (bei Uro- und Koproporphyrin) rote
Fluorescenz der äußeren Bedeckungen (weiße
Maus), ferner zeigte sich Fluorescenz der Organe,
Gewebsschnitte, einzelnen Zellen; die Porphyrine
wurden im Serum, Harn, Kot nachgewiesen. Die
porphyrischen Farbstoffe waren teils diffus gelöst,
teils morphologisch faßbar. Es waren zum Teil
Porphyrine, zum Teil Hämatine. Auf die Knochen
und Zähne zog nur Uroporphyrin auf!,
Bei unseren vergleichenden Untersuchungen an
tierischem und menschlichem Material (Jugend-
lichen und Erwachsenen) ließ sich ein geringer
physiologischer Porphyringehalt in den verschie
densten Organen _ feststellen Bei Prüfung der
physiologischen Verhältnisse in den Blutbildungs-
1 Neuerdings gelang es H. HAMMER, auch mit (län
ger dauernden) Injektionen von künstlichem Hämato
porphyrin Färbung der Knochen zu erzielen,
Borst: Morphologie der Porphyrine. 1039
stätten von Erwachsenen und von Kindern ergaben
sich keine besonders auffallenden Porphyrin-
befunde. Im Knochenmark neugeborener Meer-
schweinchen, ebenso im Blutausstrich solcher Tiere,
fanden sich protoporphyrinführende Erythro-
blasten mit Übergängen zu Hämoglobingehalt. Bei
menschlichen Embryonen (von 6 Wochen bis
8 Monaten) war ein ausgeprägter Porphyrinstoff-
wechsel festzustellen. Bei den jüngsten Em-
bryonen fanden wir regelmäßig Porphyrin im
Serum, in Leber, Niere und im ersten, bereits ver-
kalkten Knochen. Der wichtigste Befund war aber,
daßsowohlin den Blutbildungsstätten in der Leber,
als auch im strömenden Blute, Erythroblasten
mit intensiver Porphyrinfluorescenz beobachtet
werden konnten. Bei Feten im Alter von 4 bis
6 Monaten waren die porphyrinführenden Zellen
aus dem strömenden Blute nahezu verschwunden
In den Blutbildungsherden der Leber solcher Feten
fanden sich porphyrinführende Erythroblasten mit
Übergängen zu Hämoglobingehalt. Im Knochen-
mark konnten wir nur bei jungen Embryonen (vor
dem 6. Monat) porphyrinführende Zellen nach-
weisen. In der Milz waren die Porphyrinbefunde
spärlich. Zu diesen Feststellungen sei bemerkt, daß
sich in den Keimscheiben der Hühnerembryonen
bereits nach wenigen Bebrütungsstunden porphy-
rinführende Erythroblasten mit Übergängen zur
Hämoglobintingierung finden. Dies alles schien uns
für eine Hämoglobinsynthese über die Porphyrin-
stufe zu sprechen. Für diese Ansicht konnten wir
auch Befunde bei der perniziösen Anämie des
Menschen und der Pferde anführen. Wir stellten
dabei im Knochenmark Erythro- und Megalo-
blasten mit hohem Porphyringehalt fest und
deuteten diesen Befund als Rückschlag der Blut-
bildung in den embryonalen Modus in Zeiten der
Not. Ähnliche Befunde erhielten wir bei anders-
artigen schweren Anämien (bei septischem Abort
und bei Magenkrebs). Wir hielten uns schließlich zu
der Annahme berechtigt, daß zwischen einem
embryonalen und einem postembryonalen Hämo-
globinstoffwechsel unterschieden werden könne.
Die embryonale Hämoglobinsynthese würde über
die Porphyrinstufe führen. Die Zeit ihres Be-
stehens würde an die Entwicklung des Gallen-
farbstoffwechsels gebunden sein, mit dessen Aus-
bildung der embryonale Modus der Hämoglobin-
synthese in den Hintergrund treten würde. So
würde uns auch verständlich, daß wir bereits bei
Feten im 7. und 9. Monat und bei Kindern und
Erwachsenen im Knochenmark nur noch selten
porphyrinführende Zellen vorfanden.
Die embryonalen Blutbildungsstätten (Knochen-
mark und Leber) schienen also einen Ort der Por-
phyrinsynthese darzustellen. Wir suchten weiter
nach anderen Orten einer solchen Synthese. Die
Untersuchung der Herz- und Körpermuskulatuı
unserer Embryonen und Feten ergab keine
sicheren Anhaltspunkte für eine Synthese der Ge-
webshämatine (Myoglobin, Cytochrom) über die
Porphyrinstufe, eine Synthese, welche uns durch-
-~=9*
1040
aus möglich erschien nicht nur in Analogie zu der
eben erwähnten Hämoglobinsynthese, sondern auch
wegen der Feststellungen bei der Synthese des
Turacins in der Turakusfeder. Beim Turakus
findet man in der Federanlage viel Porphyrin;
mit zunehmender Entwicklung der Feder tritt
mehr und mehr Turacin auf, und es bleiben nur
Spuren von Porphyrin neben dem Turacin zu-
rück.
Wichtigere Hinweise gab uns die Untersuchung
fetaler und kindlicher menschlicher Knochen. Schon
DERRIEn fand die Schädelknochen wachsender
junger Ratten und Katzen porphyrinhaltig. Wir
stellten Porphyrinfluorescenz des ganzen Skelets
und der Zähne bei jungen Mäusen, Hasen und
In den Knochen erwachse-
negativem
Meerschweinchen fest.
ner Menschen untersuchten wir mit
Ergebnis auf Porphyrin; bei Kindern war der
Porphyringehalt bereits auffallend gering. Bei
menschlichen Feten im 4. und 6. Lebensmonat
jedoch begegneten wir ähnlichen Befunden wie
bei den von uns untersuchten jungen Tieren. Be-
züglich der Herkunft dieser Knochenporphyrine
konnten wir zu keiner Sicherheit kommen.
Möglich erschien uns eine selbständige Synthese
am Orte aus niederen Bausteinen, vermutlich in den
Erythroblasten. Dafür sprachen innige spektrochemi-
sche Beziehungen zwischen der Knochensubstanz und
den Gefäßinhalten.
Die Porphyrinablagerungen im Knochen stehen
vielleicht mit der Verkalkung! im Zusammenhang.
Für diese Ansicht kann man die physiologische Por-
phyrinablagerung in den Eierschalen heranziehen.
In den Nieren menschlicher Embryonen fanden wir
granuläres Porphyrin als Ausscheidungsprodukt. In
allen Organen von Embryonen fanden sich Spuren von
Porphyrin. Vielleicht entstammt auch dieses Organ-
porphyrin den Erythroblasten und roten Blutkörper-
chen, welche Porphyrin führen.
Bei den physiologischen Porphyrinbefunden bei
Tieren (HARDERsche Drüse der Gattung Mus, Eileiter
der Henne, Eierschalen, Turacusfeder) kann man
entweder an eine selbständige Synthese oder an eine
Zufuhr durch Erythroblasten denken; porphyrin-
führende Erythroblasten sind bei Mäusen und beim
Turakus nachgewiesen
Wir haben bei allen diesen vergleichend physio-
logischen Untersuchungen keinerlei Anhaltspunkte
dafür gewinnen können, daß eine Abhängigkeit der
Synthese der Organporphyrine vom Hämoglobin-
stoffwechsel besteht, und wir kamen zu der Mei-
nung, daß sich die Synthese der Porphyrine im
Organismus in zwei Richtungen bewegt, einmal
zum Zwecke der Hämoglobinsynthese und dann
zwecks Bildung selbständiger, vom Hämoglobin-
stoffwechsel unabhängiger Organporphyrine.
Für eine selbständige Synthese der physiologischen
Porphyrine und gegen eine ausschließliche Herkunft
derselben aus der Nahrung sprachen die fetalen Por-
phyrinbefunde. Eine Passage von Nahrungsporphyri-
1 SCHMORL beschäftigte sich als erster mit der
Frage des Porphyringehaltes der neugebildeten, noch
unverkalkten Knorpel- und Knochenbälkchen bei
menschlicher und tierischer Porphyrie.
Borst: Morphologie der Porphyrine.
[ Die Natur-
wissenschaften
‘
Placentarfilter konnten wir ebenso-
wenig wie E. FRAENKEL feststellen. Im Eidotter der
Hühner fanden wir Protoporphyrin. Bereits am
3. Bebrütungstage zeigt das Blutbild porphyrinfüh-
rende Erythroblasten mit spektrochemischen Werten
fiir Proto- und Koproporphyrin. Die ausgeschlipften
Hühnchen haben einen vollentwickelten Porphyrin-
stoffwechsel. Auch unsere Fiitterungsversuche bei
Mäusen, welche trotz chlorophyll-, porphyrin- und
fleischfreier Kost reichlichen Porphyringehalt ihrer
Organe zeigten, sprechen für die Möglichkeit einer
Porphyrinsynthese im Organismus.
Neben der physiologischen Porphyrinsynthese müssen
die physiologischen Porphyrinausscheidungen mit Harn
und Kot in Betracht gezogen werden. Wir möchten
aber die gesamten Fragen der physiologischen Stellung
der Porphyrine im Organismus an dieser Stelle nicht
aufrollen. Die Ausscheidungen bei chlorophyll- und
porphyrinfreier Kost entstammen wohl einer Synthese;
für das Auftreten von Koproporphyrin bei chlorophyll-
und porphyrinhaltiger Kost ist an eine Herkunft aus
der Nahrung zu denken.
nen durch das
Für eine Herkunft der Porphyrine aus dem
Abbau der Hämine konnten wir keine Anhalts-
punkte gewinnen. Weder konnten wir in Milz
und Leber sichere Anhaltspunkte dafür finden, daß
ein Abbau des Hämoglobins über die Porphyrin-
stufe zu Gallenfarbstoff erfolgt, noch konnten
wir einen solchen Abbau bei Fällen schwerer An-
ämie verfolgen.
Bei experimenteller Hämolyse und in klinischen
Fällen von hämolytischer Vergiftung findet sich
keine vermehrte Porphyrinausscheidung. Im Falle
Petry fand sich im Serum reichlicher Hämatin-
gehalt neben Porphyrin. Das Vorhandensein von
Hämatin neben Porphyrin in Serum und Organen
beweist aber nicht die Entstehung des Porphyrins
aus Hämatin. v. ZEYNEK fand im Tierexperiment
bei subcutanen Injektionen von Hämin und Häma-
tin keine Erscheinungen im Sinne eines Abbaues
des Hämins zu Porphyrin. Eigene Tierexperi-
mente und Untersuchungen über den Blutzer-
fall in Thromben und Hämatomen bei Menschen
zeitigten keine Ergebnisse, welche einen Abbau
des Hämoglobins über die Porphyrinstufe zu
Hämatoidin oder zu Eisen, Porphyrin und Glo-
bin beweisen könnten. Auch für einen Abbau
der Gewebshämatine (Myoglobin, Cytochrom) zu
Porphyrin, Eisen und Globin haben unsere ver-
gleichend-morphologischen Untersuchungen keinen
Beweis erbracht (s. o.).
Im ganzen -sind wir der Auffassung, daß die
Porphyrine bei Aufbauprozessen (Hämoglobin-
synthese), ferner als selbständige Organstuffe und
als Ausscheidungsprodukte im Organismus auf-
treten. In den Erythroblasten schen wir das
morphologische Substrat für die Synthese der
Porphyrine. Für eine polyzentrische Synthese der
Porphyrine ergaben sich keine Anhaltspunkte.
Vermutlich werden die Porphyrine den Organen
zugeführt. Zur Frage nach den physiologischen
Bausteinen der Porphyrine wollen wir uns hier
nicht äußern.
Kehren wir nach diesen physiologischen Be-
Heft 47/48/49.] Poppe: Ätiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion. 1041
28. II. 1930
trachtungen zu unserem Fall von kongenitaler Por-
phyrie (Fall Petry) zurück, so schienen insbeson-
dere unsere embryologischen und vergleichenden
Untersuchungen die Auffassung zu erlauben,
daß bei der kongenitalen Porphyrie ein Per-
sistieren onto- und phylogenetisch begründeter
physiologischer Prozesse im Knochenmark vor-
liegt (porphyrinführende Erythroblasten, frei und
phagocytiert im Petry-Knochenmark). Die Hä-
moglobinsynthese erfolgt dabei nicht durchwegs
nach dem embryonalen Modus, sondern zum Teil
auch regelrecht nach dem postembryonalen Typ
(Erythroblasten ohne Porphyrinfluorescenz im
Knochenmark bei Perry). Das Knochenmark
versucht einen Teil der überflüssig gebildeten
Porphyrine durch Phagocytose der porphyrin-
führenden Erythroblasten und durch Bildung von
Komplexpigmenten für den Organismus unschäd-
lich zu machen. Auch für die Knochen stellen
wir nach Aufdeckung der physiologischen Verhält-
nisse ein Persistieren phylo- und ontogenetischer
Prozesse bei der kongenitalen Porphyrie fest.
Der gesamte physiologische Vorgang der Por-
phyrinablagerung in den jugendlichen, wachsenden
Knochen und Zähnen bei Menschen und Tieren
bleibt anscheinend bei PETRY erhalten. Die von
Hans FISCHER bereits früher mehrfach geäußerte
Ansicht, daß es sich bei der kongenitalen Por-
phyrie um einen Atavismus handle, findet durch
unsere Untersuchungsergebnisse eine starke Stütze.
Als Ort der Synthese der Porphyrine sehen wir auch
im Fall Petry die Erythroblasten an. Die reich-
lichen Porphyrinbefunde in den Organen bei kon-
genitaler Porphyrie sind zum Teil als Ablagerungen,
zum Teil als Ausscheidungen aufzufassen. Was die
Abbauprozesse im Fall Petry anlangt, so hielten
wir uns auf Grund der erhobenen Pigmentbefunde
und der gegenseitigen Beziehungen der einzelnen
Pigmente zueinander nicht für berechtigt, einen
fehlerhaften Abbau von Hämoglobin, Histohämin
und formalem Protohämin anzunehmen!. Es
fehlte auch Erythrophagie in den blutabbauenden
Organen. Die reichlichen Protohämatinbefunde
1 Vgl. hierzu neueste Untersuchungen von HyMANS
VAN DEN BERGH und Frl. A. I. HyMAN sowie von
Hans FIscHER und Mitarbeitern
bei PETRY bringen wir in Zusammenhang mit der
allgemein toxischen Wirkung der Porphyrine, wie
sie sich aus unseren Porphyrinanreicherungs-
versuchen ergaben. Das Koproporphyrin ver-
drängte aus den roten Blutkörperchen das Hämo-
globin, welches dann im Serum eine Umwandlung
in Hämatin erfuhr. Das in fast allen Organen des
Petry gefundene morphologisch faßbare Eisen
läßt nicht ohne weiteres auf einen Untergang von
Hämoglobin zu Porphyrin und Eisen schließen.
Freilich stammt das Eisen in letzter Linie vom
Blutfarbstoff her. Die Porphyrine wirken, wie ge-
sagt, schädigend auf die roten Blutkörperchen.
Das durch den Abbau des Hämoglobins anfallende
Eisen wird in den Geweben gespeichert und er-
scheint als Hämosiderin oder als Eisenkomponente
in den erwähnten Komplexpigmenten.
Die braunen eiweißartigen Restkörper, welche
wir in unseren Komplexpigmenten fanden, stellen
wir dem braunen Harnfarbstoff des Petry an die
Seite. Das Auftreten dieser Eiweißkörper deuten
wir im Sinne einer Abwehrreaktion des Organis-
mus, welcher die großen Mengen von Porphyrin
durch Bindung an andere Stoffe unschädlich zu
machen sucht. Diese Auffassung hat etwas Be-
stechendes, wenn man bedenkt, daß den braunen
Farbstoffen auf Grund ihrer Lichtabsorption eine
lichtschützende Wirkung zukommt.
Im ganzen können wir zu unserer Freude fest-
stellen, daß die aus morphologischen und histo-
chemisch-physikalischen Untersuchungen gewon-
nenen Ergebnisse weitgehend mit den Resultaten
übereinstimmen, welche die chemische Erforschung
der Konstitution der Porphyrine durch Hans
FISCHER zutage gefördert hat.
Literatur:
Borst-KONIGSDORFFER, Untersuchungen über Por-
phyrine. Leipzig: Hirzel 1929. — H. HAMMER, Virchows
Arch. 277, 159 (1930). H. FıscHEr, H. K. PLarz u.
KX. MORGENROTH, Hoppe-Seylers Z. 182, 265 (1929).
A. A. HYMANS VAN DEN BERGH u. Frl. A. J. HYMAN,
Dtsch. med. Wschr. 1928, 1492 Arch. Verdgskrkh.
42, H. 4 (1928) A. BEyur u. J. GELMAN, Münch.
med. Wschr. 76, H. 18, 745 (1929). G. SCHMORL,
Virchows Arch. 275 P. SIEBERT, Beitr. path. Anat.
84, 111 (1930).
Atiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion.
Von Kurt Popper, Rostock.
In den letzten Jahren haben sich die Mitteilun-
gen gehauft iiber das Vorkommen einer mit einem
typischen Fieber verlaufenden Infektionskrankheit
des Menschen, die durch BANGsche Bakterien, die
Erreger des infektidsen Abortus des _ Rindes,
verursacht wird. Während noch vor wenigen
Jahren der Standpunkt vertreten wurde, daB die
BanGschen Abortusbakterien keine pathogene
Bedeutung fiir den Menschen haben, muß es nach
den vorliegenden klinischen Beobachtungen, bak-
teriologischen und serologischen Untersuchungs-
ergebnissen jetzt als erwiesen gelten, daß diese
Bakterien eine bestimmte Infektionskrankheit
beim Menschen veranlassen können. Weiter wurde
festgestellt, daß das Krankheitsbild der mensch-
lichen Bangbakterien-Infektion mit dem seit
längerer Zeit bekannten Malta- oder Mittelmeer-
fieber nicht nur fast vollständige Übereinstim-
mung zeigt, sondern daß auch die Erreger beider
Infektionskrankheiten nahe verwandt sind. Nach
dem Fiebertypus werden beide Krankheiten als
Febris undulans bezeichnet; nach der Art
der Übertragung würde dann zu unterscheiden
sein zwischen Febris undulans caprina, dem
.
1042 Porre: Ätiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion.
Mittelmeerfieber, das von der Ziege herrührt,
und Febris undulans bovina, der Bangbakterien-
Infektion, die vom Rind oder Schwein übertragen
wird. Da B. Bana diese Infektion zuerst beim
Rinde beschrieben und den Erreger ermittelt
hat, ist die Bezeichnung Bancsche Kranheit
oder Bangbakterien-Infektion (Bang’s disease) zu
rechtfertigen. Unter diesem Namen würde nur
die durch BanGsche Bakterien verursachte spezi-
fische Infektionskrankheit zu verstehen
während das auf Ziegen zurückzuführende Mittel-
meerfieber als eine eigene, in bestimmten Ländern
vorkommende Krankheit anzusehen wäre. Die
allgemeinere Bezeichnung Bangbakterien-Infektion
wäre auch mit Rücksicht auf die vergleichende
Pathologie die richtigere, weil unter diesem Namen
alle auf Bangbakterien zu beziehende Infektions-
krankheiten des Menschen und der Tiere (mit
und \bortus) zusammengefaßt werden
könnten
Auf die Bedeutung der BanGschen Bakterien
als menschenpathogene Erreger wurde
in den Vereinigten Staaten aufmerksam gemacht.
Bereits in den Jahren 1911 — 1916 war festgestellt
worden, daß Kinder, die mit roher Milch ernährt
worden Agglutination und positive
Komplementbindung mit Bangbakterien
wobei auch in einigen Fällen die Bakterien durch
nachgewiesen wurden
sein,
ohne
zuerst
waren, eine
gaben,
Meerschweinchenimpfung
(MoHLER und TRAUM, LARSON und SEDGWICK,
NıcoL.L und Pratt, RAMSEY, COOLEDGE). Mehr
Beweiskraft haben die vom Jahre 1924 an bei Er-
ermittelten Fälle. Der erste sichere
Fall von BanGscher Krankheit des Menschen
wurde 1924 von KEEFER mitgeteilt. In den folgen-
den Jahren hat dann die Zahl der Krankheitsfalle in
den Vereinigten Staaten eine auffällige Zunahme
erfahren; nach verschiedenen Angaben sollen 1925:
wachsenen
24, 1926: 46, 1927: 217 und 1928: 649 Fälle be-
obachtet worden sein (Harpy). Darauf folgten
Mitteilungen über Infektionen des Menschen
aus fast allen Ländern, in denen der infektiöse
Abortus des Rindes vorkommt: aus Südafrika,
Niederländisch-Indien, Spanien, Italien, Frankreich,
England, Schweiz, Niederlande, Deutschland, Öster-
reich, Lettland, Rußland, Polen, Tschechoslowakei,
Jugoslavien, Schweden, Dänemark. Die größte Zahl
von Fällen ist von KRISTENSEN und PER HOLM aus
Dänemark mitgeteilt worden, die innerhalb 20 Mo-
(1927— 1928) 500 Patienten mit spezifischer
Agglutination ermittelten, die an undulierendem
Fieber erkrankt waren. Systematische Untersuchun-
gen lenkten das Interesse auf die Frage, ob solche
Erkrankungen nicht häufiger vorkommen, als
bisher angenommen wurde. In der Folgezeit sind
dann Bangbakterien-Infektionen ermittelt
und zahlreiche Fälle in Holland VAN DER
HoEDEN (23 Fälle), in Deutschland von BÜRGER
(25 Fälle), von Prausnttz (13 Fälle), von WEIGMANN
(57 Fälle), von Poppe (51 Fälle) näher untersucht
naten
öfters
von
worden. Die Zahl der kasuistischen Einzelmitteilun-
gen ist derart gestiegen, daß die Bangbakterien-
Die Natur-
wissenschaften
Infektion ein allgemeines medizinisches Interesse
erlangt hat. Die Zunahme dieser Infektion ist auch
der Anlaß gewesen, daß in Dänemark die Anzeige-
pflicht eingeführt wurde, wobei sich die über-
raschende Tatsache ergeben hat, daß ähnlich wie
in den Vereinigten Staaten mehr Bangbakterien-
Infektionen ermittelt wurden als Typhus- und
Paratyphusinfektionen.
Der Erreger der Bangschen Krankheit, der
BanGsche Abortusbacillu, das Bact. abortus
infectiosi bovis, das 1896 von B.BanG und
STRIBOLT (Kopenhagen) gefunden wurde, ist eine
sehr kleine (1—2 „) kokkenähnlich egramnegative
Bakterienform, die einen gewissen Pleomorphismus
zeigt. Es ist daher verständlich, daß Bruce den
Erreger des Maltafiebers als Mikrokokkus ange-
sehen hat. Eine besondere Eigentümlichkeit des
BanGschen Bacillus ist, daß die Züchtung unter
gewöhnlichen Verhältnissen weder aerob noch
anaerob gelingt. Verminderte Sauerstoff- oder er-
höhte Kohlensäurespannung sind für das Wachstum
der Bangbakterien notwendig, sei es eine Atmo-
sphäre von Kohlensäure oder eine Luft-
mischung mit Leuchtgas, sei es die Züchtung in
Symbiose mit sauerstoffabsorbierenden Bakterien
(Coli-, Subtiliskulturen). Wenn die aus dem Kör-
per gezüchteten Stämme mehrere Generationen
unter verringerter Sauerstoffspannung gehalten
worden sind, erlangen sie die Fähigkeit, auch unter
gewöhnlichen Luftspannungsverhältnissen wie
aerobe Bakterien zu wachsen. Nährböden mit
Zusatz von Glycerin und Traubenzucker, Leber-,
Milz- und Blutagar (LEVINTHAL),’ Stärkeagar
kommen für die Züchtung zur Anwendung (py,
7,5). In seinem biochemischen Verhalten zeigt der
BanGsche Bacillus keine besonderen Unterschei-
dungsmerkmale. Unterschiede in den Kultureigen-
schaften der Bangbakterien vom Menschen, Rinde
und Schweine sind nicht vorhanden. Pathogenitat
besteht fiir Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten
und Mäuse. Die geimpften Tiere überstehen die
Infektion; trächtige Kaninchen oder Meerschwein-
chen abortieren in etwa der Hälfte der Fälle. Das
beste Versuchstier zum Nachweis ist das Meer-
schweinchen, bei dem nach subcutaner oder intra-
peritonealer, auch cutaner Impfung eine charakte-
ristische chronische Infektion entsteht mitVergröße-
rung der Milz, Leber und Lymphknoten, Nierenent-
zündung, bei männlichen Tieren Atrophie der
Hoden und Nebenhoden, manchmal’ mit Absceß-
bildung, wobei in den charakteristischen tuberkel-
ähnlichen Herden in Milz, Leber, Niere die Bang-
bakterien nachzuweisen sind. Stämme vom Schwein
sind meist virulenter als Rinderstämme, während
eine besondere Virulenz der aus kranken Menschen
gezüchteten Stämme für Versuchstiere nicht fest-
zustellen ist (KRISTENSEN und PER Hom, Poppe).
Die Virulenz der menschlichen Bangstamme fiir
das Rind und die Übereinstimmung dieser Stämme
in ihren pathogenen Eigenschaften mit echten
Rinderstämmen wurde bestätigt durch Infektions-
versuche an tragenden Rindern, die abortierten mit
10 %
Heft 47/48/49] Poppe: Ätiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion. 1043
28. ı1. 1930
dem Nachweis der Bangbakterien in der Placenta
und im Fetus.
Durch zahlreiche Untersuchungen wurde der
Beweis erbracht, daß die BansGschen Abortus-
bakterien und der Erreger des Mittelmeerfiebers
sehr nahe verwandt, vielleicht ein und dieselbe
Art sind. Es ist merkwürdig, daß die nahe Ver-
wandschaft beider Erreger erst im Jahre 1918
festgestellt wurde (A. C. Evans), nachdem der
Maltafiebererreger bereits 1887 von BRUCE und
der Abortusbacillus 1896 von B. BANG und STRI-
BOLT gefunden und näher beschrieben worden
waren. Beide Erreger zeigen in ihren Kultur-
und biochemischen Eigenschaften weitgehende
Übereinstimmung.‘ Ein gewisser Unterschied be-
steht im Wachstum der in erster Generation
gezüchteten Kulturen insofern, als die Melitensis-
bakterien unter gewöhnlichen atmosphärischen
Verhältnissen zu züchten sind, die Bangbakterien
dagegen nicht. Im pathogenen Verhalten gegen-
über Versuchstieren besteht ebenfalls Überein-
stimmung. Auch in serologischer Beziehung ver-
halten sich beide Arten so gleich, daß sie in eine
Gruppe Melitensisabortus (FEUSIER und K. F.
MEYER) zusammengefaßt worden sind, der ent-
sprechend dem Vorschlage der Amerikaner nach
dem Entdecker des Mittelmeerfiebererregers BRUCE
der Gattungsname Brucella gegeben wurde.
Es wiirde demnach zu unterscheiden sein zwischen
Brucella melitensis und Brucella abortus. Nach
dem serologischen Verhalten bei der Absättigung
ist die Melitensis-Abortusgruppe in verschiedene
Untergruppen eingeteilt worden: Melitensis A, Meli-
tensis B, Paramelitensis, Abortus, Paraabortus
(A. C. Evans). Zwischen beiden Arten bestehen
jedoch so enge serologische Beziehungen, daß
sie als zu einer Art gehörig oder als Rasse ein
und derselben Bakterienart anzusehen sind. Beide
Erreger können Infektionen beim Menschen her-
vorrufen; den Melitensisbakterien kommt aber
anscheinend die größere Pathogenität zu, die sich
auch durch das endemische Auftreten des Mittel-
meerfiebers kennzeichnet, während die BanGsche
Krankheit als ein gutartiges Maltafieber anzu-
sehen ist (KRISTENSEN). Eine Schwierigkeit in der
Abgrenzung dieser beiden Infektionskrankheiten
voneinander besteht aber in den Ländern, wo
Maltafieber und Bancsche Krankheit vorkom-
men. In Italien gehen nach Fıcaı und ALzs-
SANDRINI zwei verschiedene Septikämien — eine
durch Melitensis-, eine durch Bangbakterien
unter der Bezeichnung Maltafieber. BASTAI nimmt
an, daß in Italien auch zwei Formen des in-
fektiösen Abortus beim Rinde vorkommen, der
echte Bang-Abortus und der unechte Malta-
Abortus, dessen Erreger nur für den Menschen
pathogen sei. Bastar hält daher das im Anschluß
an eine Infektion vom Rinde beim Menschen auf-
tretende undulierende Fieber für eine Form des
Maltafiebers, das ursprünglich von der Ziege auf
das Rind übertragen wurde. Demgegenüber ist
darauf hinzuweisen, daß die Melitensisinfektion
in den nördlichen Ländern Europas sicher keine
Rolle spielt, da sie bei Ziegen in diesen Ländern
bisher nicht beobachtet und nur südlich des
46. Grades nördlicher Breite festgestellt worden ist,
Es dürfte somit nicht angängig sein, die Infektion
des Menschen in Gegenden, wo Maltafieber bei
Ziegen nicht vorkommt, als eine vom Rinde über-
tragene Melitensisinfektion anzusehen,
BanGsche Bakterien sind bei fast allen Haus-
tieren gefunden worden. Als Erreger des infek-
tiösen Abortus wurden sie nachgewiesen beim
Rind, Schwein (Hayes und TRAUM, HADLEY und
BEACH u. a.), Schaf, ferner beim Pferd, Hund (van
SACEGHEM), bei der Katze, selbst Hühner und Enten
können Infektionsträger sein. Für die Übertragung
auf den Menschen spielt nach den bisherigen Kennt-
nissen aber nur das Rind und das Schwein, vielleicht
das Schaf eine Rolle. Der eigentliche Träger ist
das weibliche Rind, das somit in erster Linie als
Verbreiter der Infektion in Betracht kommt. Der
Sitz der Infektion ist der gravide oder der gravid
gewesene Uterus, ferner das Euter und die Euter-
lymphknoten, beim männlichen Tier die Ge-
schlechtsorgane. Im graviden Uterus finden die
Bangbakterien die günstigsten Entwickelungs-
bedingungen, veranlassen entzündliche Verände-
rungen an der Schleimhaut, bei graviden Tieren
Lösung der Eihäute und Abortus. Nach Aus-
stoßung des Fetus folgt eine kürzere oder längere
Zeit anhaltende Ausscheidung virulenter Bakte-
rien aus den Geschlechtsorganen, die bis zum
50. Tage (SCHROEDER und Corton), sogar noch
5—9 Monate (B. BANG) nach der Geburt nach-
gewiesen ist (Bacillentrager). Da bei der Früh-
geburt und der meist sich anschließenden Retentio
secundinarum Milliarden vollvirulenter Bakterien
ausgeschieden werden, so ist der Abortus mit
seinen Folgezuständen die Hauptverbreitungs-
ursache für die Weiterübertragung von Tier zu
Tier, die in der Regel auf enteralem Wege erfolgt.
Zu einer Allgemeininfektion kommt es beim Rinde
nicht; das wesentlichste Symptom ist der Abortus,
der bei 10—40% der infizierten Rinder meist im
7. oder 8. Monat, bei frisch infizierten und erst-
malig graviden Tieren sogar bis zu 80% auftritt.
In den gehäuft vorkommenden Abortusfällen
und seinen Folgen liegt der große wirtschaftliche
Schaden des ansteckenden Verkalbens, der zahlen-
mäßig kaum zu berechnen und für Deutschland
auf etwa 200 Millionen RM. jährlich zu schätzen
ist. Frisch infizierte Rinder, die das erstemal
tragend sind, abortieren am ehesten, während bei
längerer Dauer der Infektion die Abortusfälle
abnehmen. Da es sich bei den ersten Abortusfällen
nachweislich um sehr virulente Bakterien handelt,
so dürfte die Infektionsgefahr hierbei für den
Menschen erheblich sein. Neben der zum Abortus
führenden akuten Erkrankung des Rindes kommen
latente Infektionen vor, wobei es zu einem Abortus
nicht kommt. Auch im Anschluß an einen normalen
Partus können infizierte Tiere Bangbakterien aus-
scheiden; die Infektionsgefahr dürfte aber in
1044 Porre: Ätiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion. |
solchen Fällen gering sein. Beim männlichen Rind
äußert sich die Bangbakterien-Infektion in meist
einseitiger Hodenschwellung mit Hydrocele, Ver-
dickung des Nebenhodens und Samenstranges;
bei akuter Entzündung mit Fieber. Übertragungen
auf den Menschen durch infizierte männliche Rin-
der sind nicht beobachtet worden.
Die Bangbakterien-Infektion des
dürfte nach den Beobachtungen in
die Übertragung auf den Menschen keine be-
sondere Bedeutung haben, da Infektionen beim
Schweine in Europa nicht häufig vorkommen.
In den Vereinigten Staaten ist dagegen die Infek-
tion beim Schweine ziemlich verbreitet, so daß
eine Infektionsgefahr für den Menschen besteht,
zumal die Bangbakterienstämme vom Schweine
erheblich virulenter sind als Rinderstamme
(SCHROEDER und CoTron, HADLEY und BEACH)
Die Infektion der Menschen kann auf alimen-
tarem Wege (enterale Infektion) oder durch Be-
rührung mit infizierten Tieren (cutane Infektion)
stattfinden. Die Möglichkeit zur Infektion ist
gegeben durch die große Verbreitung des Rinder-
abortus, Menschen mit infizierten Tieren
in Berührung kommen oder Produkte von solchen
Schweines
Europa. für
soweit
Tieren genießen. Die Ansteckungsgefahr kann
aber nicht übermäßig groß sein, sonst müßten
Infektionen von Menschen häufiger vorkommen
Die Ansicht scheint also zuzutreffen, daß der
Mensch nicht besonders empfänglich ist für die
Bangbakterien vom Rind. Für die von einigen
Seiten vertretene Annahme, daß die Häufigkeit
der Erkrankungen beim Menschen auf eine Zu-
nahme der Pathogenität der Bangbakterien zurück-
zuführen sei, fehlen noch die Beweise. Die ali-
mentäre Infektion erfolgt fast ausschließlich
durch rohe Milch oder Milchprodukte, die aus
Rohmilch hergestellt werden. Die Möglichkeit
der Übertragung ist dadurch gegeben, daß eine
größere Zahl der infizierten Kühe Bangbakterien
mit der Milch ausscheidet. Die Menge der aus-
geschiedenen Bangbakterien kann nicht unbe-
trächtlich sein (nach A. C. Evans bis zu 50000 im
Kubikzentimeter). Die Ausscheidung der Bak-
terien mit der Milch kann stattfinden sowohl bei
Tieren, die abortiert haben, als auch bei solchen,
bei denen Anzeichen für eine Infektion nicht vor-
liegen. Versuche am Menschen haben aber gezeigt,
daß die Aufnahme von Bangbakterien mit nach-
weislich infizierter Milch mittels Bouillon-
kulturen nicht in jedem Falle eine Infektion zur
Folge hat (COOLEDGE, KOEGEL, OTERO). Bei den
Krankheitsfällen von Menschen, die auf Milch-
genuß zurückzuführen sind, handelt es sich meist
um Personen, die größere Mengen rohe Milch
längere Zeit hindurch haben. Außer
durch Rohmilch kommt eine Übertragung durch
Milchprodukte, die aus nicht erhitzter Milch
hergestellt werden (Sahne, weißer Käse, Eiscreme
u. a.) in Betracht, während Butter anscheinend
oder
genossen
eine Ausnahme bildet, da die niedrige p,-Zahl
(unter 5,0) die
Bangbakterien schädigen soll
Die Natur-
wissenschaften
(VAN DER HoEDEN). Ob auch andere Nahrungs-
mittel, wie beim Maltafieber, als Infektionsvermitt-
ler eine Rolle spielen, bedarf noch der Prüfung.
Die Kontaktinfektion erfolgt durch Berührung
mit Kühen, die abortiert haben oder die Erreger
ausscheiden. Diese Infektiongefahr scheint nicht
unerheblich zu sein, da eine größere Zahl der
beschriebenen Fälle Tierärzte und Landwirte
betrifft, die mit infizierten Tieren zu tun gehabt
hatten. Die Möglichkeit zur Infektion ist gegeben
dadurch, daß Abortuskühe virulente Bakterien
im Uterus beherbergen und ausscheiden; für die
erhöhte Infektionsgefahr in diesen Fällen dürfte die
Beobachtung sprechen, daß die Erkrankung bei
Personen, die sich unmittelbar-am Tier infiziert
haben, im allgemeinen einen schwereren und
verlängerten Verlauf zeigt. In vielen Fällen,
in denen im Anschluß an die Betätigung mit
infizierten Tieren Krankheitserscheinungen an der
Haut aufgetreten sind, ist der Infektionsmodus
geklärt, wenn auch der Ausbruch der eigentlichen
fieberhaften Krankheit manchmal erst nach Wo-
chen oder Monaten erfolgte. Daß eine Infektion
mit Bangbakterien durch die intakte Haut mög-
lich ist, haben Feststellungen am Meerschweinchen
ergeben, bei dem diese Art der Infektion leicht
gelingt. Die Subcutaninfektion ist ebenfalls mög-
lich, da Erkrankungen bei Tierärzten nach Ver-
letzung bei Ausführung der Impfung mit lebenden
Kulturen bekannt geworden sind (FREI).
Ob außer der enteralen und cutanen Infektion
noch andere Ansteckungsmöglichkeiten für den
Menschen in Betracht kommen, ist nicht erwiesen.
Im Vergleich zum Mittelmeerfieber wäre an
Schleimhautinfektionen (Conjunctiva, Nase, Ton-
sillen, Geschlechtsorgane) zu denken. Eine un-
mittelbare Übertragung von Mensch zu Mensch
ist bisher nicht beobachtet worden und auch wenig
wahrscheinlich. Die festgestellten Bangbakterien-
Infektionen des Menschen betreffen meist nur
Einzelfälle. Einige Mitteilungen liegen jedoch vor,
wo ein gehäuftes Auftreten beobachtet wurde.
Hierbei handelt es sich aber nicht um eine Über-
tragung der Infektion von Mensch zu Mensch,
sondern um eine Mehrzahl von Erkrankungen in
derselben Umgebung, die von der gleichen Infek-
tionsquelle ihren Ausgang genommen hatten
(FıcAı und ALESSANDRINI, FAVILLI, WARD, MOORE).
Auch Laboratoriumsinfektionen mit Bangbakterien
sind wie beim Maltafieber beobachtet worden
(CLARK, FREI, HUDDLESON). Zur Feststellung des
von menschlichen Krankheits-
infizierten Tier erscheint es not-
in jedem Fall die Infektions-
Zusammenhangs
fällen mit dem
wendig, möglichst
quelle zu ermitteln (Poppe).
Außer der Infektion mit offensichtlich klini-
schen Erscheinungen kommt beim Menschen
wie beim Rinde eine symptomlose (ruhende) In-
fektion vor. Darunter fallen die Personen, die, ohne
die geringsten Krankheitserscheinungen zu zeigen,
erhebliche Mengen von Antikörpern gegen Bang-
bakterien aufweisen. Diese Infektion ohne Er-
Ss wf SS Ve.
“—P oF 'w
Heft 47 wee) Poppe: Ätiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion. 1045
30
28. If. 19
krankung, die auch beim Maltafieber als symptom-
lose Form bekannt ist, kann für eine später aus
anderem Anlaß manifest werdende Krankheit von
Bedeutung sein. Die zahlreichen Feststellungen
von Personen mit positiven Blutwerten ohne Er-
krankung lassen es jedenfalls notwendig erscheinen,
der symptomlosen Infektion besondere Beachtung
zu schenken. Systematische Blutuntersuchungen
von Personen in gefährdeter Umgebung (Abortus-
gehöfte), Prüfung aller zur Untersuchung kommen-
den Sera mit Bangbakterien, epidemiologische Er-
mittelungen sind notwendig, um über die Ver-
breitung und die Bedeutung der latenten Infektion
mit Bangbakterien beim Menschen genauere
Kenntnis zu erlangen (Poppe, SPENGLER).
Die BanGsche Krankheit des Menschen und
die Abortusinfektion des Rindes zeigen jedoch
nicht nur bezüglich des Erregers und der Patho-
genese enge Zusammenhänge, auch hinsichtlich
der klinischen Erkrankung besteht manche Über-
einstimmung. Die Bangbakterien-Infektion des
Mannes ist in einer Zahl der Fälle durch eine
Orchitis und eine Epididymitis gekennzeichnet;
beim infizierten männlichen Rind und Meer-
schweinchen sind ebenfalls Hoden- und Neben-
hodenerkrankungen als typische Symptome vor-
handen. Erkrankungen der Gelenke können
sowohl beim Menschen als auch beim Rinde
(Carpitis, Gonitis) auftreten (BERGMANN und
AGREN, LEUTHOLD); durch Bangbakterien ver-
anlaBte Eiterungen sind bei Mensch und Tier
beobachtet worden. Ein wesentlicher Unterschied
im pathogenenVerhalten ist allerdings festzustellen.
Während der Abortus beim weiblichen Rind in
der Mehrzahl der Fälle das Hauptsymptom ist,
finden sich nur wenige Angaben, daß im Anschluß
an eine Bangbakterien-Iniektion bei graviden
Frauen Aborte aufgetreten sind. Nach älteren
Mitteilungen (LARSON und SEDGWICK, WILLIAMS
und KOLMER, DE Forest, NıcoLL und Pratt,
KLIMMER und Haupt, SCHÖTTLER) sollen nach
MilchgenuB Frühaborte vorgekommen sein. Einige
sichere Befunde mit bakteriologischer und serologi-
scher Nachprüfung sind jedoch erst in den letzten
Jahren mitgeteilt worden (KRISTENSEN, CARPEN-
TER, FREI, SCHITTENHELM, WEIGMANN). Wenn
auch damit erwiesen sein dürfte, daß der BanGsche
Bacillus vielleicht unter gewissen Umständen bei
der Frau Abortus hervorrufen kann, so muß es
doch der weiteren bakteriologischen und sero-
logischen Untersuchung vorbehalten bleiben, die
Frage der abortiven Wirkung der BansGschen
Bakterien bei der Frau weiter zu klären.
Zur Sicherung der Diagnose der Bangbak-
terien-Infektion sind bakteriologische und sero-
logische Untersuchungsmethoden heranzuziehen.
Diagnostisch beweisend ist der Nachweis der
Bangbakterien durch den Kulturversuch oder durch
die Meerschweinchenimpfung. An zweiter Stelle
kommen die Agglutination und die Komplement-
bindung, die bei entsprechenden klinischen Krank-
heitserscheinungen ebenfalls die Diagnose sichern.
Inwieweit die allergischen Reaktionen als diagno-
stisches Hilfsmittel von Wert sind, bedarf noch
der Prüfung.
Die Züchtung der Bangbakterien aus Blut,
Harn, Exsudaten usw. gelingt nur in einer Minder-
zahl der Fälle und bei Anwendung von Kultur-
verfahren, die auf die biologischen Eigenschaften
dieser Erreger Rücksicht nehmen. Bei Verwen-
dung geeigneter Nährböden (Vorkultur durch An-
reicherung in Bouillon mit Traubenzucker und
Glycerin — dann Kultur auf Glycerinagar, Serum-
oder Ascitesagar, Blut- oder Levinthalagar in
Kohlensäureatmosphäre oder in Symbiose) kom-
men nach 4—ıotägiger Bebrütung feine punkt-
förmige Kolonien zur Entwickelung mit folgenden
Eigenschaften: kleinste gramnegative Kokko-
bacillen, kein oder nur spärliches Wachstum in
erster Generation unter gewöhnlichen Verhält-
nissen bei Luftzutritt, Agglutination durch ein
Immunserum bis zur Titergrenze. Trotz aller
Vorbedingungen gelingt der Nachweis der Bang-
bakterien beim kranken Menschen aber viel
weniger häufig als im Material von banginfizierten
Rindern. Die Verwendung nicht zu kleiner Blut-
oder Harnmengen, möglichst während der Fieber-
zeit entnommen, ist neben geeigneten Methoden
Voraussetzung für die Nachweisbarkeit.
Die Meerschweinchenimpfung hat die gleiche
diagnostische Beweiskraft, in manchen Fällen
ist diese Methode der Kultur überlegen; von
Nachteil ist, daß das Ergebnis erst in einigen
Wochen zu erwarten ist. Der Befund bei den auf
der Höhe der Infektion (7. bis 15. Woche) ge-
töteten Impftieren und der Kulturnachweis der
Bangbakterien ist ausschlaggebend. Zur Be-
schleunigung der Impfdiagnose kann die Aggluti-
nationsprüfung der Meerschweinchen vorgenommen
werden, die im positiven Falle 1o—14 Tage nach
der Infektion Agglutinationswerte von I : 50 und
darüber zeigen. Die diagnostische Impfung von
Meerschweinchen dürfte trotz der längeren Zeit-
dauer die Methode sein, die zur Sicherung der
klinischen Diagnose der BancGschen Krankheit
stets herangezogen werden sollte (POPPE).
Eine Agglutination von 1 : 100 ist beim Vor-
liegen klinischer Erscheinungen beweisend. In der
Regel werden bei infizierten Personen hohe Agglu-
tinationswerte von 1: 1000 und darüber fest-
gestellt. Wegen der ab und zu auftretenden
Agglutinationshemmung in stärkeren Serumkon-
zentrationen (paradoxe Reaktion) ist die Aggluti-
nationsprüfung mit mehreren Serumverdünnungen
(I : 100, 1: 200, I : 500, I : 1000) vorzunehmen.
Es kommen aber auch Bangbakterien-Infektionen
vor, bei denen Agglutinine im Blute nicht nach-
zuweisen sind. Ob es sich in solchen Fallen um
die nichtagglutinable Form der Bangbakterien
Paraabortusgruppe — handelt, muß dahin-
gestellt bleiben. Da beim Maltafieber das glei-
che Verhalten beobachtet wird (Paramelitensis
Melitensis II nach Burner), würde darauf zu
achten sein, ob das Fehlen der Agglutinine eine
1046 Poppe: Ätiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion. Die Natur-
wissenschaften
dauernde oder nur eine voriibergehende Erschei-
nung ist. Die Spezifitat der Agglutination ist bei
der BanGschen Krankheit des Menschen erwiesen.
Zahlreiche Kontrolluntersuchungen von gesunden
oder an anderen Krankheiten leidenden Personen
haben gezeigt, daß der Wert der Reaktion etwa der
Agglutination bei anderen Infektionskrankheiten
gleichzusetzen ist (EvANs, CARPENTER, KRISTEN-
SEN, VAN DER HOEDEN, WEIGMANN, POPPE u. a.).
In seltenen Fallen agglutinieren Seren mit Bang-
und mit Typhus- oder Paratyphusbakterien, wobei
es der weiteren Prüfung vorbehalten bleiben muß, ob
es sich um Mischinfektionen handelt. Diese Fehler-
grenze liegt etwa bei 1%, so daß in etwa 99%
die Agglutination die richtige Diagnose anzeigt
(IKRISTENSEN und PER Horm). Die Agglutina-
tion beweist aber in gleicher Weise wie beim
infizierten Rind nur, daß eine Infektion mit
Bangbakterien vorliegt oder vorgelegen hat. Die
Höhe des Agglutinationstiters läßt keinen Schluß
zu über Immunitätsgrad und Heilungsvorgänge
Hohe und ansteigende Werte weisen darauf hin,
wahrscheinlich um eine frische In-
fektion handelt. Für die Beurteilung des Wertes
der Agglutination spielen auch jene Fälle eine
Rolle, bei denen trotz positiver Agglutination
nachweisbare Krankheitserscheinungen nicht vor-
handen sind. Solche Befunde sind verschiedent-
lich bei der Durchuntersuchung gefährdeter Be-
rufskreise ermittelt worden (Poppe, SPENGLER,
THOMSEN, MAKKAWIESKY und KARKADINOWSKY
Die Entscheidung der Frage, ob es sich hier-
bei um eine abgeklungene Bangbakterien-Infektion
oder um die symptomlose Form (latente Infek-
tion) handelt, bedarf weiterer Klärung. Das Ver-
hältnis der Agglutinationsbefunde und das Vor-
kommen klinischer Erscheinungen liegt etwa so,
daß bei systematischen Blutuntersuchungen auf
3—8 positive Agglutinationen eine Person kommt,
bei der Krankheitserscheinungen nachzuweisen sind.
Bei der Komplementbindungsreaktion ist ein
Bindungswert von 0,1 oder 0,05ccm bei Ver-
inaktiviertem Serum diagnostisch
ausschlaggebend. Im Vergleich zur Agglutination
finden sich bei der Komplementbindung manchmal
abweichende Befunde, die darauf zuriickzufiihren
sind, daß die Agglutinine im Verlaufe der Infek-
tion friiher nachzuweisen und zu gewissen Zeiten
anscheinend stabiler sind als die komplement-
bindenden Antikérper. Die Komplementbindungs-
reaktion kann daher noch positiv sein, wenn die
Krankheitserscheinungen bereits abgeklungen und
Agglutine nicht mehr nachzuweisen sind. Die Spe-
zifität der Komplementbindung ist ebenfalls er-
wiesen, da weder Syphilis noch Tuberkulose oder
sonstige akute Infektionskrankheiten als Ursache
von nichtspezifischen Reaktionen eine Rolle spielen
(KRISTENSEN und PER Ho.m).
Das Urteil über den Wert der serodiagnostischen
Methoden zur Ermittelung der Bangbakterien-
Infektion des Menschen ist dahin zusammen-
zufassen, daß Agglutination und Komplement-
daß es sich
u. a.)
wendung von
bindung fast gleich gute und übereinstimmende
Ergebnisse liefern. Die gleichzeitige Anwendung
von Agglutination und Komplementbindung ist
das sicherste Verfahren. Die Agglutination ist die
einfachere und bei Massenuntersuchungen leichter
durchzufül:rende Methode, die genügend zuver-
lässig und für die Serodiagnose meist ausreichend
ist. Die experimentell-diagnostischen Methoden sind
für den Nachweis einer Bangbakterien-Infektion von
erheblicher Bedeutung, weil bei Bestätigung der
Infektion andere prognostisch weniger günstig
zu beurteilende Infektionskrankheiten ausge-
schlossen werden können. Die einseitige Bewertung
der serodiagnostischen Methoden ohne klinischen
Befund kann aber für die Diagnose der Bang-
bakterien-Infektion als ausreichend nicht angesehen
werden.
Die Bangbakterien-Infektion ist ein noch nicht
geklärtes Problem der vergleichenden Pathologie, das
eine verständnisvolle Zusammenarbeit von Ärzten
und Tierärzten notwendig macht. Manche Fragen
bedürfen noch der Klärung. Für die Bakteriologen
und für die Kliniker wird es eine dankbare Auf-
gabe sein, diese für den Menschen ‚neue‘ Krank-
heit weiter zu studieren, deren Erreger als Ursache
einer Infektionskrankheit des Rindes schon lange
bekannt ist.
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Bangbakterien-Infektion.
Klinik und Therapie der Erkrankungen des Menschen.
Von WILHELM STEPP, Breslau.
Neue, selbstandige Krankheitsbilder sind heute
eine Seltenheit geworden, und so ist es begreiflich,
daß der Kliniker scharf aufhorcht, wenn von der
Entdeckung einer neuen Krankheit die Rede ist.
Mit der BanGschen Infektion, über die Herr PoppE
vom Standpunkt des Bakteriologen und Immun-
biologen soeben ausführlich berichtet hat, und über
die ich vom Standpunkte des Klinikers zu sprechen
habe, hat es nun seine besondere Bewandtnis: Wie
Sie hörten, ist ihr Erreger schon seit dem Jahre 1896
bekannt, und Infektionsmöglichkeiten hat es immer
gegeben, solange das seuchenhafte Verkalben beim
Rind vorkommt — und die Kerintnis davon reicht
weit, sehr weit zurück. So ergibt sich die selbstver-
standliche Frage: Wie kommtes, daßdie Erkrankung
des Rindes nicht schon früher Anlaß zu Infektionen
beim Menschen gegeben hat? Oder ist etwa die
Frage falsch gestellt? Sind vielleicht solche Über-
tragungen zu allen Zeiten vorgekommen, hat man
sie indes früher nicht erkannt? Als Kliniker, der
bei aller Würdigung bakteriologischer und immun-
biologischer Befunde das Krankheitsbild selbst zu
erfassen versucht, möchte ich auf diese Fragen ganz
kurz eingehen und zunächst die zuletzt gestellte
Frage mit dem Hinweis beantworten, daß dem
Krankheitsbild beim Menschen doch eine ganze
Reihe charakteristischer Züge eigen ist, die es von
anderen zu unterscheiden erlauben. Freilich, man
wird einwenden, daß das Verfahren, das wirklich
mit Sicherheit die Infektion mit Bang-Bacillus zu
erfassen gestattet, nämlich die Agglutinations-
probe, erst in den letzten Jahren systematisch bei
unklaren Fieberzuständen angewendet worden ist.
Ich gebe das ohne weiteres zu; aber so gut man
früher einen Typhus ohne den Bacillenbefund im
Blute und ohne die Agglutinationsreaktion mit
ausreichender Sicherheit in vielen Fällen hat dia-
gnostizieren können und ihn noch diagnostiziert, um
dann durch den bakteriologischen und immun-
biologischen Befund die Bestätigung zu bekommen,
so hätte man, wie ich glauben möchte, wenigstens
in ausgeprägten Fällen das Krankheitsbild zum
mindestens als ein Krankheitsbild besonderer Art
erkennen müssen; zumal der Fieberverlauf in den
typischen Fällen doch außerordentlich charakteri-
stisch ist, Und wenn ich mich an den ersten Fall
von Bansscher Infektion erinnere, den ich gesehen
habe, so möchte ich sagen: Hier war es uns klar,
daß eine besondere Krankheit vorliegt, die sich
von allen anderen Erkrankungen recht wesentlich
unterschied. Damals war die BanGsche Krankheit
bei uns in Deutschland noch kaum bekannt, und
die Agglutination wurde nicht durchgeführt. Die
Diagnose wurde daher erst später klar; ich komme
darauf noch einmal zurück. Weiter dürfen wir,
wie ich glaube, nicht vergessen, daß das Malta-
fieber, die Schwestererkrankung der BanGschen
Infektion, als Mittelmeerfieber schon lange vor der
Entdeckung des Bacillus melitensis durch BRUCE
im Jahre 1887 bekannt gewesen ist. Nachdem
man in früherer Zeit bei dieser Erkrankung an
chronische Malaria gedacht hatte, ist man später
doch zu der klaren Erkenntnis gekommen, daß es
sich um eine Krankheit sui generis handeln müsse.
So ist also unzweifelhaft die präzise Frage berech-
tigt: Wenn man das Mittelmeerfieber diagnosti-
zieren konnte, warum dann nicht auch die BANG-
Infektion ?
Zu diesem Komplex von Fragen hat nun Has
(so viel mir scheint, bisher als einziger) Stellung zu
nehmen versucht. Er ging dabei aus von bestimm-
ten Vorstellungen GoOTSCHLICHs überdie Variabilität
der Erreger und die Anpassung eines Erregers an
einen Wirt, die sich in ‚Form einer Stufenleiter‘‘
1048 Srepp: Bangbakterien-Infektion. Klinik und Therapie der Erkrankungen des Menschen. Die Natur-
wissenschaften
vollzieht, und denkt an die Möglichkeit, „daß das
bisher rinderpathogene Bacterium abortus“ all-
mählich ,,eine solche Virulenzsteigerung erfahren
habe, daß es zu einem fakultativen Parasiten für
den Menschen geworden ist‘; einschränkend wird
hinzugefügt, daß für das Zustandekommen einer
menschlichen Infektion besondere Bedingungen
gegeben sein müßten, die nur ausnahmsweise ver-
wirklicht sind
So ist vielleicht die Vorstellung berechtigt, daß
die Banasche Infektion erst in der letzteren Zeit
eine häufigere Krankheit geworden ist.
Wenn ich Ihnen nunmehr das klinische Bild der
BanG-Infektion beim Menschen zu skizzieren habe,
so möchte ich es vielleicht aus der persönlichen
Erfahrung heraus entwerfen. Ich werde dem-
entsprechend die wesentlichsten Züge, die ihm
eigen sind, und die sich dem Arzte, der das Krank-
heitsbild zum ersten Male sieht, am stärksten ein-
prägen, ganz in den Vordergrund stellen und alle
Einzelheiten und kleinen Details, die einem ge-
treuen Bilde nicht fehlen dürfen, erst allmählich
einfügen; und dabei muß dann die Summe aller
überhaupt gesammelten Erfahrungen, der eigenen
und der fremden, mithelfen
Die Beobachtung, von der ich sprechen will,
betrifft einen jungen zıjähr. Landwirt, der
im Juni 1927 zu uns in die Breslauer Klinik
kam mit der Angabe, seit März an wechselnden
Fieberzuständen zu leiden. Da er früher einmal
wegen Beschwerden in der Gallenblasengegend be-
handelt worden war und neue mit hohem Fieber
einhergehende Bauchbeschwerden wiederum
geltend gemacht hatten, hatte sein Arzt eine eitrige
Gallenblasenentzündung angenommen und eine
Operation veranlaßt. Bei der Operation fand sich
jedoch eine vollkommen normale Gallenblase, und
der Bauch wurde wieder geschlossen. Das Fieber
war in der Folgezeit wochenlang hindurch hoch ge-
blieben, um dann wieder nachzulassen. Als wir den
Patienten sahen, fiel sein verhältnismäßig frisches
Aussehen auf, das in einem gewissen Widerspruch
stand zu seiner Wir fanden eine
deutlich vergrößerte, konsistente Leber,
einen großen Milztumor, eine Leukopenie, sonst
keinen wesentlichen Organbefund. Das Fieber
ich darf nun vielleicht über den Fieberverlauf im
ganzen berichten hatte stark remittierenden
Charakter, fing nach 3 Wochen an herunter zu
gehen bis auf leicht subfebrile Werte, um nach
einiger Zeit von neuem anzusteigen, während der
Puls nur wenig beschleunigt war. Nicht unerwähnt
darf eine Neigung zu starken
Schweißen
sich
Anamnese
etwas
ausgesprochene
bleiben
Krankheitsbild blieb in wesentlich
gleichem Zustande über 3 Monate bestehen, ohne
daß sich bei dem Patienten irgend etwas Besonderes
herausstellte. Das, was uns besonders verwunderte,
Dieses
war die Tatsache, daß trotz der langen Krankheit
und trotz des hartnäckigen Fiebers das Gewicht
des Patienten nicht nur nicht abnahm, sondern im
Gegenteil sich beträchtlich erhöhte, und zwar um
nicht weniger als 8 kg! In der Tat ein ganz
ungewöhnlicher Befund, wenn man sich daran er-
innert, welche Verheerungen ein über viele
Wochen und Monate sich hinziehendes Fieber
sonst anrichtet! Ein Typhuskranker, dessen Fieber
infolge eines Rezidivs sich über Monate hinzieht,
magert doch buchstäblich bis auf Haut und
Knochen ab.
Wir dachten bei unserem Kranken im Verlaufe
unserer differentialdiagnostischen Erwägungen
wegen des wellenförmigen Fiebers auch an Malta-
fieber! Der Kranke war indessen niemals an den
Küsten des Mittelmeeres gewesen, und so kamen
wir über das Stadium der Erwägung nicht hinaus.
Kurze Zeit später, als die BanGsche Infektion all-
gemein bekannt wurde, konnten wir unserem
Falle die richtige Deutung geben
Das, was bei typischen Bang-Infektionen so ganz
besonders in die Augen fällt, ist nach dem, was
ich soeben ausgeführt habe, also: Ein in Wellen-
form verlaufendes Fieber mit starken Schweißen,
relativ langsamer Puls, fehlende Beeinträchtigung
des Allgemeinzustandes, mäßige Leber-, starke
Milzvergrößerung und Leukopenie!
Ich möchte nun versuchen, Ihnen einen Über-
blick zu geben über die Veränderungen, die bei
Bang-Infektionen in den einzelnen Organsystemen
anzutreffen sind; vorher nur noch ein Wort über
das Fieber und den Allgemeinzustand!
Der remittierende Charakter des Fiebers wurde
bereits erwähnt; hinzuzufügen wäre, daß die Re-
missionen an ein und demselben Tage ziemlich
stark sein können, wie man sie bei Typhus ab-
dominalis im Stadium der steilen Kurven sieht; eine
Kontinua ist etwas Ungewöhnliches. Die Perioden
hohen Fiebers können 14 Tage bis 3 Wochen an-
halten, dann folgt eine Zeit niedrigerer Temperatur,
hierauf neues Fieber und so fort!
Die geringe Störung des Allgemeinbefindens und
der kaum verminderte Appetit garantieren eine
ausgezeichnete Nahrungsaufnahme, und so ist wohl
die bereits erwähnte, von einer ganzen Zahl von
Autoren gleichfalls beobachtete Gewichtszunahme
während der Erkrankung zu verstehen. Bei den
von mir beobachteten 12 Kranken zeigten 4 eine
erhebliche Gewichtszunahme von mehreren Kilo-
grammen (bis zu 8 kg). Leider wissen wir über
den Stoffwechsel gar nichts, wir wissen nicht,
ob das Bang-Fieber, ebenso wie andere Fieber-
arten, mit erhöhtem Eiweißzerfall einhergeht, und
es ist sicherlich die allerdringendste Aufgabe der
klinischen Forschung, diesen Punkt klarzustellen!.
Jedenfalls können wir bis auf weiteres annehmen,
daß die infolge des kaum gestörten Appetits aus-
reichende Ernährung, besonders auch mit Kohle-
hydraten, den Eiweißbestand des Körpers vor Ver-
lusten schützt.
1 Anmerkung bei der Korrektur: Während der
Drucklegung des Referats konnten wir bei einem neuen
Krankheitsfalle die N-Ausscheidung im Harne unter-
suchen und stellten dabei fest, daß der Eiweißzerfall
nicht vermehrt ist.
Heft we Stepp: Bangbakterien-Infektion. Klinik und Therapie der Erkrankungen des Menschen. 1049
o
28. ı1. 193
Ich wende mich nun der Besprechung der Frage
zu, inwieweit die einzelnen Organsysteme Verände-
rungen aufweisen.
In bezug auf den Kreislauf wäre festzustellen,
daß ganz ähnlich, wie beim Typhus abdominalis,
das Ansteigen des Pulses mit dem des Fiebers nicht
Schritt hält. Die Frequenz liegt meist unter roo.
Der Blutdruck ist auf der Höhe des Fiebers natür-
lich erniedrigt, im übrigen ist er vollkommen nor-
mal. Das Herz selbst bleibt von Veränderungen
meist verschont. Eine Endokarditis, die während
einer Bang-Infektion einmal beobachtet wurde, ist
anscheinend nur als das Aufflackern einer alten Er-
krankung zu betrachten. Sichere frische auf die
Infektion zu beziehende Endokardveränderungen
sind jedenfalls nicht beobachtet worden. Kollege
FRANK in Breslau beobachtete in einigen Fällen
leichte Myokardschädigungen, wie sie bei allen
Infektionskrankheiten zur Beobachtung kommen.
Die Respirationsorgane sind niemals in stärkerem
Grade affiziert und die zuweilen auch von mir ge-
sehenen Bronchitiden finden sich keineswegs mit
der Regelmäßigkeit, wie beim Typhus abdomi-
nalis. Pneumonien sind anscheinend nie zur
Beobachtung gelangt, ebensowenig schwerere
Pleuritiden.
Ein größeres Interesse kommt bei der Bang-
Infektion dem Verdauungstraktus zu. In der
Mundhöhle wurde nach dem Bericht einiger Auto-
ren zuweilen das Auftreten eines Exanthems in
Gestalt feinster Bläschen und eine leichte Angina
beobachtet. Über Veränderungen des Magens und
des oberen Darmes wäre wenig zu sagen, denn die
dann und wann bestehende Appetitlosigkeit, die
an sich nichts Ungewöhnliches wäre bei einer an
sich infektiösen Erkrankung, ist ja hier eher eine
Seltenheit; hörten wir doch, daß der Appetit dieser
Kranken nicht selten geradezu ungewöhnlich gut
ist. Über organische Veränderungen des Darmes,
etwa in der Art, wie wir sie vom Typhus kennen,
weiß man nichts. Von DIETELS sind besonders übel-
riechende schleimige Durchfälle beobachtet worden,
von KRISTENSEN und VAN DER HOEDEN Neigung zu
Darmblutungen. Ich selbst habe bei unseren
ı2 Patienten nur einige Male Magen-Darmsym-
ptome gesehen. Bemerkenswert ist vielleicht, daß
einer dieser Kranken subjektive Beschwerden
darbot, wie wir sie beim Ulcus duodeni sonst finden,
und daß von dem Hausarzte zuerst die Diagnose
Ulcus duodeni gestellt wurde. Das Fieber kam
erst einige Tage nach Einsetzen der heftigen Ab-
dominalerscheinungen zur Beobachtung. Wir
haben den Kranken auf das genaueste röntgeno-
logisch untersucht, haben aber keine Verände-
rungen feststellen können, die die Diagnose Ulcus
duodeni rechtfertigten. Daß bei der Bang-Erkran-
kung erhebliche Schwellung von Leber und Milz,
besonders aber der letzteren vorkommt, habe ich
bereits erwähnt und darauf hingewiesen, daß das
starke Hervortreten dieser Veränderungen Ver-
anlassung geben kann, an eine hepatolienale Er-
krankung zu denken. Besonders der Milztumor
ist nicht selten von beträchtlicher Größe und kann
an die splenomegalen Cirrhosen erinnern. Ich habe
vor kurzem den Kranken, von dem ich schon ein-
gangs berichtet, bei dem die starke Leberschwellung
zu dem Verdacht einer Erkrankung der Gallenwege
und zu einem operativen Eingriff geführt hatte,
nachuntersucht. Er hat einen großen Milztumor,
der den linken Rippenbogen um 2 Querfinger über-
ragt und eine deutliche Lebervergrößerung, eine
positiveUrobilin-und Urobilinogenreaktion undeine
Leukopenie von 4400, also ein Befund, wie wir ihn
bei den meisten Lebercirrhosen sehen. Der Kranke
fühlt sich allerdings zur Zeit vollkommen wohl, er
hat keinerlei Klagen und ist absolut arbeitsfähig.
Zu einer genaueren Untersuchung zwecks Leber-
funktionsprüfung haben wir ihn nicht bekommen
können. Obsich hiereine typische Lebercirrhose ent-
wickeln wird, laBt sich nicht mit Sicherheit sagen,
aber man wird das weitere Verhalten jedenfalls
iiberwachen miissen. So kann ich auf Grund eigener
Erfahrungen BURGER durchaus beipflichten, wenn
er darauf hinweist, daB man in Zukunft bei den
Lebercirrhosen auch die Frage einer überstandenen
Bang-Infektion wird ventilieren miissen.
Von seiten des Nervensystems wären zu er-
wähnen neuralgische Erscheinungen, von denen
es zweifelhaft ist, ob ihnen eine echte Neuritis
zugrunde liegt oder nicht. JOHNssoNn berichtet
über das Auftreten einer Muskelatrophie mit
Sensibilitätsstörungen, so daß hier in der Tat die
Möglichkeit eines neuritischen Prozesses zugegeben
werden muß; freilich ist nicht sichergestellt, ob
es sich hier nicht um eine Bang-Erkrankung bei
einem andersartigen Prozesse gehandelt hat. Die
genannten neuralgischen Schmerzen betreffen oft
ganz besonders die Gelenke, wiewohl die Erschei-
nungen einer echten Arthritis bisher nur in
einem Falle von FREI deutlich waren. Sonst
wurden an dem Bewegungsapparat (abgesehen
von einem einmal beobachteten osteomyelitischen
Herde in der Wirbelsäule, wie er beim Typhus
nicht allzu selten vorkommt) keine Veränderungen
beobachtet.
Nicht selten sind Hautveränderungen bei der
Bang-Erkrankung beobachtet worden, und zwar
in Gestalt einer pustulösen Dermatitis, deren Er-
scheinungsform in manchen Fällen an Varicellen
erinnerte.
Auch generalisierte Drüsenschwellungen hat
man einige Male beobachtet. In einem Fall, der
in der Medizinischen Klinik in Greifswald ad
exitum kam und über den mir Prof. KATscH münd-
lich Mitteilung machte, sollen bei der Sektion die
Drüsenschwellungen einen ganz besonderen Be-
fund geboten haben. Die nähere Untersuchung
dieser Drüsen steht noch aus.
Eine besondere Besprechung verdienen die Ver-
änderungen an den @eschlechtsorganen. Beim Manne
ist in einem erheblichen Prozentsatz der Fälle eine
beträchtliche Hodenschwellung mit heftigen Schmer-
zen festgestellt worden; ich selbst habe bei meinen
Kranken nur einmal eine Hodenschwellung erlebt.
wissenschaften
1050 Stepp: Bangbakterien-Infektion. Klinik und Therapie der Erkrankungen des Menschen. [ Die Natur-
Es liegt nahe, zu fragen, ob auch beim Menschen die
abortive Eigenschaft des Bang-Bacillus zur Beobach-
tung kam. Merkwürdigerweise liegen darüber ver-
hältnismäßig wenig zahlreiche Angaben vor. Doch
ist bei Landwirtsfrauen aus Gebieten mit verseuch-
tem Viehbestand, die gewohnheitsmäßig rohe Milch
tranken, und bei denen ohne erkennbaren Grund
ein Abortus eintrat, mehrfach eine positive Agglu-
tinationsprobe festgestellt worden. Von einer nicht-
graviden Frau, die sich mit Bang infizierte, wird
berichtet, daß ein Genitalfluor mit reichlicher Aus-
scheidung von Bang-Bacillen auftrat. So wird man
wohl erwarten dürfen, daß in Zukunft nähere Mit-
teilungen über diese interessante Frage erscheinen
werden.
Bei jeder fieberhaften Erkrankung interessiert
ganz besonders das Blutbild. Bei der Bang-Infek-
tion hat man am roten Blutbild wesentliche Ver-
änderungen nicht gefunden, dagegen einen mehr
oder minder charakteristischen Befund am weißen
Blutbild erheben können. Ganz wie beim Typhus
besteht eine oft recht ausgesprochene Leukopenie,
unter Umständen herunter bis auf 2000 Leuko-
cyten, während Leukocytose ein seltener Befund
ist. Die Leukopenie erklärt sich durch eine starke
Verminderung der Granulocyten. Die Tatsache,
daß dann und wann eine ausgesprochene Links-
verschiebung festgestellt wurde, weist auf einen
vermehrten Untergang von Leukocyten hin. Mit
der Neutropenie ist häufig nicht nur eine relative,
sondern auch eine absolute Lymphocytose ver-
bunden. Weiter fällt auf, daß in der Regel die
eosinophilen Zellen fehlen und daß die Monocyten
meist vermehrt sind.
Die Untersuchung des Harns hat keine beson-
ders bedeutungsvollen Befunde ergeben. Starke
Albuminurie wurde meist vermißt, in den Zeiten
des höchsten Fiebers wurde zuweilen eine posi-
tive Diazoreaktion festgestellt.
Überblicken wir noch einmal den klinischen
Befund bei der BanGschen Krankheit, so dürfen
wir sagen, daß es sich um eine fieberhafte Er-
krankung handelt, bei der Perioden von höheren
Temperaturen mit solchen geringerer oder subfebriler
Temperaturen abwechseln, ein Fieberzustand, der
im Gegensatz zu den sonst bekannten das Allgemein-
befinden wenig beeinflußt, so daß das Körpergewicht
ungestört bleibt, ja sich sogar erheblich vermehren
kann. Die relative Pulsverlangsamung, der Milz-
tumor, zuweilen mit gleichzeitiger Leberschwellung,
die Leukopenie mit relativer und absoluter Lympho-
cytose (zuweilen auch mit Monocytose), das Fehlen
der eosinophilen Zellen, zuweilen auch der Befund
einer Hodenschwellung erlauben, wenn daneben das
dtiologische Moment (die Möglichkeit einer In-
fektion mit Bacillus Bang) gegeben ist, die Dia-
gnose unter Umständen auch ohne die Serumreak-
tion zu stellen; ich möchte Herrn CURSCHMANN
darin völlig beistimmen.
Von diesem Krankheitsbild in seiner typischen
Ausprägung gibt es nun eine ganze Zahl von Ab
weichungen, z. B. leichte Verlaufsformen mit nur
geringem Fieber überhaupt; hier ist von einem
undulierenden Charakter des Fiebers gar keine
Rede, und auch die übrigen klinischen Symptome
sind nicht sehr ausgesprochen. Unter den von mir
gesehenen Fällen sind mehrere derartige — ich
möchte sagen — abortiv verlaufende Bang-Infek-
tionen vertreten. Als besonders auffallend habe
ich bei manchen Kranken mit typischem Krank-
heitsbilde das Mißverhältnis zwischen der Stärke
des Fiebers und der geringen Beeinträchtigung
des Allgemeinbefindens bezeichnet. Aber auch
diese merkwürdige Erscheinung beobachtet man
durchaus nicht immer, und gar nicht so selten
erlebt man es, daß Kranke mit anscheinend
leichtem Verlauf der Krankheit erheblich an Ge-
wicht verlieren und einen recht elenden Eindruck
machen. Wir haben leider noch gar keine Mög-
lichkeit, die Ursache dieser verschiedenen Ver-
laufsformen klar zu erkennen. Aber sicherlich
wird auch hier — ebenso wie bei anderen Infek-
tionen sich die verschiedene Reaktionsfähigkeit
des Einzelindividuums geltend machen, die Inten-
sität seiner Abwehrkräfte usw., aber natürlich
auch die Menge der Infektionserreger, ihre Viru-
lenz usw. Hier wird noch manche Detailarbeit
zu leisten sein.
Über die Diagnose und Differentialdiagnose
habe ich nicht mehr sehr viel zu sagen. Nach dem
ganzen Krankheitsbild ist es selbstverständlich,
daß man in erster Linie die Erkrankungen der
Typhus- und Paratyphusgruppe auszuschließen
haben wird (wobei noch einmal darauf hinzuweisen
wäre, daß die für die typhösen Erkrankungen so
charakteristische leichte Somnolenz bei der Bang-
Infektion so gut wie immer fehlt), des weiteren die
Tuberkulose, chronische septische Infektionen, ins-
besondere auch die Endocarditis lenta, die Malaria
und die zur Grippe bzw. Influenza gehörigen Erkran-
kungen; auch an Lymphogranulomatose wird man
unter Umständen zu denken haben. Die Entschei-
dung gibt in allen Fällen sehr rasch und sicher die
Agglutination. Leider ist es bisher nur in einem
verhältnismäßig kleinen Prozentsatz der Fälle ge-
lungen, den Erreger selbst zu isolieren. Hoffent-
lich gelingt es in Zukunft, eine einfache Methode
der Züchtung zu finden, da die Agglutinations-
reaktion bei der Bang-Krankheit ebenso wie beim
Typhus erst nach mindestens einer Woche — manch-
mal auch erheblich später (bis zu 3 Wochen) —
positiv wird. Es empfiehlt sich also bei negativem
Befund, die Agglutinationsreaktion nach einiger
Zeit zu wiederholen. Über die Komplement-
bindungsreaktion und die allergische Reaktion
(durch intracutane Injektion einer Bacillenauf-
schwemmung) will ich mich hier weiter nicht
äußern. In unseren Breiten kommt die Differen-
tialdiagnose gegenüber dem Mittelmeerfieber
(früher Maltafieber) wohl kaum in Betracht.
Wenn eine Mischinfektion vorliegt, etwa mit
Typhus oder Paratyphus, so kann die Diagnose
natürlich gewisse Schwierigkeiten machen. Und
noch komplizierter mögen die Dinge in den Mittel-
Heft ae Stepp: Bangbakterien-Infektion. Klinik und Therapie der Erkrankungen des Menschen. 1051
o
28. 11. 193
meerländern liegen, wo sowohl Melitensis-Infek-
tionen wie Bang-Infektionen nebeneinander vor-
kommen. Das Maltafieber, das jetzt offiziell den
Namen Febris undulans führt, ist ja klinisch heute
auf das genaueste studiert und man möchte sagen,
daß die Bang-Irifektion in gewisser Weise als eine
mitigierte Form des Maltafiebers bezeichnet wer-
den kann. Der Verlauf des Maltafiebers ist ein
außerordentlich schwerer. Das Fieber kann sich
über viele, viele Monate bis zu einem Jahre er-
strecken. Heftigste Schmerzen der häufig ge-
schwollenen Gelenke mit qualvollen Neuralgien
bringen neben dem hartnäckigen Fieber die Kran-
ken oft sehr stark herunter. Im Vergleich mit dem
Maltafieber ist die Bang-Infektion eine wesentlich
leichtere Erkrankung. Zwar ist der Ausgang auch
beim Maltafieber nur selten tödlich die Mortali-
tät beträgt etwa 2% — aber die Rekonvaleszenz
nimmt bei dem Mittelmeerfieber eine viel längere
Zeit in Anspruch. Bei der außerordentlich nahen
Verwandtschaft des Bacillus melitensis mit dem
Bacillus Bang taucht immer wieder die Frage auf,
ob nicht die zwischen den beiden Formen bestehen-
den Verschiedenheiten biologisch (Tierpassagen
usw.) zu erklären sind. Aber das ist ja eine Frage,
auf die ich als Kliniker hier nicht weiter eingehen
kann.
Mit ein paar Worten möchte ich noch darauf
hinweisen, daß es auch latente Infektionen mit Ba-
cillus Bang gibt. Besonders von tierärztlicher
Seite sind Beobachtungen mitgeteilt worden, nach
denen man annehmen muß, daß die Erkrankungen
durch irgendein akzidentelles Moment (einen Un-
fall, eine Infektion oder dgl.) bei Menschen, die
lange Zeit mit infizierten Tieren zu tun hatten,
zum Ausbruch kommen kann. Interessant ist in
diesem Zusammenhang eine Mitteilung, die ich
Herrn Priv.-Doz. Dr. LERCHE, Breslau, verdanke:
Bei einem Tierarzte, der sehr viel klinische Unter-
suchungen bei infizierten Tieren ausgeführt hatte,
zeigte sich eine positive Agglutinationsprobe. Auf
die Frage, ob er krank gewesen sei, erklärte er,
daß er sich nur an eine flüchtige Hodenschwellung
„unbekannter Natur‘ erinnern könne, die er vor
einigen Jahren durchgemacht habe. Sicherlich
werden systematische Serumuntersuchungen, auch
der landwirtschaftlichen Bevölkerung in Gegenden,
wo die Bang-Infektion sehr verbreitet ist, hier
Aufklärung schaffen.
Die Prognose der Bang-Infektion ist im allge-
meinen wchl günstig, doch sind Todesfälle schon
mehrfach beobachtet worden, so in Dänemark und
jüngst in Greifswald (mündliche Mitteilung von
Prof. Katscu); wichtig ist jedenfalls zu wissen,
daß die Erkrankung sich unter Umständen über
viele Monate hinziehen kann.
Wir kommen nun zu der wichtigen Frage der
Therapie. Dabei möchte ich gleich vorausschicken,
daß man sich zunächst der bei der Melitensis-
Infektion angewandten Mittel erinnerte. Hier war
besonders das Argochrom empfohlen worden, das
sich jedoch ebensowenig bewährte, wie die ver-
schiedenen Acridinfarbstoffe, ferner das Chinin
und seine Derivate, die kolloidalen Metalle, wie
Kollargol usw. Hass und BÜRGER empfahlen
Neosalvarsan (0,075 steigend in mehrtägigen
Intervallen bis 0,3) in Kombination mit Natr.
salicyl. (4—6g pro die).
Daß die Ergebnisse therapeutischer Versuche
mit Arzneimitteln eine so verschiedene Beurtei-
lung erfahren, erklärt sich wohl aus der Tatsache,
daß der Verlauf der Bang-Infektion bei den ein-
zelnen Fällen doch ein recht wechselnder ist. Wir
haben ohne irgendwelche besonderen Maßnahmen
in manchen Fällen innerhalb kurzer Frist das
Fieber abklingen sehen, ohne daß ein Rezidiv kam.
Es ist also bei dem ungleichmäßigen Verlauf der
einzelnen Infektionen recht schwierig, sich ein
einigermaßen sicheres Urteil über die Wirkung
einer therapeutischen Maßnahme zu verschaffen.
Bei den sich lange hinziehenden Fällen von Bang-
Fieber muß unbedingt gehandelt werden, und es
scheint, daß die Vaceinetherapie hier einen wirklichen
Erfolg aufzuweisen hat. Nicht nur ich selbst habe
bei einer ganzen Reihe von Fällen den überzeugen-
den Eindruck gewonnen, daß es die Vaccinetherapie
war, die den Verlauf der Krankheit günstig be-
einflußte, sondern auch von anderen Autoren wird
über solche Erfahrungen berichtet. Wir sind in Ge-
meinschaft mit Herrn Dr. WENDT so vorgegangen,
daß wir mit ro Millionen Keimen begannen und in
2— 3tägigen Zwischenräumen mit der Dosis auf 20
bis 40 Millionen und mehr stiegen. Es empfiehlt sich
die Steigerung der Dosis abhängig zu machen von
dem klinischen Befund, insbesondere von dem Ver-
halten der Temperatur, und bei stärkerer Reaktion
entweder mit der Dosis zurückzugehen oder bei
der gleichen Dosis zu bleiben. Dieses vorsichtige
Vorgehen mit kleinen Dosen hat sich uns sehr be-
währt. Es gelingt auf diese Weise eine allmähliche
Entfieberung zu erreichen.
Von anderer Seite (KREUTER, HIRSCH) wurden
Mischvaccinen aus Bacillus Bang und Bacillus
melitensis verwandt, ein Verfahren, das sicherlich
auch der Nachprüfung wert ist.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit nicht ver-
säumen, darauf hinzuweisen, daß die I. @. Farben-
industrie jüngst sich mit der Herstellung eines
Immunserums gegen den Abortus Bang-Bacillus
beschäftigt hat. Mit Hilfe von deutschen Rinder-
stimmen wurde ein Serum hergestellt, das einen
Agglutinationstiter von 1:64000 gegen Abortus
Bang-Stämme zeigte. Daneben wird von der
gleichen Firma eine Vaccine bereitet, die neben
schonend abgetöteten Bang-Bacillen auch Lysate
aus Kulturen von Bacillus Bang enthält. Die Firma
hat sich bereit erklärt, sowohl die Seren wie die
Vaccine zu Versuchszwecken zur Verfügung zu
stellen.
Die Allgemeinbehandlung wird in der bei fieber-
haften Erkrankungen sonst üblichen Weise durch-
geführt. Man vergesse nicht, daß manche Kranke
durch die Infektion doch recht erheblich mitge-
nommen werden, während andere wieder kaum
1052 Stepp: Bangbakterien-Infektion. Klinik und Therapie der Erkrankungen des Menschen. [
darunter leiden. Man wird also die einzelnen Fälle
zu beurteilen haben und stark
mitgenommenen Kranken eine lange Erholungs-
zeit gönnen müssen. Von den Nachkrankheiten
habe ich schon die hepatolienalen Störungen er-
wähnt. Auch Herzstörungen, von denen ich be-
reits sprach, wird man auf das sorgfältigste be-
achten müssen
Ich habe mich kurz fassen müssen, ich hoffe
aber, daß Sie aus meinen Ausführungen ersehen
haben, daß die Bacillus Bang-Infektion beim Men-
schen eine hochinteressante Krankheit ist, die schon
deshalb größere allgemeine Beachtung verdient, weil
ganz verschieden
Die Natur-
wissenschaften
sie in der letzten Zeit auch bei uns in Deutschland
so stark an Verbreitung zugenommen hat. Und
was ich Ihnen über die Therapie sagen konnte, ist,
wie ich glauben möchte, durchaus erfreulich, denn
ich habe den Eindruck, daß man in der Vaccination
ein Mittel hat, mit dem wir die sich unter Um-
ständen lange hinziehende Erkrankung wirksam
beeinflussen können.
Literatur findet sich ziemlich vollständig in den
zusammenfassenden Darstellungen bei HaBs, Erg. inn.
Med. 1928, 34, bei SPENGLER, Urban & Schwarzenberg,
Berlin-Wien 1929 und bei Poppe, Erg
(1930)
Med. 14, H. 3/4
en
id
id
st,
in
n-
m
AUTOREFERATE DER VORTRAGE IN DEN KOMBINIERTEN SITZUNGEN.
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Mathematik und
Astronomie mit Physik, Techn. Physik und Elektro-
technik.
Montag, den 8. September, 16 Uhr: Neue Aula, Universitit.
L. BIEBERBACH, Berlin: Über den Einfluß von Hilberts
Pariser Vortrag über ,, Mathemathische Probleme“ auf die
Entwicklung der Mathematik in den letzten 30 Jahren.
W. BAADE, Hamburg-Bergedorf: Neuere Ergeb-
nisse der Astronomie. Der Vortrag gibt einen zu-
sammenfassenden Bericht über die in den letzten Jahren
durchgeführten Untersuchungen, durch welche die
Stellung der Spiralnebel und verwandter Gebilde auf-
geklärt wurde. Wir wissen heute, daß es sich um große
Sternsysteme handelt, und daß unser eigenes Stern-
system (das Milchstraßensystem) nur eines unter vielen
ist. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchungen
werden kurz dargelegt (Methoden der Entfernungs-
bestimmung, Vergleich einiger genauer untersuchter
Sternsysteme mit unserem eigenen, Zahl und Ver-
teilung dieser ,,extragalaktischen Nebel‘). Daß bei den
großen Entfernungen, zu denen wir jetzt mit Hilfe
dieser Sternsysteme vorzudringen vermögen (200 bis
300 Millionen Lichtjahre) die metrische Struktur des
Raumes sich bemerkbar macht, deutet die in den
Radialgeschwindigkeiten dieser ‚Nebel‘ auftretende
große Rotverschiebung an, welche linear mit der Ent-
fernung der untersuchten Gebilde wächst.
C. MÜLLER, Hannover: Die Entdeckung der In-
finitesimalrechnung durch Leibniz. Die Vorbereitung der
Herausgabe der mathematischen Schriften von LEIBNIZ
für die von der Preußischen Akademie der Wissen-
schaften veranlaßte Gesamtausgabe von LEIBNIZ’ Wer-
ken gibt Veranlassung, die Entdeckungsgeschichte der
Infinitesimalrechnung durch Leısnız an Hand des
zahlreich erhaltenen handschriftlichen Materials aus
LEIBNIzens Pariser Zeit 1672— 1676 einer erneuten
Prüfung und Bearbeitung zu unterziehen. Dabei kommt
es vor allem darauf an festzustellen, wieweit LEIBNIZ
dem gedanklichen Inhalt nach von seinen Vorgängern
bewußt abhängig war, und in welchem Sinne und Um-
fange er selbst schöpferisch und originell vorging. Das
schlieBliche Ergebnis wird trotz gelegentlicher Modi-
fikationen im einzelnen immer dieses sein: Bei
LEIBNIZ ist stets der methodische Gesichtspunkt das
Entscheidende, und sein Bemühen um die Mathematik
seiner Zeit gipfelt in jeder Phase seiner Entwicklung
in dem Bemühen, neben dem von VIETA inaugurierten,
von DESCARTES und seiner Schule ausgebildeten al-
gebraischen Kalkül einen neuen Kalkül zu formen,
durch den die infinitesimalen Gedanken und Methoden,
insbesondere auch in ihrer Anwendung auf die Mechanik
und Physik, ebenfalls einer formalen Rechnung zugäng-
lich gemacht werden können. Bis zum Oktober/No-
vember 1675 sind von Leısnız die entscheidenden und
grundlegenden Schritte für die Ausbildung dieses reinen
Calculus differentialis et integralis‘‘ getan.
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Chirurgie, Innere
Medizin mit der Deutschen Röntgengesellschaft.
Dienstag, den 9. September, 8'/, Uhr: Neue Aula, Universität.
ZWERG, Königsberg i. Pr.: Der derzeitige Stand
der Radiumchirurgie. Behandelt wird in erster Linie
Nw. 1930
die Radiumchirurgie des Kehlkopfcarcinoms, des
Oesophagus-, Blasen-, Prostata- und Rectumcarcinoms,
daneben die Radiumchirurgie der Schädeltumoren, der
Magencarcinome und Mammatumoren.
Thema: Röntgendiagnostik des Dickdarms.
H. H. BERG, Berlin: Den mehr speziellen Refe-
raten der Herren CHAOUL und KNOTHE über obiges
Thema soll hier eine Schilderung der klinischen Rönt-
genuntersuchung des Dickdarms in bezug auf Anzeigen,
Untersuchungsplan, Durchführungsarten, Ergebnisse,
Fehlerquellen und Ausschlußmöglichkeiten voraus-
geschickt werden. Neben der Einstellung auf klinisches
Bild, Röntgenanatomie und -physiologie sollen die
nach den Erfordernissen des Einzelfalles angepaßte
Taktik und Methodik der Untersuchung in ihrer Trag-
weite für das diagnostische Ergebnis und die klinische
Perspektive gewürdigt und durch Beispiele belegt
werden.
H. CHAOUL, Berlin: Die Röntgendiagnostik der
Geschwulstbildungen am Dickdarm. Röntgenologische
Dickdarmuntersuchung versetzt uns zunächst in die
Lage, ganz allgemein organische krankhafte Verände-
rungen mit ungleich größerer Sicherheit zu erfassen als
durch alleinige Verwertung der meist unklaren und
atypischen anamnestischen und klinischen Befund-
erhebung. Wenn auch für die Feststellung der Natur
und Ausdehnung eines Krankheitsprozesses das Rönt-
genverfahren bisher nicht die Sicherheit bietet wie etwa
am Magen, so erfährt dadurch die Wichtigkeit seiner
Anwendung keine Einschränkung. In der Reihe der
Geschwulstbildungen interessiert in erster Linie das
Carcinom. Allgemeine und spezielle Symptomatologie
werden besprochen. Gemeinsam mit letzterer erfahren
die Tumorbildungen nichtneoplastischer Natur unter
besonderer Berücksichtigung differentialdiagnostischer
Momente eingehende Würdigung. Es sind: die hyper-
plastische und die gemischt exsudativ-cirrhotische
Form der Ileocoecaltuberkulose, die Divertikulosis, die
Sigmoiditis diverticulosa, die luetische Proktitis, die
seltene Aktinomykose, die Appendicitis fibroplastica,
die Perityphlitis und der perityphlitische Absceß.
Den Schluß der Besprechung bilden die Komplikationen:
die Stenosen, der Darmverschluß und der Durchbruch
in Organe der Nachbarschaft, einfache und bimuköse
Fistelbildung. Wichtige andere Ursachen werden
erläutert
W. KNOTHE, Berlin: Spezifische und unspezifische
Entzündungen des Dickdarmes und die Erkrankungen
des Wurmfortsatzes im Röntgenbilde. Die Methode der
geringen Füllung gestattet es uns, auch am Dickdarm
ein Reliefstudium zu betreiben, das uns dem anatomi-
schen Anschauungsbild vergleichbare Resultate liefert.
Alle mit makroskopisch sichtbaren Niveauunterschie-
den der Schleimhaut einhergehenden Dickdarmer-
krankungen sind daher dieser Diagnostik zugänglich
und die verschiedenen Formen der spezifischen wie
unspezifischen Colitiden liefern mehr oder weniger
charakteristische Bilder. Die Divertikulosis des Dick-
darmes wird unter besonderer Berücksichtigung des
Schleimhautverhaltens demonstriert; die Erkrankun-
gen des Wurmfortsatzes nach der anatomischen wie
funktionellen Seite.
1054
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Chirurgie, Pa-
thologie, Gynäkologie und Geburtshilfe.
Dienstaa: den 9. September. 11 Uhr: Neue Aula, Universität.
Thema: Die gutartigen Erkrankungen der Brustdriise
in ihren Beziehungen zum Mammacarcinom.
M. ASKANAZY, Genf: Ein Erfolg der Geschwulst
forschung dieses Jahrhunderts besteht in der Erkenntnis,
daß Krebse örtlichen Ursprungs sind und gewöhnlich auf
dem Boden durch voraufgehende angeborene oder erwor-
bene Veränderungen krebsfähig gemachter Epithelzellen
In der Brustdrüse bestehen die gutartigen
Erkrankungen, die zum Krebs führen können, in ge-
wissen Mißbildungen, in manchen Entzündungen, in
einer für das Organ fast spezifischen, mit Cystenbildung
einhergehenden Gewebssprossung (Epitheliofibrose) und
endlich in bestimmten gutartigen Gewächsen, die unter
Umständen bösartigen Charakter annehmen. Keiner
dieser zunächst gutartigen Prozesse muß zum Carcinom
führen, dessen wichtigste Quelle in den beiden letzt-
genannten Erkrankungen gelegen ist Die Unter-
suchungen haben ergeben, daß die Cystenmamma weder
Entzündung noch Geschwulst bedeutet, daß sie aber
noch im Greisenalter
Reizbarkeit des
erwachsen
als Zeugnis einer besonderen,
auch bei Männern zu beobachtenden
Brustdrüsenepithels zu betrachten ist. Dieses Epithel
kann mit metaplastische Veränderung
wuchern und zum Krebs auswachsen. Bei den zu Carci-
nom sich umgestaltenden Geschwülsten verliert die aus
Epithel und Bindegewebe aufgebaute gutartige Ge-
schwulst den organogenetischen Zusammenhang mit
lem Bindegewebe, in das das Epithel zerstörend ein-
wächst. Die gutartigen Erkrankungen der Brustdrüse
liefern manchmal also die notwendige gewebliche Grund-
lage (Organdisposition), zu deren krebsiger Entwick-
lung aber noch andere Reizfaktoren gehören. Mecha-
nische Einflüsse und Röntgenstrahlen sind als Ursachen
in vereinzelten Fällen bekannt. Parasitäre Einwirkun-
Anstoß zum menschlichen Mammakrebs
nicht Erbliche Organdisposition kann
vorhanden sein, genügt aber für sich zur Krebsbildung
nicht. Die Tierversuche lassen als Vorbedingung auf
gewisse Allgemeinschädigung des Körpers mit örtlichem
Widerhall und örtlicher Reizwirkung chemischer Natur
schließen. Das Experiment muß weiterhelfen, nament-
lich um die Überimpfbarkeit der Krebse ohne Fort-
bestand der äußeren Reizfaktoren zu erklären.
P. FRANGENHEIM, Köln: Durch die klinische Be-
obachtung und Untersuchung allein gelingt es nicht,
Zustände in der Brustdrüse vor deı
Carcinoms festzustellen
besonders die Dauerblu-
sein Die als
Fibroma-
usw. be
oder ohne
gen sind als
nachgewiesen.
praecancerös:
völligen Ausbildung
Die ,,blutende Mamma‘,
tung, kann ein Warnungszeichen
Mastitis chronica cystica, Cystenmamma,
Fibroadenomatose, Epitheliofibrosis
zeichneten Veränderungen der Brustdrüse,
die papillomatösen Formen werden von einigen Autoren
als praecanceröse Zustände bezeichnet. Die Frage, ob
die Mastitis chronica cystica mit Notwendigkeit oder
auch nur mit besonderer Vorliebe zum Carcinom führt,
wird verschieden beantwortet. Bei der so häufigen
Latenz des Leidens sind es nur vereinzelte Fälle, die
im Sinne einer Krebsprophylaxe klinisch erfaßt werden
können Carcinombildung aus den umschriebenen
Fibroadenomen ist bisher nicht beobachtet worden
Bei der Mastitis chronica cystica richtet sich die Be-
handlung nach dem klinischen und pathologisch-ana-
tomischen Befund.
eines
tose,
bes« mnders
Kombinierte Sitzungen, Dienstag, den 9. September.
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Physik, Tech-
nische Physik, Astronomie, Chemie, Geophysik, Geologie.
Dienstag, den 9. September, 14°), Uhr: Neue Aula, Universitat.
a) Diskussion über die Vorträge der Hauptgruppen-
sitzung vom Vormittag.
G. KIRSCH, Wien: Zur Kritik der geologischen
Zeitmessung. Eine direkte Bestimmung (elektrische
Zählung der a-Teile aus Thorium) ergab für die Zer-
fallskonstante des Thoriums denselben Wert, den Verf
bereits aus Mineralanalysen abgeleitet hat, und der um
ca. !/, kleiner ist, als der in der angelsächsischen Litera-
tur bis heute verwendete. In letzter Zeit in Wien aus-
geführte Analysen an Morogoroerzkrystallen ergaben,
daß dieselben in bezug auf Pb/U-Verhältnis sehr in-
homogen sein können, und daß einzelne Analysen auch
von krystallisierter Pechblende keine zuverlässige
Grundlage für Altersbestimmungen sind. Das hohe
Alter des Erzes von Keystone und der karelischen Erze
ist sehr zweifelhaft 3ei Mineralien mit starkem Anion
mögen die beschränkten Streuungen der Pb-Verhält-
nisse wirklichen Altersdifferenzen entsprechen, die sehr
großen Streuungen bei metamikten Mineralien dürften
dagegen auf sekundäre Veränderung deuten. Bei
letzteren dürfte uns das Pb-Verhaitnis den Zeitpunkt
angeben, zu welchem zuletzt vollständiger Bleientzug
stattfand.
b) Referat und Diskussion über Kosmische Strahlung
(Höhenstrahlung).
E. REGENER, Stuttgart: Absorption der Ultrastrah-
lung im Wasser. Die im Herbst 1928 begonnenen
Messungen im Bodensee sind weiter fortgesetzt worden
Messungen im Innern eines Schutzpanzers aus Wasser
stellen das Resultat des Vorhandenseins einer ultra-
harten Strahlung gegen den Einwand einer Beeinflus-
sung der Messungen durch radioaktives Wasser sicher
A. CORLIN, Lund: Ergebnisse der Höhenstrahlungs-
messungen in Nordschweden. Kurze Mitteilung über
die Messungen im Observatorium in Abisko, auf dem
Eis des Tornetraesk, auf dem Korsgletscher und auf
dem Gipfel des Kebnekaise 1100 bzw. 2100 m über
Meeresniveau, sowie über die hieraus folgende Stern-
zeitkurve bei hohem und niedrigem Barometerstand
und während magnetisch ruhiger und unruhiger Stun-
den; schließlich über Barometereffekt.
E. STEINKE, Königsberg i. Pr.: Über den Über-
gangseffekt der kosmischen Ultrastrahlung bei Varia-
tion des Absorptionsmediums (nach Messungen von
H. SCHINDLER) Mit einer Differentialapparatuı
wird die durch die kosmische Ultrastrahlung in ver-
schiedenen Stoffen (Pb, Fe, Al, H,O) ausgelöste Streu-
strahlung näher untersucht.
W. M. H. SCHULZE, Neue Mühle: Untersuchung
über die Beziehung der Höhenstrahlung zu erdmagne-
tischen Störungen. Die von CorLIN in Abisko (68° 21,1’
nördl. Breite) in der Zeit vom 16. Oktober 1929 bis
12. Januar 1930 laufend angestellten Höhenstrahlungs-
beobachtungen werden auf Zusammenhang mit erd-
magnetischen Störungen untersucht, indem die durch
Korrektion für Luftdruck und Sternzeit
erhaltenen ‚Restschwankungen‘ der Strahlung mit
den aus den Magnetogrammen geschätzten, in der
Maurainschen siebenstufigen Skala angegebenen De-
für magnetisch ruhige und un-
korreliert werden. Die Er-
Spannung,
klinationsstörungen
ruhige Zeiten getrennt
gebnisse werden diskutiert.
Kombinierte Sitzungen, Dienstag, den 9. September. 1055
Kombinierte Sitzung von Abteilungen beider Haupt-
gruppen. Abt.: Zoologie, Botanik, Angewandte Bo-
tanik, Pharmakologie, Anatomie, Physiologie, Patho-
logie, Hygiene.
Dienstag, den 9. September, 14'/, Uhr: Großer Saal der Stadthalle,
#
Thema: Die Rolle von Kern und Plasma in der Vererbung.
C. STERN, Berlin-Dahlem: Der Kern als Ver-
erbungsträger. Für die Übertragung der Verschieden-
heiten zweier miteinander gekreuzter Individuen ist
die Wichtigkeit des Zellkerns gegenüber der des Zell-
plasmas schon frühzeitig erkannt worden. Seit dem
\ufblühen des Mendelismus wurde diese Erkenntnis
vertieft: Die im Zellkern enthaltenen Chromosomen
erschienen als die Träger der mendelnden Erbfaktoren.
Es wird versucht, einen Überblick über die verschie-
denen Beweisgruppen zu geben, durch welche diese
Chromosomentheorie der Vererbung als gesichert zu be-
trachten ist. Ferner werden die spezielleren Theorien
besprochen, nach denen man auf Grund von genetischen
Deduktionen, die in einigen Fällen durch cytologische
Beobachtungen nachgeprüft werden konnten, auf die
Feinstruktur der Chromosomen schließen konnte. Da-
nach sind die verschiedenen Teile eines Chromosoms
qualitativ voneinander verschieden und die Erbfaktoren
sind in den Chromosomen serial, hintereinander, an-
geordnet. Zum Schluß wird kurz diskutiert, ob der
Kern als der alleinige Vererbungsträger angesehen
werden kann.
G. TISCHLER, Kiel: Plasma (Pflanzenzelle). Aus-
gehend von einem Beispiel an Crepisbastarden, indem
die hier allein vorhandenen männlichen Chromosomen
auch in rein weiblichem Plasma ihre genotypisch be-
dingten Merkmale entfalten konnten, wird auf die Frage
der Möglichkeit reziprok verschiedener Hybriden ein-
gegangen. Oenotheren-, vor allem aber gewisse Epi-
lobien-, Aquilegien- usw. Kreuzungen bringen starke
Stützen für die Auffassung, daß hier neben der Kern-
komponente, dem Genom, noch ein besonderes Plasmon
entscheidend die Merkmale beeinflußt. Vor allem aber
sind hierfür F. v. WETTSTEINs Mooskreuzungen be-
weisend. Die Frage nach der Möglichkeit der Beeinfluß-
barkeit des Eizellplasmas durch zuvorige Kernwirkun-
gen wird gestellt und abgegrenzt. Die oft zitierte ‚‚nicht-
mendelnde‘ Vererbung bei Blattfarbenvarianten gibt
uns die Möglichkeit, die Übertragung von ,,gesundem“
und ‚„krankem‘ Plasma zu diskutieren sowie die Typen
zu sondern, beı denen nur die Mutter, und bei denen
Vater und Mutter Plasma in die Zygote bringen. Natür-
lich brauchen die ‚wirksamen‘ Plasmonmengen von
beiden Eltern im Gegensatz zu den Genomen nicht
gleich zu sein. Einen experimentell erzeugten Hybriden
mit Plasmonen beider Eltern in quantitativen Ab-
stufungen, aber nur einem elterlichen Genom, beschreibt
HARDER bei Basidomycetenpilzen. Außenfaktoren
(Chemikalien, Bestrahlung usw.) können das Plasmon
„mutativ‘ verändern. Und damit würden auch die
Reaktionen, die den Ablauf der Ontogenese ausmachen,
entscheidend geändert werden. Das haben vor kurzem
Baur und seine Schule bei Antirrhinum bewiesen.
Manche derartige Fälle sind vielleicht schon länger be-
kannt, wenn hier auch unbekannte Gründe das Plas-
mon beeinflussen. Selbst die Geschlechtsausprägung
kann dadurch verändert werden. Sollte durch mutativ
umgebildete Plasmone selbst eine Umprägung der Chro-
mosomen in Form oder Inhalt möglich werden (,,Am-
phiplastie‘‘), so wäre auf diesem Wege evtl. sogar ein
Verständnis für die von russischen Forschern angenom-
menen ‚„Historisationsprozesse‘‘ zu erreichen, und es
ließe sich eine Versöhnung zwischen Genetik und
Phylogenetik anbahnen, zwei Disziplinen, die in der
Gegenwart noch stark auseinanderstreben.
II.
F. FÜLLEBORN, Hamburg: Die Wanderung von
Nematodenlarven im Körper des Wirtes. (Mit Dia-
positiv- und Kinodemonstrationen.) Die durch die
Haut in den Wirtskörper eingedrungenen Larven von
im Darm schmarotzenden Nematoden (Ancylostoma,
Strongyloides usw.) gelangen rein mechanisch durch
die Blutzirkulation und das Flimmerepithel der Luft-
wege in den Verdauungstraktus, wo sie geschlechtsreif
werden. Auch bei Ancylostoma und anderen Haken-
wurmlarven, die nach Verfütterung auch direkt im
Darme ausreifen können, ist der Weg durch die Haut
offenbar der ursprüngliche Infektionsmodus. Tricho-
trachelidenlarven (Trichinella, Hepaticola usw.) dringen
zwar nicht in die Haut, nach per os-Infektionen aber
in die Darmwand ein, um mit der Zirkulation zu den
Organen zu gelangen, in denen sie sich weiter ent-
wickeln ; manches deutet darauf hin, daß auch die Vor-
fahren des in die gleiche Wurmgruppe gehörigen, aber
direkt im Darme ausreifenden Trichocephalus sich
vielleicht entsprechend verhalten haben, während
Oxyuren wohl nie ,,gewandert“ sind. Daß mit den
Eiern verschluckte Ascarislarven erst geschlechtsreif
werden können, wenn sie auf dem anscheinend über-
flüssigen Umwege über Leber, Lunge, Trachea, Schlund
und Magen zum Darme zurückgekehrt sind, wird nur
dann verständlich, wenn wir annehmen, daß die In-
fektion ursprünglich durch ,,Zwischenwirte“ erfolgte,
wie es bei im Meere lebenden Ascaroidea der Fall ist.
Auch vom klinischen Standpunkte sind die Wande-
rungen der Nematodenlarven im Körper des Wirtes
von erheblichem Interesse.
L. SZIDAT, Rossitten: Die Entwicklungsgeschichte
des breiten Bandwurms, Bothriocephalus latus (Film
von H. VOGEL, Hamburg). Der breite Bandwurm ist
hauptsächlich in der Fischerei treibenden Bevölkerung
im nördlichen Europa, Asien und Nordamerika weit
verbreitet. Häufig ist er auch in Rumänien und in der
französischen Schweiz, von wo aus er nach Frankreich
und Italien übergreift, ferner in Ostafrika und Mada-
gaskar. Sein Hauptverbreitungsgebiet in Deutschland
liegt in Ostpreußen in der Umgebung des Kurischen
Haffs, wo die Fischerbevölkerung zu nahezu 100% den
Bandwurm beherbergt. Auf den Menschen wird der
breite Bandwurm durch den Genuß von rohen oder
wenig gesalzenen Hechten oder Quappen (Quappen-
leber!) übertragen. Seine Entwicklung, die der Film
im einzelnen zeigt, ist sehr kompliziert (von M. Braun,
Janıckı und Rosen entdeckt) und erinnert durch die
Einschaltung zweier Zwischenwirte (erster Zwischen-
wird Copepoden, zweiter Zwischenwirt Fische) an
die der Trematoden. Die Anwesenheit des Bandwurms
im Menschen bedingt neben schweren Darmstörungen
besonders oft anämische Zustände (Bothriocephalus-
anämie), die vielfach an perniziöse Anämie erinnern oder
sie sogar hervorrufen können, die aber meist nach Ab-
treiben des Wurms schwinden (Lebertherapie).
L. SZIDAT, Rossitten: Die Lebensgeschichte von
Bilharziella polonica Kow. ein Beispiel für die Ent-
wicklung eines Bluttrematoden. Bilharziella polonica,
ein Bluttrematode aus ostpreußischen Enten, ermög-
licht das Studium der nahe verwandten, tropischen Bil-
harziaarten des Menschen an einheimischem Material.
Zum erstenmal wird der vollständige Lebenslauf und
die Biologie eines derartigen Parasiten im Film ge-
zeigt. Neben Aufnahmen, die den Schlüpfakt der Mira-
„g*
75
1056 Kombinierte Sitzungen, Dienstag,
eidien, die Tropismen und die Art des Eindringens det
Cercarien in den Entenwirt zeigen, wird auch die Tech
nik der Gewinnung der erwachsenen Würmer aus den
Venen des Darmes gezeig In den Erläuterungen zum
Film wird auch der Wanderungsweg der Cercarien von
der Infektionsstelle zu dem Venensystem dargestellt
Verschiedene ch strittige Fragen über den Infektions-
modus der Bilharzien und über die Verteilung der Ge-
schlechter wird über die
Eignung von Bilharziellaenten zu therapeutischen Ver-
berichtet
werden erörtert, desgleichen
uchen werden
Kombinierte Sitzung der Abteilung Geophysik mit der
Abteilung Astronomie.
Dienstag, den 9. September, 17 Uhr:Hörsaal des PhusikalischenInstituts
F. HOPFNER, Wien: Bericht über die Methoden der
Schwerkraftreduktion. In dem Bericht werden die bisher
allgemein bekanntgewordenen Methoden zur Reduktion
der beobachteten Schwerkraftwerte auf eine vor
Niveaufläche vom Standpunkt der zweiten
Potentialtheorie aus kritisch
Abplattung aus
CLAIRAUTschen
Lösung dieser
werden BRILLOUINS
Reduktion der Schwerkraftwerte auf
10-km-Hdhe einschließende Niveau
Vorbereitung der Schwerkraft
Lésung der zweiten Rand
rege be ne
tandwertaufgabe der
Bestimmung det
Hilfe des
sehr spezielle
besprochen Die
Schwerkraftwerten mit
[Theorems kann als eine
Randwertaufgabe angesehen
Vorschlag zur
Erde in
bezweckt die
eine die
fläche
werte für eine allgemeinere
vertaufgabe, und zwar der Randwertaufgabe für den
\ußenraum Die Bestimmung der Niveaufläche in
Meereshöhe aus Schwerkraftwerten führt dagegen auf
eine zweite Randwertaufgabe von besonderer Formu
lierung, mit deren Lösung sich die Physik bisher nicht
befaßt hat Die sich bei ihrer Lösung einstellenden
Schwierigkeiten hat die Geodäsie dadurch zu umgehen
diese besondere Aufgabe durch
Reduktion der Schwerkraftwerte in eine
\ußenraumes zu verwandeln suchte; hierher
gehören die Reduktionsverfahren von BoUGUER, HEI
Kondensationsverfahren, Rupzkıs Inversions
verschiedenen isostatischen Reduk
Reduktionsverfahren for
Erdkörper die von
versucht, daß sie
geeignete
solche des
MERTS
verfahren und die
tionsmethoden Alle
Massenverschiebungen im
die se
dern
Folgeerscheinungen begleitet sind, die die überzeugende
Beantwortung heikler Fragen nach der Erdfigur, wie
von vornherein ausschließen. Nur
liegt ein Verfahren vor,
ihre Dreiachsigkeit
in Preys Reduktionsmethods
keinen Massenbewegungen
Schwerkraftwerte gibt, die zur
Lösung jener besonderen zweiten Randwertaufgabe der
Geodäsie geeignet sind. Beim Vergleich des Verfahrens
von PREY mit dem Verfahren BUGUER, mit det
Freiluftformel und mit den Reduktions
verfahren zeigt daß drei letztgenannten
Verfahren Schwerkraftwerte geben, die Rand-
werte Schließlich wird der sogenannte Term von
der die Randwerte an der Niveau
gleichen Potential
I olgee rs he 1
das mit operiert und das
daher allein strengen
von
isostatischen
sich diese
keine
sind
Bruns besprochen
Niveausphäroid
Sodann
fläche auf das
überträgt
nungen erörtert, die
werden die
AuBerachtlassung
wertes
sich durch dic
dieses Terms einstellen sowie seine grundsätzliche Be
deutung für die Begründung von der Lehre der Isostasi«
W. HEISKANEN, Helsinki: Die Undulationen des
Geoids und die Isostasielehre. Werden die in den
Hochgebirgen beobachteten Schwerewerte mit Berück
sichtigung der sichtbaren Massen in üblicher Weise
aufs Meeresniveau reduziert, so werden die reduzierten
als diejenigen im Flach-
die erheblichen nega-
Schwerewerte viel
lande sein. Diese
geringer
Erscheinung
den 9. September, und Mittwoch, den 10. September.
tiven Schwereanomalien wird allgemein durch das
Isostasieprinzip erklärt, das heißt dadurch, daß die
mittlere Erdkrustendichte unterhalb der Gebirge
geringer als unterhalb der Flachländer ist, so daß die
anziehende Wirkung der Gebirge durch die unterirdi-
schen Massendefekte größtenteils kompensiert wird
In den letzten Jahren hat man dagegen behauptet,
daß das Geoid unterhalb der G« birge so viel oberhalb
des Sphäroids liegt, daß die beobachteten negativen
dadurch und
Prinzip erklären lassen. Es wird vom Vortr.
durch mehrere Beispiele gezeigt, daß die tatsächlichen
Undulationen des Geoids wenigstens zehnfach zu gering
Schwereanomalien sich ohne das iso-
statische
sind, um die beobachteten Schwereanomalien erklären
zu können. Es wird außerdem bewiesen, daß die an-
genommenen großen Undulationen des Geoids in Wider
spruch mit den beobachteten Lotabweichungen stehen
G. KRUMBACH, Jena: Über das Herdtiefenproblem.
Herdtiefe bei Erdbeben hat ihre
Erforschung des Aufbaus der Erd-
Auslösungsvorganges det
Während die
Die Bestimmung deı
Bedeutung für dic
kruste
Energie im
sowie auch des
Bebenherde makroseismi
auch in
schen Methoden von KÖVESLIGETHY-JANOSI
ihrer Erweiterung durch INGLADA, nur rohe An
räherungswerte liefern können, ergeben sich aus der
Laufzeitkurven für
Herdentfernungen verschiedene Wege zur exakten Er-
forschung der Herdtiefen. Sämtliche Verfahren, dic
sich auf Bestimmung des Wendepunktes der Laufzeit-
Kenntnis det geringe
genauen
kurven stützen, können auch heute noch nicht zu
einem befriedigenden Ergebnis führen, da die Zeit
genauigkeit der Einsätze im Seismogramm und auch
die Stationsdichte für diesen Zweck in vielen Fällen
nicht ausreichend ist \m erfolgreichsten sind die
Verfahren, die sich auf die Bestimmung der Laufzeit-
differenz P, P sowie P P,_, (GUTENBERG) und
Laufzeitdifferenz der an der Erdoberfläche
55 km) reflektierten Wellen
Auch bei Fern
auch der
und der Grenzfläche (d
(Monorovitic-INGLADA)
beben besteht nach GUTENBERG und BERLAGE die
Möglichkeit, einzelne Zacken im Bereich des 1. Ein
satzes als reflektierte Wellen zu deuten und aus deren
Zeitdifferenz die Herdtiefe des Bebens zu ermitteln
Während im allgemeinen Herdtiefenuntersuchungen
zu Herden innerhalb der Erdkruste führen, beobachtet
Beben in Japan (WADATI) und
Nied.-Indien (Vısser) Herdtiefen von 300— 400 km
Diese Werte müssen zu Abweichungen
tungen im ganzen Bereich der Laufzeitkurven führen,
auch für die Vorläuferwellen (IKRUMBACH) und
Kernwellen P’ (Turner) in manchen Fällen nach-
gewiesen wurde Eine endgültige Bestätigung diese
Ergebnisse würde neue Gesichtspunkte zur Erforschung
des Auslösungsvorganges im Herde sowie der Einsätze
im Seismogramm ergeben. Da in den großen Tiefen
Massengleichgewicht vorausgesetzt werden muß, kann
daher ein rein mechanischer Vorgang kaum als Ent-
Erdbeben angenommen werden.
beziehen
man bei manchen
der Beobach-
was
stehungsursache der
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Hygiene, Ve-
terinärmedizin, Innere Medizin,Dermatologie, Kinderheil-
kunde, Pathologie, Pharmakologie, Zoologie, Botanik,
Angewandte Botanik, Agrikulturchemie.
Mittwoch, den 10. September, 14/2: Uhr: Hörsaal des pharm.-chem.
Instituts, Besselstr. 3
Thema: Entstehung von parasitären Krankheiten bei
Menschen, Tieren und Pflanzen.
K. FRIEDERICHS, Rostock: Massenvermehrung
tierischer Schädlinge. Bei der Entstehung von Schäden
durch Tiere an Kulturpflanzen stehen Tier und Pflanze
Kombinierte Sitzungen, Mittwoch, den 10. September. 1057
einander als Gegenspieler gegeniiber. Es kommt nicht
allein auf die Menge der Schadlinge an, sondern ebenso-
sehr auf die Anzahl und Gewichtsmenge der Pflanzen,
gegen die sich der Angriff richtet (Differentialfaktor),
sowie auf die Widerstandsfähigkeit der Pflanze. Die
Anzahl der Schädlinge kann sogar gleichgültig sein,
wenn Sorten gezüchtet werden, die gegen sie immun
sind. Als Schädlinge kommen in Betracht hauptsäch-
lich Nematoden, Insekten, Schnecken und Nagetiere.
Die erste Voraussetzung für eine Massenvermehrung
der Schädlinge ist ein für sie geeignetes Klima. Die
Wirkung desselben ist oft nur eine indirekte Direkt
äußert sich diese Wirkung darin, daß die sehr hohe
Mortalität derNachkommen durch ungünstige Tempera
tur- und Feuchtigkeitsgrade, welche unter normalen
Umständen sehr hoch ist, stark herabgesetzt wird,
weil das günstige Wetter diese Einschränkung ihrer Veı
mehrung ausschaltet. Oft ist zum Entstehen einer Plage
eine durch mehrere Jahre kumulierte Vermehrung nötig
Indirekt kann sich der Einfluß des Wetters in einer Ver-
minderung oder nicht mit der des Schädlings Schritt hal-
tenden Vermehrung der Biophagen (natürlichen Feinde)
der schädlichen Art äußern. Das Wetter beeinflußt aber
iuBerdem die Pflanze. Es kann sie in einen für den
Schädling günstigen Zustand der Säfte versetzen und
zugleich ihre Widerstandsfähigkeit herabmindern. Es
kann ihre Individuen- und Gewichtsmenge vergrößern
oder herabsetzen, so daß der Angriff der Schädlinge
sich im letzteren Falle auf eine kleinere Angriffsfläche
verteilt, womit sich der Schaden vergrößert. Das
Wetter bestimmt die Flächendichte der Schädlinge, d. h
ihr durchschnittliches Vorkommen über größere Land-
striche, die gleiches Klima haben. Die Ortsdichte der
Schädlinge, d. h. ihr mehr oder minder starkes örtliches
Vorkommen aber hängt von der Geländegestaltung
dem Boden und der Biocönose (der Pflanzendecke und
der Tierwelt) ab, welche alle zugleich das örtliche Klima
bestimmen. Die Biocönose oder Lebensgemeinschaft
tritt außerdem örtlich als ein die Vermehrung begün-
stigender oder einschränkender Faktor auf, und zwaı
begünstigend, soweit es sich um Pflanzen handelt, als
Monokultur, einschränkend als Mischkultur; soweit es
sich um Tiere handelt: einschränkend durch Parasiten,
begünstigend durch Hyperparasiten und allgemeine
\rmut der Biocönose an Tieren, die ein Gegengewicht
gegen den Schädling darstellen. Solche Verarmung der
Biocönose tritt durch menschliche Tätigkeit ein. Inten-
sivierung jeder Art, Vordringen der Zivilisation läßt
die Biocönose verarmen, es sei durch Monokultur oder
durch sonstige Veränderung der natürlichen Lebens-
bedingungen der Tierwelt. Aber nicht jede Massenver-
mehrung hat menschliche Tätigkeit zur Voraussetzung
sondern auch Urwald und Steppe kennen Massenver-
mehrung pflanzenfressender Tiere, die aber hier nie-
mals chronisch wird, weil die natürlichen Gegengewichte
alsbald entgegenwirken. Für den Massenwechsel deı
Nematoden scheinen besondere Grundsätze zu gelten,
indem ihre schädliche Wirksamkeit hauptsächlich auf
ihreı Begünstigung durch kulturelle Maßnahmen
mangelhafte Fruchtfolg« beruht Aber auch ihr
Massenwechsel wird vom Wetter des Jahres beeinflußt
Zu den Ursachen großer Plagen gehört auch mangelnde
Widerstandsfähigkeit der Pflanzen, z.B. gegenüber neu
eingeschleppten Schädlingen. Die Entstehung von Epi-
emien dieser Art im Kulturgelände ist also das Resul
tat eines komplizierten Zusammenwirkens von verschie-
denen Faktoren Das allgemeine Klima können wir
nicht ändern, wohl aber die Biocönose und damit auch
das Kleinklima beeinflussen, das z. B. im Mischwald in
mancher Beziehung ein anderes sein kann als im reinen
Bestand oder zwischen dicht gepflanzten Baumwoll-
pflanzen ein anderes als in weitläufig gepflanzten. Es er-
wächst die Aufgabe für die Wissenschaft, die für die
lokale Verhütung der Piagen geeignete Zusammen-
setzung der Biocönose sowie geeignete kulturtechnische
Maßregeln zu finden, und für die Praxis, der durch
Überrationalisierung eintretenden weiteren Verarmung
der Biocönose entgegenzuwirken.
E. MARTINI, Hamburg: : Die Wirbellosen als Über-
träger von Krankheiten des Menschen. Nach Einführung
in die Problemstellung beim gelben Fieber wird ausge-
führt: r. Alle Gruppen pathogener Organismen haben
Vertreter, welche durch andere Tiere in ihrer Existenz
und Verbreitung unterstützt werden. 2. Diese Hilfe-
leistung anderer Organismen für Parasiten ist eine allge-
meinere Naturerscheinung als die Blütenbestäubung
durch Insekten. 3. Als Krankheitsüberträger spielen die
Insekten für den Menschen bei weitem die erste Rolle!
Warum? 4. Der Krankheitserreger kann nicht nur
mechanisch übertragen werden, er kann auch den
Überträger als Wirt ausnützen. 5. Die biologischen
Anpassungen zwischen Überträger und Krankheits-
erreger sind oft sehr fein. 6. Wenn der Überträger die
einzige Verbreitungsmöglichkeit eines pathogenen Para-
siten darstellt, ermöglicht die messende Epidemiologie
eine Vorstellung von der gesetzmäßigen Abhängigkeit
der Seuche von der Gradation des Überträgers. 7. Es
läßt sich eine Anzahl Stufen der Einmischung der
übrigen Biocönose in das dreieckige Verhältnis Mensch,
Seuchenerreger, Überträger erkennen. 8. Durch diese
Einmischung sind die einschlägigen Seuchen nicht nur
den Einflüssen der Kultur, sondern auch des Bodens
und des Klimas unterworfen und in ihrem epidemio-
logischen Habitus bestimmt. Bei allen größeren Grup-
pen von Krankheitserregern des Menschen finden sich
solche, welche in ihrer Verbreitung durch Tiere unter-
stützt werden, sei es, indem diese Eingangspforten
schaffen, nur Zwischenwirte oder daß sie Überträger
sind. In der Enge der Beziehungen zwischen Krank-
heitserregern und Überträgern und in der Spezifität
des Erregers für den Menschen und für den Überträger
lassen sich eine Anzahl Stufen erkennen, deren beson-
dere Verhältnisse sich in der Epidemiologie reflektieren.
Durch diese Verankerung der Seuchenlage in Biocönose
des Menschen zeigen sich die Epidemien stark beein-
flußt durch Klima, Boden und Kultur. Die epidemio-
logischen Probleme lassen sich gerade bei den durch
andere Tiere verbreiteten Seuchen unter mathemati-
schen Gesichtspunkten besonders scharf formulieren.
£
Ganz parallel liegen die Verhältnisse in der Tier- und
Pflanzenpathologie. „
C. SPREHN, Leipzig: Wirbellose als Überträger
von Haustierkrankheiten. Wirbellose spielen als Über-
träger von Haustierkrankheiten eine große Rolle. Einen
Hauptanteil haben sie an der Übertragung zooparasi-
tärer Krankheiten, so werden mit Ausnahme der Be-
chälseuche der Pferde alle tiermedizinisch wichtigen
[rypanosomen, Leishmanien, Piroplasmen z. B. durch
\rthropoden übertragen. Noch beachtlicher sind Wir-
bellose als Überträger von Helminthen, so benutzen
z.B. Filarien vielfach Arthropoden als ‚„Transport-
wirte‘‘. Dieselben Wirbellosen übertragen auch eine
Reihe von Cestoden (Dipylidium canınum, viele Ge-
flügelcestoden usw.) und Trematoden (Prosthogonimus-
Arten, Plagiorchis-Arten usw.). Cestoden und besonders
[rematoden werden aber auch vielfach von Mollusken
übertragen, die für Trematoden stets den Zwischenwirt
darstellen und daher zur Entwicklung dieser Parasiten
unentbehrlich sind. Auch eine Reihe von Krankheiten,
die durch ultravisible Erreger verursacht werden, haben
Kombinierte
1055
>
ils Überträger Wirbellose, z. B. die afrikanische Pferde-
sterbe (Insekten) u.a. Eine nicht zu unterschätzende
und heute noch lange nicht
Rolle
1
genügend erkannte und
scheinen Wirbellose auch als Über-
träger bakterieller Krankheiten zu spielen. Sektions-
Biberratten (Nutria), die an Paratyphus
deuten darauf hin, daß hier ein ur-
Auftreten des
dem Befall mit dem Leberegel Fasciola
he patıca zu bestehen scheint. In Silberfuchsbeständen
mit starkem Spulwurmbefali erkranken die Jungtiere
an Paratyphus, und auch hier scheint der Be-
Überträgerrolle deı
Paratyphus
mit verschiedenen Erregern
Versuchstieren, die gleichzeitig mit
wurden, ebenfalls
Auffassung zu geben, daß Helminthen
Is Überträger bakterieller Krankheiten unsere
lere Aufmerksamkeit verdienen. Bekannt ist
Wirbellose häufig rein mechanisch
Krankheiten von Tier zu Tier übertragen können. In
3eziehung sind besonders beachtlich die Arthro-
gewürdigte
befunde an
verendet wareı
sächlicher Zusammenhang zwischen dem
Paratyphus und
1aufig
fund auf dic wandernden Spul
hinzuweisen.
bakterielleı
vurmlarven bezüglich des
Versuche
Krankheiten an
scheinen
\scaridenlarven infiziert
Belege für dic
beson
ferner
ansteckende
dieser
poden
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Augenheilkunde,
Physiologie, Biologie, Röntgenkunde. (Hingeladen dic
Abteilunge n Innere Medizin, Pathologie, Physik, An
ge wandte Physik
Mittwoch, den 10, September, 14°, Uhr: Gehauhrsaal
Thema: Auge und strahlende Energie.
W. HOFFMANN, Kénigsberg i. Pr.: Uber die Wir-
kung des sichtbaren Lichtes, des Ultraviolett und Ultra-
rot auf das Auge. Bei den Untersuchungen über dic
Wirkung des Lichtes auf das Auge steht die praktisch
htige Frage im Vordergrund, welcher Spektralteil
Ursache für solche Erkrankungen des Auges an-
hen werde kann, welche offenbar durch über-
Bige Einwirkung des Lichtes entstehen: die sog
Schneeblindheit, Blendungen durch starke Lichtquellen
ez. B f Betrachten einer Sonnenfinsterni
ler beim S iben vorkommen, wenn das Auge nicht
enügend geschützt ıst, schließlich der graue Star bei
G ern und Kettenmachern. Dabei haben sich di
erschiedensten Ansichten gebildet, je nachdem man
Ult lett ichtbare Licht oder das Ultrarot
le ılle ! | en Spektralteil hält. Uber diese
Fragen hat h bisher Übereinstimmung nicht erzielen
el Der G I dafür liegt bei den durch einmalig:
tar} I twit hervorgerufenen Erkrankungen
Sch keit, einzelne Spektralteile rein, ohne
Beir iu nderer, in genügender Intensität zu e1
t elf wegen des zu den Versuchen ver
te ‘ hten Lichts die Kesultate zu Irrtümern
hren ı ste Bei anderen, die nach jahrzehntelang:
k.ınwirkur ftreten, ergeben sich die Schwierigkeiten
Bedingungen experimentell kaum nacl
2 kine |] 7 de gen läßt sich nur
te t { Unt« l erwarter au zu
t hst reiner Strahlung und verschiedener
Intensität einm: er und wiederholter Einwirkung
ti tione on Spektralteilen angestellt
‘ ‘ Ci eigener Untersuchungen wird
Wirkuı ‘ einzelnen Spektrale ausführlich dar
W. ROHRSCHNEIDER, Berlin: Über die Wirkung
der Röntgenstrahlen auf das Auge. Die heute als ge
ert zuse | lat he, daß die direkte Be
Röntgen
‘ ‘ keladaptierten Auge mit
I ti findut hervorruft vird mit
Sitzungen, Mittwoch, den 10. September.
ihren verschiedenen Erklärungsmöglichkeiten erörtert.
Bei den Ausführungen über die Wirkung der Röntgen-
strahlen auf die Zellen und Gewebe der einzelnen Teile
des Auges wird zunächst auf die Besonderheiten ein-
gegangen, welche das Auge als Objekt der Strahlenwir-
kung bietet. Diese sind begründet in dem anatomischen
Bau des Auges sowie in der Art der Auswertung von
rierversuchen bei Bestrahlung der Augen. Es werden
sodann die klinischen und mikroskopischen Verände
rungen demonstriert, welche die einzelnen Teile des
Auges durch die Einwirkung der Röntgenstrahlen er
leiden, wobei besonders auf die Schädigungsdosis und
die Wirkung verschiedener Strahlenqualitäten ein-
gegangen wird Der röntgenstrahlenempfindlichste
Teil des Auges ist die Linse, da bei Tier und Mensch
Linsenschädigungen schon nach einmaliger Anwendung
der Epilationsdosis beobachtet werden können
I. KRASSE, Wien: Anwendung und Dosierung von
Buckys Grenzstrahlen in der Augenheilkunde. An der
1. Universitäts-Augenklinik in Wien haben wir durch
Feststellung der Toleranzbreite und Schädigungsdosis
des Kaninchenauges und durch
brauchbaren therapeutischen Dosis (nach Qualität und
Ouantität) an Menschenaugen die in der Dermatologie
so gut bewährte Grenzstrahltherapie in die Augenheil-
kunde eingeführt Bericht über 200 Patienten, bei
denen Grenzstrahlen am Auge angewendet wurden
Die Erfolge, die mit der Behandlung mit Grenzstrahlen
gewisser oberflächlicher Hornhauterkrankungen er
zielt werden können, sind allen anderen therapeutischen
Maßregeln überlegen
Augenkrankheiten erwies sich die Grenzstrahlbehand-
lung der übrigen Strahlentherapie gleichwertig. Gegen-
über der Ultraviolettstrahlenbehandlung zeichnet sich
durch die Kürze und
sogar durch die analgetische Wir
Bestimmung einer
Bei manchen anderen ‚‚äußeren
die Grenzstrahlbehandlung
Schmerzlosigkeit, ja
kung der Bestrahlung aus und durch die Tatsache, daß
für die abgekürzte Heilungsdauer viel weniger zahl
reiche Sitzungen ausreichen. Bei der Behandlung det
Hornhauterkrankungen ist eine voran
gegangen Abschabung des Epithels nicht nötig
Gegenüber der Röntgen- und Radiumtherapie behaup
tet die Grenzstrahltherapie ihre Überlegenheit in det
oberflächlicher \ugenerkran
kungen, da die Buckystrahlen infolge ihrer geringeren
Penetrationskraft für die tieferliegenden Schichten de
Auges ungefährlich sind. Auch ist ihre Toleranzbreite
herpetischen
Behandlung gewisser
eine größere
A. KOHLRAUSCH, Tübingen: Lösung des Pro-
blems der Qualitätenleitung in der einzelnen Opticus-
faser. Die ins Auge fallende Strahlung löst bereits in
der Netzhaut die ersten physiologischen Prozesse aus
Diese letzten
schieden heller und
Daraus ergibt sich die viel erörterte Frage: wie
führen Endes zur Wahrnehmung ver
verschieden gefärbter Dinge det
Umwelt
kann es bei minimalen nur wenige, vielleicht nur ein
Netzhautelement treffenden
Farben und Helligkeiten
einzige Objekten zuı
Wahrnehmung verschiedener
kommen am Ort des schärfsten Sehens ın deı
Fovea centralis tatsächlich der Fall ist
usgedrückt
oO wie ¢
oder andet
wie kann eine einzelne ( )pticuslaser, trotz
„Alles- oder Nicht
Mannigfaltigkeit von Erregungen zum
möglicherweise geltendem Gesetz‘
die erforderliche
Zentrum leiten
Frage auf der allgemeinen Grundlage deı
Nerven‘
Hilfshypothesen erforderlich sind
Diese drei Tatsachen sind: ı
aller
der Erregungsoszillationen (Nervenimpuls
Drei neuere Entdeckungen geben di
lösung det
‚Stromtheoric der Erregungsleitung im
ohne daß weitere
Die Erregung und Leitung
sensorischen Nerven ist oszillatorise h die Frequen
teigt mit
Kombinierte Sitzungen, Mittwoch, den 10. September. 1059
der Reizstärke (F. W. FRÖHLICH, ADRIAN). 2. Form
und Verlauf des stetigen Aktionsstromes der Retina sind
mit Wellenlänge und Lichtzusammensetzung gesetz-
mäßig veränderlich, unter algebraischer Summation der
Stromformen bei Lichtmischungen (A. KOHLRAUSCH,
Brossa). 3. Die Frequenz- Wechsel der Opticusimpulse
sind ein oszillatorisches Abbild der jeweiligen Form des
Netzhautstroms (ADRIAN, MATTHEWS, A. KOHLRAUSCH).
Zu ı. bis 3. einige Lichtbilder.) Aus der ersten Tat-
sache folgt unmittelbar: Die absolute Frequenz der Ner-
venimpulse ist Leitung verschiedener Intensitäten in
einer einzelnen Opticusfaser (I. v. Krres). Aus der
zweiten und dritten Tatsache folgt unmittelbar: die
verschiedenartige Zeitfolge der Frequenzwechsel ist
Leitung verschiedener Qualitäten in einer einzelnen Opti-
usfaser (A. KOHLRAUSCH). Bei Identität der Einzel-
mpulse (,,Alles- oder Nichts-Gesetz‘‘) bleiben ı. die
absolute Frequenz und 2. die verschiedenartigen Frequenz-
wechsel die einzigen Möglichkeiten der Intensitäten-
bzw. Qualitätenleitung in einer einzelnen Nervenfaser.
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Innere Medizin,
Chirurg Gynäkologie, Pathologie, Ohrenheilkunde.
Mittwoch, den 10, September, 16 Uhr: Urania-Theater.
Thema: Thrombose und Embolie.
A. DIETRICH, Tübingen: Wesen und Bedingungen
der Thrombose und Embolie. Bei dem Begriff der
Ihrombose, der Abscheidung eines festen Pfropfes aus
len Bestandteilen des Blutes innerhalb der Gefäßbahn,
müssen wir die örtlichen Thromben von der fortschrei-
tenden Thrombose unterscheiden; letzterer kommt die
praktisch größere Bedeutung zu. 2. Für die Ent-
stehung, den Ort, Größe und Schicksal eines Thrombus
st das Zusammenwirken mehrerer Bedingungen, in
lenen eine Änderung der Beziehungen von Gefäßwand,
Blut und Strömung zum Ausdruck kommt, maß-
gebend. 3. Die Innenschicht der Gefäße ist nicht nur
eine Gleitfläche, vielmehr steht sie auch in den großen
Venen und Arterien in stetem Austausch mit dem Blut
\nderungen dieses Verhältnisses können zur Nieder-
schlagsbildung an der Innenschicht und zu Abscheidung
von festen Blutbestandteilen (Blutplättchen, Leuko-
cyten, Fibrin) führen, wobei die Zusammensetzung des
Blutes und Strombehinderung begünstigend mitwirken.
4. Abgesehen von mechanischen Wandschädigungen
können Änderungen der Beziehungen von Gefäßwand
und Blut durch gesteigerte Resorptionsleistungen ge-
geniiber körperfremden Stoffen oder Krankheitskeimen
ausgelöst werden. Die Anpassung (Sensibilisierung)
gegenüber solchen Leistungen setzt einen Zustand der
[hrombenbereitschaft voraus, der bei neuen Anforderun-
gen zur Abscheidung an der Gefäßwand und unter gleich-
zeitigen Kreislaufstörungen zum geschichteten Throm-
bus führt. 5. Aus der örtlichen Thrombose wird die fort-
schreitende durch Weitergreifen der Reaktion zwischen
Gefäßwand und Blut oder durch weitergehende Einflüsse
iuf das Blut. Die Bedingungen des Kreislaufs (Ver
angsamung, Wirbel) gestalten die Form. 6. Die Rolle
infektiöser Einwirkungen ist nicht auf die örtliche Re
orption von Keimen oder Stoffwechselprodukten be
schränkt, auch nicht abhängig von Keimen im Throm
bus selbst. Von irgendeinem Infektionsherd kann an
ntfernter, reaktionsbereiter Stelle eine Thrombose aus
selöst werden (Fernthrombose Andere Vorgänge des
Gewebsabbaues und der Resorption von Zerfallspro
lukten wirken in gleichem Sinne. 7. Thrombose ist
omit kein rein mechanischer Vorgang der Abschei
dung aus dem Blut, sondern ein reaktiver Vorgang
wsgelöst durch Störung des Verhältnisses von Blut
und Gefäßwand, sei es, daß die Schädigung der Wand
oder die Veränderung der Blutbeschaffenheit stärke.
hervortritt oder beide gleichmäßig zusammenwirken,
Eine Behinderung der Blutströmung tritt als Begünsti-
gung und formgestaltende Bedingung hinzu. 8. Die
Gefahr der Verschleppung (Embolie) ist gering bei ört-
lichen Thromben von beschränkter Ausdehnung, da
die Organisation bald die Abscheidung fest mit der
Wand verbindet. Sie ist groß bei den fortschreitenden
Thromben, zumal wenn plötzliche Umstimmung des
Verhältnisses von Gefäßwand und Blut zu rascher Ab-
scheidung lockerer Pfropfmassen führt. Daher werden
massige Lungenembolien vorwiegend von frischen roten
Gefäßausgüssen gebildet, die sich von älteren, festeren
Teilen losgerissen haben.
A. MAYER, Tübingen: Thrombose und Embolei
vom Standpunkt des Gynäkologen. ı. Von der vielfach
berichteten Zunahme der Thrombose scheint es Aus-
nahmen zu geben. Eine wirkliche Zunahme der kau-
salen Bedingungen scheint schon deswegen nicht sicher
bewiesen, weil wir diese nicht genau kennen. Die
puerperale Thrombose scheint häufiger als die posts
operative. Vermutlich hat die Verschiedenheit der
Krankenmaterials (Varicen, Geburtenzahl, Arbeit, Er-
nährungsart usw.) auf die Häufigkeit Einfluß; darum
sollte man nicht Zahlen vergleichen, sondern Menschen
2. Die Embolie ist bei uns häufiger geworden, auch ohne
Zunahme der Thrombose. Im einzelnen ist dabei die
Embolie häufiger nach Operation als nach Geburt
häufiger nach okkulten und blanden Thrombosen als
nach manifesten und infektiösen. 3. Die wirkliche
Häufigkeit der Embolie ist schwer zu beurteilen, weil
die Erkennung nicht immer ganz leicht ist und weil
Verwechslungen mit Gallenblasenanfällen, Nierenstei-
nen, postoperativen Peritonitisattacken usw. vor-
kommen. 4. Die Differentialdiagnose zwischen infek-
tiösen und blanden Thrombosen läßt sich klinisch
weder nach Symptomen (Fieber, Schmerz), noch nach
Verlaufsart (Tempo und Dauer der Beinanschwellung
immer sicher durchführen. Die klinische Beobachtung
bedarf in dieser Richtung künftig sehr der Verschärfung
und der gesteigerten Sorgfalt. 5. Worin das gelegent-
lich sehr rasch erfolgende Abschwellen des Beines seine
Ursache hat, ist unbekannt (infektiöse oder blande
I[hromben? Verhalten der Venenklappen und Kolla-
teralen? usw.). Der Zeitpunkt der größten Embolie-
gefahr ist fraglich. 7. Die Behandlung der Thrombose
mit Gehverbänden verdient Beachtung. Eine sichere
Prophylaxe gegen Thrombose und Embolie gibt es nicht
8. Die TRENDELENBURGsche Operation bei Embolie ist
eine wesentliche Bereicherung. Am erfolgreichsten ist
sie da, wo eine Solitärembolie ohne Operation tödlich
verlaufen würde; dieses aber ist klinisch oft nicht zu
entscheiden. Die Indikationsstellung ist daher un-
gewöhnlich schwer. Am striktesten ist die Indikation
daher bei Sterbenden; hier sollte man immer den Ver-
such der Rettung durch die Operation machen.
O. NORDMANN, Berlin: Thrombose und Embolie.
A. BÖTTNER, Königsberg i. Pr.: Zur Thrombose-
Emboliefrage. Die Häufung der Thromboemboliefall
beginnt mit Ausnahme der Schwangersc nse
:
hre, wo Störungen der vege
der vierziger Ja
hormonellen Regulation (nicht nur thyreogenen!) Boder
fassen können. In dieser Hinsicht fördernde oder
1 -
konkurrierende Momente können sein
Lebensintensivierung, Luxusernährung mit Fö
intestigogener Intoxikation, kritiklose Vitaminsu
vielleicht auch der Genuß von Südfrüchten im Winter
usw., die fabrikmäßige Herstellung innersekretorische
Nahrungs
Präparate entzieht womöglich dieselben deı
mitteln. Bei den gehäuften Thromboer
1060 Kombinierte Sitzungen, Mittwoch den
kardiovasculären Erkrankungen spielt die Herzkraft
steigernde und zugleich übertriebene moderne Ent-
wässerungsbehandlung (Bluteindickung?, cf. Polycyt-
hämie!) eine Rolle, wobei Endothelschaden in erlah-
menden Gefäßprovinzen Ausschlag für spontane Throm-
bosenbildung geben kann. Prophylaktisch sind neben
innersekretorischer Behandlung (Schilddrüse!) Bett-
ruheschäden (z. B. mit dem BöTrnerschen Beinhoch-
lagerungsgerät) zu bekämpfen. Therapeutisch kommt
u.a. neben Peptongaben und O,-Atmung Spinalpunk-
tion in Frage
A. BLOHMKE, Königsberg i. Pr. : Zur Thrombose und
Embolie. Die Lehre von der Thrombose ist von der
Otologie durch Erforschung der pathologischen Vor-
gänge bei der otogenen Thrombophlebitis in ihren
lokalen sowie allgemeinen Auswirkungen fruchtbringend
gefördert worden. Es gelang ihr früher und eindeutiger
als anderen Disziplinen, sowohl das klinische Krank-
heitsbild dieser Erkrankung scharf herauszuarbeiten,
als auch die Ergebnisse dieser Forschung mit einer
erfolgreichen operativen Therapie zu verbinden. Das
war dadurch möglich, weil die im Felsenbein gelegenen
und Venensysteme infolge ihrer besonderen
ınatomischen und Abflußbedingungen es
statten, einerseits das Übergreifen eines Infe ktionspro-
zesses auf das Sinusrohr und damit die Entstehung
Thrombose in ihm genau zu verfolgen, anderer-
seits den ursächlichen lokalen thrombophlebitischen
Krankheitsherd wirksam auszuschalten und damit eine
Heilung der durch diesen vermittelten septicopyämi-
schen allgemeinen Krankheitserscheinungen in der
überwiegenden Mehrzahl der Fälle zu erzielen. Es ist
zu hoffen, daß es mit der Zeit auch in anderen Körper-
nicht zuletzt unter Ver
bei septicopyämischen
‚den
sinus
Lage ge-
einer
gebieten möglich sein wird
wertung der in der Otologie
Krankheitszuständen gewonnenen Erfahrungen
in solchen Fällen sicher immer vorhandenen, mit den
heutigen diagnostischen Möglichkeiten aber noch nicht
feststellbaren kausalen Krankheitsherd systematisch
aufzudecken und ihn ebenso günstig operativ zu beein-
flussen, wie es heute bei der otogenen Sinusthrombose
der Fall ist. Damit wird der Begriff der krypto-
genetischen Septicopyämie zwangsläufig eine immer
erößere Einschränkung erfahren
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Augenheilkunde,
Pathologie, Innere Medizin, Hygiene.
Wittwoch, den 10. September, 17 Uhr: Gehauhrsaal
Thema: Trachom.
E. KUNZ, Königsberg i. Pr.: Die Veränderungen
im Frühstadium des Trachoms. Auf Grund einer Reihe
von histologisch untersuchten Fällen werden unter
kritischer Würdigung der Literatur die frühen Ver-
lerungen der Granulose beschrieben. Es werden die
Veränderungen des Epithel owie insbesondere der
lenoiden Schicht geschildert, die hier vorkommenden
Zellformen besprochen unter besonderer Berücksich-
gung der Plasmazellen und ihres zeitlichen Auftreten
Weitere Untersuchungen sind dem Auftreten von
Narbengewebe gewidmet, das sich bis in frühe Stadien
verfolgen läßt
A. BIRCH-HIRSCHFELD, Königsberg i. Pr.: Die
Veränderungen im Spätstadium des Trachoms. Der
Vortr. berichtet unter Vorführung von Mikrophoto-
rammen über d Resultat der histologischen Unter-
chung von mehr als 200 excidierten Tarsi mit Binde
t l hildert die Veränderungen am |] pithel, in
hypepithelialen und epitarsalen Gewebe sowie inner
halb des Tarsus, die zu den für das Sehvermögen ver
hängnisvollen Spätfolgen des Trachoms führen F
zeigt sich, daß das Trachom im vorgerückten Stadium
10.,
und Donnerstag, den 11. September.
bis tief in den Tarsus entziindliche und degenerative
Veränderungen feststellen läßt mit erheblichen lokalen
Differenzen, daß der Charakter dieser Veränderungen
sich von anderen klinisch ähnlichen Bindehauterkran-
kungen deutlich unterscheidet, und daß sich aus den
Befunden die Berechtigung der in trachomdurchseuch-
ten Gegenden geübten medikamentösen, mechanischen
und operativen Trachomtherapie in vollem Umfange
ergibt
W.CLAUSEN, Halle a.S.: Ätiologie des Trachoms.
Emsige ätiologische Forschungen der letzten Jahre
haben den Erreger des Trachoms bisher nicht auffinden
lassen. Der von NoGucuHi trachomatösem Con-
junctivalgewebe gezüchtete und als ,,Bacterium granu-
losis‘‘ bezeichnete Mikroorganismus ist wohl sicherlich
nicht der Erreger des Trachoms, eher schon ein oder der
Erreger der Folliculosis conjunctivae. Trotzdem sind
die Ergebnisse dieser Forschungen nicht rein negativer
aus
Natur, haben sie doch unsere Kenntnisse über das
Wesen der Trachominfektiosität erheblich erweitert
und vertieft, haben uns weiter zwei neue Einschluß-
- die Einschlußblennorrhöe
kennen gelehrt
krankheitsbilder des Auges
sowie die Schwimmbadconjunctivitis
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Botanik und
Zoologie.
Donnerstag, den 11. September, 9 Uhr: Neue Aula der Universität.
Thema: Die Orientierung von Pflanze und Tier im
Raume.
W. ZIMMERMANN, Tiibingen: Botanischer Teil.
Alle Orientierungsbewegungen der Pflanzen (Taxien
freie Ortsveranderungen; Tropismen und Nastien
Kriimmungen) zeigen auf reizphysiologischem Ge-
biet viel Ubereinstimmendes auch mit den Orien-
tierungsbewegungen der Tiere (Auslösungsprozeß, Reiz-
mengengesetz usw.). Die Analyse der Krümmungs-
bewegungen hat aber in den letzten Jahrzehnten tief-
reichende Gemeinsamkeiten mit den eigentlichen ent-
wicklungsphysiologischen Prozessen herausgearbeitet
Beispiel: Phototropismus Hafer - ,, Koleoptile*‘
(= scheidenförmiges Primärblatt eines Haferkeimlings).
Das Licht determiniert ungleiche Wuchsstoffverteilung
und Wachstumsreaktionen an Licht- und Schatten-
flanke (m.a.W. Querpolarität). Schafft das Licht dabei
unmittelbar eine ‚„‚Integralpolarität‘, d.h. einen polaren
Gegensatz der Hälften einer ganzen Pflanze (Lichtab-
fallstheorien) oder „Differentialpolarität‘‘,
einen polaren Gegensatz innerhalb der einzelnen Zellen
(Lichtrichtungstheorien)? Wahrscheinlich Kombina
einer
eine etwa
tion beider Prozesse. Bei Orientierungsbewegungen
oberirdischer Organe wird die Polaritätsachse fast
ausschließlich durch Licht (Phototropismus), durch
Schwerkraft (Geotropismus) oder autonom gegebene
Symmetrieverhältnisse (Nastien) festgelegt.
Geotropismus entsteht primär eine Differentialpolari-
tät, d. h. Massenverlagerung innerhalb der einzelnen
Zellen oder Zellmembranen. Bei natürlich ablaufenden
geotropischen Prozessen wechselt sehr häufig die Gefäll-
richtung der
Beim
Polarisierung (Wechselgeotropismen s. 1.)
Vermutlich ist auch das Kreisen der Winde- und
Rankenpflanzen eine kombinierte Bewegung. Experi
mentell festgestellt (zum Teil nach unveröffentlichten
Versuchen) sind bisher mehrere ‚Zyklo'‘- Reaktionen
(Zyklogeotropismus, Zy klophototropismus wahrschein
lich auch Zyklonastie), d. h. Krümmungsbewegungen
die auf einseitigen, geradlinig eintreffenden Reiz zu
einer Kreisbewegung der Spitze führen. Es induziert
also bei diesen Winde- und Rankepflanzen jeder wirk
same Reiz eine „Drehpolarität‘.
O. KOEHLER, Königsberg i. Pr.: Zoologischer Teil
Der sichere Nachweis von Tropismen im botanischen
:
;
;
:
Kombinierte Sitzungen, Donnerstag, den 11. September. 1061
Sinne steht im Tierreich noch aus. Die Taxien frei-
beweglicher Tiere als Tropismen zu bezeichnen, ist ein
irreführender Mißbrauch. Phobische Taxien (auslösen-
der Reiz: Intensitätsänderung in der Zeit; Reaktion:
relativ zum _ Reizfelde ungerichtet, Unterschieds-,
Schreckreaktion JENNINGS) und topische Taxien (Reiz:
synchron ungleichmäßige Reizverteilung auf der Ge-
samtsinnesfläche, Reaktion relativ zum Reizfelde ge-
richtet) kommen nebeneinander vor, selbst beim gleichen
Tier und gleicher Reizart. Protisten: Derselbe Reiz
fördert (,,-Kinese‘‘) und richtet zugleich (,,-Taxis‘‘) die
Bewegung. Hier geht die Analogie zum pflanzlichen
Tropismus sehr weit. Metazoen gestatten trotz höherer
Komplikation (Nervensystem) doch die Einordnung in
das Taxienschema mit Nutzen. Topische Reaktionen
überwiegen, sind von dreierlei Art: 1. Gleichgewichts-
einstellung, Tropotaxis. Dem orientierten, reaktions-
losen Indifferenzzustande entspricht Erregungsgleich-
gewicht morphologisch symmetrischer Receptoren =ein-
sinniger Lenker. Orientierungsunmöglichkeit bei Aus-
fall einseitiger Receptoren. Resultantensatz bei doppel-
seitiger Reizung. Unveröffentlichte Versuche über
Tropotaxis im Bereich niederer Sinne. 2. Zieleinstellung,
Telotaxis. Die Receptoren sind mehrsinnige Lenker, der
vollzogenen Orientierung entspricht Reizung bestimm-
ter Stellen der Sinnesfläche (bisher für Licht- und
Schweresinn nachgewiesen). Vermöge von Bildung be-
dingter Reflexe können bestimmte optische Gestalten,
auch Bewegungsbilder Zielwert gewinnen. 3. Bei-
behaltung eines bestimmten Erregungsungleichgewichtes,
Menotaxis, bisher nur beim Lichtsinn nachgewiesen, bei
niederen Sinnen gelegentlich vermutet. Ein und das-
selbe Sinnesorgan kann Reaktionen nach verschiedenen
Orientierungstypen vermitteln. Zudem kommen Über-
gangsformen vor. Ein fruchtbarer Vergleich mit den
pflanzlichen Tropismen (J. LoEB) würde sich auf die
Tropotaxien beschränken müssen.
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Angewandte
Botanik und Agrikulturchemie.
Donnerstag, den 11. September, 10'/, Uhr: Hörsaal IX der Universität.
Thema: Beziehungen zwischen Atmosphäre, Boden-
und Pflanzenertrag.
M. ANDRONIKOW-WRANGELL, Hohenheim: Das
atmosphärische Jod und die Pflanze. Außer dem im
Boden enthaltenen Jod stehen der Pflanze noch das
Jod der Niederschläge und der Luft zur Verfügung
Bei Wachstumsversuchen im Pflanzenernährungs-
institut Hohenheim wurden die ersten beiden Quellen
das Bodenjod und das Jod in den Niederschlägen, aus-
geschaltet und die Frage geprüft, inwieweit das Luft-
jod genügt, um das Bedürfnis der Pflanzen an Jod zu
befriedigen und einen etwa normalen Jodgehalt in der
\sche hervorzurufen Die Versuche zeigten, daß dic
Pflanze imstande ist, recht erhebliche Mengen Jod aus
mit Jod angereicherter Luft in Gasform durch die
Blätter aufzunehmen und eine deutliche Jodanreiche-
rung gegenüber normalen Pflanzen aufzuweisen In
von Jod befreiter Luft sinkt der Gehalt an Jod in der
Asche naturgemäß sehr erheblich und entspricht der
in dem Saatgut enthaltenen Jodmenge; es konnten
jedoch keinerlei Jodmangelerscheinungen im Habitus
oder Ertrag von Pflanzen beobachtet werden, die völlig
jodfrei aufwuchsen
P. HOLDEFLEISS, Halle a. $.: Agrarmeteoro-
logie: Einfluß der Witterungsfaktoren auf Bodenbildung
und Ackerertrag. Es ist nötig, den Einfluß der Witte-
rungsfaktoren auf alle landwirtschaftlichen Vorgänge
und Erträge durch exakte Forschungsarbeiten kennen-
zulernen, wie es bereits auf dem Gebiete der Bodenkunde
weitgehend erreicht ist. Das Verhältnis der Verdun-
stung zur Niederschlagsmenge bestimmt das Verhalten
der Bodenkolloide, unter dem Einfluß der im Boden
löslichen Salze. Auch die Bildung von Schwefelwasser-
stoff und Schwefeleisen im Boden hängt davon ab.
Ebenso die Entkalkung des Bodens. Unterschied des
Bördebodens von Schwarzerde als Folge der Nieder-
schlags- und Bodenwasserverhältnisse. Die Ernte-
erträge beim Getreide werden günstig beeinflußt durch
trockene, sonnenreiche Wintermonate bis März oder
April und durch regenreiche kühle Witterung im Mai
und Juni. Die Quantität der Zuckerrübenernte hängt
ab von der Niederschlagsmenge von Juni bis September,
die Qualität von Trockenheit und Sonnenschein beson-
ders im September. Bei vielen Obstsorten wird die
Höhe der Ernteerträge begünstigt durch Trockenheit
im Vorjahr, verbunden mit hoher Temperatur, geringer
Luftfeuchtigkeit und langer Sonnenscheindauer, da-
gegen durch Feuchtigkeit im Ernteiahr, verbunden mit
niedriger Temperatur, hoher Luftfeuchtigkeit und ge-
ringer Sonnenscheindauer. Einige Früh-, Herbst- und
Winterbirnensorten verhalten sich umgekehrt. Die
Backqualität des Weizens nimmt vom kontinentalen
nach dem maritimen Klima zu ab.
O. HEUSER, Danzig: Der Temperaturverlauf im
Ackerboden und seine Beziehungen zum Pflanzenwachs-
tum. Auf ı2 verschieden behandelten bzw. verschieden
bearbeiteten Feldparzellen wurde in 3 Bodentiefen
(5, 171/, und 30 cm) der Temperaturverlauf während des
ganzen Jahres durch täglich dreimalige Ablesung
an fest eingelassenen Thermometern mit waagerecht
liegendem Quecksilbergefäß ermittelt. Die Ergebnisse
werden in Verbindung mit dem Temperaturverlauf der
Luft in 2 m Höhe, sowie dem Temperaturverlauf dicht
über dem Erdboden a) bei Hackfrüchten, b) bei
Getreide gebracht. Als Ergänzung dienen Bestimmun-
gen des Wassergehalts im Boden und des Porenvolu-
mens. Die Untersuchungen geben einen genauen Ein-
blick in den Temperaturverlauf in verschiedenen Acker-
schichten, gleichzeitig lassen sie eine deutliche Ein-
wirkung der Behandlungsart auf die Bodentemperatur
und auf den physikalischen Bodenzustand, sowie be-
stimmte Beziehungen zum Pflanzenwachstum erkennen.
Besonderheiten der Versuchsanstellung auf diesem Ge-
biet werden erörtert und die Notwendigkeit zu weiteren
eingehenden Untersuchungen betont.
A. VOLK, Bonn a. Rh.: Der Einfluß von Umwelt-
faktoren, insbesondere der Ernährung auf das Verhalten
der Pflanzen gegenüber pilzlichen Parasiten. In fünf-
jährigen Vegetationsversuchen wurden eine Reihe
verschieden ernährter Gewächse mit einer großen Zahl
von Parasiten beimpft. Neben wechselnder Ernährung
wurden als Umweltfaktoren noch in die Untersuchungen
einbezogen verschiedene Boden- bzw. Luftfeuchtigkeit
verschiedene Lichtintensität, verschiedener CO,-Gehalt
der Luft, wechselseitige Beeinflussung von Parasiten
Die Versuche zeigten, daß durch die Umwelt das Ver-
hältnis von Parasit zum Wirt grundsätzlich geändert
werden kann, daß aus einem Zusammenleben, in dem
der Pilz die normale Lebensfähigkeit des von ihm
durchwachsenen Gewebes verlängert, ein rein parasiti-
sches Verhältnis werden kann, in dem der Parasit in
kurzer Zeit seinen Wirt abtötet. Für Beurteilung von
Pflanzenschäden durch Parasiten in der Praxis ist in
bezug auf die Bedeutung der Umwelt mehr als bisher
Nachdruck auf die Veränderung der Pflanze als auf
die Beeinflussung des Parasiten zu legen. Nicht so sehr
die Umgestaltung der Lebensbedingungen für den
Pilz als die Veränderung in der Reaktion der Pflanze
gegeuüber dem Parasiten bedingen das Ausmaß der
Schädigung.
1062
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Innere Medizin,
Pathologie, Kinderheilkunde, Ohrenheilkunde, Hygiene,
Deutsche sozialhygienische Gesellschaft. (Kingeladen
Abt. Dermatologie, angew. u. theoret. Veterinärmedizin.)
Donnerstag, den 11. September, 8 Uhr: Großer Saal der Stadthalle.
A. LINCK, Greifswald: Die chronische Tonsillo-
pathie. Krankheitsbegriff. Nicht nur entzündliche Vor-
gänge, sondern auch solche Gewebsveränderungen, auf
welche die Kriterien des Entziindungsbegriffs nicht
zutreffen, können die Grundlage des chronischen
Tonsillenleidens abgeben. Deshalb muß dies Leiden
als chronische Tonsillopathie bezeichnet werden. Die
Pathogenese der chronischen Tonsillopathie ist in
der Hauptsache funktionell bedingt, wobei unter Ton-
sillenfunktion der Abwehrkampf gegenüber pathogener
Infektion verstanden werden muß. Das pathologisch-
anatomische Bild der chronischen Tonsillopathie wird
je nach der Entwicklungsphase und Intensität dar-
gestellt von akut- und chronisch-entzündlichen Ver-
änderungen und von Reizzustanden im Epithel
und im lymphatischen Apparat. Das pathologische
Entwicklungsprogramm der chronischen Tonsillopathie
ist abhängig von dem Vorhandensein und der Lei-
stungsfähigkeit funktioneller Kompensation. Ihr Feh-
len führt zu den tonsillogenen Komplikationen. Die
Symptomatologie: Die kompensierte chronische Ton-
sillopathie ist meistens symptomlos. Symptome
treten ausnahmsweise auf. Im Stadium der funk-
tionellen Dekompensation oder Dysfunktion ergeben
sich die mannigfaltigen Symptome aus den jeweiligen
komplizierenden Krankheitszuständen. Die Diagnose
der chronischen Tonsillopathie ist in den Lebensjahren,
welche dem Ablauf der tonsillären Involution ent-
sprechen, im allgemeinen ohne weiteres gegeben mit
dem Vorhandensein der Gaumenmandeln. Durch die
Symptome und die komplizierenden Krankheitszu-
stände wird die Diagnose klinisch und anatomisch
entsprechend differenziert und erweitert. Die Therapie:
Für die kompensierte chronische Tonsillopathie kommen
klimatische, physikalisch-diätetische, medikamentöse,
mechanische, konservativ-chirurgische und radikal-
chirurgische Maßnahmen (Tonsillektomie) in Betracht,
deren Auswahl sich aus der Art und Intensität der
symptomatischen Beschwerden ergibt. Bei der de-
kompensierten Tonsillopathie ist neben der kurativen
Behandlung der Komplikationen primär oder sekundär
die kurative oder prophylaktische Tonsillektomie unter
allen Umständen indiziert.
ARIMA, Osaka (Japan): Tuberkuloseschutzimpfung
mit AAO.
E. G. DRESEL, Greifswald: Die Stellung der Sozial-
hygiene zur allgemeinen Hygiene. Der Begriff ,,Sozial-
hygiene‘ ist auch neuerdings von SCHLOSSMANN noch
nicht geklärt. FLATZECKS Begriff von den armutbeding-
ten Gesundheitsschaden ist zu eng. Alle Hygiene der Neu-
zeit geht aus von unhygienischen Zustanden der armen
Industriebevélkerung, hangt aber nicht nur von reinen
Nitzlichkeitserwagungen ab, sondern wird notwendig,
wo aufgelockerte sittliche Bindungen, wo zersetzte
Gesellschaft und Gemeinschaft unhygienische Zu-
stande in Menschengruppen auslösten. Scharf zu tren-
nen sind Gesundheitslehre als Forschung und Gesund-
heitspflege als in Tat umgesetzte Forschung. Hygiene
darf nicht dem Heilwesen übergeordnet, auch nicht nur
als Krankheitsverhütung aufgefaßt werden. ‚‚Sozial-
hygiene’ hat keine eigenen Forschungsmethoden und
ist nicht sozialer Fürsorge gleichzusetzen. Erkenntnisse
der neuen Gesellschaftslehre müssen für die allgemeine
Hygiene genützt werden, ohne eine Sozialisierung der
Gesundheitspflege zu bedingen. „Sozialhygiene‘‘ ist
Kombinierte Sitzungen, Donnerstag, den 11. September.
kein Gegensatz zur allgemeinen Hygiene, sondern eine
heute stärker zu berücksichtigende Betrachtungsweise,
ohnediedie allgemeine Hygiene, wie sie heute schonan
den Universitäten gelehrt wird, nicht auskommen kann.
DE BARY, Frankfurt a. M.: Sozialhygiene und
praktische Medizin. Der Aufschwung der Wissenschaft
und die wirtschaftlich-sozialen Änderungen in den
letzten 50 Jahren haben Stellung und Aufgaben der
ausübenden Heilkunde wesentlich beeinflußt. Aus den
Ergebnissen der Hygiene und der öffentlichen Gesund-
heitspflege hat sich, gestützt auf die Lehren, die aus
den Erfahrungen der Sozialversicherung gezogen wur-
den, die Forschungsgruppe der Sozialhygiene gebildet,
deren Wesensart mit dem Begriffe der Gesunderhaltung
des Volksganzen umrissen wird, und deren Aufgaben
als ein Teil der Gesamtpflichten des Arztes betrachtet
werden. Die praktische Medizin hat bisher die Auf-
gaben erfüllt, die ihr von der medizinischen Wissen-
schaft gestellt wurden. Dies wird an Hand der er-
reichten Fortschritte für die Volksgesundheit dargetan
Auch in Zukunft wird die praktische Medizin erfolgreich
an den Aufgaben der Wissenschaft auch der Sozial-
hygiene mitarbeiten können, wenn man sie in die
Kenntnis dieses Zweiges der Wissenschaft einführt. Die
Kenntnisse müssen an die Ärzteschaft herangebracht
werden durch die Ausbildung der Studierenden, die
ärztliche Fortbildung und durch Einarbeitung der
sozialhygienischen Gedanken in die praktische Medizin,
die für die Erweiterung ihres Wirkungsfeldes der Stär-
kung des Vertrauens bedarf und hierfür die Hilfe der
Sozialhygiene erwartet, die ihrerseits der Mitarbeit der
praktischen Medizin nicht entbehren kann. Gemein-
same Arbeit der Vertreter der Sozialhygiene und der
praktischen Medizin wird die sozialhygienischen Ge-
danken zum Ziele führen, die Gesundung des Volks-
ganzen fördern und durch die aus den sozialhygie-
nischen Ideen zu erwartende Veredelung der ärztlichen
Tätigkeit das Ansehen des Ärztestandes heben.
A. PALDROCK, Tartu (Dorpat): Meine Lepra-
behandlungsmethode. Kälteanwendung hat eine Zu-
standsänderung der Kolloide nach der grobdispersen
Phase hin zur Folge. Erfrorene Leprome werden re-
sorbierbar, wobei die aufgespaltenen und über den
ganzen Körper geschwemmten Produkte als Antigene
Antikörperbildung veranlassen, infolgewessen nicht er-
frorene Leprome dem gleichen Geschick wie erfrorene
verfallen — also auch zum Verschwinden gebracht
werden. Solche vermittels Kohlensäureschnee betrie-
bene spezifische Reiztherapie ist eine Autoimmunisa-
tion, welche nach zweijähriger Anwendung zur Abge-
stumpftheit gegen Kohlensäureschneeanwendung führt.
Für andersartige Reize aber ist der abgestumpfte
Körper noch empfänglich geblieben, weshalb jetzt eine
Chemotherapie angebracht ist mit Mitteln, welche che-
mische Affinität zu den schon geschwächten Lepra-
erregern haben. Geeignet hierzu sind die organischen
Goldpräparate Solganol und Lopion. Sie geben gute
therapeutische Resultate und wandeln auch noch die
gegen Kohlensäureschneeanwendung ausgebildete Ab-
gestumpftheit in Allergie um. Durch beide Behand-
lungsmethoden, abwechselnd bei Leprösen angewandt,
kann Heilung erzielt werden. Die Behandlung kann
mit sonstigen Hilfsmaßnahmen auch noch kombiniert
werden.
H. MIESSNER, Hannover: Paratuberkulose, ihre
Verbreitung und Diagnose. Die Paratuberkulose ist
eine Erkrankung des Rindes, die mit Hypertrophie der
Darmschleimhaut und der mesenterialen Lymphknoten
einhergeht. Sie wird erzeugt durch ein säurefestes, dem
Tuberkelbacterium ähnliches, jedoch etwas kürzeres
und daher plumper erscheinendes Stäbchen. Es findet
Kombinierte Sitzungen, Donnerstag, den 11. September. 1063
sich gewöhnlich in Massen in der veränderten Darm-
schleimhaut sowie in den zugehörigen Lymphknoten.
Der Nachweis gelingt leicht in Ausstrichen von der
Darmschleimhaut nach der Färbung von ZIEHL-
NELSEn. Die Bakterien sind hierbei meist nesterweise,
in Haufen gelagert, sichtbar. Die Züchtung des Erregers
gelingt nur schwer auf eiweißreichen Nährböden nach
der Methode von TworT und InGrAMm. Die Krankheit
verläuft stets chronisch unter periodisch auftretendem
Durchfall und zunehmender Abmagerung. Sie tritt in
einzelnen Beständen endemisch auf, gewöhnlich nach
dem ersten oder zweiten Kalben. Der Erreger wird
häufig schon während der Saugezeit mit bakterien-
haltigem Kot kranker Mütter aufgenommen. Die
Diagnose läßt sich zu Lebzeiten durch Nachweis der
Paratuberkelbakterien im Kote sichern. Weitere dia-
gnostische Methoden sind die Lidbindehaut- sowie die
Subcutanprobe nach Applikation von Paratuberkulin
bzw. Geflügeltuberkulin. Eine Behandlung kranker
Tiere erscheint aussichtslos
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Innere Medizin,
Gynäkologie, Geburtshilfe, Pathologie und Gericht-
liche Medizin.
Donnerstag, den 11. September, 11 Uhr: Gebauhrsaal.
H. NAUJOKS, Marburg (Lahn): Neuere Gesichts-
punkte hinsichtlich der Indikationsstellung zum künst-
lichen Abortus auf der Grundlage des heutigen Gesetzes,
Auf Wunsch werden nur die Krankheitsbilder abgehan-
delt, die im wesentlichen internistische Beratung er-
heischen. Das in den letzten Jahren neu Erkannte
wird kurz zusammengefaßt, die noch offenen und um-
strittenen Fragen werden besonders hervorgehoben.
Eine Wiedergabe des Inhaltes — selbst in Form kurzer
Leitsätze — ist wegen des beschränkten Raumes hier
nicht möglich. Es soll nur erwähnt werden, daß die
wesentlichsten Wandlungen auf dem Gebiet der
Schwangerschaftstoxikosen und der Blutkrankheiten
zu verzeichnen sind. Beim Diabetes hat das Insulin
neue Gesichtspunkte gebracht. Krebs und Röntgen-
strahlen mit ihren Beziehungen zur Schwangerschafts-
unterbrechung werden als neue Indikationen diskutiert.
P. FRAENCKEL, Berlin: Die pathologische Ana-
tomie des kriminellen Aborts. Das Referat gibt eine
kritische Übersicht über die mit kriminellen Aborten
zusammenhängenden Befunde, hauptsächlich auf Grund
der Berliner gerichtsärztlichen Erfahrungen und mit
Rücksicht auf ihre kriminalistische und gerichtliche
Bedeutung. Zur Diskussion gestellt werden u. a. Fragen
zum Thema Luftembolie, Gasbrand, intrauterine Fremd-
körper, primäre Sepsis oder sekundäre nach therapeuti-
schem Eingriff wegen lokaler Infektion.
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Hals-, Nasen- und
Ohrenheilkunde, Innere Medizin, Hygiene, Chirurgie und
Kinderheilkunde.
Donnerstag, den 11. September, 15 Uhr: Neue Aula, Universität.
A. SEIFFERT, Berlin: Zur Behandlung retrobul-
bärer Eiterungen. Die eiterigen Prozesse in der Orbita
hinter dem Augapfel nehmen meist ihren Ursprung von
erkrankten Siebbeinzellen. Es empfiehlt sich, den Ent-
zündungsherd nach endonasaler Ausräumung des Sieb-
beins und Fortnehmen der Lamina papyracea vom
Naseninnern aus freizulegen. Handelt es sich um sub-
periostale Abscesse an der medialen Wand der Orbita,
was nicht selten der Fall ist, so ist damit der Eiterherd
breit eröffnet. Liegt er aber im orbitalen Fettgewebe,
so wird die Periorbita gespalten und durch stumpfes
Auseinanderdrängen des Fettgewebes dem Eiter nach
der Nase zu Abfluß geschaffen. Diese Operations-
methode eignet sich für jedes Lebensalter, sie ist sogar
beim Säugling wiederholt mit Erfolg ausgeführt worden.
Am Boden der Orbita liegende Abscesse werden am
besten durch die Kieferhöhle hindurch eröffnet.
F. BLUMENFELD, Wiesbaden: Über den Zusam-
menhang zwischen Wetter und Krankheiten. Die bis-
herigen Untersuchungsmethoden über den Zusammen-
hang des Entstehens von Krankheiten mit den jeweiligen
Witterungsverhältnissen haben infolge falscher Syste-
matik der Untersuchungen zu keinem befriedigenden
Ergebnis geführt. Mit Beziehung auf Mitteleuropa wird
die Luftkörpertheorie kurz dargestellt, und es wird so-
dann gezeigt, daß gewisse Krankheiten in ihrem Auf-
treten abhängig sind von dem jeweils herrschenden
Luftkörper bezw. von dem Wechsel des Vorherr-
schens dieser Luftkörper. Das Auftreten der in Deutsch-
land im Monat Juni 1930 beobachteten Epidemie von
Angina wird an Hand synoptischer Karten als Beispiel
dargelegt.
A. LAUTENSCHLÄGER, Berlin: Das Ozaena-
problem im Lichte der operativen Therapie. Die
Theorie vom entzündlichen Herkommen der genuinen
Ozaena hat zur operativen Therapie geführt. Diese
wiederum hat der Entzündungslehre die stärksten
Stützen gegeben: a) durch die Veränderungen des
Krankheitsbildes infolge operativer Eingriffe, b) durch
die Aufdeckung der Nasennebenhöhlen, c) durch die
Untersuchung des dabei gewonnenen anatomischen
Materials. Demnach verdanken wir der operativen
Therapie, abgesehen von ihrer Heilwirkung, die schlüs-
sigen Beweise vom entzündlichen Ursprung der genuinen
Ozaena, deren Wesen im Lichte dieser Therapie gezeigt
werden soll.
GOLDMANN, Iglau: Die Nebenhöhlen der Nase in
ihren Beziehungen zur allgemeinen Pathologie.
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Hygiene und
Deutsche Sozialhygienische Gesellschaft.
Donnerstag, den 11. September, 15 Uhr: Gebauhrsaal.
CÖRPER, Köln: Krankenhaus und Gesundheitshaus
in ihrer Bedeutung für die öffentliche Gesundheitspflege.
F. ICKERT, Gumbinnen: Die Sozialversicherung
vom Standpunkte des Fürsorgearztes. Wenn man
das Ziel der Gesundheitsfürsorge als die planmäßige
Bewirtschaftung der Gesundheit und dasjenige der
Sozialversicherung als die Erhaltung und Wiedergewin-
nung der Arbeitsfähigkeit neben der Versorgung der
Alten und Invaliden definiert, so sind die Ziele beider
entschieden wesensverwandt. Die geschichtliche Ent-
wicklung der Gesundheitsfürsorge (Gründung durch
Kommunen oder Vereine) ließ Gesundheitsfürsorge und
Sozialversicherungen zunächst ziemlich unbeeinflußt
nebeneinander herlaufen, obwohl die RVO schon immer
über recht konkrete Bestimmungen zur Anwendung von
Invalidität verfügte. Langsam erst brach sich bei den
Trägern der Sozialversicherungen der Gedanke Bahn,
daß die Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge geeignet
seien, viele der Krankheiten, die zur vorzeitigen Invalidi-
tät führen, schon frühzeitig zu erkennen; andererseits
zeigte sich, daß sich die Gesundheitsfürsorge nur richtig
auswirken konnte, wenn sie sich für die von ihr Be-
treuten auf alle die ihr zustehenden Mittel der Sozial-
versicherungen stützen konnte. — Die Sozialversiche-
rungen geben jährlich rund 6 Milliarden aus, um fünf
Neuntel des deutschen Volkes über die gesundheitlichen
und wirtschaftlichen Krisen des Daseins hinwegzuhelfen.
Ihnen ist es vornehmlich zu verdanken, daß die Tuber-
kulosesterblichkeitskurve nach dem Kriege so rasch ge-
sunken ist. Das Reichsgesetz über die Gesundheits-
fürsorge vom Jahre 1925 und die bekannten Richtlinien
des Reichsarbeitsministers ebnen nunmehr einer ratio-
nellen Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsfürsorge
1004
und den Trägern der Sozialversicherungen den Weg.
Jedoch bedrohen die schweren jetzigen und kinftigen
Krisen der Sozialversicherungen auch die Gesundheits-
(Niedergang der Wirtschaft, Vergreisung des
An der Rationalisierung der Sozialversiche-
h naturgemäß der Fürsorgearzt, der im
Sozialversicherung
beteiligen
tiirsorge
Volkes
rungen muß si
Einzelfalle die Massenfürsorge der
in Individualfürsorge umsetzt, mithelfend
Der veränderte Altersaufbau des Volkes bringt neue
vorzeitige Invalidität bedingende Volkskrankheiten
(Herzkrankheiten, Krebs, rheumatische Leiden) mit
sich Das Problem der Beschäftigung der
beschränkten schiebt sich immer mehr in den Vorder
Dem Fürsorgearzt liegt es ob, durch Finden
geeigneter Arbeitsmethoden den Sozialversicherungen
die Wege zu weisen, damit diese den neuen Aufgaben
und auch der Menschenökonomie ge
Erwerbs-
grund
der Gesundheits
recht werden können
C. BEUSCH, Königsberg i. Pr.: Die Sozialhygiene
in der Verwaltung einer deutschen Großstadt. Der
deutschen Selbstverwaltung und besonders den deut-
schen Großstädten sind aus der kulturellen Entwicklung
unserer Zeit neue Verwaltungsaufgaben erwachsen. Zu
ihnen gehört die Übernahme von Erfahrungen der
Sozialhygiene in die Verwaltungspraxis. Irgendwie sind
sie wohl von allen Großstädten berücksichtigt worden
Die notwendige vollkommene Auswirkung wird aber
allein erreicht durch eine Zusammenfassung aller Teil-
gebiete zu einer planmäßigen Gesundheitsfürsorge.
Ihre Organisation muß dem Umfange und den Arbeits-
methoden der Sozialhygiene gerecht werden, aber auch
die übernommenen allgemeinen Verwaltungsgrundsätze
berücksichtigen. Eine derartige Organisation wird nicht
nur unentbehrlich für die kommunale Arbeit am Ge
meinwohl, sondern auch der Mittelpunkt für jede über-
haupt betriebene Gesundheitsfürsorge
BENZE, Heinrichswalde: Gesundheitsfürsorge auf
dem Lande.
KALLE, Mansfeld: Tuberkulosefürsorge auf dem
Lande. Die Durchführung der Tuberkulosefürsorge ist
an zweckentsprechend eingerichtete und gut geleitete
Tuberkulosefürsorgestellen gebunden, da nach dem
Stande der heutigen Wissenschaft die Erkennung d
Frühformen der kindlichen wie Erwachsenentuberkulose
rium und einen gebrauchsfähigen Röntgen-
apparat voraussetzt. In den Groß- und Mittelstädten
dürfte die Einrichtung von Tuberkulosefürsorgestellen
und planmäßige und zweckmäßige Tuber-
kulose-Fürsorgebekämpfung gesichert sein. Anders auf
Provinzen Deutschlands ist
lürsorgestellen auf dem noch sehr
ein Laborat
omit eine
dem Lande In manchen
das Netz der
lickenhaft, in n
Ansätze für Einrichtung von Tuberkul
vorhanden. Im Regierungsbezirk Gumbinnen hat Re-
| Medizinalrat ICKERT gezeigt, daß eine
lückenlose Überziehung des flachen Landes mit brauch-
I glich ist; die Ent
t ihre
Lande
anchen Provinzen sind überhaupt erst
sefürsorgestellen
gierungs- un
tellen sehr wohl mi
wicklung die Tuberkulosefürsorgestellen t
Notwendigkeit bewiesen. Wie sich eine kleine ländliche
I aus primitivsten Anfängen und mit ein
Mitteln zu einer angesehenen Forsch
entwickeln kann, zeigt der Werdegang der Tuberk
j
aren Fürsorge
Irsorgestelie
lungsstatte
estelle in M
lürsorg l nsieid
H. REITER, Schwerin und Rostock: Auswirkung
von Anlage und Milieu, untersucht an adoptierten, un-
ehelich Geborenen. Mit Unterstützung des Reichs
ministeriums des Innern wurde an den Jugendämtern
Dresden, Leipzig und Hamburg unter Mitwirkung zu
Aszendenz
Kinder erforscht
unehelich Ge
Dienststellen die
borener, der Adoption zugeführteı
tändiger
Kombinierte Sitzungen, Donnerstag, den 11. September.
die diesbezüglich sichere Grundlagen boten. Unberück-
sichtigt blieben demnach uneheliche Kinder, deren
Väter unbekannt nicht anerkannt waren. Fit
Dresden konnten 56, für Leipzig 29, für Hamburg
53 Kinder, zusammen 138, verfolgt werden. Sämtliche
befanden sich mindestens 5 Jahre in Kontrolle der
Jugendämter. In Abständen von 5 Jahren wird die
Enquete für sämtliche noch erfaßbare Kinder fort-
Berücksichtigt den natürlichen
oder
gesetzt wurden bei
Eltern Angaben über gesundheitliche und kriminelle
Belastung, Elternberuf, Gesundheit, Alter und Beruf
bei Zeugung, gegenwärtiger Beruf, dazu bei den
Müttern frühere Geburten, Gesundheit, Alter und Be
ruf bei Geburten. Beim Kind selbst wurde geachtet
auf Geschlecht, Geburtsverlauf und -gewicht, Stillen
Zeit des Laufen- und Sprechenlernens, Anzahl deı
Pflegestellen vor Adoption, Alter bei Adoption, Ge
sundheit und Schulleistungen vor und nach Adoption
Bei den Adoptiveltern wurde berücksichtigt Alter, Ge-
sundheit und Beruf Neben der Beobachtung deı
Kinder über ihre Bewegung innerhalb oder zwischen
den verschiedensten Volksschichten wurden Pfropf-
stammbäume aufgestellt, die bisher erkennen lassen
daß die biologische Herkunft die Kindesentwicklung be-
stimmt und die Adoption als Milieuveränderung eine
durch die Anlage Entwick-
lung lediglich mehr oder weniger zu modifizieren im-
biologische vorgeze ichnete
stande ist.
KIREEW, Moskau: Uber die epidemiologischen,
klinischen, therapeutischen und prophylaktischen Er-
gebnisse der Scharlachepidemie 1923 — 1929. Der
Scharlach verläuft in der U.S.S.R. wellenartig mit
bald größeren, bald kleineren Schwingungen. Von 1923,
nach einer Periode niedrigen Niveaus der Morbidität,
stieg der Scharlach sprungartig und nahm eine epi-
demische Form an, welche sich an einigen Orten zu
einer bedeutenden und hartnäckigen Epidemie ent-
wickelte. In Moskau übertraf sie alle früheren in
den letzten 43 Jahren. Die jetzige Epidemie muß
der Schwere des Verlaufs nach als eine mittelstarke
Form bezeichnet werden und zeigt einige ihr eigene
Besonderheiten Nach dem Material des Botkin-
Hospitals ist ein verhältnismäßig häufiges Auftreten
von Rezidiven und Erkrankungen Erwachsener zu ver-
zeichnen; von Komplikationen herrschen Ohreı
erkrankungen mit häufigem Übergang in Mastoiditis
vor. Die intramuskuläre Anwendung des antitoxischen
und kombinierten (Behringwerke) antiskarlatinösen
Serums gibt in Fällen toxischen Scharlachs einen glän-
zenden therapeutischen Effekt. In septischen Fällen
sind wir, wie früher, machtlos. Nach den Erfahrungen
der Moskauer Hospitäler gab die Entlassung der Kran-
ken aus dem Hospital nach Schwinden des hämolyti-
schen Streptococcus Resultate. Unter den
Bedingungen spezieller Abteilungen mit Boxenanwen
günstige
dung für Rekonvaleszenten werden 53% der Kranken
in 4—6 Wochen von Beginn der Erkrankung vom
Streptococcus befreit; bei Unterbringung der Kranken
in kleinen Zimmern (zu 2—4
Komplikationsfälle entfernt
Streptococcen in derselben
Kranken), wobei di
werden, verlieren den
Zeit 25% der Kranken
Die nach dreimaligem negativem Befund entlassenen
Kranken Sinne einer Infektionsüber-
tragung, als ungefährlich ansehen Die Scharlacl
welche von der Mosk epidem
Abteilung ausgeführt werden, zeigen cine 4 mal geringere
Morbidität unter den Geimpften. Der Verlauf des Schar-
lachs ist unter den Geimpften leichter, und die Kom-
Letalität ist bei den
Geimpften ıomal geringer als bei den Nichtgeimpften
kann man, im
sanıt
immunisierungen,
plikationen sind seltener. Die
AUTOREFERATE DER VORTRAGE DER NATURWISSENSCHAFTLICHEN
ABTEILUNGEN UND BEFREUNDETER GESELLSCHAFTEN.
Deutsche Mathematiker-Vereinigung.
Donnerstag, den 4. September, 9 Uhr: Hörsaal I, Universitat.
H. GEPPERT, Gießen: Die Klassifikation der alge-
braischen Flächen. Die Klassifikation der algebraischen
Flächen nach ihren Invarianten gegenüber birationalen
Transformationen knüpft an das Vierundzwanziger-
geschlecht an. Ist dieses gleich Null, so ist die Fläche
einer Regelfläche äquivalent; ist es Eins, so erhält man
die singulären Flächen, die keine eigentlichen mehr-
kanonischen Kurven besitzen und alle Geschlechts-
zahlen gleich Null oder Eins haben (sie werden noch
genauer unterteilt). Ist es schließlich größer als Eins,
so erhält man die Flächen mit mehrkanonischen
Kurven, die ein invariantes Bild besitzen. Das Vier-
undzwanzigergeschlecht ist das niedrigste Geschlecht,
das diese Einteilung zuläßt. Im besonderen werden die
Flächen mit dem geometrischen Geschlecht Null
(Regel- und elliptische Flächen) nach neuen Methoden
behandelt und eingehend klassifiziert.
VANDIVER: The composition of the ideal-class-
group in an irregulary cyclotomic field.
O0. TAUSSKY, Wien: Eine Verschärfung des Haupt-
idealsatzes.
H. HASSE, Marburg: Über p-adische Schiefkörper
und ihre Anwendung auf die Arithmetik hyperkomplexer
Zahlsysteme. Es werden alle Schiefkörper über einem
p-adischen algebraischen Zahlkörper als Zentrum be-
stimmt. Für jeden Grad gibt es im wesentlichen nur
einen Typus, dessen algebraische und arithmetische
Struktur aufgedeckt wird. Mit Hilfe dieser Unter-
suchungen wird die Arithmetik in einem beliebigen,
halb einfachen hyperkomplexen Zahlsystem über einem
algebraischen Zahlkörper als Zentrum in einfacher,
naturgemäßer und durchsichtiger Weise aufgebaut.
Die Stellung dieses Aufbaus zu früheren arithmetischen
Theorien über hyperkomplexe Systeme kann wie folgt
gekennzeichnet werden: Der nach dem Muster der
DEDEKINDschen Idealtheorie vorgehenden Theorie von
BRANDT und ARTIN wird eine Fortführung der SPEI-
serschen Theorie an die Seite gestellt. Zum Schluß
wird überdies der Übergang zur DEDEKIND-BRANDT-
Artinschen Theorie nach PRÜFER-v. NEUMANNschen
Prinzipien vollzogen.
R. BRAUER, Königsberg i. Pr.: Über Schiefkörper.
ST. PIETRKOWSKI, Erlangen: Über unendliche
Abelsche Gruppen. Der Satz über die bis auf holondri-
sche Isomorphie eindeutige Zerlegung einer endlichen
ABELschen Gruppe in eine direkte Summe von primären
cyclischen Gruppen läßt sich sinngemäß- auf eine ge-
wisse Klasse unendlicher ABELscher Gruppen, die sog.
abgeschlossenen Gruppen übertragen. Jede ABELsche
Gruppe läßt sich in eine abgeschlossene einbetten.
Stellt man die unendlichen ABELschen Gruppen als
topologischen Punktraum dar, indem man gewisse
„große“ Untergruppen und ihre Restklassen als Um-
gebungen einführt, so haben die Gruppenräume der
abgeschlossenen Gruppen eine Eigenschaft, die sich
ungefähr mit der Kompaktheit von Räumen vergleichen
läßt.
F. K. SCHMIDT, Erlangen: Über mehrfach perfekte
Körper.
A. BRAUER, Berlin: Über den kleinsten quadra-
tischen Nichtrest.
Donnerstag, den 4 September, 15 Uhr: Hörsaal I, Universiti.
A. DUSCHEK, Wien (gemeinsam mit W. MAYER,
Berlin): Über Räume konstanter Krümmung. Die
RIEMANNschen Räume konstanter Krümmung haben
bekanntlich die charakteristische Eigenschaft, daß in
ihnen sog. projektive Koordinaten existieren, in denen
die Gleichungen aller Geodätischen linear sind. Es
wird ein Weg aufgezeigt, der direkter als die gebräuch-
lichen, die entweder von RrEMANNschen Normalkoordi-
naten oder von der konformen Abbildung der R,
konstanter Krümmung auf einen euklidischen R, aus-
gehen, zu projektiven Koordinaten führt und sich
zudem ausschließlich auf die rein geometrische Charak-
terisierung der R,„ konstanter Krümmung als jene
RrEMANNschen R, bezieht, in denen unbeschränkt, d.h.
durch jeden Punkt und in jeder Stellung, Ebenen exi-
stieren.
E. KAMKE, Tübingen: Über Eindeutigkeitssätze bei
gewöhnlichen Differentialgleichungen.
M. SADOWSKY, Berlin-Charlottenburg: Die Funk-
tionalgleichung eines (symmetrischen) Kernes einer
Integralgleichung mit nur endlich vielen Eigenwerten.
Ist K(s, t) der symmetrische Kern, so gestattet er
die Darstellung als endliche Summe
von
K(s, t) = = A,(s) B,(t) ®
v=1
Hieraus läßt sich die Funktionalgleichung
Determinante der K(s,, tz) = 0
a von 1 bis n+ 1
P von 1 bis n+1
ableiten. Dabei ist x der Zeilen-, 6 der Spaltenindex. —
Umgekehrt folgt aus der Determinantengleichung die
Produktenform des Kernes. Bei dieser Betrachtung
wird von K(s, t) nicht einmal Stetigkeit verlangt,
eindeutige Bestimmtheit genigt.
R. IGLISCH, Berlin: Zur Theorie der reellen Ver-
zweigungen von Lésungen nichtlinearer Integralglei-
chungen. Vorgelegt sei eine Integralgleichung der Form
(1) w(s) 4 ~~ | G(s, t) H(w(t)t) dt = h(s) ,
das Integral über ein gewisses abgeschlossenes Grund-
gebiet B erstreckt; dabei bedeute w(s) die gesuchte
unbekannte Funktion, h(s) eine bekannte rechte Seite,
G(s, t) sei ein brauchbarer symmetrischer Kern und
H(w,t) eine in w analytische Funktion, wobei, wie dies
in der Scumiptschen Theorie der nichtlinearen Inte-
gralgleichungen immer geschieht, H,(wy(t) , £) 0 vor-
ausgesetzt sei. Man kenne nun eine Lösung w,(s) von
(1) zur rechten Seite h,(s). Gefragt ist dann nach allen
reellen Lösungen w(s), die zu vorgegebenen von Ay(s)
wenig verschiedenen rechten Seiten h(s) gehören und
sich selbst von w,(s) wenig unterscheiden. Die
Scumiptsche Theorie lehrt, daß eine Verzweigung der
1000
Ausgangslésung w,(s) dann und nur dann eintritt,
wenn die homogene lineare Integralgleichung
(2) p(s) + — | As, t) H,(wo(t), t) plt)dt =o
nicht identisch verschwindende Lésungen besitzt. In
dem Vortrag wird der Fall behandelt, daß Gleichung (2)
mehrere unabhängige Eigenlösungen aufweist.
E. A. WEISS, Bonn: Über lineare Systeme projek-
tiver Punktreihen in der Ebene. In der projektiven
Geometrie der Ebene spielt die aus einer Geraden zu-
sammen mit einer ihrer Parameterdarstellungen be-
stehende Figur eine hervorragende Rolle. Wir nennen
sie Punktreihe und das duale Gegenstück Strahlenreihe.
(Im Gegensatz zu ‚„Punktbüschel‘ und ‚Strahlen-
büschel“, die die linearen Mannigfaltigkeiten ohne be-
stimmte Parameterdarstellung bezeichnen.) Analytisch
erhält man eine Punktreihe durch Nullsetzen einer in
ternären Geradenkoordinaten und einem binären Para-
meter bilinearen Form. Die sechs Koeffizienten dieser
Form sind die Koordinaten der Punktreihe und wer-
den als Punktkoordinaten in einem Bild-R, gedeutet.
Die Strahlenreihen werden dabei auf die R, des R, ab-
gebildet. Lineare Mannigfaltigkeiten von Punkt- und
Strahlenreihen. Die Geometrie der Punktreihen hat
Tu. REYE synthetisch für den Raum begründet. Neu
ist die analytische Behandlung des einfacheren Falles
der Ebene und die Abbildung auf den R,.
O. MUHLENDYCK, Berlin: Über die analytischen
Scharen euklidischer Geraden. Sucht man für die ana-
lytischen Scharen euklidischer Geraden natürliche Glei-
chungen aufzustellen, so findet man, daß sechs Fälle zu
unterscheiden sind, was zu einer Einteilung der Scharen
in sechs Familien veranlaßt. Unter diesen Familien
befindet sich eine, für deren Vertreter natürliche Glei-
chungen noch nicht aufgestellt worden sind. Diese
Lücke wird in dem Vortrag ausgefüllt.
R. LAUFFER, Graz: Ein duales Gegenstück zur
kotierten Projektion.
R. LAUFFER, Graz: Rationale Punkte auf Kurven
dritter Ordnung.
Freitag, den 5. September, 14‘/, Uhr: Hörsaal I, Universität,
W. MAIER, Ulm: Orthogonale Thetafunktionen.
BEHNKE, Münster i. W.: Analytische Abbildungen
im Raum zweier komplexen Veränderlichen (Die
Entwicklung der Theorie in der letzten Zeit.) Während
die Frage nach den möglichen Abbildungen von Be-
reichen auf sich und untereinander durch analytische
Funktionen einer komplexen Veränderlichen seit nun
schon geraumer Zeit in einer klaren und übersichtlichen
Weise beantwortet ist, sind dem Versuch, das gleiche
Problem bei den analytischen Funktionen zweier (oder
mehrerer) komplexen Veränderlichen zu lösen, bisheı
immer noch schwere Hindernisse im Wege gewesen.
Seit WEINSTEIN hat man sich an dem Problem ver-
Poıncark und HarToGs wesentliche
Fortschritte erzielt. Überraschende Tatsachen wurden
aufgedeckt, auf die man nicht gefaßt war und die
zeigten, daß man es hier mit einer ganz neuen Theorie
zu tun hatte Über-
tragung der aufzu-
bauen war. Doch sollte die weitere Entwicklung lange
Zeit kaum vonstatten gehen. Dann ist aber in den
letzten Jahren das Problem von einer größeren Anzahl
von Mathematikern in breiter Front aufgerollt worden.
Bei der nun so ständig wachsenden Spannung in der
Entwicklung der Abbildungstheorie dürfte in einem
weiteren Kreise von Mathematikern ein Überblick über
sucht haben
die gewiß nicht durch einfache
gewöhnlichen Funktionentheorie
Deutsche Mathematiker-Vereinigung.
diese neueren Untersuchungen, ihre Ansatzpunkte und
ihr Ineinandergreifen interessieren. Für eine solche
Orientierung ist dieser Vortrag gedacht.
ST. BERGMANN, Berlin: Über die ausgezeichneten
Randflächen in der Theorie der Funktionen von zwei
komplexen Veränderlichen. Man kann im vierdimen-
sionalen Raume bei den Funktionen von zwei kom-
plexen Veränderlichen zu jeder dem Torus homöo-
morphen, gewissen weiteren Beschränkungen unter-
worfenen Fläche #% einen vierdimensionalen Bereich
A® zuordnen, auf dessen (dreidimensionaler) Beran-
dung 3 liegt, wobei % die folgenden Eigenschaften
hat: 1. Ist f(z,2) in U“ regulär, so ist Max. | f(z, z)
bY)
Max. | f(z, z) 2. Zu jedem stetigen, reellen, auf }*
2)
vorgegebenen Wertevorrat gibt es eine und nur eine
reelle Funktion p(,n,{,)g=E+in, z={-+ ir],
a2 Ja
die in W® simultan die Gleichungen - ee
- — o
© &2 c n®
,
N
Cp Op ee en 4
ant aa = o befriedigt und auf 75 die vorgeschrie-
benen Werte annimmt. Im Vortrage werden einige
Anwendungen des eingeführten Begriffes geschildert.
Unter anderen gilt z.B. der folgende Satz: Es sei
j(z,z) eine in einem Bereiche B* reguläre Funktion,
deren Funktionselement die Form AX + BZ + CX?
+ DXZ+EZ +... hat und die in 8 den Wert y
ausläßt. 75 sei eine Fläche der oben angegebenen Art,
die ganz im Innern von B® liegt. Es ist dann möglich,
iwi . Sale
\OZ% ig=z=0 ld2]z z=0
und von Größen, die von f(z,z) unab-
mit Hilfe von
Max. | f(z,z)
vw
hängig sind, eine untere Schranke für |y
anzugeben.
Sonnabend, den 6. September, 8"/,: Hörsaal I, Universität.
K. MENGER, Wien: Allgemeine Metrik. Die ana-
Iytische Geometrie geht davon aus, daß die Punkte, die
ebenen Räume usw. arithmetisch (als n-Tupel reeller
Zahlen, als lineare Gleichungen usw.) gegeben sind,
und behandelt rechnerisch die Eigenschaften der ein-
fachen Raumgebilde. Die axiomatische Geometrie geht
von Sätzen über undefinierte Dinge (genannt Punkte,
Geraden usw.) aus und deduziert aus den Axiomen ein
System von Sätzen Die metrische Geometrie läßt die
Punkte undefiniert und geht lediglich von der Tatsache
aus, daß je zwei Punkten des Raumes ein Abstand
zugeordnet ist. Zum Anschluß an die beiden anderen Be-
handlungsweisen der Geometrie untersucht sie einer
seits jene Eigenschaften des Abstandes, welche den geo-
metrischen Axiomen entsprechen, und die zugehörigen
Klassen allgemeiner Räume, anderseits Bedingungen,
welche notwendig und hinreichend dafür sind, daß der
allgemeine Raum mit dem arithmetisch gegebenen
euklidischen Raum der analytischen Geometrie kon-
gruent sei. Diese Bedingungen wurden vom Vortragen-
den (Mathem. Ann. 100) entwickelt. Für den ein-
dimensionalen Fall sind auch Kennzeichnungen durch
lokale Krümmungseigenschaften gelungen, welche den
Anschluß an die Differentialgeometrie herstellen. Zum
Beispiel wird die klassische Kennzeichnung der Geraden
als einer Kurve mit überall verschwindender Krümmung
in stark verallgemeinerter Form ohne Differenzierbar-
keitsvoraussetzungen und ohne Differentialrechnung neu
bewiesen, und es werden zugleich Grenzen für die Gültig-
keit dieses Satzes angegeben.
A. SCHOLZ, Freiburg: Zermelos neue Theorie der
Mengenbereiche.
Abt. f. math. u. naturwiss. Unterricht.
E. TORNIER, Kiel: Zur Grundlegung der Wahr-
scheinlichkeitsrechnung. Wird jemandem ein Würfel
gegeben und ihm aufgetragen, beliebig oft zu würfeln
und die Ergebnisse der Reihenfolge nach aufzuzeichnen,
so ist dies eine Versuchsvorschrift. Wird sie ausgeführt,
so entsteht eine spezielle der logisch möglichen Reali-
sierungen der Vorschrift; auch ı, ı, 1... ist eine solche.
Die übliche Häufigkeitstheorie betrachtet nur bestimmte
Realisierungen als zulässig, nämlich die, die den Kol-
lektivaxiomen genügen, und axiomatisiert so die Reali-
sierung selbst. Es ist jedoch vorteilhafter, die Vor-
schrift zu axiomatisieren. Dies geschieht mit Hilfe
beliebiger ihrer Realisierungen und der Bewertungen
(Wahrscheinlichkeiten), die die zu axiomatisierende
Vorschrift dem Auftreten bestimmter vorgegebener
Eigenschaften an ihren Realisierungen verleihen soll.
Die methodische Klarheit, die Herr v. Mises durch
Einführung von Operationen der Wahrscheinlichkeits-
rechnung gegeben hat, wird durch allgemeine Defini-
tion des Operationsbegriffs noch vergrößert, während
einige Schwierigkeiten der Häufigkeitstheorie ver-
schwinden.
O. HAUPT, Erlangen: Zur Theorie der reellen
Gruppen.
O. TAUSSKY, Wien: Eine metrische Geometrie in
Gruppen.
G. NÖBELING, Wien: Einige neueste Ergebnisse der
Dimensionstheorie.
I. H. FREUDENTHAL, Berlin: Über Eigenschaften
im Großen nicht kompakter topologischer Räume und
Gruppen.
Tagung des Mathematischen Reichsverbandes.
Freitag, den 5.September, 15'/,Uhr (inVerbindung mit der Abteilung für
den mathem, u. naturwiss. Unterricht): Hörsaal III, Universität.
HAMEL-DREETZ, Berlin: Berichte über die schul-
politische Lage, insbesondere über die Ausbildung der
Lehrer an den höheren Schulen.
Berichte über Erfahrungen mit Vorlesungen über
ausgewählte Kapitel aus der Schulmathematik, einge-
leitet durch die Herren BiEBERBACH und ROTHE.
Abteilung für mathem. und naturwiss. Unterricht
mit der Vereinigung f. mathem. und naturwiss. Unter-
richt in Königsberg] Pr.).
Sonnabend, den 6. September, 16 Uhr: Hörsaal III, Universität,
W. FR. MEYER, Königsberg i. Pr.: Unterschiede
zwischen antikem und modernem Denken in der Mathe-
matik. Die Euklidische Schöpfung erscheint als eine
prastabilierte Harmonie. Jedem Satze ist seine be-
stimmte Stelle zugewiesen, und keiner läßt sich ent-
fernen, ohne den Aufbau des Ganzen zu zerstören.
Hier wie überall in der antiken Mathematik ist der Sinn
stets auf das konkrete Einzelgebilde gerichtet. Dem-
gegenüber tritt in der modernen Mathematik die Ver-
wandtschaft der als beweglich gedachten Gebilde zu-
einander und ihre gegenseitige Überführung (Energie-
übertragung) in den Vordergrund. Als Brücke zwischen
beiden Anschauungsarten mag etwa die stereographische
Projektion der Kugel sowie der Satz des Pappus dienen.
Bei ersterer gehen Kreise auf der Kugel über in Kreise
in der Ebene (und vice versa), und die Winkel bleiben
erhalten. Damit hat man ein einfaches Prinzip, um
die Geometrie auf der Kugel auf die in der Ebene zu
ibertragen. Dieser Gedankengang läßt sich verschie-
dentlich verallgemeinern. Einmal läßt sich die Kugel
lurch eine beliebige Fläche zweiter Ordnung ersetzen,
wobei die Konformität zum Satze des Pappus und zur
nichteuklidischen Geometrie in Beziehung tritt. Weiter
— Tagung für exakte Erkenntnislehre. 1067
gelangt man zu Paaren algebraischer Flächen, die auf-
einander abbildbar sind, und in der Differentialgeome-
trie zu solchen Paaren, wo gewisse ausgezeichnete
Kurvensysteme einander entsprechen. Andere instruk-
tive Fälle bieten sich in anderen mathematischen
Disziplinen dar. Bei derartigen Abbildungen kann man
erkennen, wie neue Sätze in der Mathematik entstehen.
A. SCHÜLKE, Berlin: Geometrische Verwandtschaft
im Unterricht. Die Reform der Geometrie vollzieht
sich langsamer als die der Arithmetik, <s muß daher die
bildende Kraft der Geometrie durch stärkere Betonung
der Verwandtschaft gesteigert werden. Zum Beispiel
in jedem Dreieck ist a+b >c; dual dazu (Study 1893)
wird für die Winkel A + B >C (Schülerarbeit, Schiller-
Realgymnasium Stettin). Die EuLersche Gerade
HSO und der FEUERBACHsche Kreis waren Kuriosi-
täten; aber man kann zeigen, daß es Symmetrieeigen-
schaften des Dreiecks oder des Würfels sind (W. WEBER,
Berlin). — Durch Affinität kann man aus speziellen
Figuren Sätze über Tangenten usw. herauslesen, zum
Beispiel: Welche Fehler können beim Tabellenrechnen
durch lineare Interpolation entstehen? Durch graphi-
sche Darstellung ersieht man ohne Rechnung, daß der
größte Fehler ein Achtel der 2. Differenz wird, — Bei
Perspektive kann der Übergang von den räumlichen
Verhältnissen zur Zeichnung durch ein einfaches Modell
anschaulich bewiesen werden. Wenn man nach Beck,
Elementargeometrie II, die Abbildung der ganzen Ebene
betrachtet, dann wird jeder Kegelschnitt durch Pol
und Polare perspektiv in sich gespiegelt, ebenso wie er
durch einen Durchmesser und den Mittelpunkt affin
gespiegelt wird. Endlich kann man leicht Gleichung
und Zeichnung für die Schar von Kegelschnitten an-
geben, die durch einen Pol und Polare in sich gespiegelt
werden, und die außerdem durch zwei reelle oder ima
ginäre Punkte gehen.
O. NEUGEBAUER, Göttingen: Über das neue
mathematische Institut der Universität Göttingen. Die
Erbauung eines mathematischen Institutes hat es er-
möglicht, Unterrichtseinrichtungen, Bibliothek und
Sammlung nach einheitlichen Grundgedanken durch-
zubilden, deren wesentlichste möglichst selbstverständ-
liche Berührung der Studenten mit Bibliothek und
Modellsammlung und ungestörte Arbeitsmöglichkeiten
für wissenschaftlich Arbeitende sind. Die steigenden
Frequenzziffern (gegenwärtig über 600 Studenten) und
die Frage der Auswahl Geeigneter bilden das Haupt-
problem der Unterrichtsfragen. Ausgedehnter Übungs-
betrieb ist wohl der einzige, einigermaßen zu ihrer Lö-
sung führende Weg. Die Erfahrungen der letzten Jahre
lassen an Hand von genauen Statistiken einen Einblick
in die Wirkungen eines solchen Systems gewinnen.
Tagung für exakte Erkenntnislehre.
Freitag, den 5. September, 9 Uhr: Hörsaal III, Universität.
R. CARNAP, Wien: Die Grundgedanken des Logi-
zismus. Unter ,,Logizismus‘‘ wird die Auffassung ver-
standen, daß die Mathematik ein Zweig der Logik ist.
Diese Auffassung ist von FREGE begründet und von
RUSSELL und WHITEHEAD systematisch durchgeführt
worden. Man hat nachgewiesen, daß der Begriff der
natürlichen Zahl und die einzelnen natürlichen Zahlen
abgeleitet werden können aus den logischen Begriffen:
nicht, oder, alle, es gibt, identisch. Aus den natürlichen
Zahlen können die übrigen Zahlarten (positive und nega-
tive Zahlen, rationale Zahlen, reelle Zahlen) und die weite-
ren Begriffe der Mathematik (arithmetische Operationen,
Grenzbegriffe,Stetigkeit) abgeleitet werden. DieSätze der
Mathematik können aus den logischen Axiomen deduziert
werden, unter Zuhilfenahme des Unendlichkeitsaxioms
1005
und des Auswahlaxioms. Aus der Betrachtung des Ver-
hältnisses zwischen den drei gegenwärtigen Lösungs-
Intuitionismus (BROUWER), Formalismus
und Logizismus läßt sich ein Ausblick auf
Annäherung dieser Auffassungen ge-
versuchen
(HILBERT
eine
winnen.
A. HEYTING, Enschede (Niederlande): Die intui-
tionistische Begründung der Mathematik. Zweck des
Vortrags ist, in die intuitionistische Denkweise ein-
zuführen unter Vermeidung der mit der Deutung der
Grundbegriffe verbundenen philosophischen Schwierig-
keiten. Nach einer kurzen Kennzeichnung des Stand-
punktes wird die Reihe der ganzen Zahlen besprochen ;
Veranlassung zu einer Erörterung über die
mathematische Existenz. Aus dem Aufbau der Mathe-
matik werden die Begriffe der Irrationalzahl, der Wahl-
mögliche
diese gibt
folge und der Menge näher betrachtet Der zweite
Teil des Vortrags handelt von der intuitionistischen
Logik. Eine mathematische Aussage drückt eine be
ihre Negation be
Wider-
stimmte Erwartung (Intention) aus;
deutet die
spruch
Aussage auf einen
können. Besprechung des
Satzes vom ausgeschlossenen Dritten. Als zweite Aus
sagenfunktion wird die Beweisbarkeit eingeführt; alle
möglichen Formen einer mit Hilfe dieser beiden Funk-
tionen gebildeten Behauptung über den logischen Wert
einer Aussage werden aufgestellt
J. VON NEUMANN, Berlin:
Begründung der Mathematik.
Erwartung, die
zurückführen zu
Die axiomatische
Sonnabend, den 6. September, 10 Uhr: Hörsaal III, Universität,
H. REICHENBACH, Berlin: Der physikalische Wahr-
heitsbegriff.
W. HEISENBERG, Leipzig: Kausalität und
Quantenmechanik. Die Quantenmechanik hat in deı
Frage nach der Gültigkeit des Kausalgesetzes eine neue
Situation geschaffen. Sie hat in erster Linie dazu ge-
führt, daß den meisten bisher üblichen Formulierungen
dieses Gesetzes kein präziser Sinn zugeordnet werden
kann. Die verschiedenen Formulierungen müssen also
einzeln auf ihre Brauchbarkeit
physikalischen Erfahrungen geprüft werden. Eine ein-
\nalyse der quantenmechanischen Begriffe
anzugeben einer Determiniert-
Prozesse gesprochen werden darf.
gegenüber den neuen
gehende
gestattet
heit physikalischer
wieweit von
Sonnabend, den 6. September, 15 Uhr: Hörsaal III, Universität
O. NEUGEBAUER, Göttingen: Die Geschichte der
vorgriechischen Mathematik.
K. GÖDEL, Wien: Über die Vollständigkeit des
Logikkalkiils. Bei der axiomatischen Begründung
der Logik, wie sie z. B. in den Principia Mathematica
vorliegt, taucht die Frage auf, ob die an die Spitze
gestellten Axiome ‚vollständig‘ sind, d.h. wirklich dazu
ausreichen, jeden richtigen Satz der Logik auf formalem
Wege zu Problem ist bisher nur
für die einfachsten Sätze, nämlich die des
\ussagenkalkiils, gelöst. Die Antwort fällt positiv aus
d. h.: Jede (allgemeingültige) Aussageformel
folgt aus den Axiomen der Principia Mathematica
Vortragender zeigt, wie man diesen Satz auf die Formeln
Funktionenkalküls (Formeln
bundene Funktionsvariable) ausdehnen kann
A. SCHOLZ, Freiburg: Über den Gebrauch des Be-
griffs Gesamtheit in der Axiomatik.
W. DUBISLAV, Berlin-Friedenau: Über den soge-
nannten Gegenstand der Mathematik. Es wird gezeigt,
daß weder die intuitionistische Auffassung von dem
Wissenschaftscharakter der Mathematik (Altintuitionis-
mu KANT, Neointuitionismus: BROUWER), noch die
deduzieren. Dieses
logischen
richtige
des engeren ohne ge-
Deutsche Physikalische Gesellschaft und Gesellschaft für Technische Physik.
empiristische Auffassung (MILL, HERSCHEL), noch die
konventionalistische (PoINCARE), noch die logizistische
(RUSSELL, WITTGENSTEIN), sondern allein die wesent-
lich auf HıLBERT zurückgehende formalistische zu Recht
besteht. Entsprechend dieser formalistischen Auffas-
sung ist die reine Mathematik lediglich ein Kalkül, ir
dem es weder Wahrheit noch Falschheit gibt
sondern in dem es sich darum handelt, aus bestimmten
Ausgangsformen nach bestimmten Operationsvor-
schriften Formeln abzuleiten. Und zwar gelangt man
zu diesem Kalküle, wenn man den Kalkül der Logistik
um einige neue Ausgangsformeln erweitert, ohne daß
es zusätzlicher Operationsvorschriften bedarf, von den
Definitionssubstitutionen abgesehen. Einen Gegenstand
der reinen Mathematik gibt es also überhaupt nicht.
also
Deutsche Physikalische Gesellschaft
und Gesellschaft für Technische Physik.
Vorträge zur gemeinsamen Sitzung am
Donnerstag, den 4. September, 15 Uhr: Neue Aula, Universität.
Gesamtthema: Quanten- und Wellenmechanik.
Leitung: M. Born, Göttingen.
HUND, Leipzig: Molekelbau und Bandenspektren.
I. Grundlage und Methoden. Quantenmechanik (Korre-
spondenzprinzip, SCHRODINGERsche Gleichung). Sym-
metriceigenschaften und allgemeine Sätze. Qualitative
und quantitative Methoden. II. Allgemeine Eigen-
schaften der zweiatomigen Molekeln. Abstufungen der
Kräfte. Zweizentrensystem, Quantenzahlen, Auswahl-
regeln, Klassifikation der Terme. Interpolation zwi-
schen den Fällen weitgetrennter Zentren und vereinig-
ter Zentren. Rezept zur Aufstellung des Termschemas.
Rotationstermtypen. Molekelterme. III. Anwendung
auf Molekeln mit zwei gleichen Kernen. Ergebnisse der
qualitativen Betrachtung (Hy, He,, Li, NZ, N,). Che-
mische Bindung. Rechenmethoden. IV. Mehr-
atomige Molekeln. V. Reaktionen von Molekeln. Akti-
vierung, Katalyse, Prädissoziation.
E HÜCKEL, Leipzig: Zur Quantentheorie der Dop-
pelbindung. Die Stabilität der C=C und C=N-Dop-
pelbindung gegen Verdrehung, welche aus der Existenz
von cis-trans- bzw. syn- und anti-Isomeren folgt, wird
auf Grund der Elektronenstruktur der Doppelbindung
gedeutet. Wesentlich ist dabei die Anwesenheit zweier
[a]-Elektronen. Es wird ferner die Elektronen-
struktur des O,-Moleküls und der C=O-Doppelbin-
dung diskutiert.
WEIZEL, Rostock: Rotationsstruktur leichter Mo-
lekeln. Für die leichten Moleküle H, und He, und
ihre Bandenspektren sind folger de Züge charakteristisch:
1. Große Rotationsenergie. Vie.'inienspektren. 2. Elek-
tronentermserien. Deutbarkeit durch Molekülrumpf
und Leuchtelektron 3. Starke 1-Entkoppelung.
Hieraus Bestimmung der Quantenzahl 1 des Leucht-
elektrons. 4. Geringe Wirkung des Spins. Durch Extra-
polation der Serien kann man auf die Eigenschaften des
Molekülions und damit des Molekülrumpfs schließen.
So kann man z.B. bei He, zeigen, daß alle bekannten
Zustände denselben Molekülrumpf besitzen. Bei Was-
serstoff scheint es zweierlei Zustände zu geben, die zu
zwei verschiedenen H}-Rümpfen gehören.
WENTZEL, Zürich: Aperiodische Vorgänge in der
Quantenmechanik. 1. Grundlagen und geschichtliche
Entwicklung der Theorie. 2. Strahlungslose Vorgänge:
Auger-Effekt, Elektronenstoß, Vorgänge in Molekülen.
3. Strahlungsprozesse: Absorption, Emission und Streu-
ung von Licht, Compton-Effekt.
ie
Deutsche Physikalische Gesellschaft und Gesellschaft für Technische Physik. 1069
BETHE, München: Elektronenstoß. Der elastische
bzw. unelastische Zusammenstoß eines schnellen Elek-
trons mit einem Atom zeigt weitgehende Analogie zur
kohärenten bzw. inkohärenten Streuung von Röntgen-
strahlen. Dies ergibt sich aus der wellenmechanischen
Stoßtheorie von Born unmittelbar, wenn man die dort
auftretenden Matrixelemente der Wechselwirkungs-
energie zwischen Elektron und Atom nach einer be-
sonders einfachen Methode auswertet. Für das Brems-
vermögen eines Gases für schnelle Elektronen ergibt
die Wellenmechanik etwas andere Formeln als die
klassische Theorie von BoHR, aber fast die gleichen nu-
merischen Werte. Die Richtungsverteilung der ge-
streuten Elektronen stimmt nur bei großen Ablenkungs-
winkeln, die Geschwindigkeitsverteilung der Sekundär-
elektronen nur bei großen Geschwindigkeiten mit der
klassischen Theorie überein, letztere jedoch durchweg
mit dem Experiment.
H. POSE, Halle: Über Richtungsverteilung der von
Polonium-x-Strahlen aus Aluminium ausgelösten H-
Teilchen. Sowohl die Ausbeute als auch die Reich-
weite von Atomtrümmern ist abhängig von der Primär-
energie und von dem Winkel zwischen Primär- und
Sekundärstrahl. Für den Vergleich der Ergebnisse ver-
schiedener Beobachter, die stets unter anderen Ver-
suchsbedingungen gearbeitet haben, sind systematische
Untersuchungen dieser Abhängigkeit wichtig. Für das
Al sind solche Untersuchungen hier durchgeführt wor-
den, die Ergebnisse bei Variation der Primärenergie
sind schon im Druck, die Versuche über die Winkel-
abhängigkeit sind noch im Gang. Auf Grund der bis-
herigen Ergebnisse konnten die großen Diskrepanzen,
die zwischen den Messungen verschiedener Beobachter
auftraten, zum Teil erklärt werden, die Versuche über
die Richtungsverteilung sollen hier noch weitere Klä-
rung schaffen.
G. BECK, Leipzig: Über die theoretische Behand-
lung der Atomzertrümmerungsprozesse. Es werden
zwei verschiedene Quantenprozesse untersucht, welche
für die Kernzertrümmerung maßgebend sind und
welche als normale und Resonanz-Zertrümmerung zu
bezeichnen sind. Für beide Prozesse werden Ausbeute,
Geschwindigkeits- und Richtungsverteilung der aus-
gelösten H-Strahlen berechnet.
BETHE, München: Richtungsverteilung der Photo-
elektronen. Fällt linear polarisiertes, langwelliges Licht
auf ein Atom, so ist die Anzahl der emittierten Photo-
elektronen, deren Emissionsrichtung mit dem elektri-
schen Vektor der einfallenden Strahlung den Winkel x
bildet, gleich acos? x + b. Für diejenigen Elektronen, die
aus Schalen mit der azimutalen Quantenzahl !=o
ausgelöst werden — und nur für diese —, ist b o; der
Photostrom verschwindet in der Ebene senkrecht zum
elektrischen Vektor der einfallenden Strahlung. Bei
kürzerer Wellenlänge des Lichts erhalten die Photo-
elektronen im Mittel noch einen zusätzlichen Impuls
in Richtung der Wellen-Normale der Strahlung; dieser
ist bei den Photoelektronen der K-Schale doppelt so
groß, wie aus klassischen Betrachtungen (Lichtdruck)
folgt, bei denen der L-Schale etwas kleiner.
H. H. HUPFELD, Berlin-Dahlem: Prüfung der
Streuungsformeln von KLEIN-NISHINA an kurzwelliger
y-Strahlung. Die quantenmechanische Streuformel von
KLEIN und NısHinA erfordert zur Prüfung eine sehr
harte monochromatische Strahlung. Eine solche läßt
sich durch Filterung der y-Strahlen des Thorium C”
herstellen. Ihre Wellenlänge beträgt 4,7. E. Ab-
sorptionsversuche mit dieser Strahlung in verschiedenen
Materialien zeigen nun, daß die experimentellen Ab-
sorptionskoeffizienten nicht mit den aus der KLEIN-
Nw. 1930
NısHinaschen Theorie berechneten Streukoeffizienten
übereinstimmen. Dies müßte bei der sehr hohen Fre-
quenz der Strahlung der Fall sein, da hier der Absorp-
tionseffekt fast nur durch Comptonsche Streuprozesse
zustande kommt. Als Grund der Abweichungen ist
evtl. eine Streuung an den Atomkernen anzunehmen,
wodurch auch das Anwachsen dieser Abweichungen
mit steigender Ordnungszahl erklärt würde.
Freitag, den 5. September, 10 Uhr: Neue Aula, Universität.
Gesamtthema: Korpuskularstrahlen.
Leitung: C. Ramsauer, Berlin.
GEHRTSEN, Tübingen: Kanalstrahlen. Die An-
wendung von Zähl- und Ionisationsmethoden zur In-
tensitätsmessung von Kanalstrahlen, die für alle Atom-
gattungen durchführbar ist, bedeutet gegenüber den
älteren Methoden eine Empfindlichkeitssteigerung um
den Faktor 10% und gestattet so eine erfolgreiche
Untersuchung von Stoßvorgängen bei Kanalstrahlen.
Es wird eine Übersicht über Experimente gegeben, die
systematisch zur Klärung der Stoßvorgänge bei H- bzw.
He-Kanalstrahlen durchgeführt wurden. Die Gesetze
des Durchgangs durch Materie sind in den wesentlichen
Zügen quantitativ erkannt, und ihre charakteristischen
Merkmale gestatten eine widerspruchslose Einordnung
in unsere Kenntnis der Eigenschaften der gut durch-
forschten x- und Kathodenstrahlen.
R. KOLLATH, Reinickendorf: Über den Wirkungs-
querschnitt von Gasmolekülen gegenüber langsamen
Protonen (nach gemeinsamen Versuchen von C. RAM-
SAUER und R. KoLLATH). Zur Erforschung der mole-
kularen Kraftfelder bedient man sich verschiedener
Sonden, unter denen eine prinzipiell bevorzugte Stellung
die kleinsten Bausteine der Materie einnehmen: das
Elektron und das Proton. Während die Wirkungsquer-
schnittsforschung mit Elektronen als Sonden schon weit
vorgeschritten ist und überraschende Resultate ergeben
hat, liegen Untersuchungen mit Protonen als Sonden
bisher nur vereinzelt und nur für größere Geschwindig-
keiten vor. Eigene Ergebnisse der Verff. bei Wirkungs-
querschnittsuntersuchungen verschiedener Gase gegen-
über langsamen Protonen werden mitgeteilt und mit
den Ergebnissen der Wirkungsquerschnittsmessungen
gegenüber Elektronen verglichen.
STERN, Hamburg: Beugungserscheinungen an
Molekularstrahlen. Nach DE BroGLieE soll ein Strahl
von Molekülen Welleneigenschaften zeigen, wobei sich
die Wellenlänge aus der Formel 4 = — (A Wellen-
länge, h PLancksche Konstante, m Masse, v Geschwin-
digkeit des Moleküls) ergibt. Größenordnung von 4
für He oder H, von Zimmertemperatur etwa !/,ıo"®cm.
Es werden verschiedene experimentelle Möglichkeiten
besprochen, die hiernach zu erwartenden Beugungs-
erscheinungen an Molekularstrahlen nachzuweisen, und
es wird über die bisherigen Versuche berichtet, speziell
über die Erscheinungen, die bei der Reflexion eines
Molekularstrahls an der Spaltfläche eines Krystalls auf-
treten. Schließlich wird über die Resultate der letzten
in Hamburg ausgeführten Versuche berichtet, deren
Resultat ist: Trifft ein Molekularstrahl (He, H,) auf
eine Krystallspaltfläche (Li F) auf, so zeigen die von
ihr gestreuten Strahlen in allen Einzelheiten eine In-
tensitätsverteilung, wie sie den von einem Kreuzgitter
entworfenen Spektren entspricht. Die aus der Gitter-
konstante des Krystalls berechnete Wellenlänge hat
für verschiedene m und v den von DE BROGLIE ge-
forderten Wert.
E. RUPP, Berlin-Reinickendorf: Anwendung der
Elektroneninterferenzen zur Strukturanalyse. Aus den
79
1070
Tatsachen der Elektroneninterferenzen lassen sich neue
Verfahren zur Strukturanalyse krystalliner Stoffe her-
leiten. So kénnen mit langsamen Elektronen Schichten
eines Körpers untersucht werden. Bisher sind Versuche
ausgeführt über Gasadsorption an Metallen, über che-
mische Reaktionen mit Oberflächenkatalysatoren, über
passives Eisen, über Sauerstoffbedeckung an Wolfram
und über den lichtelektrischen Effekt an hydriertem
Kalium. Der Vortrag gibt einen Überblick über die
Ergebnisse dieser Versuche.
F. KIRCHNER, München: Neue Versuche über
Elektronenbeugung. ı. Infolge einer Kathodenbestrah-
lung treten in dünnen Celluloidhäutchen gewisse Struk-
turveränderungen auf, die mittels Elektroneninter-
ferenzen studiert werden. 2. Es wird ein neues Ver-
fahren beschrieben, das die Strukturuntersuchung be-
liebiger Substanzen mittels Elektronenwellen gestattet.
3. Verschiedene Anwendungen des letzteren Verfahrens
und Demonstration von Interferenzaufnahmen an ver-
schiedenen Substanzen
F. KIRCHNER, München: Die spezifische Ladung
des Elektrons. Mittels ungedämpfter elektrischer
Schwingungen, deren Frequenz durch Überlagerung
mit einer Normalschwingung (Piézoquarz) kontrolliert
wird, wurde die Geschwindigkeit von Kathodenstrahlen
nach einer früher vom Vortragenden ausgearbeiteten
Methode direkt gemessen. Die Kombination mit sorg-
fältigen Messungen der Beschleunigungsspannung (nach
dem |Kompensationsverfahren) ermöglichte die Bestim-
mung der spezifischen Ladung des Elektrons; die be-
nutzte Methode erfordert also im Gegensatz zu allen bis-
herigen e/m-Bestimmungen an Kathodenstrahlen über-
haupt keine Ablenkung im Magnetfeld. Als Resultat
ergab sich ein beträchtlich kleinerer Wert als ihn die
letzte und bisher genaueste e/m-Bestimmung an Ka-
thodenstrahlen [F. WoLf, Ann. Phys. 83 (1927)] ge-
liefert hat
E. BRÜCHE, Berlin-Reinickendorf: Experimente zu
Störmers Polarlichttheorie. Dem Verfasser ist es ge-
lungen, fadenförmige leuchtende Elektronenstrahlen
von geringer Geschwindigkeit herzustellen, die bei einer
Länge bis zu ı m ihren sehr geringen Strahlquerschnitt
bewahren Damit ist die Möglichkeit gegeben, die
StORMERsche Polarlichttheorie zu redifizieren. Mit
Fadenstrahlen von 200 Volt Geschwindigkeit und
Erdkugel nachgebildeten Kugelmagneten
werden Elektronenbahnen, die für die Elektronenbewe-
gung im Erdfeld typisch sind, nachgeahmt. Die Ergeb-
stehen mit den Berechnungen und Angaben
STÖRMERS in Übereinstimmung. Im einzelnen gelingt
es, das Umkehren der Strahlen in Erdnähe, ihr Ein-
treffen an den Polen, den Ringstrom um die Erde usw
photographisch festzuhalten
einem der
nısse
Sonnabend, den 6. Septemoer, 9 Uhr: Neue Aula, Universität
Gesamtthema: Technische Probleme im Lichte der
neuzeitlichen Atomvorstellung.
Leitung: M. Pirani, Berlin.
SEELIGER, Greifswald: Das Eingreifen der Atom-
physik in die Anwendungen der Gasentladungen. Die
Ergebnisse der modernen atomtheoretischen Forschung
haben sich als unentbehrliches Hilfsmittel für das Ver-
ständnis der Vorgänge in Gasentladungen erwiesen ; der
Vortrag soll nun zeigen, in welchem Umfang dies ins-
besondere auch für die technischen Anwendungen gilt.
Betrachtungen über die Art der
Problemstellungen in der angewandten Physik werden
Nach allgemeineren
die atomphysikalischen Elementarprozesse, die in Gas-
entladungen eine Rolle spielen, kurz besprochen, dann
Deutsche Physikalische Gesellschaft und Gesellschaft für Technische Physik.
spezielle Beispiele (Wärmeerzeugung in Leuchtröhren,
Rückzündungen in Gleichrichtern, gesteuerte Ent-
ladungen) im Sinne des Vortragsthemas diskutiert und
zum Schluß die Grenzen gezogen, bis zu denen die Ver-
wertung des von der Atomphysik gelieferten Materials
zur Zeit bereits ausgedehnt werden kann.
M.PIRANI, Berlin: Lichterzeugung. Die Aussichten
für die Lichterzeugung auf Grund der Beschaffenheit
des Termschemas eines Gases werden erörtert. Die
Frage nach den Energieverhältnissen der ausgestrahlten
Linien ist von der Theorie bisher nur für einzelne Serien
geklärt worden; dagegen steht die Energiebilanz der
Gesamtspektren noch aus. Es werden die Aussagen der
Theorie den experimentellen Befunden gegenüber-
gestellt und dabei insbesondere die Rolle des Edelgases
in Mischungen von Edelgas und Metalldampf erörtert
und, zwar bezüglich der Lichterzeugung, der Zündung
und der Stromleitung. Die praktisch erreichten Licht-
ausbeuten werden mit den theoretisch erreichbaren
verglichen.
F. KESSELRING, Berlin: Schaltvorgänge. Bei Ver-
suchen an Wechselstromlichtbögen zwischen Metall-
elektroden stellt man fest, daß wesentliche Unterschiede
bestehen, je nachdem der Versuch in einem trockenen
Gas oder in gesättigtem Dampf durchgeführt wird.
Insbesondere zeigt sich, daß eine adiabatische Druck-
entlastung von Sattdampf eine starke lichtbogen-
löschende Wirkung ergibt. Die Brenndauer eines
Wechselstromlichtbogens in Dampf hängt wesentlich
ab vom Verhältnis des Temperaturgefälles während
des Stromnulldurchganges zum Anstieg der wiederkeh-
renden Spannung. Zum Schluß werden diejenigen Ver-
suche und Überlegungen zusammengestellt, welche da-
für sprechen, daß der Wilson-Effekt von maßgebendem
Einfluß auf die Lichtbogenlöschung ist.
E. SCHMID, Berlin-Dahlem: Über Werkstoffverfor-
mung und -Festigkeit. Da sämtliche metallischen Werk-
stoffe krystallinen Aufbau zeigen, stellt der Einkrystall
das zur Untersuchung der Verformungs- und Festig-
keitseigenschaften geeignete Objekt dar. Die Deforma-
tionsmechanismen und ihre geometrischen Folgerungen
und die den Kraftbedarf bei der Krystallverformung
regelnden Gesetzmäßigkeiten werden erläutert. Hierbei
werden insbesondere jene Punkte hervorgehoben, die
heute noch einer befriedigenden physikalischen Deutung
harren. Die Übertragung der am Einkrystall gewon-
nenen Erkenntnisse auf den technischen Vielkrystall
liefert zunächst eine Erklärung für die bei Kaltformung
auftretenden Gefügeregelungen (Texturen); aber auch
zahlreiche weitere Züge im Verhalten der Werkstoffe
werden hierbei unserem Verständnis nähergebracht.
Einzelvorträge.
Die zeitliche Einordnung erfolgt noch und wird den
Teilnehmern vor Beginn der Tagung zugestellt.
H. BARTELS, Danzig: Über Messungen am Ende
der Natriumnebenserien. Ein Natriumbogen zwischen
Eisen und metallischem Natrium, der unter hoher Be-
lastung in einem ganz aus Metall gebauten Bogen-
gefäß brennt, gibt die Nebenserien bis ans Serienende
und das daran anschließende kontinuierliche Serien-
endspektrum so intensiv, daß Beobachtung des Spek-
trums bei hoherDispersion möglich ist. Messungen ander
1. Nebenserie zeigen, daß die von SCHRÖDINGER auf
Grund alter Messungen vermutete anomale Polarisier-
barkeit des Natriumrumpfes nicht reell ist. Beim Über-
gang des diskontinuierlichen Linienspektrums in das
kontinuierliche Serienendspektrum zeigen eine
Reihe charakteristischer Erscheinungen, die zum Teil
sich
it-
nd
r-
ils
en
“it
he
on
on
er
er
es
= a BE
- wu WEB 0 VS
Deutsche Physikalische Gesellschaft und Gesellschaft für Technische Physik. 1071
auch von PAScHEn am Ende der He-Serie beobachtet
wurden.
H. BAUER, Wien: Ein rotierendes Lichtquanten-
modell. Das Lichtquantum wird als ein doppelstern-
artiges Gebilde von der Ausdehnung einer Lichtwellen-
länge aufgefaßt, das aus zwei Komponenten mit ent-
gegengesetzter elektrischer Ladung von der Größe (je)
eines Elementarquantums besteht, die um ihren ge-
meinsamen Schwerpunkt kreisen. Für dies Modell
werden die Massen und Radien der beiden Komponen-
ten, sowie deren Winkelgeschwindigkeit als Funktionen
der Frequenz des Quantums berechnet. Das Verhältnis
der beiden Massen bzw. Radien erweist sich als kon-
stant.
W. BOTHE, Berlin: Zertriimmerung und Anregung
von leichten Atomkernen. Gemeinsam mit K. BECKER
ausgeführte Versuche haben ergeben, daß a-Strahlen
in leichteren Elementen nicht nur H-Strahlen, sondern
auch eine harte y-Strahlung zu erzeugen vermögen,
welche aber mit der Zertrümmerung nicht ganz parallel
geht.
K. CONRAD, Oppau: Über das Auftreten von dop-
pelt geladenen Molekülen im Kanalstrahl. Es galt bis-
her als Erfahrungsregel, daß im Kanalstrahl im Gegen-
satz zu den Atomen, die auch mehrfach geladen vor-
kommen, Moleküle nur einfach geladen auftreten. Mit
einer Anordnung, bei der die Kanalstrahlanalyse bei
sehr guter Auflösung nach der Parabelmethode erfolgt,
konnten nunmehr in zahlreichen Fällen auch bei
Molekülen doppelte Ladungen nachgewiesen werden.
E. DARDIN und K. NESSELMANN, Berlin: Über
einige thermische Eigenschaften von Toluol. Es werden
Versuche über die Dampfspannung, die spezifische
Wärme der Flüssigkeit, die Verdampfungswärme und
die spezifische Wärme des Dampfes von Toluol bis
ıo ata beschrieben. Auf Grund der Meßwerte werden
Gleichungen für die Spannungskurve, Verdampfungs-
wärme, spezifische Wärme des Dampfes und für die
spezifische Wärme auf den Grenzkurven aufgestellt.
Mit Hilfe dieser Gleichungen werden die Versuchsergeb-
nisse miteinander verglichen. Für die rechte Grenz-
kurve zwischen nassem und überhitztem Dampf ergibt
sich ein auch bei anderen Kohlenwasserstoffen beob-
achteter Verlauf, daß bei adiabatischer Expansion des
Dampfes von der Grenzkurve aus dieser nicht naß,
sondern überhitzt wird. Diese Tatsache kann bei der
Verwendung des Toluols als Arbeitsmittel in Kraft-
maschinen von besonderem Vorteil sein.
H. EDLER, München: Über den Einfluß des Gas-
gehalts des Elektrodenmaterials auf die Stromleitung
in dielektrischen Flüssigkeiten.
E. GEHRCKE, Berlin-Charlottenburg: Objektive
Vorführung des Haidingerschen Polarisationsbüschels.
Das bisher nur subjektiv beobachtete HAIDINGERSche
Polarisationsbüschel wird objektiv auf dem Projek-
tionsschirm gezeigt, auch im Spektrum.
E. GEHRCKE, Berlin-Charlottenburg: Vorführung
eines Multiplex-Interferenzspektroskops (nach gemein-
samen Versuchen mit E.LAv). Nach dem von den Ver-
fassern gefundenen Prinzip der verscharften Inter-
ferenzen ist ein stabiler Interferenzapparat konstruiert
worden, der die Vorteile groBen Dispersionsgebiets und
großen Auflösungsvermögens bei großer Intensität in
sich vereinigt.
E. GEHRCKE, Berlin-Charlottenburg: Die Patina
auf Quarzen als Zeitmesser. Es wird gezeigt, daß die
Patina auf Quarzen nicht auf komplizierte, physika-
lische und chemische Ursachen zurückzuführen ist,
sondern nur auf ganz bestimmte chemische Einflüsse,
und zwar in den meisten Fällen auf zeitlich weit
zurückliegende. Die verschiedenen Sorten der Pati-
nierung gestatten eine quantitative zeitliche Auswer-
tung. Die Größenordnung der sich so ergebenden Zei-
ten liegt in praktischen Fällen über 10000 und unter
mehreren 100000 Jahren.
R. GOLDSCHMIDT, Berlin : Magnetische Materialien
bei schwachen Wechselfeldern. Es wird für die ver-
schiedensten magnetischen Materialien der Verlauf der
reversiblen Permeabilität in Abhängigkeit von der Vor-
magnetisierung bestimmt und mit der theoretischen
Beziehung von Gans verglichen. Ferner wird im glei-
chen Bereich das Verhalten der magnetischen Verlust-
konstanten untersucht. Weitere Untersuchungen er-
strecken sich auf das Verhalten von Permeabilität und
Verlustkonstanten in Abhängigkeit von der Tempera-
tur sowie auf den Verlauf von Permeabilität und Hyste-
reseverlusten in Abhängigkeit von der Feldamplitude.
K. HERRMANN, Berlin-Charlottenburg: Zur rönt-
genographischen Strukturbestimmung der Gelatine-
micelle. An Hand von Röntgenbildern trockener, ge-
quollener und gedehnter Gelatine wird ein Bild der
Gelatinemicelle entworfen, das zunächst diese Bilder,
dann aber auch eine Reihe von hervorstechenden
Eigenschaften der Gelatine zu erklären vermag. Da-
nach besteht die Gelatinemicelle aus einem kristallinen
Kern, zu welchem sich die Polypeptidketten zusammen-
schließen. Diese sind in ihrer Längsrichtung durch
Hauptvalenzkräfte, senkrecht aber dazu durch Neben-
valenzkräfte gehalten. An den Enden, in Richtung der
Hauptvalenzen, ist die Micelle ausgefranst, das heißt
die Enden der Polypeptidketten sind am Anfang und
Ende seitlich nicht mehr zusammengehalten. Die
nebenvalenzartige Betätigung dieser Fransen zwischen
den Micellen bedingt den Zusammenhang und die
elastischen Eigenschaften des Gels. Auch die mechani-
schen Eigenschaften des Kollagens (Sehne) finden mit
analogem Bilde ihre Erklärung.
HORNUNG, Berlin-Tempelhof: Reichweitenver-
suche mit einem fremdgesteuerten 6-m-Sender fiir
Rundfunk und Fernsehen in Stadtgebieten. Ein fremd-
gesteuerter 6 m-Sender, mit ungefähr 1 kW Ausgangs-
leistung, wird beschrieben, wobei eine geradlinige
Modulationskurve über einen größeren Modulations-
bereich ohne wesentliche Rückwirkung erhalten werden
konnte. Es werden die Reichweitenergebnisse eines
derartigen Senders als Rundfunksender innerhalb von
Stadtgebieten bei Verwendung verschiedener Emp-
fängertypen mitgeteilt.
JACOBS, Berlin-Tempelhof: Entwicklung eines
Thermostaten für Krystallerregung und seine An-
wendung im Gleichwellen-Rundfunk. Für quarz-
gesteuerte Sender, die z. B. als Gleichwellen-Rundfunk-
sender Verwendung finden sollen, ist es nötig, den
schwingenden Quarz vor Temperaturänderungen zu
schützen. Temperaturänderungen können auftreten,
sowohl durch Veränderungen der Raumtemperatur als
auch durch Änderung der Eigenwärme des Quarzes.
Um diese Einflüsse auszuschalten, benutzt man Ther-
mostaten. Es wird gezeigt, daß die bisher ausgeführten
Thermostaten nicht imstande sind, diese Einflüsse aus-
zuschalten. Ein neuer Thermostat wird beschrieben,
der es gestattet, Temperaturen auf wenige hundertstel
Grad Celsius konstant zu halten. Über die Versuchs-
ergebnisse und die praktischen Ergebnisse im West-
deutschen Gleichwellen-Rundfunknetz wird berichtet.
R. JAEGER, Berlin, in Gemeinschaft mit H. HERR-
MANN, Berlin-Wannsee: Über Messungen mit extrem
harten Röntgenstrahlen. Die zu den Messungen be-
nutzte Röntgenapparatur wurde in der Elektrizitäts-
gesellschaft ,,Sanitas‘‘ Berlin entwickelt. Sie gestattet
i9
2 Deutsche
107 Physikalische
unter Verwendung normaler AEG-Therapieröhren einen
Dauerbetrieb bei 400 kV Scheitelspannung. Die Appa-
ratur bedient sich der Villardschaltung. Zur Charakteri-
sierung der Strahlenqualität wurden mit einem be-
sonders empfindlichen Dosismesser der Physikalisch-
Technischen Reichsanstalt Halbwertschichten in
Kupfer gemessen. Um einen Vergleich mit der radio-
aktiven Gammastrahlung zu haben, wurde der Schwä-
chungskoeffizient «in Blei bestimmt. Während « (cm!)
bei 200 kV etwa 20 beträgt, sinkt der Wert bei
400 kV auf 4 ab und nähert sich schon beträchtlich der
einen Komponente «, der Radium-C-Gammastrahlung,
für die der Wert von rund 1,5 angegeben wird, und die
einer Spannung von etwa 6 + 10° V entspricht. Fordert
man für harten Röntgenstrahlen eine gleiche
Schutzvorrichtung, wie sie bei 200 kV mit 4 mm Blei
erreicht wird, so ergeben sich für 300 kV 8 mm, für
400 kV 14,5 mm Blei.
G. JOOS, Jena: Die Jenaer Wiederholung des
Michelson-Versuchs. Es wurden mit einem großen
registrierenden Interferometer von 21 m Lichtweg Auf-
nahmen gemacht. Durch photometrische Ausmessung
wurde die Lage des Interferenzstreifensystems in den
Stellungen auf 14/j999 Streifenbreite ge-
messen. Die Schwankungen waren von der Größen-
ordnung einiger Tausendstel Streifenbreite. Ihre rein
zufällige Verteilung zeigt aber, daß es sich nicht um
einen wirklichen Ätherwindeffekt handeln kann, der
demnach kleiner als !/,o0o des erwarteten ist.
W. KLUGE und E. RUPP, Berlin-Reinickendorf:
Photoelektrischer Effekt und Elektronenbeugung an
hydriertem Kalium. Es wird ein Zusammenhang ge-
sucht zwischen der Struktur und dem photoelektrischen
Effekt an Kalium und hydrierten Kaliumoberflächen.
Den spektralen Verteilungskurven des Photoeffektes
lassen sich bestimmte Elektronenbeugungsmaxima zu-
ordnen, die teils dem Kalium, teils dem Kaliumhydrid,
teils einer unbekannten Schicht mit dem Gitterabstand
von 2,9 A angehören.
M. KNOLL, Berlin: Photographische Aufnahme-
technik des Kathodenstrahl-Oszillographen. Ein wesent-
liches Maß für die Leistungsfähigkeit eines Kathoden-
strahloszillographen ist seine maximale Schreib-
geschwindigkeit. Diese ist abhängig von Geschwindig-
diese
verschiedenen
keit und Dichte der Elektronen im Auftreffpunkt
sowie vom Wirkungsgrad der Umsetzung der Elek-
tronenenergie in photochemische Energie Die in
diesem Wirkungsgrad enthaltene Elektronenempfind-
lichkeit einer Bromsilberemulsion oder Leuchtsubstanz
kann aus der Abnahme der Strichstärke mit zunehmen-
der Schreibgeschwindigkeit bestimmt werden Die
neuerdings an den Kathodenstrahloszillographen be-
züglich Bildzahl, Betriebsdauer und Betriebssicherheit
gestellten Ansprüche haben zu besonderer Ausbildung
der Aufnahmekammer geführt. Die Hochvakuum-
schleusen für Innenphotographie konnten in letzter
Zeit vereinfacht und ihre Betriebssicherheit erhöht
werden. Bei der Außenphotographie ist es mit Be-
nützung des Elektronenfensters, an dessen Stelle ein
dünner Leuchtschirm gesetzt werden kann, möglich,
bis zu sehr hohen Schreibgeschwindigkeiten scharfe
durch Andrücken der lichtempfind-
lichen Schicht von außen zu erhalten.
A. KORN, Berlin-Charlottenburg : De Broglie-Wellen
in mechanistischer Auffassung und eine erweiterte Zu-
standsgleichung für Gase. Wenn bei raschen transla-
torischen Bewegungen Schwingungen als Trabanten-
bewegungen hinzutreten, so hat das nach Korns An-
sicht nicht das geringste mit der Relativität (im Eın-
STEINSchen Sinne) zu tun; solche Schwingungen können
Oszillogramme
Gesellschaft und Gesellschaft für
Technische Physik.
infolge einer kleinen Kompressibilität der sich bewegen-
den Materie auftreten. Korn glaubt allerdings, gerade
in bezug auf die SCHRÖDINGERSschen Resultate der Zu-
standsgleichung der Gase eine etwas allgemeinere Form
geben zu müssen. Die Aufstellung der Zustandsglei-
chungen ist ja gerade ein in mechanistischer Hinsicht
noch in keiner Weise zum Abschluß gebrachtes Gebiet,
und hier können die neuen Bestrebungen der Quanten-
mechaniker und diejenigen der mechanischen Theorien
zu einer Einigung gelangen.
KRAMAR, Berlin-Tempelhof: Verfahren zur Rich-
tungsbestimmung eines drahtlosen Senders, der Zeichen
in verschiedenen Ebenen ausstrahlt. Nach dem ScHEL-
LERschen Verfahren wird vorgeschlagen, zum Zwecke
der Funkpeilung die Feldstärken zweier zueinander
senkrecht angeordneter Richtantennensysteme mitein-
ander zu vergleichen. Bei den gebräuchlichen Verfahren
werden zur Durchführung dieses Vorschlages durch die
beiden Richtantennensysteme komplementäre Zeichen
ausgesandt, meist durch die Buchstaben a und n. Auf
der Winkelhalbierenden zwischen den beiden Richt-
ebenen verschmelzen dann die beiden Zeichen zu einem
Dauerstrich. Der akustische Vergleich ist für ver-
schiedene Anwendungsgebiete nicht möglich. Es wurde
daher in Amerika, wo das System für Flugzeugpeilung
mit Erfolg Verwendung findet, eine optische Einrich-
tung ausgearbeitet. Über neuere in letzter Zeit hier in
Deutschland entwickelte optische Anzeigevorrichtungen
sowie Versuche mit diesen am Boden und im Flugzeug
wird berichtet.
K. KRÜGER, Berlin-Adlershof: Untersuchungen
über Schwunderscheinungen bei kurzen Wellen (nach ge-
meinsamen Versuchen mit H. PLENDL). Im Kurzwellen-
Großstationsverkehr wird heute eine Fadingverminde-
rung vielfach dadurch erzielt, daß auf der Empfangs-
seite Kombinationen von mehreren Antennen mit räum-
lichem Abstand oder verschiedener Polarisation ver-
wendet werden. Die ausgleichende Wirkung beim Emp-
fang mit räumlich getrennten Systemen kommt dadurch
zustande, daß mehrere getrennte Wegbündel zwischen
Sender und Empfänger benutzt werden, welche dem
Schwund nicht gleichzeitig unterliegen. In vielen
Fällen, namentlich bei beweglichen Stationen, ist nun
die Verwendung mehrerer getrennter Empfangssysteme
nicht durchführbar. Es wird über eine Methode berich-
tet, welche die Trennung der Wegbündel bereits am
Sender vornimmt, so daß man auf der Empfangsseite
mit einem einzigen System auskommt. Diese Methode
beruht im wesentlichen darauf, daß am Sender mit
zwei verschieden orientierten Antennen gearbeitet
wird, welche aber nicht gleichzeitig strahlen, sondern
im Takt einer Modulationsfrequenz abwechselnd er-
regt werden. An Hand von Rekorderstreifen werden
die Ergebnisse gezeigt, die bisher mit dieser Methode
erhalten wurden.
M. KULP, Rostock: Analyse der ultravioletten Salz-
säurebanden. Eine Entladung in Salzsäure gibt zwi-
schen 3000 und 4000 A ein Bandenspektrum, das bei
hoher Dispersion eine linienreiche Feinstruktur zeigt.
Das Spektrum ist wahrscheinlich HCl+ zuzuschreiben.
Die Analyse ergibt einen 2 — 2z Elektronensprung.
Die Komponenten des Dubletts sind um 663 cm
trennt. Der tiefere Term ist ein verkehrter
Jede Dublettkompone nte enthält 6 Zweige,
1 ge-
271-Term.
3 stärkere
entsprechend 2341, — ?a7+1, bzw. 2-1, —®rz-ı,,
und 3 sc pe here e -ntspre chend #241/,—» ?z-ı, bzw.
2>'_1),-» 22 +1),. Die Banden sind nach Rot abschattiert.
B. LANGE. Berlin-Dahlem: Uber eine neue Art von
Photozellen. Die neuen Photozellen beruhen auf einem
lichtelektrischen Effekt, der bei unipolarleitenden Metal-
en-
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Zu-
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Deutsche Physikalische Gesellschaft und Gesellschaft fiir Technische Physik. 1073
len beobachtet wurde.Durch Anwendung diinner unipolar
leitender Halbleiterschichten zwischen Metallelektroden
lieBen sich Photozellen herstellen, die sich durch ihre
Rotempfindlichkeit und einen hohen Wirkungsgrad
auszeichnen. Während bei Vakuum-Photozellen die
Photoelektronen aus dem Metall in das Vakuum aus-
treten, gelangen sie bei der neuen Photozelle aus ciner
Halbleiterschicht unmittelbar in das angrenzende Me-
tall, so daB hierdurch die Austrittsarbeit vermindert
wird und sich die Anwendung einer Saugspannung er-
übrigt. Obgleich es sich hierbei ähnlich wie bei Selen-
zellen um einen inneren Photoeffekt handelt, erfolgt
bei den neuen Photozellen eine unmittelbare Umwand-
lung von Licht in elektrische Energie, die annähernd
trägheitslos und völlig intensitätsproportional verläuft.
B. LANGE, Berlin-Dahlem: Über eine verbesserte
Methode zur Bestimmung des Leitvermögens von Elek-
trolyten. Leitfähigkeitsmessungen wurden bisher vor-
wiegend nach der WHEATERTONEschen Brückenmethode
unter Anwendung eines Induktoriums als Stromquelle
und eines Telephons als Nullinstrument ausgeführt. Da
die stets vorhandene Gleichstromkomponente des
Farapayschen Stromes Polarisation bewirkt, ist die Ein-
stellung des Tonminimums unscharf und besonders bei
geringen Leitfähigkeiten sehr ungenau. Durch eine
neuartige Schaltung wurde mit einfachen Mitteln eine
Frequenzvervielfachung des Netzwechselstromes er-
zielt, so daß an Stelle von Induktorium und Batterie
das Lichtnetz angewandt wird. Durch den tonfre-
quenten sinusförmigen Wechselstrom wird hierdurch
eine Polarisation weitgehend vermieden. Der Wechsel-
strom im Nullzweig der Brücke wird durch Metall-
plattengleichrichter in Graetz-Schaltung gleichgerichtet
und mit Gleichstrominstrumenten gemessen. Die Ge-
nauigkeit dieser objektiven Methode hängt demgemäß
nur von der Empfindlichkeit des Gleichstrominstru-
mentes ab und läßt sich fast beliebig steigern. Bei An-
wendung eines Spiegelgalvanometers als Nullinstrument
werden Leitfähigkeit von 1078 Ohm"! leicht meßbar,
E. REICHENBÄCHER, Königsberg i. Pr.: Die
Diracsche Wellengleichung ı. Ordnung mit zwei Kom-
ponenten. Die Zurückführung der SCHRÖDINGERSchen
Wellengleichung 2. Ordnung auf die 1. Ordnung, die
sich wegen des Erhaltungssatzes der Elektrizität als
nötig erweist, ist Drrac nur dadurch möglich gewesen,
daß er statt der einen Wellenfunktion SCHRÖDINGERS
deren vier einführte. Es kann nun gezeigt werden, daß
man mit nur 2 Komponenten auskommt, wenn man
die SCHRÖDINGERSche Gleichung nicht in der nur für
die Lorentztransformationen invarianten, sondern in
der absolut invarianten Form der allgemeinen Relativi-
tätstheorie schreibt. Aus dieser mathematischen Um-
formungsmöglichkeit ergibt sich physikalisch die Aus-
sicht, die der Drracschen Theorie noch anhaftenden
Mängel zu vermeiden, während an ihren Erfolgen nichts
verlorengeht.
U. RETZOW, Berlin: Lösung verschiedener Mi-
schungsaufgaben auf graphischem Wege. Die Aus-
führungen weisen eine Konstruktion nach, durch die
der bekannte Höhensummensatz des gleichseitigen
Dreiecks auch auf ungleichseitige Dreiecke anwendbar
wird; die Anwendung der Dreieckskoordinaten erfährt
dadurch eine bedeutende Erweiterung. An 2 Beispielen
aus der Praxis wird das Verfahren näher dargelegt
SCHEPPMANN, Berlin-Tempelhof: Drahtlose Bild-
telegraphie auf langen Wellen, insbesondere in Zu-
sammenwirkung mit Radioübertragung. Es wird das
Prinzip der Bildabtastung auf der Sendeseite erklärt
und die Verwendung der Gleichstromzeichen in
Wechselstromzeichen. Darauf folgt die Synchroni-
sierungsmethode und die Lichtsteuerung auf der Emp-
fangsseite durch Saitengalvanometer. Es werden
einige Ergebnisse des praktischen Bildfunkverkehrs
bei der preußischen Polizei mitgeteilt. Einige Dia-
positive der Geräte System Lorenz-Korn und draht-
lose Übertragungsbeispiele werden gezeigt.
A. SCHULZE, Berlin: Untersuchungen an Silicium.
Es wird eine große Reihe verschiedener Siliciumsorten
in erster Linie auf den elektrischen Widerstand bis
nahe an den Schmelzpunkt untersucht. Hierbei findet
sich die Theorie von GUDDEN bestätigt, daß die nega-
tive Widerstandstemperatur durch die zwischen den
Einzelkrystallen liegenden Oberflächenschichten hervor-
gerufen wird. Alle Krystallaggregate zeigen in dem
großen untersuchten Temperaturgebiet nahezu den
gleichen Temperaturverlauf. Einkrystalle dagegen ver-
halten sich vollkommen metallisch, d.h. sie besitzen
in allen Temperaturgebieten einen positiven Wider-
standstemperaturkoeffizienten. Unstetigkeiten (im
Sinne KOENIGSBERGERS) konnten nicht festgestellt
werden. Demgemäß ergeben sich Schlüsse auf die
Konstitution des Siliciums.
K. SCHNETZLER, Jena: Der Zeemaneffekt des
Kaliumchromselenats. Das Kaliumchromselenat zeigt
in Absorption ein scharfes Dublett bei 6700 A. Ob-
wohl der Krystall als regulär krystallisierender Alaun
optisch isotrop ist, ergibt die experimentelle Aufnahme
der Zeemanaufspaltung je nach der Orientierung in
Typus und Größe ganz verschiedene Bilder. Offenbar
ist nicht die optische, sondern die komplizierte Gitter-
symmetrie des Alauns maßgebend.
W. SCHOTTKY, Berlin-Siemensstadt: Über den
Entstehungsort der Photoelektronen in Kupfer-Kupfer-
oxydul-Photozellen. Eine gleichrichtende Kupfer-
Kupferoxydulplatte nach GRONDAHL wurde auf der
Oxydulseite mit dünnen Elektrodenstrichen versehen
und der ohne Vorspannung auftretende Photostrom
bei Abtastung der Zelle mit einem dünnen Lichtstrich
gemessen. Man findet ein exponentielles Abklingen des
Effektes mit wachsender Entfernung Elektrodenstrich-
Lichtstrich. Die gemessene Abklingstrecke von einigen
Millimetern erweist sich im Einklang mit einer aus
reinen Widerstandsmessungen der Zelle berechneten
Größe, wenn man die Annahme zugrunde legt, daß der
primäre Photoeffekt in der Durchdringung der zwischen
Kupfer und Kupferoxydul ausgebildeten Sperrschicht
von submikroskopischen Abmessungen besteht (,,Sperr-
schicht-Photozelle‘‘). Messungen mit positiver und
negativer Vorspannung sowie mit Variation der Oxydul-
schichtdicke bestätigen ebenfalls diese Theorie.
H. SENFTLEBEN, Breslau: Magnetische Beeinflus-
sung des Wärmeleitvermögens paramagnetischer Gase.
Der Verfasser beobachtete, daß das Wärmeleitvermögen
paramagnetischer Gase (O,, NO) abnimmt, wenn diese
in ein Magnetfeld gebracht werden. Die Messung der
Abhängigkeit dieser Feldwirkung von den äußeren
Bedingungen (Feldstärke, Druck, Temperatur) läßt
sich genau durchführen und durch einfache Gesetz-
mäßigkeit darstellen.
H. SENFTLEBEN und O. RIECHENMEIER-Bres-
lau: Uber die Reaktionskinetik bei der Vereinigung von
Wasserstoffatomen zu Molekiilen. Quantitative Mes-
sungen der Reaktionsgeschwindigkeit bei der Bildung
von Wasserstoffmolekülen aus den Atomen werden
nach einem Registrierverfahren ausgeführt. Die Er-
gebnisse erbringen den experimentellen Beweis dafür,
daß die Molekülbildung durch Dreierstöße erfolgt und
erlauben Schlüsse auf den Wirkungsquerschnitt der
Atome beim Stoß. Im weiteren wird der Einfluß der
Variation deräußeren Bedingungen (Druck usw.)verfolgt.
Abteilung:
1074
H. SIEDENTOPF, Jena: Molekularbewegung. (De-
monstration).
H. RAUSCH VON TRAUBENBERG, Prag: Uber die
Erzeugung sehr hoher elektrischer Felder und ihre An-
wendung in der Spektroskopie. Es wurden Wasserstoff-
kanalstrahlen elektrischen Feldern ausgesetzt, wobei
die Feldlinie senkrecht zur Bewegungsrichtung der
Strahlen stand Es wurden dabei Feldstärken über
eine Million Volt/cm erreicht und längere Zeit aufrecht-
erhalten. In Feldern bis 947600 Volt/cm wurden sehr
gute Aufnahmen erhalten und der Starkeffekt bis zur
3. Ordnung in ausgezeichneter Übereinstimmung mit
der SCHRÖDINGERSchen Theorie gefunden. Die Fein-
einzelnen Serienlinien zeigen dabei
mit der Existenzgrenzen,
d.h. beim Überschreiten kritischer Feld-
tärken sinkt die Intensität zu Nullherab. Die Arbeiten
GEBAUER und G. LE
komponenten der
Gliednummer abnehmende
gewisser
wurden gemeinsam mit Herrn R
WIN ausgeführt
F. TRAUTWEIN, Berlin-Zehlendorf: Über elektrische
Synthese von musikalischen Klängen und Sprach-
lauten. Die von HERMANN aufgestellte und von STUMPF
in abgeänderter Form experimentell bestätigte Theorie,
daß die Klangfarben der Sprachlaute auf bestimmte
Teiltöne, Formanten genannt, zurückzuführen sind,
sowie die Annahme von STUMPF, daß auch die cha-
rakteristischen Klangfarben Musikinstru-
mente durch Formanten zu erklären sind, wird weiter
ausgebaut und zur Grundlage einer elektrischen Klang-
synthese gemacht. Die Formanten werden in jeder
Periode des Grundtones neu angestoßen, so daß die
Gesamtschwingung streng periodisch bleibt Diese
Stoßerregung hat Ähnlichkeit mit den Vorgängen,
welche in der Hochfrequenztechnik zur Erzeugung ge-
dämpfter Schwingungen benutzt werden. Auch durch
Anordnungen, wie sie in der Hochfrequenztelephonie
zur Modulation dienen, können Sprachlaute nachge-
ahmt und musikalische Klänge erzeugt werden. Ein
auf dieser Grundlage entwickeltes neues Musikinstru-
ment gibt dem Musiker neue Ausdrucksmöglichkeiten
durch Vielseitigkeit der Klangfarben und Erleichterung
der Spieltechnik
F. TRENDELENBURG, Berlin: Über eine Methode
zur Untersuchung von Druckvorgängen mittels der
Druckabhängigkeit der Dielektrizitätskonstanten. Die
Abhängigkeit der Dielektrizitätskonstante vom Druck
benutzt werden,
auch solche in Flüssigkeiten auf elektrischem
theoretischen Grundlagen
Aufbau der Meßanordnung werden
Druckvorgänge werden in ein kleines
mancher
kann Druckvorgänge und zwar ins-
be sonde rt
Wege aufzuzeichnen Die
der Methode und der
besprochen. Die
Meßgefäß übertragen, in welchem sich zwischen zwei
festen Kondensatorbelegungen ein flüssiges Dielektri
Die durch die Änderung der Dielektri-
zitätskonstante hervorgerufenen Kapazitätsschwankun-
gen werden mit der Methode der halben Resonanzkurve
wird über praktische MeBergebnisse
cum befindet
nachgewiesen. E
berichtet
Abteilung: Agrikulturchemie.
Dienstag, den 9. September (15"/, Uhr) und Mittwoch, den 10. Sep-
tember: Hörsaal Tragheimer Kirchenstr. 83
K. SCHARRER, Weihenstephan-Miinchen: Boden-
absorptionsstudien mit Jod. Böden der verschiedensten
Art (Hochmoor, Niedermoor, tertiärer
Decklehm, wurden mit Jodiden, Jodaten,
Perjodaten und elementarem Jod behandelt. Die einzel-
nen Böden verhielten sich in der Größe ihres Ad- und
Absorption mehr
Miocänsand
sandiger Ton)
verschieden Bei
Bruchteil des
vermögen sehr
tündigem Auswaschen wurde nur ein
Agrikulturchemie.
ursprünglich aufgenommenen Jods zurückgehalten.
Von den untersuchten Böden zeigten die Moorböden
eine größere Ad- und Absorption als die Mineralböden.
Das größte Absorptionsvermögen wies der stark saure
Hochmoorboden (Chiemsee) auf; darauf folgten in der
Größe nach abnehmender Reihe der neutrale Nieder-
moorboden (Dachauer Moos), der schwach saure tertiäre
Decklehm (Weihenstephaner Hügelland), der stark
alkalische sandige Tonboden (Umgebung von Wien)
und der neutrale Miocänsand (Weihenstephan). Bei
den Mineralböden ist somit die Größe der Absorption
hauptsächlich durch den Reichtum an Kolloiden be-
stimmt. Das Perjodation wurde meist (mit Ausnahme
des Hochmoors) am besten absorbiert; darauf folgte
Jodation und schließlich das Jodidion. Durchweg ist
zu beobachten, daß der Unterschied zwischen der Größe
des Absorptionsvermögens der Böden gegenüber Joda-
ten und Perjodaten nur gering ist, während Jodide im
Vergleich dazu bedeutend weniger absorbiert werden
Elementares Jod wurde von den Moorböden schlechter
absorbiert als von den Mineralböden; bei diesen stand
es in der Größe seiner Absorption unmittelbar nach den
Perjodaten, wurde also meist besser absorbiert als
Jodide und Jodate. Die Reaktion der Böden ist für die
Absorption des Jodid-, Jodat- und Perjodations von
mehr untergeordneter Bedeutung. Im Gegensatz dazu
scheint für die Absorption des molekularen Jods die
Bodenreaktion von großer Wichtigkeit zu sein. Die
Kationen üben zwar unzweifelhaft einen Einfluß auf
die Absorption der jeweiligen Salze aus; nicht immer
jedoch wurden die Kaliumsalze besser als die Natrium-
salze festgehalten ; auch das umgekehrte Verhalten war
zu beobachten.
K. SCHARRER, Weihenstephan-München : Zur Frage
des Zurückgehens der citratlöslichen Phosphorsäure
im Rhenaniaphosphat. Der charakteristische Bestand-
teil im Rhenaniaphosphat ist das bei seiner Erzeugung
durch alkalischen Aufschluß aus den Rohphosphaten
entstehende Alkalikalkphosphat. Diese Substanz ist
ammoncitratlöslich, und diese Löslichkeitsform ist daher
wesentlich für das Rhenaniaphosphat, um so mehr als
Forschungen unseres Instituts bewiesen haben, daß
dieser citratlöslichen Phosphorsäure in pflanzenphysio-
logischer Hinsicht infolge ihrer leichten Aufnehmbar-
keit ein besonderer Wert zukommt. Wegen der Wich-
tigkeit der Entscheidung der Frage, ob die oft bei der
Analyse von Rhenaniaphosphaten auftretenden Unter-
schiede im Gehalt an ammoncitratlöslicher Phosphor-
säure auf ein ‚„Zurückgehen“ citratléslichen
Phosphorsäure, also auf eine Rückverwandlung diese
Phosphorsäureform in schwerer lösliche Verbindungen
zurückzuführen seien, wurden eine große Anzahl Rhe-
naniaphosphate neuerer Fabrikation ein Jahr lang ge
lagert und in der Zwischenzeit häufiger auf ihren Ge-
halt an den Löslichkeitsformen der
Phosphorsäure und auf ihre sonstige Zusammensetzung
hin untersucht. Durchweg war der Gehalt an citrat-
löslicher Phosphorsäure am Ende des Versuches etwas
dieser
verschiedenen
geringer als beim Beginn, doch lagen die Unterschiede
größtenteils innerhalb des Analysenspielraums. Von
den 15 untersuchten Proben wiesen nach Ablauf eines
Jahres 5 der Phosphate Differenzen auf, die höher als
Von
5 Proben zeigten 2 Phosphate eine Differenz über 0,5%,
während bei den anderen 3 die Unterschiede zwischen
lagen. Die von anderen bei früheren
der zulässige Analysenspielraum waren diesen
0,3 und 0,4%
Untersuchungen festgestellten viel höheren Rückgänge
im Gehalt an ammoneitratlöslicher Phosphorsäure beim
Lagern dieser Phosphate dürften auf die verschiedene
Art des Lagerns und des Materials zurückzuführen sein
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Abteilung: Agrikulturchemie. 1075
A. WILHELM], Berlin: Neue Ergebnisse über die
Zusammensetzung und Wirkung des Thomasmehls. Bis-
her wurde fast allgemein angenommen, daß die Phos-
phorsäure des Thomasmehls durch Pflanzen- oder
Boden- (Kohlen-) Säure gelöst werden müsse, damit sie
wirksam würde. Eingehende Untersuchungen haben
dargelegt, daß das nicht der Fall ist. Die Thomasmehl-
phosphorsäureverbindung ist wasserlöslich und wird
aus wässerigen Lösungen von den Pflanzen aufgenom-
men. Weiterhin hat sich herausgestellt, daß die früher
in der Thomasschlacke gefundenen Krystalle nicht die
Phosphorsäureträger des Thomasmehls sind, sondern
daß diese Krystalle beinahe unlöslich sind und für die
Pflanzenernährung nicht in Betracht kommen. Die
Wirkung der Thomasmehle ist um so besser, je mehr
„lösliche‘‘ Kieselsäure darin vorhanden ist. Die Tho-
masmehle mit höchstem Gehalt an löslicher Kiesel-
säure (4% und darüber) sind auch über 90% ammon-
citratléslich. Zahlreiche Versuche nach NEUBAUER,
Vegetationsversuche und Kopfdüngungsversuche be-
stätigen die Richtigkeit der neuen Erkenntnisse.
K. MAIWALD, Breslau: Grundsätzliche Betrach-
tungen über Nährstoffaufnahme und Stofferzeugung bei
einjährigen Pflanzen. Nährstoffaufnahme und Stoff-
erzeugung von Pflanzen sind aus methodischen Gründen
am besten im sorgfältig durchgeführten einjährigen
Gefäßversuch zu ermitteln. Die Bedingungen, denen
die Pflanze dabei unterliegt, machen sich im Gesamt-
ergebnis aber stark bemerkbar, da sie sich aus Gründen
der Versuchstechnik von einem ‚wilden‘ Aufwachsen
der Pflanze zum Teil ziemlich weit entfernen. Solche
Einflüsse der Versuchsmethode müssen also richtig er-
kannt und gedeutet und von echten, physiologisch be-
gründeten Wachstumsvorgängen abgezogen werden.
Tut man dies (sofern es überhaupt gelingt), so verschiebt
sich das Bild, welches die unmittelbaren Versuchszahlen
uns zu geben scheinen, da die Löslichkeitsverhältnisse
der gegebenen Nährstoffe und der von uns willkürlich
geregelte Wasserhaushalt der Versuchspflanze hier
wesentlich mit hineinspielen. Nun werden aber bei
unseren Kulturpflanzen, auf deren Beobachtung und
Erforschung ja die meisten ernährungsphysiologischen
Versuche und Versuchsfragen gerichtet sind, die Wachs-
tumsbedingungen aus wirtschaftlichen Gründen auch
im Felde durch die Bodenbearbeitung und die Bevor-
zugung bestimmter Nährstofformen (natürliche und
künstliche Düngemittel) schon so einseitig gelenkt, daß
die Pflanzen ein ganz spezielles physiologisches Ver-
halten zeigen, zugeschnitten auf das besondere Ziel der
Erzeugung großer Substanzmengen von besonderer
Beschaffenheit (hohe Ernten, reich an Eiweiß oder
Zucker oder Kohlehydraten usw.). Insofern entspricht
der Gefäßversuch der Wachstumsphysiologie der ein-
jährigen Kulturpflanze meist recht gut. Die so ge-
wonnenen, mit neuen Beispielen belegten Ergebnisse
über den Verlauf des stofflichen Aufbaus der Pflanze
und ihrer Organe, die beschleunigte Aufnahme gewisser
Nährstoffe gegenüber anderen, die nachträgliche Ver-
lagerung von Stoffen innerhalb der Pflanze, über den
ganzen sog. inneren Wachstumsrhythmus der Pflanze,
dürfen vorläufig aber nur unter Vorbehalt als allgemein
für die pflanzliche Ernährungsphysiologie gültig be-
trachtet werden.
M. POPP, Oldenburg: Untersuchungen über die
amerikanische Giftgerste. Im Herbst 1928 zeigten sich
bei der Verfütterung von Futtergerste an Schweine
bisher nicht beobachtete Krankheitserscheinungen.
Die Gerste stammte aus bestimmten Gebieten der Ver-
einigten Staaten von Nordamerika. Sie zeigte bei ober-
flächlicher Betrachtung keine von normaler Gerste
merklich abweichenden Eigenschaften. Bei näherer
Untersuchung fand man jedoch einen starken Befall
der Körner mit Mikroorganismen, unter denen der
Pilz Gibberella saubinetti (Fusarium roseum) überwog.
Reinkulturen dieses Pilzes erwiesen sich nicht als giftig;
es gelang auch nicht, einwandfreie Gerste künstlich
giftig zu machen. Chemische Untersuchungen, die im
Einklang mit amerikanischen Befunden stehen, ergaben
eine Veränderung in der Zusammensetzung des Gersten-
kornes; namentlich waren die Eiweißstoffe abgebaut
worden. Es hatten sich also Toxalbumine oder ähn-
liche toxische Stickstoffverbindungen gebildet, welche
die Erkrankung der Schweine herbeiführen. Dusch
Extraktion der Gerste mit heißem Wasser kann man
die Giftstoffe zum Teil entfernen, doch war dies Ver-
fahren bei den großen in Frage kommenden Gersten-
mengen in der Praxis nicht durchführbar. Die Gift-
wirkung tritt auch noch in starker Verdünnung auf,
so daß auch ein Vermischen der Giftgerste mit einwand-
freier Gerste nicht mit Sicherheit zur Entgiftung führt.
Die Infektion der amerikanischen Gerste ist während
des Wachstums erfolgt. Sie tritt besonders in Jahren
nach einem feuchten Herbst ein, wobei das in Amerika
vielfach auf dem Lande gelassene, faulende Stroh einen
günstigen Nährboden liefert. Auch deutsches Getreide
kann mit dem Pilz infiziert werden, jedoch scheint das
hier infizierte Getreide nicht giftig zu sein.
A. KELLER, Königsberg i. Pr.: Die physiologischen
Grundlagen der Sauerfutterbereitung. Unter Sauer-
futterbereitung versteht man heute allgemein die Halt-
barmachung grüner Pflanzen durch eine milchsaure
Gärung. Es handelt sich bei sämtlichen in Frage
kommenden Erscheinungen dieser Gärung um energe-
tisch biologische Vorgänge, die man in 2 Stadien ein-
teilt: 1. Das Stadium der Sauerstoffatmung und der
anaeroben Atmung. 2. Das Stadium der Gärung, her-
vorgerufen durch die Luftverdrängung und den Sauer-
stoffmangel im Silobehälter. Als Urheber und Träger
dieser Vorgänge unterscheidet man: a) die Pflanze als
Konservierungsgut, b) Fermente, c) Mikroorganismen,
besonders Bakterien und Pilze. Der im Silobehälter
noch vorhandene Luftsauerstoff wird von den ein-
gebrachten Pflanzen veratmet. Da die Atmung un-
erwünschte Nährstoffverluste mit sich bringt, sorgt
man durch Zusammenpressen des Futters für die
Entfernung des Sauerstoffs. Bei der nun bis zum
völligen Absterben der Pflanzenzellen einsetzenden
intramolekularen Atmung entstehen als Endprodukte
vorwiegend Fettsäuren nebst geringen Mengen von
Alkohol; weiterhin bilden sich wie bei allen Lebens-
prozessen infolge des Eiweißabbaues Aminosäuren bzw.
Ammoniak. Die Vorgänge bei der intramolekularen
wie auch bei der eigentlichen Atmung werden durch
die gleiche Gruppe von Fermenten hervorgerufen. Ein
Teil der im fertigen Sauerfutter vorhandenen End-
produkte ist daher stets auf den Stoffumsatz und die
Fermente der Pflanzenzellen zurückzuführen. Die
Größe dieses Anteils läßt sich allerdings nicht genau
festlegen. Die Milchsäure selbst wird zum größten Teil
durch Milchsäurebakterien gebildet, die trotz des Über-
wiegens der übrigen auf den Pflanzen befindlichen, zum
Teil schädlichen Bakterienflora infolge günstiger Ge-
staltung ihrer Daseinsbedingungen (Luftabschluß,
zuckerreicher Nährboden) die Oberhand gewinnen.
P. KOENIG, Forchheim: Natürlich nicotinfreie,
-arme und -reiche Tabake. Die Rolle des Nicotins für
die Tabakpflanze sowie der Auf- und Abbau des Nicotins
während des Wachstums und der Verarbeitung, auch
der Einfluß der Züchtung, der Feldpflege, der Düngung
usw. sind noch wenig studiert. Unsere Versuche im
1076
Tabak-Forschungsinstitut, an denen sich besonders
auch Dr. Dörr beteiligt hat, suchen diese Fragen durch
Einzelauslese und Nachprüfung der Blätter in allen
Lebensstadien sowie durch Verfolgung, Veränderungen
in der Trocken- und Fermentationsperiode zu lösen.
Das Einzelindividuum hat in jedem Blatt verschieden
hohen Nicotingehalt, der nach der Höhe der Ansatz-
stelle mit Regelmäßigkeit zunimmt, so daß die obersten
Blätter in allen Fällen den höchsten Nicotingehalt auf-
weisen. Der Nicotingehalt nimmt bis zur Blattreife
ständig zu. Wir fanden grüne Tabake, die im Niedrigst-
falle unter 0,2% und im Höchstfalle etwa 12% Nicotin
enthielten, die wir züchterisch und chemisch-biologisch
weiter verarbeiten. Als wichtigstes Ergebnis der Unter-
suchungen liegt vor, daß es bei reinen Nachkommen-
schaften eine ,,Nicotinkonstante“ (Alkaloidkonstante)
gibt, d.h. mag das Nicotin bei ein und derselben Sorte
durch Boden-, Düngungs- und sonstige Einflüsse in der
Grünsubstanz noch so verschieden sein, bei regelrechter
(nicht künstlicher) Trocknung enthält dieselbe Nach-
kommenschaft ungefähr gleiche Alkaloidwerte.
W. SCHROPP, Weihenstephan-München: Zur Me-
thodik des GefaBvegetationsversuches. Es wird über
Versuche berichtet, welche die Art der Regelung der
Standorts- und Wasserverhältnisse bei Vegetations-
versuchen mit ortsfester Aufstellung der Gefäße prüften.
Die Untersuchungen ergaben, daß bei Verwendung von
Randgefäßen und unter Vermeidung zu großer Aus-
dehnung einer Versuchsreihe in der Nord-Südrichtung
mindestens bei den kurzlebigen landwirtschaftlichen
Kulturpflanzen auf eine tägliche Standortsveränderung
verzichtet werden kann, ohne nennenswerte Versuchs-
fehler herbeizuführen.
H. WAGNER, Oppau: Nährstoffaufnahme und
-wanderung in der Pflanze. An einer beschränkten
Anzahl ausgewählter Beispiele der umfangreich durch-
geführten Wachstumsversuche mit verschiedenen Pflan-
zen, deren Ernten in kurzen Zeitabständen erfolgten
und in die einzelnen Pflanzenorgane zerlegt wurden,
wird die zeitliche Aufnahme der 4 Hauptnährstoffe
Stickstoff, Phosphorsäure, Kali und Kalk durch die
Pflanze an schematischen Kurven gezeigt. Stickstoff
und Phosphorsäure wird sowohl in den Blättern wie
auch in den Halmen bzw. Stengeln bis zu einem Maxi-
mum aufgenommen, dann wandert der größte Teil
dieser beiden Nährstoffe aus beiden Pflanzenorganen
in die Blütenstände. Kali, welches mengenmäßig am
meisten in den Halmen bzw. Stengeln enthalten ist,
wandert nur aus den Blättern nach den Blütenständen,
während der Kalk in jedem Pflanzenorgan festgelegt
wird. An der Zuckerrübe wurden diese Wachstums-
vorgänge im ersten Jahr (vegetatives Wachstum) und
im zweiten Jahr (generatives Wachstum) verfolgt und
typische Unterschiede dieser beiden Wachstumsperioden
gefunden. So konnte im ersten Wachstumsjahr fest-
gestellt werden, daß auch der Kalk aus den Blättern
wandert, und zwar nach der Rübe in der Zeit ihrer
stärksten Zuckeranreicherung. An der Mohnpflanze
wird die Frage der Nährstoffrückwanderung durch die
Wurzeln kurz gestreift.
E. UNGERER, Breslau: Änderung des Gehalts der
Böden an Kolloidton unter dem Einfluß des Kationen-
umtauschs; die quantitative Ermittlung des Kolloid-
tons mit Hilfe der Schälzentrifuge. Kolloidton, aus
Boden isoliert, ist nach P. EHRENBERG eine beständige,
mehr oder weniger gelblich gefärbte Suspension feinster
Teilchen (< 140 su), welche im durchfallenden Licht
klar, im auffallenden opalescierend getrübt ist. Der
Kolloidton hat erheblichen Anteil an der Bildung und
Beständigkeit der Bodenkrümel.
Tone und carbonat-
Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft.
arme Böden wurden im ursprünglichen wie im mit ein-
wertigen Kationen durch Kationenumtausch an-
gereicherten Zustand auf den Gehalt an Teilchen der
angegebenen Größenordnung untersucht. Hierbei nahm
der Gehalt an Kolloidton in der Reihe der Kationen
K < NH,< Na<Li zu. Aus einem Ton konnten
durch Anreicherung mit Li 58% von Teilchen < 200 nu
abgetrennt werden. Die quantitative Ermittlung ge-
schieht zweckmäßig mit einer Schälzentrifuge bei einer
Umdrehungszahl von 3000 Touren in der Minute und
einer Schleuderzeit von 10 Minuten nach folgender
Formel:
9 N
V: Be
Die benutzte Zentrifuge wird genauer beschrieben.
Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft.
Montag, den 8. September, 9 Uhr: Hörsaal Palästra Albertina III,
Fliess-Str. 3.
O0. LEMMERMANN, Berlin-Dahlem: Die Bedeutung
des Kohlenstoff - Stickstoffverhältnissess und anderer
chemischen Eigenschaften der organischen Stoffe für
ihreWirkung. Durch die Zersetzung organischer Substan-
zen ändert sich ihre chemische Beschaffenheit derart,
daß sich die verschieden starke Zersetzung durch die
chemische bzw. biochemische Untersuchung verfolgen
läßt. Zur Charakterisierung des physiologischen Wertes
der organischen Substanzen eigneten sich von den ge-
prüften Methoden a) die Bestimmung des C/N-Verhält-
nisses, b) die Bestimmung des Prozentgehaltes an N,
c) evtl. die Bestimmung des Humifikationsgrades durch
NH, und d) die Pentosanbestimmung. Die Bestimmung
des Energiegehaltes der organischen Substanz durch
Messung der CO,-Produktion führte zu unbefriedigenden
Ergebnissen. Wenn man aber solche Untersuchungen
vornimmt, muß u.a. dafür Sorge getragen werden, daß
den Mikroorganismen in den Atmungsgefäßen stets ge-
nügende N-Mengen zur Verfügung stehen. Wenn das
Verhältnis von C: N in der organischen Substanz sich
verhält wie 20 : 1 (oder enger ist), so ist die Zersetzung
solcher organischen Substanzen wie Stroh und ähnlicher
Stoffe so weit fortgeschritten, daß ein Verlust von etwa
50% Trockensubstanz eingetreten ist. Der N-Gehalt
der organischen Substanz beträgt in diesem Zustande
in der Regel 2% und mehr. Die schädliche (d.h. N-
entziehende) Wirkung organischer Stoffe ist um so
größer, je weiter das C/N-Verhältnis in ihnen ist. Die
schädliche Wirkung solcher organischen Substanzen
hört auf, wenn das C/N-Verhältnis etwa wie
und der N-Gehalt der Trockensubstanz 2% und mehr
beträgt. Der Humifikationsgrad solcher organischen
Substanzen (bestimmt durch NH,) scheint größer als
30% zu sein, der Pentosangehalt ist kleiner als 12%, wie
das auch von O. FLieg festgestellt worden ist. Aus den
Untersuchungen gebt weiter hervor, daß ein ziemlich
weitgehender Zersetzungsgrad von Stroh bzw. strohi-
gem Dünger, der kurz vor der Aussaat untergebracht
wird, nötig ist, um seine N-festlegende Wirkung aus-
zuschalten. Dieser Umstand verdient mehr als bisher
in der Praxis beachtet zu werden; denn man kann nicht
selten beobachten, daß nur ganz ungenügend zersetzter
strohiger Dünger auch noch im Frühjahr angewendet
wird. Neben einem solchen Dünger wird eine Stick-
stoffdüngung nie voll zur Wirkung kommen können.
K. MAIWALD, Breslau: a) Unterschied im Puffer-
vermögen carbonatarmer Böden in wässriger und in
KCl-Aufschwemmung. — b) Stand unserer Kenntnis
von der chemischen Natur der organischen Boden-
bestandteile.
20 : I 1st,
Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft.
W. WOLFF, Berlin-Frohnau: Uber die Einwirkung
der geologischen Formationen auf die Bodenbildung in
Norddeutschland. In Norddeutschland wird der Boden-
typ in erster Linie durch das Ortsklima und die Vege-
tation bestimmt. Daneben macht sich aber ein deut-
licher Einfluß der Bodenart, d. h. des Gesteins oder der
geologischen Formation geltend, und zwar um so
stärker, je jünger diese Formation ist. Im älteren
Glazialgebiet von Nordwestdeutschland herrscht infolge
der außerordentlich langen Verwitterung allgemeine
kräftige Podsolierung. Im jungen Glazialgebiet hat die
Bodenbildung weit geringere Mächtigkeit und Intensität
erreicht. Verhältnismäßig vorgeschritten ist sie auf
den durchlässigen Sandböden, die gewöhnlich pod-
soliert sind. In den Geschiebelehmgebieten herrschen
rostfarbige Waldböden vor. Das Auftreten von land-
wirtschaftlich hochwertiger Braunerde ist auf warme
und trockene Gegenden und in diesen wiederum auf
kalk- und feinerdereiche Bodenarten beschränkt, z. B.
auf feinerdige Geschiebemergel in der Zentraldepression
des Odergletschers und feinsandreiche Beckentone, die
im Pyritzer Weitzacker eine Abart von Schwarzerde
tragen. In OstpreuBen neigt der Deckton zur Braun-
erdebildung. Relikte glazialer Bodenstrukturen sind
außerhalb der jüngsten Vergletscherungszone in Nord-
westdeutschland nicht selten.
G. HAGER, Bonn: Die Bedeutung der Hydratation
der Ionen für die Bodenstruktur. Die Bodenstruktur
wird durch basische Kalkdüngemittel verbessert, durch
Kalisalze und Natronsalpeter dagegen geschädigt.
G. WIEGNER und seine Schüler, vor allem R,. GALLay,
schließen auf Grund eingehender Untersuchungen, daß
die verschiedene Hydratation der Kationen die Ursache
von Strukturveränderungen durch die Salze und Ver-
bindungen ist. Werden wenig hydratisierte Kationen
der zeolithähnlichen Bodenteilchen es kommen hier
vor allem die Ca-Ionen in Frage durch andere stark
hydratisierte Ionen, z. B. Na-, K- und Mg-Ionen ersetzt,
wie es bei Meerwasserüberschwemmungen und der
Düngung mit Kalisalzen und Natronsalpeter der
Fall ist, gehen die Bodenbestandteile von einer körnigen
Beschaffenheit über und nehmen
damit den Charakter eines hydrophilen Kolloids an.
Diese Anschauung steht aber mit vielen Beobachtungen
nicht im Einklang. Nach einer Reihe von Versuchen
setzen Magnesiasalze die Durchlässigkeit der Böden
trotz der erheblichen Hydratation der Mg-Ionen nicht
herab, sondern wirken ähnlich wie die Kalksalze er-
höhend auf sie ein. Der Widerspruch zwischen den
an sich richtigen Feststellungen WIEGNERs und seiner
Schüler und den Beobachtungen anderer Forscher ist
so zu erklären, daß seitens der Züricher Schule die
Tatsache nicht berücksichtigt ist, daß der Gehalt der
meisten Böden an zeolithähnlichen Bestandteilen sehr
mäßig ist, und daß daher auch das Verhalten der an-
deren Bodenanteile bei Veränderungen der Boden-
struktur berücksichtigt werden muß. Die vor 10 Jahren
mitgeteilte Anschauung des Vortragenden, daß
Peptisation des ganzen Bodensystems infolge negativer
Aufladung der Ursache der Ver-
schlechterung des Bodengefiiges durch Kali- und
Natronsalze ist, scheint um so berechtigter, als das
Sickerwasser bei solchen Versuchen stets Tonbestand-
teile in Solform enthält und die wasserhaltende Kraft
des Bodens zurückgeht.
S. GOY, Königsberg: Der basenfassende Raum des
Bodens und die gesetzmäßigen Beziehungen seiner
Größenelemente. Der Bedarfdes Bodensan Kalk wird ein-
mal nach dem Säuregrad, das andere Mal nach der Säure-
menge, welche ein Boden enthält, festzustellen versucht.
in eine schleimige
eine
Bodenteilchen die
1077
Bisher waren die genaueren Beziehungen zwischen die-
sen beiden Faktoren nicht näher bearbeitet. Aus den
eingehenden Arbeiten des Verfassers und seiner Mit-
arbeiter MÜLLER und Roos haben sich diese Beziehun-
gen ergeben. Sie sind gesetzmäßig und zeigen, daß es
für jeden Boden einen bestimmten basenfassenden
Raum gibt, dessen Größenverhältnisse sich durch die
elektrometrische Titration feststellen lassen. Aus dieser
und den durch sie feststellbaren Beziehungen zwischen
Basenadsorption und Säurezustand entwickelt der Vor-
tragende ein neues bodenkundliches Gesetz.
M. TRENEL und I. WUNSCHIK, Berlin: Über den
Chemismus der mineralischen Bodenacidität. Der Aus-
gangspunkt unserer Untersuchungen bildete die durch
die Japaner Kozaı und DAIKUHARA bekanntgewordene
Reaktion von Chlorkalium auf gewisse Böden. Die
Fragestellung meiner achtjährigen Arbeit war die fol-
gende: Woher stammt das Aluminium und wie kommt
es in den Chlorkaliumauszug hinein? Die überwiegende
Mehrzahl der Bodenforscher nimmt an, daß der Boden
an Stelle der fortgeführten Basen Wasserstoffionen auf-
nimmt und daß diese Wasserstoffionen gegen das Kalium
der Chlorkaliumlösung ausgetauscht werden. Die Be-
antwortung der Frage ist deshalb so schwierig, weil
der Boden nicht chemisch definiert ist. Aus diesem
Grunde haben wir den Chemismus der sog. Aus-
tauschacidität an chemisch definierten Substanzen
studiert, die im Boden vorkommen, an den Hydraten
der Kieselsäure und der Tonerde. Durch Behand-
lung mit verschiedenen Säuren Kohlensäure, Salz-
säure, Schwefelsäure. Essigsäure, Oxalsäure und
mit kohlensäurehaltigem Wasser wurde ein selbst-
erschmolzener Permutit seiner Basen beraubt und in
verschiedenen Sättigungszuständen auf seine Fähigkeit
geprüft, mit Chlorkaliumlösung (0,1 und ı m) „Aus-
tauschacidität‘ zu zeigen. Die Basen wurden ferner
elektrodialytisch übereinstimmende
Ergebnis dieser Versuche ist Mit fort-
schreitender Entbasung zerfällt der Permutit in seine
Bestandteile. Nach teilweiser Entbasung stellt der
Permutit im wesentlichen ein @elgemisch aus den Hy-
draten der Tonerde und der Kieselsäure dar und ist sehr
wahrscheinlich keine ‚„Permutitsäure‘‘; nach völliger
Entbasung besteht der Restkörper im wesentlichen aus
Kieselsäure. 2. Die ‚„Austauschacidität‘ tritt in einer
o,ı molaren KCL-Lösung bei Zimmertemperatur erst
ein, wenn der Permutit mehr als die Hälfte seiner Basen
abgegeben hat. 3. Äquivalenz zwischen der im Filtrat
gravimetrisch bestimmten und aus der Titration berech-
neten Tonerde konnte nur in einem Falle festgestellt wer-
den. Auch in den KCL-Ausschüttelungen, die noch keine
oder keine saure Reaktion mehr zeigten, wurden Alumi-
nium- und Eisenoxyde in fast gleicher Höhe wie in den
sauren Ausschüttelungen bestimmt. Es scheint also
außerdem Peptisation der Gele durch die Kaliumchlorid-
lösung vorzuliegen. 4. Da in der KCL-Ausschüttelung
zwischen K und Cl Äquivalenz besteht, kann weder ein
direkter Wasserstoffionen- noch Aluminiumionen-Aus-
tausch angenommen werden. Der Name ‚, Austauschacidi-
tät‘‘ trifft die Sache nicht. 5. Die Ergebnisse der entspre-
chenden Versuche mit basenarmen Böden gleichen den
mit synthetischen Silicaten erhaltenen außerordentlich,
so daß die Übertragung der aus den Versuchen gezogenen
Schlüsse auf den Boden nicht unberechtigt erscheint.
6. Durch die Einwirkung von KCl bzw. NH,CI auf die
elektrodialytisch gereinigten Gele von Al- und Fe-Oxyd-
hvdrat tritt bei Zimmertemperatur alkalische Reaktion
ein. 7. Durch weitere Zugabe von SiO,-Hydratgel, das
allein mit KCl keine saure Reaktion gibt, wird ,,Aus-
tauschacidität‘‘ hervorgerufen. 8. Die durch Fällung
ausgelaugt. Das
folgendes: I.
1078 Abteilung:
mit ,,Natronwasserglas erhaltenen Gelgemische der
Al- und Fe-Oxydhydrate geben die gleiche Reaktion.
9. Die ,,Austauschaciditat wird deshalb aufgefaBt als
rückläufige Umsetzung der Fällung von Al und Fe
durch Hydroxylionen im Sinne des Gleichgewichts:
Al(OH), 3 KCl = AICI, 3 KOH
P. VAGELER, Berlin: Die quantitative Formulie-
rung der Gesetze des Basenaustausches und ihre prak-
tische Bedeutung. Aus umfangreichen Versuchen an
Permutiten und Böden geht hervor, daß der Aus-
tausch der sorptiv gebundenen Basen gegen einwir-
kende Kationen unabhängig von der Verdünnung nach
der Formel
2«-S
(1) y aq 8
verläuft, worin bedeutet:
x...die Anfangsmenge des einwirkenden Kations in
Milliäquivalenten,
y...die im Gleichgewicht ein- oder ausgetauschte
Ionenmenge,
S...deninder Unendlichkeit erreichten Grenzwert des
Vorganges,
q...den ,,Austauschmodul“ und gleichzeitig den Diffe-
rentialquotienten der reziprok ausgedrückten obigen
Gleichung, die dabei lineare Form annimmt.
Ein- und Austausch verlaufen prinzipiell nicht äqui-
valent, so daß für jedes System eine besondere Gleichung
für Eintausch und Austausch besteht. Der Austausch-
modul g, der die Form der Austauschkurve bedingt, ist
abhängig von der Zusammensetzung des Sorptions-
komplexes und der einwirkenden Lösung. Benutzt man
das Verhältnis des untersuchten Kations zu den Be-
gleitkationen als unabhängige Variabele, so läßt sich
die Änderung von q für jedes Kation durch eine hyper-
bolische Gleichung der Form
(2) («—-a)(g—b)=C
sehr gut genähert wiedergeben. Dieser Zusammenhang
besagt praktisch 1. daß q für jeden Boden und jeden
Pflanzennährstoff eine individuelle Konstante ist, deren
Kenntnis das Verhalten Nährstoffes im ge-
gebenen Boden mit großer Annäherung quantitativ
zu übersehen gestattet. 2. Daß nur das Lemmermann-
sche Prinzip der relativen Löslichkeit, deren verall-
gemeinerter Ausdruck der Austauschmodul ist, eine
begründete Deutung kolloidchemischer Bodenanalysen
gestattet, da die absoluten Analysenwerte relativ un-
wichtig sind. Die bekannten Widersprüche zwischen
Bodenanalyse und darin
bestehen, daß sehr häufig trotz hohen absoluten Ge-
haltes an einem Nährstoff ein Boden dennoch auf diesen
Nährstoff gut reagiert, werden dadurch weitgehend
erklärt und erscheinen als logische Konsequenz der
erörterten Beziehungen.
J. ROTHE, Königsberg: Das Verhalten des Wassers
im gedränten Felde. Werden in einem vom Wasser
allseitig durchnäßten Boden Dränröhren verlegt, so
erfolgt bei Vorflut ein Abfluß des Wassers in der Weise,
daß an den Dränröhren der Wassergehalt am geringsten,
in der Feldmitte am größten ist. Die zwischen den Röh-
ren sith bildende Wasserkurve kann zur Berechnung
von Strangentfernungen benutzt werden. Wenn im
Gegensatz hierzu Untersuchungen größeren
Wassergehalt an den Dränröhren, einen kleineren in der
Feldmitte ergeben haben, so läßt sich dieses durch den
Gang der Niederschläge erklären, so daß Kondensations-
nicht als Grund angenommen zu werden
dieses
Düngungsversuchen, die
einen
vorgänge
brauchen. Schwedische Untersuchungen haben ergeben,
daß das Dränwasser hauptsächlich in der Oberkrume
Pharmazie, Pharmaz. Chemie und Pharmakognosie.
verläuft und in die lockeren Drängräben einsickert. Es
findet also keine ausgesprochene Ausbildung einer
Wasserkurve statt. Die erheblichen Schwankungen
gemessener Dränwasserabflußmengen in kurzer Zeit
bestätigen, daß der Zufluß nicht gleichmäßig durch den
Untergrund stattfinden kann. Als Abflußmenge genügt
im norddeutschen Flachlande die Annahme von 0,5 Sek.
l/ha. Die Dränabflußmenge beträgt nach schwedischen
Messungen 26% der jährlichen Niederschläge.
H. JANERT, Leipzig: Untersuchungen über die Be-
netzungswärme des Bodens. Die Benetzungswärme,
die mit einer neuen Apparatur leicht gemessen werden
kann, liefert einen brauchbaren Maßstab für die Be-
urteilung des Dispersitätsgrades der Böden. Infolge-
dessen kann aus der Höhe der Benetzungswärme auf
andere, wichtige Eigenschaften des Bodens geschlossen
werden. Namentlich die Erscheinungen, welche auf
Adsorptionswirkungen zurückzuführen sind, lassen sich
aus der Benetzungswärme ableiten und berechnen, so
z. B. die Hygroskopizität und die Kalk-Höchstsättigung
des Bodens. Zur Berechnung der Strangentfernung bei
Drainungen wird die Benetzungswärmemessung bereits
praktisch angewendet.
Abteilung: Pharmazie, pharmaz. Chemie und Pharma-
kognosie (Eingeladen Abt. Chemie und Pharmakologie).
Mittwoch, den 10, September, 10'/, Uhr: Hörsaal des Pharm.-chem,
Laboratoriums der Universität, Besselstr. 3.
G. URDANG, Berlin: 100 Jahre Abteilung Phar-
mazie der Deutschen Naturforscherversammlung. Als
Gründungsjahr der Abteilung Pharmazie der Ver-
sammlung Deutscher Naturforscher und Arzte wird
endgültig 1830, als Gründungsort Hamburg festgestellt.
Das Schicksal der Abteilung während des seit ihrer
Gründung verflossenen Jahrhunderts wird geschildert,
eine Übersicht über die wesentlichsten Vorträge und
Redner gegeben und an Hand des dargelegten Materials
die Frage nachgeprüft, welche Bedeutung der Abteilung
Pharmazie im Rahmen der Naturforscherversamm-
lungen, für die pharmazeutischen Wissenschaften und
schließlich für den deutschen Apothekerstand beizu-
messen ist. Es wird der Nachweis geführt, daß der
Versammlungszweck des Sichkennenlernens der maß-
geblichen Männer der wissenschaftlichen Pharmazie
ebenso erreicht wurde wie die als weiteres Ziel der
Naturforschertagungen anzusehenderepräsentative Dar-
bietung der auf diesem Sondergebiete geleisteten natur-
wissenschaftlichen Arbeit. Zugleich wird festgestellt,
daß durch die Abteilung Pharmazie die Wissenschaften
der Pharmazie gefördert und der deutsche Apotheker-
stand gegenüber den auf den Naturforscherversamm-
lungen vertretenen Disziplinen aufs vorteilhafteste re-
präsentiert wurde.
C. MANNICH, Berlin-Dahlem: Über Digitalisstoffe.
Nach einem kurzen Überblick über die bisher aus Digi-
talis purpurea gewonnenen wirksamen Stoffe berichtet
der Vortragende über neue Glykoside, die er aus Digi-
talis lanata Ehrh. gemeinsam mit Mons und Mauss
isoliert hat. Die vier aufgefundenen Glykoside werden
als Lanata-Glykoside I—IV bezeichnet. Das Haupt-
glykosid I hat die vermutliche Formel C,,Hg01r
+4H,0. Es ist optisch aktiv und liefert bei der
Hydrolyse ein neues mit dem Gitoxin isomeres Genin
C,,H,,0,, ferner Digitoxose und ein Disaccharid der
Formel C,,H350,. Das Lanata-Glykosid II scheint eine
Molekularverbindung zwischen dem vorerwähnten und
einem anderen Glykosid zu sein, denn bei der Hydrolyse
werden 2 Genine, das Genin des ersten Glykosides und
Digitoxigenin erhalten. Das dritte Glykosid stimmt
mit dem Digitalinum verum von KILIANI so weitgehend
er
en
en
gt
en
1g
el
Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft. 1079
überein, daß an der Identität der beiden Stoffe nicht
zu zweifeln ist. Das vierte Glykosid ist physiologisch
nur wenig wirksam. Als Formel kommt C,H30,, in
Frage. Durch Alkalien läßt es sich in ein isomeres,
noch weniger wirksames Glykosid umlagern. Bei der
Hydrolyse entsteht als Zucker ausschließlich Glykose,
daneben ein schön krystallisierendes Genin, für welches
die Formel C„H,,0, oder C,,H,50, in Betracht kommt.
Das kürzlich von SMITH aus Digitalis lanata isolierte
Digoxin wurde bisher nicht aufgefunden.
K. W. MERZ, Berlin-Dahlem: Über die pharmako-
logischen Eigenschaften neuer Digitalisstoffe. Die vier
neuen aus Digitalis lanata Ehrh. von C. MANNICH und
Mitarbeitern (s. vorstehendes Referat) isolierten Glyko-
side und ihre Genine wurden am isolierten Froschherzen
untersucht. Das Hauptglykosid (I) ist von annähernd
derselben Wirkungsstärke wie Digitoxin, läßt sich aber
im prinzipiellen Gegensatz zu diesem vollkommen aus-
waschen. Auch das Glykosid III (Digitalinum verum)
ist leicht auswaschbar. Die beiden anderen, schwächer
wirksamen Glykoside sind nur schwer bzw. kaum aus-
waschbar. Die Genine verhalten sich teilweise wie die
der bereits aus Digitalis purpurea isolierten Glykoside,
teilweise überwiegt die negativ tonotrope Wirkung
maximal. Die Befunde werden kurz diskutiert und in
Beziehung zu den bei Digitalis purpurea erhobenen ge-
bracht. Die wichtigsten Kurven werden projiziert.
Im Anschluß hieran Sitzung der Abteilung Pharmazie /ür sich.
H. KAISER, Stuttgart: Über neuzeitliche Unter-
suchung und Beurteilung des Harns in Apotheken
Die Fortschritte in physikalischer und Kolloid-Chemie
zwingen, derartige Methoden immer mehr in den Dienst
einer zeitgemäßen Harnanalyse zu stellen. Im Vorder-
grund steht die Wasserstoffionenkonzentration, die von
besonderer Bedeutung bei der Eiweißbestimmung ist,
ganz gleichgültig, ob es sich um qualitative oder quanti-
tative Bestimmungen handelt. Bei den Reduktions-
methoden müssen die störenden Nicht-Zucker-Sub-
stanzen von der Mitbeteiligung an der Reaktion aus-
geschaltet werden. Auf dem Gebiet des Nachweises
der Azetonkörper muß eine vollständige Umstellung
erfolgen, denn die meisten bisherigen Reaktionen und
die darauf gegründeten Befunde hatten nur eine schein-
bare Richtigkeit. Von neueren Methoden darf z. B. die
des Harnstoffs mit Xanthydrol nicht unerwähnt bleiben.
Für Gallenfarbstoff- und Indicannachweis sind ver-
altete und zweifelhafte Methoden auszuschalten. Be-
sondere Beachtung verdient die Untersuchung des
Harnsedimentes, wobei sich zweckmäßige Färbe-
methoden sehr günstig auswirken können. Nicht zu-
letzt beansprucht die Untersuchung der Harnkonkre-
mente eingehendere Bearbeitung.
W. PEYER, Halle a. S.: Über eine neue Zingi-
beraceendroge, Temoe lawak. Die im Holländischen
Arzneibuch IV 1926 offizinelle Rhizoma Curcumae
Javanicae erfreut sich auf Grund einer Empfehlung
von GÜRBER, Marburg, einer Beachtung gegen Gallen-
leiden. Früher wurden falsche Stammpflanzen genannt.
Es kommt allein Curcuma domestica in Frage; Heimat:
der Malaiische Achipel. Die Anatomie der Droge wird
eingehend beschrieben und festgestellt, daß (geringe)
anatomische Unterschiede gegenüber anderen Curcuma-
rhizomen vorhanden sind. Weiter werden chemische
Konstanten festgelegt im Vergleich mit anderen Zingi-
beraceendrogen.
W. PEYER, Halle a. S.: Uber eine neue insekticid
wirkende Droge, Derris elliptica. Die Wurzeln von
Derris elliptica (Leguminosae) stammen vom Malai-
ischen Archipel und führen dort den Namen Tubawurzel
oder Aker Tuba neben verschiedenen anderen Namen.
Die Wurzel wird beschrieben, ebenso ihre Anatomie.
Die bei der chemischen Untersuchung gefundenen
Zahlen, ebenso wie die Ergebnisse der Untersuchung
unter der Analysenquarzlampe werden festgelegt. Als
Inhaltsstoffe sind bisher bekannt: Derrin, Derrid und
Rotenon. Außerdem ist noch vorhanden: Gerbstoff
und ein mit Wasserdämpfen flüchtiger Stoff. Die wirk-
samen Inhaltsstoffe sind in Wasser wenig löslich, aber
in organischen Lösungsmitteln. Einzelne Verfahren zur
Herstellung von Insektenvertilgungsmitteln aus der
Droge sind bereits gesetzlich geschützt. Vortragender
empfiehlt, Versuche anzustellen, inwieweit ein Petro-
leumauszug, der am billigsten herzustellen ist, als Ver-
tilgungsmittel für tierische und pflanzliche Schädlinge
Verwendung finden kann. Auch Benzol kommt in
Frage.
R. FISCHER, Innsbruck: Zum Nachweis des Nipa-
gins und ähnlicher Konservierungsmittel.
L. KOFLER, Innsbruck: Die Beurteilung von Rhi-
zoma Filicis. Die in der Literatur allgemein ver-
breitete Ansicht, daß die im Gebirge gesammelte Farn-
wurzel der Droge in der Ebene und daß die Herbstdroge
der Frühjahrsdroge überlegen sei, wurde in gemeinsam
mit E. MÜLLER durchgeführten Versuchen nachgeprüft.
Bei 22 im Herbst an verschiedenen Orten im Gebirge und
in der Ebene gesammelten Drogen wurde der Extrakt-
und der Rohfilicingehalt bestimmt und eine biologische
Prüfung an Fischen durchgeführt. Ein Einfluß des
Standortes auf den Wert von Rhizoma Filicis ließ sich
dabei nicht erkennen. Sechs im Frühjahr gesammelte
Farnwurzeln standen an Wert den an den gleichen Orten
im Herbst geernteten Drogen nicht nach. Von den
22 im Herbst vorschriftsmäßig gesammelten Rhizoma
Filicis erreichten nur drei den vom D.A.B. 6 vorge-
schriebenen Extrakt- und Rohfilicingehalt. Dieses
Ergebnis läßt die Forderung des D.A.B. 6 als zu hoch
erscheinen. Bei sechs zum Vergleich herangezogenen
alten Drogen war die Wirkung auf Fische wesentlich
schwächer als bei den frischen Drogen, während der
Rohfilicingehalt kaum einen Unterschied zeigte. Beim
Altern von Rhizoma Filicis scheinen Veränderungen
vor sich zu gehen, die sich besser an der verringerten
Giftwirkung gegenüber Fischen als an einer Änderung
im Extrakt- oder Rohfilicingehalt erkennen lassen.
Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft.
Mittwoch, den 10, September, 15 Uhr: Hörsaal des Pharm.-chem.
Laboratoriums der Univ., Besselstr. 3.
TH. SABALITSCHKA, Berlin-Steglitz: Uber die
Verwendung der p-Oxybenzoesäureester bei der Sterili-
sation und Desinfektion. Die Alkylester der p-Oxy-
benzoesäure zeigen beim Dauerversuch im künstlichen
Nahrmedium ein starkes Vermögen, die Entwicklung
von Mikroorganismen zu verhindern. Dieses Vermögen
nimmt mit ansteigender Alkylgröße erheblich zu. Die
Ester der höheren aliphatischen Alkohole und auch der
Benzylester betätigen beim Keimträgerversuch auch
eine praktisch verwertbare, abtötende Wirkung gegen-
über Mikroorganismen. Diese beiden Wirkungen gehen
auch nicht verloren bei Überführung der Ester in ihre
Alkaliphenolate, während doch z.B. bei der Salicyl-
säure die entwicklungshemmende und abtötende Wir-
kung gegenüber Mikroorganismen bei Überführung in
die Alkalisalze aufgehoben wird. Die Ester der p-Oxy-
benzoesäure und ihre in Wasser leicht löslichen Alkali-
verbindungen sind somit verwendbar zur Sterilhaltung
wie auch zur direkten Sterilisation, ferner zur Des-
infektion. Die Ester erwiesen sich bei eingehender
pharmakologischer Prüfung ganz ungiftig für den Men-
1080
schen. Daher eignen sich die Ester und ihre Alkali-
verbindungen bei der Unterdriickung der Entwicklung
von Mikroorganismen in pharmazeutisch oder medi-
zinisch angewandten festen und fliissigen Materialien,
wie auch bei der direkten Sterilisation solcher Materia-
lien; sie lassen sich ferner zu desinfizierenden Prapa-
raten verarbeiten und finden in der Zahnheilkunde als
Dauerdesinfiziens fir Zahn- und Wurzeleinlagen Ver
wendung.
K. BODENDORF, Berlin-Dahlem: Uber Gewinnung,
Anwendung und Nachweis von Methylalkohol und Iso-
propylalkohol. Die synthetische Gewinnung von Äthyl-
alkohol aus Äthylen oder Acetylen besitzt kaum mehr
praktische Bedeutung, da diese Verfahren im Vergleich
zum Gärungsverfahren zu unwirtschaftlich sind. Da-
gegen gewinnt die Methanolsynthese immer mehr an
Bedeutung. Für die Hydrierung von Kohlenoxyd zu
Methanol gibt es eine große Zahl wirksamer
Katalysatoren. Das Verfahren läßt sich auch so leiten,
daß neben Methanol benzinähnliche Kohlenwasserstoffe
entstehen. Solche Mischungen sind als Betriebsstoffe
wertvoll. Methylalkohol spielt große
Rolle als Lösungsmittel; pharmazeutisch ist er seiner
Giftigkeit wegen kaum zu verwenden. In dieser Hin-
sicht könnte Isopropylalkohol von Wichtigkeit werden.
Isopropylalkohol ist durch Hydrierung von Aceton
leicht zugänglich, während dieses entweder aus Calcium-
acetat oder neuerdings katalytisch aus Acetylen und
Wasserdampf in hoher Ausbeute erhalten werden kann
Für den Nachweis beider Alkohole wird auf die be-
kannten Methoden verwiesen.
sehr
weiterhin eine
Deutsche Mineralogische Gesellschaft.
Tagung vom 11.—13. September.
Die Themen der Vorträge sind der Schriftleitung zu spät
be kanntge worden, als daß noch Re jerate hätten einge fordert
werden können
A. JOHNSEN, Berlin: Neue Eigentümlichkeiten des
Sylvins.
K. SCHLOSSMACHER, Königsberg i. Pr.: Absorp-
tionsmessungen mit Photozelle und Hochvakuum-
thermoelement.
C. H. EDELMAN, Amsterdam: Mineralogische
Untersuchungen von Sediment-Gesteinen.
E. BAIER, Tiibingen: Optik der Edelopale.
L. GOEBEL, GieBen: Radioaktive Zersetzungs-
erscheinungen am Fluorit.
H. SEIFERT, Berlin: Uber Struktur und Aufwach-
sungen an Salzen des Typus RPF,.
F. BERNAUER, Berlin-Charlottenburg: Vulkano-
logische Beobachtungen auf den Liparischen Inseln.
F. LAVES, Géttingen: Ebenenteilung, Raumteilung
und Koordinationszahl.
FR. BUSCHENDORF, Clausthal: Genetische und
krystallographische Betrachtungen iiber einige rezente
Barytbildungen.
G. MENZER, Berlin: Uber die Krystallstruktur des
Eulytins.
C. SCHUSTERIUS, Berlin-Dahlem: Die Bestim-
mung der Dimensionen der C10,-Gruppe in Perchloraten
durch absolute Intensitätsmessungen.
Abteilung: Geographie (gleichzeitig Deutsche Geo-
graphische Gesellschaft).
Septembr 15 Uhr: Hörsaal des Ge
Instituts der Universität
S. PASSARGE, Hamburg: Das Problem wissen-
schaftlicher Landschaftsbeschreibungen und deren Be-
deutung für die geographischen Einzelwissenschaften und
Nachbarwissenschaften. Eines der wichtigsten Probleme
Wontagq, den 8 gra phischen
Deutsche Mineralogische Gesellschaft. — Abteilung: Geographie.
der geographischen Wissenschaften ist in der Gegen-
wart das Problem von geniigenden
Landschaftsbeschreibungen. Dieses wird z. B. in sehr
origineller Form und ausführlich von GRANO behandelt.
Es sollen in dem Vortrag die verschiedenen Methoden
landschaftskundlicher Beschreibung gebracht und dar-
gelegt werden, daß eine wissenschaftliche Landschafts-
beschreibung die Aufgabe hat, bis in alle Einzelheiten
mit Hilfe von Zeichnungen, Kartenskizzen und Photo-
graphien die charakteristischen Wesenszüge festzulegen.
Es wird dann gezeigt, daß eine solche, wissenschaft-
lichen Ansprüchen genügende Landschaftsbeschreibung
nicht nur für die verschiedenen geographischen Einzel-
wissenschaften, sondern auch für die Nachbarwissen-
schaften, namentlich für Botanik, Zoologie, Völker-
kunde, Nationalökonomie, Klima- und Bodenkunde
eine grundlegende Bedeutung besitzt.
FRENZEL, Hamburg: Landschaftskunde des Elb-
sandsteingebirges.
W. WRAGE, Hamburg: Lassen sich die Grundsätze
landschaftskundlicher Darstellung auf das Wattenmeer
übertragen? Es soll in dem Vortrage gezeigt werden,
daß sich die Grundsätze landschaftskundlicher Dar-
stellung auch auf das Wattenmeer anwenden lassen,
das in mancher Hinsicht von den Landschaften des
festen Landes abweicht. Als Beispiel wird ein be-
stimmtes Wattgebiet kurz besprochen. Andere Watt-
landschaften werden zum Vergleich herangezogen. Die
Hauptergebnisse landschaftskundlicher Betrachtung der
Wattengebiete werden erwähnt und die Bedeutung einer
derartigen Biologie,
Wasserbau und Landgewinnung kurz angedeutet. Als
Anschauungsmittel Kartenskizzen, Photo-
graphien und schematische Zeichnungen verwandt.
K. O. BORNER, Hamburg: Die Bedeutung der
Landschaftskunde fiir die prahistorische Forschung, er-
läutert an den Verhältnissen im Ratzeburger Seengebiet.
Ein wichtiges Problem der Landschaftskunde ist das
Verhältnis von Landschaft und Mensch, das sich in
der prähistorischen Forschung als umfassende Abhängig-
keit von der vorzeitlichen Landschaft darstellt. In dem
Vortrage wird die Rekonstruktion der Urlandschaft um
Ratzeburg auf landschaftskundlicher Grundlage ver-
sucht werden, um ein Bild von der Lebensgestaltung
und Charakterentwicklung des vorgeschichtlichen Men-
schen zu gewinnen.
wissenschaftlich
Betrachtungsweise für Geologie,
werden
Dienstag, den 9. Septembar, 15 Uhr: Hörsaal des Geographischen
Instituts der Universität.
A. MARKOW, Königsberg: Die wirtschaftliche
Rayonierung der Sowjetunion. Seit der Revolution
vom Oktober 1917 ist es in Rußland Mode geworden,
von der wirtschaftlichen Rayonierung des Landes zu
Sie ist zu einem Arbeitsproblem aller Staats-
sich
Ein-
sprechen
und öffentlichen Organe geworden und befindet
im Gegensatz zu’ der
teilung Rußlands, die Peter I
Die damalige Einteilung Rußlands war rein fiskalischer
Natur bildete die Einteilung Rußlands in
wenige Gouvernements eine Art Vorarbeit zu einer all-
Volkszählung, um die Steuerfähigkeit der
Bevölkerung festzustellen. Erst im Laufe des 19. Jahr-
hunderts hat sich die Wissenschaft der Rayonierung
Rußlands nach administrativen
Gebieten Jahre
Ein-
teilung bestehen, welches auf administrativ-polizeilichen
administrativ-territorialen
durchzuführen begann.
Später
gemeinen
wirtschaftlichen und
Aber es bleibt bis zum
administrativ-territorialen
angenommen
1917 das System deı
und Fiskalprinzipien aufgebaut war. Sie entsprach da-
len wirtschaftlichen Bedingungen und
Nach der
her keineswegs
den neuen Aufgaben der Staatsverwaltung.
Abteilung: Geographie. — Abteilung: Allgemeine Botanik. 1081
Revolution und Übernahme der Regierung durch die
Bolschewisten wurde der Versuch unternommen, eine
wirtschaftliche Rayonierung der Sowjetunion durchzu-
führen, die in engem Konnex mit der gesamten Wirt-
schaftspolitik des jetzigen Rußlands und seiner Plan-
wirtschaft steht. Die bolschewistische Regierung ging
von dem Standpunkt aus, daß die Zahl der Gouverne-
ments, die bis zum Jahre 1917 101 betrug, unbedingt
verringert werden müßte. Die neue Wirtschaftspolitik
hat eine weitere Vereinfachung und Verbilligung des
außerordentlich angeschwollenen Apparates im Auge.
Territorien, welche verschiedenen administrativen Ge-
bieten zugeteilt wurden, aber wirtschaftlich zueinander
gravitieren, müssen auch zusammengelegt und nicht
künstlich auseinandergerissen werden. Die neue Ein-
teilung des russischen Reiches soll nunmehr nach der
Konzentrierung der Industrie, nach der Konzentrierung
der technischen Kulturen, nach der Gravitierung der
Bevölkerung zu kleinen industriellen Punkten erfolgen.
Auch der Zustand der Kommunikationswege und eben-
falls die Größe der Bevölkerung und die nationale Zu-
sammensetzung derselben darf nicht außer acht ge-
lassen werden. Das Rayonierungssystem des jetzigen
Rußlands ist nicht ein interressortliches der einzelnen
Behörden, sondern trägt allgemein staatlichen Charak-
ter, sucht alle Gebiete der Wirtschaft oder Verwaltung
zu ergreifen und will organisch die Theorie mit der
Praxis in Einklang bringen. Die Frage der Rayonierung
wird im jetzigen Rußland in engste Verbindung mit
der Frage der Elektrifizierung des gesamten russischen
Reiches gebracht. Bei Besprechung der einzelnen
Rayons resp. Gebiete werden die nationalen Eigen-
schaften und Eigentümlichkeiten sowie die klimati-
schen, geologischen und Bodenverhältnisse der betref-
fenden Rayons berücksichtigt, wobei sich ergibt, daß
Rußland bei seiner Rayonierung von anderen Gesichts-
punkten ausgehen muß als das Ausland.
B. PLAETSCHKE, Königsberg: Landschaftskunde
des nordöstlichen Kaukasus. Am Nordostabhange des
Kaukasus sind drei voneinander scharf geschiedene
Landschaften zu unterscheiden, die an drei ebenso klar
ausgeprägte Höhenstufen gebunden sind. Es sind dies:
1. die niederen, aus weichen tertiären Gesteinen be-
stehenden, laubwaldbedeckten Vorberge, bis 1200 m
hoch; 2. das ausgedehnte, durchschnittlich 2500 m
hohe, kahle Kalkgebirge, das sich unvermittelt aus den
Vorbergen erhebt und am Nordrande leicht verkarstet
ist; 3. das Hochgebirge der dunkeln alten Tonschiefer
mit alpinem Charakter. Von entscheidendem Einfluß
auf die Ausgestaltung des Landschaftsbildes sind die
klimatischen Gegensätze zwischen dem feuchten Außen-
rande und den trockenen inneren Gebirgsgegenden.
Entsprechende Unterschiede bestehen zwischen den
verschiedenen Landschaften auch in kultureller Be-
ziehung. In den Vorbergen hat russischer Hausbau
und russische Siedlungsanlage Eingang gefunden. Im
Kalkgebirge wohnt man in flachdachigen Häusern; die
Siedlungen sind terrassenartig am Berghange angelegt.
In den Hochgebirgstälern, in denen die Blutrache noch
besonders stark herrscht, bilden die festungsartigen
Gehöfte mit Wehr- und Wohntürmen einen charakte-
ristischen Zug im Landschaftsbilde. Die enge Ver-
bundenheit zwischen Landschaft und Kulturentwick-
lung läßt sich jedenfalls im Nordostkaukasus besonders
gut beobachten.
W. KRIEG, Hamburg: Das Problem wirtschafts-
geographischer Karten auf landschaftskundlicher Grund-
lage, erläutert an dem Meßtischblatt Tann i. d. Rhön
und der Pyrenäenhalbinsel. Der in einer wirtschafts-
geographischen Gesamtkarte darzustellende Tatsachen-
schatz ergibt sich aus dem Inhalt des wirtschaftsgeo-
graphischen Gebietes: Darstellung und kausale Er-
gründung der Wechselbeziehungen zwischen der Natur
und dem wirtschaftenden Menschen. Keineswegs dür-
fen, wie es zumeist der Fall ist, in der Karte die Elemente
der Landschaft fehlen oder zurücktreten, zugunsten
Daten des Handels und des Wirtschaftslebens. Viel
mehr bilden sie einen integrierenden Bestandteil des
Kartenbildes. Zur Darstellung des ganzen Komplexes
wird eine neue Methode der Kartierung angewandt,
die von der bisher üblichen Darstellungsweise wesent-
lich abweicht. Es wird versucht zu zeigen, daß durch
diese Methode sowohl eine Erweiterung des Karten-
inhaltes als gleichzeitig auch eine Hebung der Über-
sichtlichkeit des Kartenbildes erzielt werden kann.
G. TITTELBACH, Hamburg: Landschaftskundlicher
Überblick über die Insel Tenerife und das Problem des
Landschaftsblockes. Tenerife gilt schon seit Alex.
v. HuMBOLDT als das Beispiel für die Einwirkung verti-
kaler Erhebung auf klimatische und pflanzengeogra-
phische Faktoren. Die landschaftskundliche Betrach-
tung, die jene Faktoren mit den topographisch-geo-
logischen vereint, läßt vier Landschaften erkennen:
das selbständige Anagagebirge im Nordosten der Insel,
die Nord-, die Südabdachung des Piks und das zentrale
Caldera-Hochgebirge. Sie werden in dem Vortrag cha-
rakterisiert. — Die gewaltige Erhebung auf kleinem
Raum schafft eine reiche landschaftliche Gliederung.
Klimatische Unterschiede bestehen noch zwischen klei-
nen Landschaftseinheiten. Salzsteppen- bis Wüsten-
klima einerseits, Waldklima andererseits herrscht in
verschiedenen Teilen der Fußstufe, so daß man zur
landschaftskundlichen Charakterisierung Tenerifes ohne
den Begriff des ‚„Landschaftsblockes‘‘ nicht auskom-
men kann.
Abteilung: Allgemeine Botanik.
Mittwoch, den 10. September, 15 Uhr: Hörsaal des Botan. Instituts
der Universität, Besselplatz 3.
C. MEZ, Königsberg i. Pr.: Der Königsberger
Stammbaum des Pflanzenreichs. Vorgelegt werden die
beiden aufeinanderfolgenden Fassungen des Stamm-
baums von 1924 und 1929, demonstriert durch die bei-
den lithographischen Tafeln. Es werden die Unter-
schiede besprochen und besonders auf die neu erfolgten
serodiagnostischen Ausarbeitungen der Phaeophyceales,
Rhodophyceales und Musci frondosi hingewiesen sowie
die Einfügung zahlreicher Familien in anderen Ver-
wandtschaftsgruppen gezeigt. Anschließend werden
morphologisch - entwicklungsgeschichtliche Begrün-
dungen für die serologisch gefundenen Abzweigungen
des Stammbaums gegeben. Begründung des Anschlusses
der Schizophyceales an die primären Bakterien; Be-
gründung der Ablehnung der Flagellaten als Stamm-
formen der Familien der höheren Algen; Abzweigung
der Äste der Heterokonten, der Phaeophyceen und der
Rhodophyceen von den Ulotrichales; Weiterentwick-
lung der Polyergidales zu den Oomyceten; Anschluß
der Hepaticae an die Chlorophyceales; Anschluß der
Ranales an die niederen Pinaceae; Anschluß der Ro-
sales an die Ranales; Ursprung der Centrospermae;
Ursprung des Columniferen-Astes; Begründung der
Polyphylie der Sympetalae.
H. ZIEGENSPECK, Königsberg i. Pr.: Diagram-
matik des Columniferenastes der Dikotylen. Es soll
an der Hand von stehenden und laufenden Lichtbildern
versucht werden, die Entwicklung der Diagrammatik
des ganzen Astes klarzulegen, wie er sich aus einer Ent-
wicklung aus Proparietalen zu Malvales, Gruinales,
Abteilung: Allgemeine Botanik. —
1082
Euphorbiales, Terebinthinales, Rhamnales und Ericales
ergibt.
FR. STEINECKE, Königsberg i. Pr.: Entwicklungs-
reihen innerhalb des Heterokonten-Astes der Algen.
Die an fädige Chlorophyceen anschließenden Heterokon-
ten stellen mit ihren Deszendenten denjenigen Algenast
dar, der die weitgehendsten Reduktionen aufweist.
Innerhalb der Heterokontae kommt es zu einem Verlust
des Fadenverbandes und zu einem Verharren im Cysten-
zustand oder im beweglichen Schwärmerzustand. Diese
höheren Heterokonten sind der Ausgangspunkt für
eine Anzahl von Entwicklungsreihen. Die Diatomeae
sind als Zygocysten aufzufassen; die pennaten Diato-
meen haben als Kinozygocysten eine besondere Art der
Bewegung ausgebildet. Die anderen Entwicklungs-
reihen stellen die als Flagellaten bezeichneten einzelligen
beweglichen Algen dar. Diejenigen Flagellaten sind
als primär zu betrachten, die Chromatophoren führen
und zeitweise in den palmelloiden Zustand zurück-
gehen. Die farblosen Formen mit heterotropher Er-
nährung sind dagegen abgeleitet. Derartige abge-
leitete Flagellaten bilden in den verschiedenen Unter-
ästen den Übergang zu animalischen Formen. Das
Tierreich ist danach als polyphyletisch anzusehen.
K. KONOPKA, Königsberg i. Pr.: Die Rolle des
Zellkerns bei Sekretion, Verdauung und Reizbewegung
von Drosera. Die bei experimentellem Eingriff in den
Tentakelköpfchen zu beobachtenden karyologischen
Phänomene, wie Verlagerung, Kontraktion, Amöboidie,
Membranlosigkeit, Herausbildung von Chromosomen
und Chromatinschleifen, Abbau der Nucleoli und der
bisher fälschlicherweise mit Prochromosomen bezeich-
neten kleinen ‚‚Randnucleolen‘‘ deuten auf einen deter-
minierenden Einfluß der Kerne hin, denen z.B. im
Drüsengewebe vor allem die Funktion, Fermente bzw.
Profermente zu bilden, zufallen wird. Auch bei den
Krümmungsbewegungen, die in erster Linie auf
Schwankungen der Turgescenz bzw. Permeabilitat
beruhen, ist den Kernen ein überragender Einfluß bei-
zumessen. Eigenartige Reizerscheinungen weisen auch
die Kerne der ungestielten Trichome auf, welchen offen-
bar die Bedeutung von Hydatoden zukommt. Verschie-
dene Anzeichen lassen klar erkennen, daß der Pollen
eine natürliche Nahrungsquelle für Drosera bildet. Be-
achtenswert erscheint die Tatsache, daß die Tracheiden
des Drüsenkopfes bekernt sind.
G. FLIEGEL, Königsberg i. Pr.: Die Kuhnschen
Bakteriophagen. Pu. KuHun veröffentlichte 1919
Beobachtungen, die ihn zur Annahme eines in den
Bakterien lebenden Parasiten bestimmten. Er nannte
ihn Pettenkoferia und stellte über den Entwicklungs-
zyklus des Parasiten eine Hypothese auf, nach der
mikroskopisch noch sichtbare Körnchen in
den Bakterienleib eindringen, sich vermehren und ihn
Die Pettenkoferien verlassen das ausgefres-
sene Stäbchen, um sich zu amöbenartigen Gebilden, den
A-Formen, zu entwickeln, die über Cystenbildungen zu
winzige
zerstören
dem körnchenförmigen Ausgangsstadium zurück-
führen Die Königsberger Schule MEZz-ZIEGENSPECK
übernahm diese Anschauungen und erweiterte aufGrund
eines umfangreichen Tatsachenmaterials die Kunnsche
Hypothes« M
ubtilis und my
Azotobacter und L
Koch untersuchte hauptsächlich Bac.
Vortragender Bact. coli, WILKE
BorM einen Stickstoffbindner
coides
aus
Alnus. Die Ergebnisse veranlaßten uns, in den Petten
koferien einen den Myxomyceten nahestehenden
Organismus zu erblicken Wie in Diapositiven von
Mikrophotogrammen in 30— 1300facher Vergrößerung
konnte Vortragendeı
Wirtsverlassen
werden wird Vorgänge
gezeigt
festhalten, die als mit anschließender
Abteilung: Vererbungswissenschaft.
Bildung großer Symplasmen und darauffolgende Frucht-
körper- und Dauerformbildung gedeutet werden können.
W. GAUGER, Königsberg i. Pr.: Bakterielle Vor-
gänge in Wildböden. Dünen, Heiden, Wälder und
Moore OstpreuBens wurden in verschiedenen Typen
auf Vorhandensein und Lebenstätigkeit von Boden-
bakterien Stickstoff-Schwefel- und Kohlenstoff-
kreislaufes geprüft, speziell von Azotobacter, Nitri-
fizierern und Denitrifizierern, Bac. chitinivorus, Sulfat-
reduzierern und Schwefelbakterien, Zersetzern organi-
scher stickstofffreier Substanzen und von Säurebildnern.
Die Beziehungen zwischen den betreffenden boden-
bakteriologischen Tatsachen und der Physiognomie
der ostpreußischen Wildböden wurden erörtert, die
teilweise autotrophe Ernährung mykotropher Pflanzen
und manche sukzessionsbiologischen Dinge erklärt.
Auch die Entstehung von Bodensäure ist in erster Linie
als bakterieller Vorgang anzusehen und wurde auf die
Zersetzung organischen Materials zurückgeführt.
H. ZIEGENSPECK, Königsberg i. Pr.: Die Typen
der deutschen Hochmoore. Es soll an Hand von
Standortuntersuchungen versucht werden, zu einer
Einteilung der Hochmoore zu gelangen. Neben anderen
ist ein sehr wesentlicher Faktor die Beschattung. Viele
mehr mesotrophe Sphagnen können diese im Gegensatz
zu den Lichtsphagnen nicht vertragen. Die meso-
trophen Sphagnen bedürfen mehr der natürlichen
Feuchtigkeitszufuhr von außen. Es muß daher die
Hochmoorbildung im Waldschatten zu einem Still-
stande kommen. Die Folge ist ein Reiserwald, der einen
„JIrockenhorizont‘ ergibt. Mit dem Fallen der Bäume
durch Verarmen des Bodens und infolge fehlender Ver-
jüngung kommen die Lichtsphagnen heraus. In Wech-
selwirkung mit Wollgras bilden sie Bulte, die den
Reisern des Calluna neue Besiedlungsmöglichkeit geben.
Ist die Beschattung durch diese stark, so sterben die
Sphagnen und wir erhalten das atlantische Heidemoor.
Das Ende ist ohne Trockenzeit ein Grenzhorizont. Wenn
infolge von Kahlfrösten die Reiser (Calluna) leiden, dann
fehlt diese Verheidung bzw. kann sich nur schwächlich
ausbilden, um extremen Klimaschwankungen zum
Opfer zu fallen. Wir haben das lebendige Hochmoor
ohne nennenswerte Heidebildung. Das Hochmoor ist
das subatlantische. Kommt ein Klimasturz von at-
lantischem Klima zu subatlantischem, so bildet sich
ein Grenzhorizont aus, ohne daß damit der Beweis einer
subborealen Trockenzeit geliefert wäre. Wir müssen also
vier Trockenhorizonte in Mooren unterscheiden:
1. Reiserwald, 2. Moorheide, 3. Wirkung von Brand-
kultur der Umgebung auf das Moor, 4. Trockenzeit-
horizont.
Abteilung:
des
Vererbungswissenschaft (gemeinsam mit
Abt. Botanik und Abt. Zoologie).
Montag, den 8. September, 15 Uhr: Hörsaal IX der Universitit.
A. BLUHM, Berlin-Dahlem: Über erbliche und nicht-
erbliche Beeinflussungen der Nachkommenschaft durch
vaterlichen Alkoholismus. Material: 32 300
Albino-Mäuse Alkoholisierung nur Ausgangs-
männchens mittels subcutaner Injektion von 0,2 ccm
ı5proz. Alkohol. Geprüft wurden die Lebensdauer
(Überleben bestimmter Altersstufen), das Wachstum,
die Fruchtbarkeit, Mißbildungen und Degenerationen.
fiir
Sauglingssterblichkeit.
insgesamt
des
Ausschlaggebend Beurteilung war
die den Alk. F,
deutlich, bei den Alk. F, etwas größer als bei den Kon-
trollen. In Alk. F, schlug sie in Untersterblichkeit um,
die bis zu F Trotzdem konnte
verschiedenen Ergebnis deı reziproken Kreuzungen in
on Der
die genetische
Sie war bei
3 andauerte aus dem
7 auf eine Erbschädigung geschlossen werden.
Abteilung: Vererbungswissenschaft. 1083
Umschlag, der auch in F, der Kreuzungen auftrat,
wird, da Auslese und verschiedene Wurfgröße ihn nicht
genügend erklären, auf eine Abwehrreaktion zurück-
geführt, die das geschädigte Spermium im Ei auslöst, und
bei der es im Laufe der Generationen zu einer Anreiche-
rung von Abwehrstoffen im Plasma kommt (Dauer-
modifikation). Sie ist spezifisch, nur auf Darmkatarrhe
gerichtet. Die vorgeburtliche und die Sterblichkeit
an Lebensschwäche wurde bei den Alk.-Nachkommen
bis zu F, größer; zwischen 3 und 8 Wochen, wo Darm-
katarrhe noch eine größere Rolle spielen, etwas geringer
(Abwehrreaktion), später wieder größer. Allgemeines
Wachstum und das einzelner Organe bei Alk.-Nach-
kommen etwas verzögert. Sehr viel mehr Unfruchtbare
und sehr viel geringere Fertilität; aber gleiche Fekun-
dität der Fruchtbaren. Kein Unterschied bezüglich der
Mißbildungen und leichteren Degenerationen; aber
viel mehr ausgesprochen Verkiimmerte. Nach Ab-
lehnung anderer Möglichkeiten wird als Sitz der
Schädigung das X- und Y-Chromosom des Ausgangs-
männchens neben dem Plasma angenommen.
A. MÜNTZING, Landskrona (Schweden): Chromo-
somenvermehrung in Galeopsis-Kreuzungen und ihre
phylogenetische Bedeutung. Die Galeopsis-Arten speciosa
Mill. und pubescens Bess. haben die haploide Chromo-
somenzahl 8. Die morphologisch nahestehenden Arten
Tetrahit L. und bifida Boenn. haben die doppelte
Zahl 16. Kreuzungen zwischen den diploiden und
tetraploiden Arten geben keine lebensfähigen Bastarde.
Die Kreuzung pubescens x speciosa lieferte in F, unter
anderem eine triploide Pflanze, die morphologisch
Tetrahit sehr ähnlich war. Durch Rückkreuzung mit
der einen Elternart, pubescens, wurde eine tetraploide
Pflanze, die aus den Genomen der diploiden Eltern-
arten synthetisiert war, erhalten. Diese Pflanze ist
aus der Vereinigung einer unreduzierten triploiden
weiblichen Gamete und einer haploiden männlichen
hervorgegangen. Die genetischen, zytologischen und
morphologischen Beziehungen dieser Pflanze zu den
tetraploiden Arten Tetrahit und bifida werden dis-
kutiert.
E. OEHLER, Miincheberg (Mark): Die Ausnutzung
von Species- und Gattungskreuzungen in der Weizen-
und Roggenziichtung. Es wurden die Méglichkeiten der
Kreuzungen der verschiedenen Weizenarten unter-
einander, der Weizenarten mit Roggen, sowie der Arten
der Gattung Aegilops mit solchen von Weizen und Rog-
gen besprochen und auf ihre Ausnutzung für praktische
Zwecke hingewiesen. Bei allen besprochenen Kreuzun-
gen wurde besonders auf die zur Kreuzung verwendeten
Ausgangsarten und Rassen hingewiesen, da die Ansatz-
verhältnisse je nach Rasse sehr verschieden sein können.
Die erhaltenen Bastarde wurden morphologisch genau
beschrieben und ihre Fertilitätsverhältnisse eingehend
erörtert. Die F, Pf, aus Artkreuzungen zwischen ver-
schiedenchromosomigen Eltern sowie aller Gattungs-
bastarde sind im männlichen Geschlecht völlig, im
weiblichen größtenteils steril, Rückkreuzungen mit den
Eltern haben in seltenen Fällen Erfolg. Es konnten aber
schon in großer Zahl F, und F,-Pflanzen aus Weizen-
Roggen, sowie Aegilops-Weizenkreuzungen gewonnen
und ihre morphologischen wie Fertilitätsverhältnisse
genau untersucht werden. Die cytologischen Verhält-
nisse der Getreideart wie Gattungsbastarde wurden
ebenfalls besprochen. Ein großes Demonstrations-
material, namentlich von F,—F,-Bastarden zwischen
Weizen und Roggen, sowie Aegilops x Weizen konnte
vorgezeigt werden.
P. KOENIG, Forchheim: Dauerpräparate für
Pflanzenzüchtung und Krankheitsforschung. Die erste
Anregung zur Herstellung von Dauerpräparaten für
Pflanzenzüchtung und -krankheiten gab ein alter
ungarischer Atlas mit genauer Wiedergabe der natür-
lichen Formen von Tabakblättern, mit naturgetreuen
Farben und mit Einzeichnung von Krankheitsmerk-
malen. Die Herstellungsweise war sehr teuer und um-
ständlich, Vereinfachung und Verbilligung des Verfah-
rens daher erwünscht. Herstellung von Violettbildern
durch Anfärben der Blattfläche und nachheriges Pressen
befriedigten nicht. Die ersten Einpressungen natür-
licher Blätter in Kupferdruckpapier mit einer Vulkani-
sier- und auch einer Stempelpresse bei Beheizung
stellte unser Herr REISER her. Sie brachten befriedi-
gende Ergebnisse. Schöne natürliche Blattpräparate
wurden mit einer Präparierungspresse (Golddruck-
presse) mit (durch Gas oder elektrische Kraft) heizbaren
Platten erzielt. Die natürlichen Farben der Blätter —
gleichgültig ob grün, gelb, rot oder braun — blieben
erhalten. Auch die durch Pilze, Bakterien usw. hervor-
gerufenen Verfärbungen wurden bis in die feinsten
Einzelfärbungen wiedergegeben. Ich kenne kein Ver-
fahren, das die Krankheitsbilder so naturgetreu wieder-
gibt. Die für die Züchtungskunde wichtigen Formen der
Blätter bleiben getreu erhalten, so daß diese natür-
lichen Präparate noch nach vielen Jahren in allen
Abmessungen zu Nachprüfungen verwendet werden
können und als Züchtungsurkunden von Wert sind.
Eine weitere für rote und braune Tönungen, besonders
für Tabakblätter brauchbare Bildherstellungsmethode
wurde auf Anregung unseres Herrn ScHorr dadurch
gewonnen, daß das Verfahren ‚Rapid‘, das sonst zur
Herstellung von Plänen in der Architektur dient, auf
die Wiedergabe von Blättern angewandt wird. Es ist
durch Anwendung dieses Verfahrens möglich, große
Blätter in Naturgröße in dunkelrot und natürlich braun
zum Preise von 8 und ı2 Pfg. je Bild herzustellen. Das
eine Verfahren ermöglicht also, die Formen und Farben
des natürlichen Blattes zu erhalten, das andere Ver-
fahren gibt die Form als Bild wieder. Schließlich haben
wir einen Beleuchtungsapparat gebaut, der es erlaubt,
das Nervensystem bis in die kleinsten Einzelheiten, die
auch von der empfindlichsten photographischen Platte
nicht mehr sichtbar gemacht werden, zeichnerisch auf-
zunehmen. Nervenzeichnungen, von Dr. RAVE ausge-
führt, werden vorgeführt, ebenso nach Photographien
mit Tiefenzeichnung sowie kolorierte Photographien.
Herausgeber und verantwortlicher Schriftleiter: Dr.«Sng. e. h. DR. ARNOLD BERLINER, Berlin W 9.
Verlag von Julius Springer in Berlin W 9. — Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig